»Würdet ihr zwei euch jetzt endlich auf diese Bank dort setzen«, knurrte Schwester Ulicia. »Ihr benehmt euch wie Katzen, die von einem Rudel Hunde beschnuppert werden.«
Schwester Tovi und Schwester Cecilia, beide schon etwas betagt, blickten sich kurz um, ehe sie die Bank entdeckten, die ein paar Schritte hinter ihnen vor der weißen Marmorwand stand. Sie strichen ihre Kleider glatt und ließen sich nebeneinander darauf nieder. Vor allem Tovi mit ihrem schweren Körper machte einen erschöpften Eindruck. Vom Knien mit der Stirn auf den Fliesen war ihr faltiges Gesicht rot angelaufen, während die stets auf ihr Äußeres bedachte Cecilia die sich ihr durch das Platznehmen auf der Bank bietende Gelegenheit nutzte, überflüssigerweise ihr ergrautes Haar zu richten.
Erleichtert angesichts der Gelegenheit, sich hinsetzen zu können, steuerte auch Kahlan auf die Bank zu. »Du nicht«, fuhr Schwester Ulicia sie an. »Kein Mensch wird Notiz von dir nehmen. Stell dich einfach neben sie, damit ich dich besser im Auge behalten kann.« Sie hob bedrohlich eine Braue, um ihrer Warnung Nachdruck zu verleihen.
»Ja, Schwester Ulicia«, beeilte sich Kahlan zu erwidern.
Schwester Ulicia erwartete stets eine Antwort, wenn sie mit jemandem sprach, eine Lektion, die Kahlan erst schmerzhaft hatte lernen müssen. Sie hätte gewiss schneller geantwortet, wenn sie nach dem Hinweis, dass das Angebot, sich hinzusetzen, für sie nicht galt, nicht aufgehört hätte, richtig zuzuhören. Sie ermahnte sich, trotz ihrer Müdigkeit aufmerksamer hinzuhören, denn sonst würde sie sich erst einmal eine Ohrfeige und irgendwann später womöglich Schlimmeres einhandeln.
Aber Schwester Ulicia ließ sie nicht aus den Augen und erlaubte ihr auch nicht fortzusehen, sondern schob ihr die Spitze ihres robusten Eichenstabes unters Kinn und zwang sie, den Kopf zu heben.
»Der Tag ist noch nicht um; du musst noch immer deine Schuldigkeit tun. Und denk nicht einmal im Traum daran, mich irgendwie zu hintergehen. Hast du verstanden?«
»Ja, Schwester Ulicia.«
»Gut. Wir sind nämlich alle genauso müde wie du.«
Kahlan wollte schon einwenden, dass sie vielleicht müde sein mochten, aber immerhin doch geritten seien, während sie selbst stets zu Fuß mit den Pferden hatte Schritt halten müssen. Mitunter hatte sie sogar in Trab fallen oder laufen müssen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Schwester Ulicia war stets alles andere als erfreut gewesen, wenn sie ihr Pferd kehrtmachen lassen und umkehren musste, um ihre hinterher hängende Sklavin wieder aufzulesen.
Staunend blickte sich Kahlan nach all den im Korridor ausgestellten wundersamen Dingen um, bis ihre Neugier schließlich über ihre Vorsicht siegte und sie fragte: »Schwester Ulicia, was ist dies für ein Ort?«
Mit ihrem Eichenstab gegen ihre Hüfte klopfend, erfasste die Schwester mit einem kurzen Rundblick ihre Umgebung. »Der Palast des Volkes. Ein wahrhaft prachtvoller Ort. Dies ist das Zuhause des Lord Rahl.«
Sie wartete, offenbar, um abzuwarten, ob Kahlan etwas erwidern würde, doch Kahlan wusste nichts zu sagen. »Lord Rahl?«
»Du weißt schon, der Mann, zu dem wir eben gebetet haben. Richard Rahl, um genau zu sein. Er ist der derzeitige Lord Rahl.« Schwester Ulicias Blick verengte sich. »Hast du jemals von ihm gehört, Schätzchen?«
Kahlan überlegte angestrengt. Lord Rahl, Lord Richard Rahl. Ihr Geist schien leer. Nur zu gern hätte sie bestimmte Dinge gedacht, hätte sie sich erinnert, aber es wollte ihr nicht gelingen. Vermutlich gab es einfach nichts, an das sie sich hätte erinnern können.
»Nein, Schwester. Ich glaube nicht, dass ich jemals von diesem Lord Rahl gehört habe.«
»Nun«, erwiderte diese mit dem durchtriebenen Lächeln, das sie bisweilen an den Tag legte, »das hätte mich auch sehr gewundert. Wer bist du schließlich, ein Niemand. Ein Nichts, eine Sklavin.«
Kahlan unterdrückte den Drang, ihr zu widersprechen. Wie hätte sie das auch anstellen sollen? Was hätte sie dagegenhalten sollen?
