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Schwester Arminia ließ ein verschlagenes Grinsen aufblitzen.

»Ich werde über den Flur schlendern und wie eine von ehrfürchtiger Scheu ergriffene Besucherin aussehen, bis sie wieder zurück ist.«

Ohne ein weiteres Wort zog sie los.

»Tovi«, fuhr Schwester Ulicia fort, »du wirst mich begleiten. Wir werden als zwei Freundinnen auftreten, die auf Besuch schwatzend durch den prunkvollen Palast des Lord Rahl schlendern. Unterdessen wird sich Kahlan hier ihrer Aufgabe annehmen.«

Sie packte Kahlans Oberarm und wirbelte sie zu sich herum. »Komm mit.«

Mit einem derben Schubs wurde Kahlan vor ihnen hergestoßen und, noch während sie ihr Bündel auf den Rücken schwang, den Flur entlang gescheucht. Die beiden Schwestern folgten ihr. Als sie sich der Einmündung näherten, wo sie rechts abbiegen mussten, kamen zwei Soldaten um die Ecke und hielten genau auf sie zu. Schwester Tovi sahen sie kaum an, Schwester Ulicias Lächeln dagegen veranlasste sie zurückzulächeln. Wenn sie wollte, konnte sie auf ganz unschuldige Weise bezaubernd wirken, zudem war sie attraktiv genug, um die Blicke der Männer auf sich zu ziehen.

Auf Kahlan achtete niemand.

»Hier«, zischte Schwester Ulicia. »Bleib hier stehen.«

Kahlan hielt an und starrte zu den beiden massiven Mahagonitüren auf der anderen Seite des Flurs hinüber, von wo aus ihr die in die Tür geschnitzten Schlangen entgegenblickten, deren hintere Enden sich um zwei in den oberen Türrand geschnitzte Äste wanden, von denen ihre Körper herabhingen, sodass ihre Köpfe sich etwa in Augenhöhe befanden. Aus ihren klaffenden Kiefern ragten spitze Fangzähne hervor, so als wären sie bereit, jeden Moment zu attackieren. Warum jemand eine Tür ausgerechnet mit Schnitzereien von solch abscheulichen Geschöpfen schmückte, überstieg Kahlans Begriffsvermögen. Alles andere in diesem Palast war von ausgesuchter Schönheit, nur diese beiden Türen nicht.

Schwester Ulicia schob sich ganz dicht neben sie. »Hast du dir deine Anweisungen genau gemerkt?«

Kahlan nickte. »Ja, Schwester.«

»Falls du noch Fragen hast, dies ist der Augenblick, sie zu stellen.«

»Nein, Schwester. Ich erinnere mich an alles, was Ihr mir aufgetragen habt.«

Manchmal fragte sich Kahlan, wie es kam, dass sie sich an bestimmte Dinge genau erinnerte, während andere wie von einem dichten Nebel verhüllt schienen.

»Und trödle nicht rum«, sagte Tovi.

»Nein, Schwester Tovi. Werde ich nicht.«

»Das, was du für uns holen sollst, benötigen wir dringend, aber vor allem kommt es darauf an, dass du dich nicht zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen lässt.« In Tovis Augen blitzte Bosheit auf. »Hast du das verstanden, Mädchen?«

Kahlan schluckte. »Ja, Schwester Tovi.«

»Wäre auch besser für dich«, setzte Tovi hinzu. »Wenn nicht, wirst du mir Rede und Antwort stehen, und das wird dir nicht gefallen, glaub mir.«

»Verstehe, Schwester Tovi.«

Sie wusste, wie todernst es ihr damit war. Für gewöhnlich war sie von vergleichsweise ruhigem Gemüt, aber wenn man sie provozierte, konnte sie im Nu bösartig werden, schlimmer noch, hatte sie erst einmal angefangen, genoss sie es, sich an den hilflosen Qualen anderer zu weiden. »Dann also los«, drängte Schwester Ulicia. »Und denk daran, du darfst mit niemandem sprechen. Sollte dich einer der Soldaten dort vorne ansprechen, beachte ihn ganz einfach nicht. Sie werden dich nicht weiter behelligen.«

Der Blick in Schwester Ulicias Augen ließ Kahlan stutzen. Sie nickte kurz, dann entfernte sie sich mit zügigen Schritten den Flur entlang. Ihre Erschöpfung war vergessen, und sie wusste, was sie zu tun hatte, vor allem wusste sie, dass sie sich andernfalls großen Ärger einhandeln würde. An der Tür angelangt, packte sie einen Knauf, der einem grinsenden Totenschädel nachempfunden, allerdings aus Bronze war, und musste ihre ganze Kraft aufbieten, um die schwere Tür aufzuziehen. Dabei vermied sie es ganz bewusst, die Schlangen anzusehen.

