Dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie hergekommen war, und sie schalt sich, mit ihren Gedanken bei der Sache zu bleiben, bei dem, was man ihr aufgetragen hatte. Sie lief einen der durch eine weite Fläche von Blumenbeeten führenden Pfade entlang, wo der Boden mit abgefallenen roten und gelben Blütenblättern übersät war, und sofort kam ihr der Gedanke, ob dieser Richard Rahl hier womöglich Blumen für seine Geliebte pflückte. Ihr gefiel der Klang seines Namens; darin schwang etwas Ermutigendes mit. Sie überlegte, wie er wohl sein mochte, und ob er selbst genauso angenehm war wie der Klang seines Namens in ihren Ohren. Während sie den Pfad entlanglief, blickte sie zu den kleinen Bäumen hinauf, die rings um sie her wuchsen. Sie mochte Bäume sehr, sie erinnerten sie an ... an irgendetwas. Vor lauter Frust entfuhr ihr ein wütendes Knurren; sie konnte es nicht ausstehen, wenn es ihr nicht gelang, sich an Dinge zu erinnern, von denen sie sicher wusste, dass sie wichtig waren. Und selbst wenn nicht, sie hasste es, ständig irgendetwas zu vergessen. Es war, als vergäße man Teile der Erinnerung an die eigene Herkunft.
Sie lief an Sträuchern und rankenüberwucherten Steinmauern vorbei, bis sie eine grasbewachsene Fläche erreichte, die sich laut Schwester Ulicias Beschreibung genau in der Mitte des Gartens befand. Gegenüber war die kreisrunde Grasfläche von einem keilförmigen Gesteinsblock unterbrochen, auf dem eine granitene Platte lag, die stark an einen Tisch erinnerte.
Und auf dieser Granitplatte sollten ebenjene Gegenstände stehen, die zu holen man Kahlan hierhin geschickt hatte. Als ihr Blick unvermittelt auf sie fiel, verließ sie schlagartig aller Mut. Die drei Gegenstände waren schwarz wie der Tod höchstselbst, sie schienen dem Raum, den Oberlichtern, ja sogar dem Himmel alles Licht zu entziehen und in sich aufzusaugen.
Mit ängstlich pochendem Herzen überquerte Kahlan die Grasfläche und lief zu dem granitenen Tisch hinüber. Die Nähe dieser düster aussehenden Gegenstände machte sie nervös. Sie ließ die Trageriemen von den Schultern gleiten und stellte ihr Bündel neben den drei Kästchen ab, deretwegen man sie hergeschickt hatte, doch wegen des darunter geschnallten Bettzeugs wollte es nicht aufrecht stehen bleiben, sodass sie es ein wenig zur Seite kippen lassen musste. Einen Moment lang legte sie ihre Hand auf das Bettzeug und ertastete die fließenden Konturen dessen, was darin eingewickelt war ihr wertvollster Besitz. Dann fiel ihr ein, dass sie sich besser wieder ihrer eigentlichen Aufgabe widmete, und schlagartig wurde ihr klar, dass sie ein Problem bekommen würde. Die Kästchen waren um einiges größer, als sie nach Schwester Ulicias Beschreibung hätten sein dürfen. Jedes einzelne von ihnen war fast so groß wie ein Laib Brot. Damit stand fest, dass auf keinen Fall alle drei in ihr Bündel passen würden.
Doch genau das waren ihre ausdrücklichen Instruktionen gewesen. Die Wünsche der Schwestern standen im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Kästchen nicht in ihr Bündel passten, und es gab keine Möglichkeit, diesen Widerspruch aufzulösen.
