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Meine und General Meifferts Verzweiflung, womit wir diese verzagten Männer noch vertrösten sollen, wächst mit jedem Tag. Selbst wenn ein triftiger Grund vorliegen sollte, für Männer, die wissen, dass sie dem Tod ins Auge blicken, ist es schwer, ganz ohne Nachricht von dem ersten Anführer ihres Lebens zu sein, an den sie wirklich geglaubt haben.

Bitte, Ann, richtet Richard aus, sobald Ihr zu ihm stoßt, wie dringend ihn all diese tapferen jungen Männer brauchen, die nun schon so lange die Hauptlast im Kampf für unsere Sache tragen und so viel durchgemacht haben. Bringt bitte in Erfahrung, wann er endlich zu uns stoßen wird – und bittet ihn, sich zu sputen. Erwarte dringend Antwort.

Im Licht des Schöpfers, Eure

Verna.

Nicci ließ die Hände mit dem Buch darin sinken; Tränen stachen ihr in den Augen. Ann nahm ihr das Reisebuch aus den zitternden Fingern. »Was soll ich Verna antworten? Was soll sie, Eurer Meinung nach, den Soldaten sagen?«, fragte Ann in ruhigem, fast sanftem Ton. Nicci blinzelte die Tränen fort. »Ihr wollt, dass ich ihn seines Verstandes beraube? Dass ich ihn verrate?«

»Nein, das wollen wir ganz und gar nicht«, beschwichtigte Zedd sie und fasste mit kräftigen Fingern ihre Schulter. »Wir wollen, dass Ihr ihm helft... ihn heilt.«

»In seinem gegenwärtigen Zustand haben wir Angst, uns ihm auch nur zu nähern. Wir befürchten, er könnte Verdacht schöpfen. Ich fürchte, zum Teil bin ich selbst schuld daran, weil ich auf seine Wahnvorstellungen so schroff reagiert habe. Der Schöpfer möge mir verzeihen, aber ich habe zeit meines Lebens die Geschicke anderer gelenkt und erwarte nun einmal Gehorsam. Alte Gewohnheiten sind bekanntlich nicht so einfach abzulegen. Und nun denkt er, ich will ihn mit allen Mitteln zwingen, sich an die Prophezeiungen zu halten. Sein Misstrauen uns gegenüber wächst ständig... bei Euch ist das ganz anders.«

»Euch würde er vertrauen«, beschwor Zedd sie. »Ihr könntet Hand an ihn legen, ohne dass er auch nur den geringsten Verdacht schöpft.«

Nicci starrte fassungslos. »Hand an ihn legen ...«

Zedd nickte. »Ihr würdet die Kontrolle über ihn erlangen, ehe er überhaupt merkt, wie ihm geschieht. Er wird nicht das Geringste spüren. Und wenn er wieder aufwacht, wird die Erinnerung an Kahlan erloschen sein, und er wird wieder der Richard sein, wie wir ihn kennen.«

Außerstande, ihrer Stimme zu vertrauen, biss sich Nicci auf die Unterlippe. Zedd standen die Tränen in seinen haselnussbraunen Augen. »Ich liebe meinen Enkelsohn von ganzem Herzen und würde alles für ihn tun. Ich würde es ja selbst machen, wenn ich dafür nur halbwegs so befähigt wäre wie Ihr. Ich will nichts weiter, als dass er wieder gesund wird, wir alle wollen das.«

Er drückte abermals ihre Schulter. »Wenn Ihr ihn wirklich liebt, Nicci, dann tut es, bitte. Bitte tut, was nur Ihr allein tun könnt, und heilt ihn noch ein einziges Mal.«

56

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl«, murmelte Kahlan nun schon zum wer-weiß-wievielten Mal.

»In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Vom langen Knien auf dem harten Boden, die Stirn auf die Fliesen gepresst, während sie wieder und wieder den Text der Andacht sprach, taten ihr die Schultern weh, und doch machte es ihr trotz ihrer quälenden Müdigkeit kaum etwas aus.

»Führe uns, Meister Rahl«, begann Kahlan erneut im Einklang mit dem Chor aus Stimmen, die leise durch die marmornen Flure hallten.

»Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Tatsächlich fand sie es eher angenehm, wieder und wieder die immer gleichen Worte zu wiederholen. Es füllte ihren Geist aus und half ihr, das entsetzliche Gefühl völliger Leere zu betäuben. Die Worte gaben ihr das Gefühl, nicht vollkommen allein zu sein.

Nicht so verloren.