Drinnen blieb sie kurz stehen, um ihren Augen Gelegenheit zu geben, sich an das trübe Licht der Lampen zu gewöhnen. Die dicken, m Gold- und Blautönen gehaltenen Teppiche dämpften jedes Geräusch im Raum und verhinderten das Entstehen eines Echos, wie es m den meisten Fluren vorkam. Der persönliche Raum, ganz im gleichen Mahagoni getäfelt, aus dem auch die Türen bestanden, erschien ihr in dem ansonsten so geräuschvollen Palast wie eine stille Zuflucht.

Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, wurde ihr bewusst, dass sie endlich vollkommen von der Gesellschaft der vier Schwestern befreit war. Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann dies zuletzt der Fall gewesen war, eine der Schwestern schien immer ein Auge auf sie zu haben, auf ihre Sklavin. Dabei wusste sie gar nicht, warum sie sie unter so strenger Bewachung hielten, sie hatte nie einen Fluchtversuch unternommen. Mehrfach hatte sie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, aber der war nie so weit gediehen, dass sie es tatsächlich versucht hätte.

Andererseits erzeugte der bloße Gedanke, den Schwestern fortzulaufen, einen derart entsetzlichen Schmerz, dass sie das Gefühl hatte, das Blut sickere ihr aus den Ohren und ihre Augen müssten jeden Moment zerplatzen. Sobald sie daran dachte, die Schwestern zu verlassen – während der Schmerz sie dann mit seiner ungeheuren Heftigkeit fast zu erdrücken drohte –, war es ihr unmöglich, den Gedanken wieder schnell genug aus ihrem Kopf zu verbannen, und selbst wenn es ihr gelang, klang er noch eine Weile nach. Nach einem solchen Zwischenfall war ihr normalerweise vom Magen her so übel, dass es Stunden dauerte, bis sie wieder aufrecht stehen oder gar laufen konnte.

Zudem wussten die Schwestern jedes Mal Bescheid, wenn es passiert war, vermutlich, weil sie sie als erbärmliches, am Boden zusammengebrochenes Häuflein Elend vorfanden. Und wenn die Schmerzen in ihrem Kopf dann endlich abgeklungen waren, wurde sie geschlagen. Am schlimmsten führte sich dabei Schwester Ulicia auf, denn sie benutzte den robusten Stab, den sie stets bei sich trug; und der hinterließ nur sehr langsam verheilende Schwielen. Einige waren noch immer nicht wieder verheilt. Diesmal jedoch hatten sie Kahlan den Befehl gegeben, sie zu verlassen und das Zimmer allein zu betreten, hatten ihr erklärt, solange sie sich an ihre Anweisungen halte, werde der Schmerz nicht ausgelöst. Das Gefühl, diese vier schrecklichen Frauen endlich los zu sein, hatte eine so beflügelnde Wirkung auf Kahlan, dass sie vor Freude beinahe in Tränen ausgebrochen wäre.

Doch dann warteten im Innern des Raumes bereits vier hoch gewachsene Wachen, um an die Stelle der vier Schwestern zu treten. Unschlüssig, wie sie weiter vorgehen sollte, blieb sie zögernd stehen. Schlangen zu beiden Seiten der mit Schlangenschnitzereien verzierten Tür, Schlangen überall – sie schien einfach nirgendwo zur Ruhe kommen zu können.

Einen Moment lang verharrte Kahlan wie erstarrt auf der Stelle. Sie hatte Angst, einfach an den Wachen vorbeizugehen, hatte Angst, was sie ihr antun könnten, jetzt, da sie sich an einem Ort aufhielt, an dem sie ganz offenkundig nichts zu suchen hatte.

Die Soldaten starrten auf höchst merkwürdige Weise in ihre Richtung. Kahlan nahm all ihren Mut zusammen, strich sich eine Strähne ihres langen Haars hinters Ohr und steuerte auf das Treppenhaus zu, das sie auf der gegenüberliegenden Zimmerseite erblickte. Zwei der Wachen traten auf sie zu, um ihr den Weg zu verstellen. »Was glaubst du eigentlich, wo du hinwillst?«