Schwester Ulicias Grinsen wurde breiter. Es schien, als könnten ihre Augen bis auf den Grund ihrer Seele blicken. »Ist es vielleicht nicht so, Schätzchen? Du bist eine wertlose Sklavin, die sich glücklich schätzen kann, die milde Gabe einer Mahlzeit zu erhalten.«
Kahlan wollte etwas einwenden, wollte sagen, dass sie mehr war als das, dass ihr Leben wertvoll war und wert, gelebt zu werden, aber sie wusste, diese Dinge waren nur ein Traum. Sie war bis auf die Knochen müde. Und jetzt war ihr auch noch das Herz schwer.
»Ja, Schwester Ulicia.«
Sobald sie über sich selbst nachzudenken versuchte, war da nichts außer einem leeren Nichts. Ihr Leben schien so trist, so öde. Sie fand, es sollte nicht so sein, und doch war es so. Als Schwester Ulicia bemerkte, dass Kahlans Blick auf die zurückkehrende Schwester Arminia fiel, eine reife Frau von offenem Wesen, wandte sie sich herum. Soeben bahnte sich Arminia unter dem Geraschel ihres dunkelblauen Kleides immer wieder ausweichend mit eiligen Schritten einen Weg zwischen den einherschlendernden, in Unterhaltungen vertieften und nicht weiter auf ihren Weg achtenden Passanten hindurch und durchquerte den breiten Flur.
»Und?«, erkundigte sich Schwester Ulicia, als Schwester Arminia bei ihnen anlangte. »Ich wurde aufgehalten, von einer Menschenmenge, die eine Andacht an unseren Lord Rahl intonierte.«
Schwester Ulicia seufzte. »Uns ist es genauso ergangen. Was hast du herausgefunden?«
»Es ist die richtige Stelle – gleich hinter mir, an der nächsten Kreuzung rechts und dann durch den Flur. Aber wir müssen unter allen Umständen vorsichtig sein.«
»Warum?«, wollte Schwester Ulicia wissen, als die Schwestern Tovi und Cecilia herbeieilten, um mitzuhören. Die vier Schwestern steckten die Köpfe zusammen.
»Die Tür befindet sich gleich dort, an der Seite des Flurs. Völlig unmöglich, ungesehen dort hineinzugelangen. Es ist ziemlich offensichtlich, dass niemand auch nur auf den Gedanken kommen soll, den Raum zu betreten.«
Schwester Ulicia warf einen Blick rechts und links in den Flur, um sich zu vergewissern, dass niemand sie beachtete. »Was soll das heißen, es ist ziemlich offensichtlich?«
»Die Gestaltung der Türen zielt eindeutig darauf ab, Unbefugte abzuschrecken. Sie sind über und über mit Schlangen bedeckt.«
Erschrocken wich Kahlan einen Schritt zurück. Schlangen waren ihr verhasst. Schwester Ulicia, die Lippen aufeinander gepresst, klopfte mit ihrem Stab gegen ihr Bein. Schäumend vor Wut, wandte sie sich mit säuerlicher Miene schließlich herum zu Kahlan. »Weißt du noch, was du zu tun hast?«
»Ja, Schwester«, antwortete Kahlan augenblicklich.
Sie wollte es endlich hinter sich bringen. Je eher die Schwestern glücklich und zufrieden waren, desto besser. Außerdem war die Stunde bereits vorgerückt. Der lange Aufstieg im Innern des Felsplateaus und der anschließende Sprechgesang hatten mehr Zeit in Anspruch genommen, als ursprünglich vorgesehen. Die Schwestern waren davon ausgegangen, um diese Zeit längst fertig und wieder auf dem Rückweg zu sein. Insgeheim hoffte Kahlan, sie könnte, sobald sie ihre Arbeit erledigt hätte, ein Lager aufschlagen und ein wenig schlafen. Man erlaubte ihr nie, genügend Schlaf zu bekommen. Zwar war das Errichten eines Lagers für sie mit zusätzlicher Arbeit verbunden, aber zumindest konnte sie sich darauf freuen, ein wenig zu schlummern sofern sie sich nicht den Unmut der Schwester zuzog und sich eine Tracht Prügel einhandelte. »Na schön, das ändert praktisch nichts. Wir werden uns lediglich etwas mehr im Hintergrund halten müssen, das ist alles.« Schwester Ulicia kratzte sich an der Wange und benutzte dies als Vorwand, sich ausgiebig umzusehen und nach Wachen Ausschau zu halten, ehe sie erneut den Kopf vorstreckte. »Cecilia, du bleibst hier und behältst dieses Ende des Flurs nach Anzeichen drohender Gefahr im Blick. Arminia, du gehst zurück bis hinter die Einmündung und hältst dort auf der anderen Seite die Augen offen. Und zwar jetzt gleich, damit es für einen zufälligen Beobachter nicht so aussieht, als gehörten wir zusammen, wenn wir uns der Tür nähern.«