»Führe uns, Meister Rahl. Lehre uns, Meister Rahl. Beschütze uns, Meister Rahl. In deinem Licht werden wir gedeihen. Deine Gnade gebe uns Schutz. Deine Weisheit beschämt uns. Wir leben nur, um zu dienen. Unser Leben gehört dir.«

Einige der Gedanken brachten eine Saite in ihr zum Klingen, denn sie enthielten eine für sie durchaus tröstliche Vorstellung: ein erfülltes, erfolgreiches Leben in Sicherheit und Geborgenheit, beherrscht von Wissen und Weisheit. Es war ein Bild, das ihr gefiel, ein Bild voller Ideen, die ihr wie ein unfassbarer Traum erschienen. Eigentlich hatten ihre Begleiterinnen es eilig gehabt, doch als sie Soldaten in ihre Richtung blicken sahen, hatten sie entschieden, dass es klüger wäre, sich der breiten Masse anzuschließen, die sich auf dem zum bedeckten Himmel hin offenen Platz einzufinden begann. Unter dem bedeckten Himmel hatten sie eine Fläche weißen Sandes vorgefunden, der rings um einen dunklen, mit Narben übersäten Stein in konzentrischen Kreisen geharkt war. Und auf diesem Stein, in einem robusten Gestell, war eine Glocke angebracht, jene Glocke, deren Läuten die Menschen aufgefordert hatte, sich zu versammeln.

Die Öffnung im Deckengewölbe des Platzes wurde auf allen vier Seiten von Pfeilern gestützt. Auf dem gefliesten Boden zwischen diesen Pfeilern lagen die Menschen rings um Kahlan vornübergebeugt auf den Knien, berührten mit der Stirn die Fliesen und intonierten in einer Art harmonischem Sprechgesang die an den Lord Rahl gerichtete Andacht.

Unmittelbar vor dem Ende der nächsten Wiederholung erklang die Glocke auf dem dunklen, narbenübersäten Stein zweimal, und mit den abschließenden Worten »Unser Leben gehört dir«, verstummten die Stimmen rings um Kahlan.

In der plötzlichen Stille erhoben sich die Menschen bis auf die Knie, wobei sich viele erst einmal gähnend räkelten, ehe sie vollends aufstanden. Die Gespräche setzten wieder ein, die Menschen begannen sich zu entfernen und kehrten wieder in ihre Geschäfte zurück oder zu dem, was immer sie getan hatten, bevor die Glocke sie zur Andacht rief.

Als ihre Begleiterinnen winkten, gehorchte Kahlan sofort und begann, den Flur entlangzugehen, der von dem offenen Platz fortführte. Nachdem sie mehrere Statuen sowie eine Kreuzung passiert hatten, schwenkten sie zur Seite des breiten Flurs hinüber. Die drei anderen Frauen blieben stehen. Kahlan wartete schweigend und beobachtete die vorübergehenden Passanten.

Nach dem langen Aufstieg über nicht enden wollende Treppen, dem endlosen Weg durch ellenlange Flure, gefolgt von weiteren Treppenstufen, und das alles gleich im Anschluss an die Reise, die sie überhaupt erst hierher geführt hatte, war Kahlan so erschöpft, dass sie fast im Stehen einschlief. Sie hätte sich liebend gern hingesetzt, war aber klug genug, nicht darum zu bitten. Die Schwestern kümmerte ihre Erschöpfung nicht, schlimmer noch, sie konnte deutlich ihre Angespanntheit und Gereiztheit spüren, insbesondere nach der unerwarteten, durch den Sprechgesang verursachten Verzögerung. Bestimmt würden sie der Bitte, sich hinsetzen zu dürfen, nicht mit Verständnis oder gar Freundlichkeit begegnen. In ihrer derzeitigen Laune hätten sie, das wusste Kahlan, nicht die geringsten Bedenken, sie schon wegen einer solch harmlosen Anfrage zu schlagen. Vermutlich würden sie es nicht gleich hier besorgen, nicht in Gegenwart der vielen Passanten, dafür aber gewiss später. Deshalb stand sie schweigend da, versuchte, sich unsichtbar zu machen und nicht ihren Zorn zu erregen.

Das Knien eben würde ihr als Rast genügen müssen. Mehr würde man ihr gewiss nicht zugestehen. Soldaten in schmucken Uniformen, ein Sammelsurium blank polierter Waffen griffbereit am Körper, patrouillierten in den Fluren und hatten dabei auf jeden ein wachsames Auge. Wann immer diese Wachen sie passierten, sei es zu zweit oder in einer größeren Gruppe, nahmen sie sorgfältig Notiz von den drei bei Kahlan stehenden Frauen. Die drei Schwestern taten dann jedes Mal, als bestaunten sie irgendwelche Statuen oder die kunstvollen, ländliche Szenen darstellenden Wandbehänge. Einmal drängten sie sich, um der Aufmerksamkeit der passierenden Wachen zu entgehen, sogar zu einer kleinen Gruppe zusammen und zeigten, die Soldaten scheinbar nicht beachtend, mit dem Finger auf die pompöse Statue einer Frau, die, eine Weizengarbe in der Hand, auf einen Speer gestützt stand. Dabei tuschelten sie mit lächelnden Mienen leise untereinander, als vergnügten sie sich bei einer freundlichen Plauderei über die künstlerischen Vorzüge des Werkes, bis die Soldaten weitergegangen waren.