Die Erinnerung an frühere Bestrafungen schoss ihr durch den Kopf und ließ ihr kalten Schweiß auf die Stirn treten. Als die Bilder dieser Folterqualen zurückkehrten, musste sie sich den Schweiß aus den Augen wischen. Ausgerechnet jetzt musste sie sich daran erinnern, fluchte sie leise. Zu guter Letzt entschied sie, dass sie keine andere Wahl hatte: Sie würde es eben ausprobieren müssen. Gleichzeitig bereitete ihr die Vorstellung bohrendes Unbehagen, etwas aus dem Garten des Lord Rahl zu entwenden. Sie waren schließlich nicht das Eigentum der Schwestern, und Lord Rahl hätte wohl kaum so viele Wachen rings um den Garten postiert, wenn ihm die Kästchen nichts bedeuten würden. Sie war keine Diebin, aber war es die Art der Bestrafung wert, die sie im Falle einer Weigerung ereilen würde? War ihr Blut den Schatz des Lord Rahl wert? Gehörte er zu der Sorte Männer, die wollen würde, dass sie diesen Diebstahl verweigerte – und als Folge davon die Foltern der Schwestern über sich ergehen lassen musste? Warum, wusste sie nicht, vielleicht tat sie es nur, um ihre Zweifel auszuräumen, aber sie redete sich ein, dass Lord Rahl ihr eher raten würde, die Kästchen mitzunehmen, statt ihr Leben aufzuopfern.
Sie schlug die Lasche ihres Bündels zurück und versuchte, den Inhalt fester zusammenzupressen, doch da war kaum noch Luft. Er war bereits so fest gepackt, wie es nur irgend ging. Getrieben von der wachsenden Sorge, sie könnte sich zu lange Zeit lassen, zerrte sie, auf der Suche nach etwas, in das sie das erste schwarze Kästchen wickeln konnte, an den Kleidungsstücken, und plötzlich kam ein Zipfel ihres glänzend weißen Kleides zum Vorschein.
Kahlan starrte auf den seidigen, fast weißen Stoff in ihren Fingern. Es war das schönste Kleid, das sie je gesehen hatte, aber wieso befand es sich in ihrem Besitz? Sie war ein Niemand, eine Sklavin. Was sollte eine Sklavin mit einem so schönen Kleid anfangen? Wieder einmal gelang es ihr nicht, ihren Verstand so weit zum Arbeiten zu bewegen, dass er diese Frage klären konnte.
Ihre Gedanken wollten sich einfach nicht zu einer schlüssigen Antwort fügen. Sie griff sich eines der Kästchen, wickelte es in das Kleid und stopfte das Ganze in ihr Bündel, dann stützte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht auf das Kästchen und versuchte, es tiefer hineinzupressen, ehe sie die Lasche schloss, um zu prüfen, ob es passte. Die Lasche bedeckte kaum die Oberseite des Kästchens, dabei hatte sie erst eines von ihnen verstaut. Es war völlig undenkbar, dass sich die anderen auch noch in ihrem Bündel verstauen ließen.
Schwester Ulicia hatte ausdrücklich darauf bestanden, die Kästchen in ihrem Bündel zu verstecken, da die Soldaten sie sonst bemerken würden. Gewiss, Kahlan selbst würden sie sofort wieder vergessen, aber die Kästchen, die sie aus dem geschlossenen Garten herauszuschaffen versuchte, würden sie wieder erkennen und augenblicklich Alarm schlagen. Kahlan war unmissverständlich klar gemacht worden, dass sie die Kästchen unbedingt verstecken musste, und doch war auf den ersten Blick zu erkennen, dass sie unmöglich alle hineinpassen würden.
Nur wenige Nächte zuvor, am Lagerfeuer, hatte Schwester Ulicia ihr Gesicht ganz dicht an Kahlans herangeschoben und ihr mit leiser Stimme und in aller Ausführlichkeit erklärt, was sie mit ihr machen würde, wenn sie sich nicht peinlich genau an ihre Anweisungen hielt. Die Erinnerung an Schwester Ulicias Schilderungen in jener schrecklichen Nacht ließen sie am ganzen Körper erzittern; dann dachte sie an Schwester Tovi, und das Zittern wurde heftiger. Was sollte sie nur tun?
57
Kaum hatte Kahlan einen der Türflügel mit den geschnitzten Schlangen an der Außenseite aufgestoßen, da wurde sie auch schon von den Schwestern Ulicia und Tovi erspäht, die ihr mit verstohlenen Gesten bedeuteten, zu der Stelle herüberzukommen, wo sie, ein Stück weiter den Flur entlang, auf sie warteten. Offenbar wollten die beiden unter keinen Umständen in der Nähe der mit dem Totenschädel und den Schlangen verzierten Tür gesehen werden.
Den Blick auf das Marmormuster gerichtet, um Schwester Ulicia nicht in die Augen sehen zu müssen, durchquerte sie den Korridor.
Als sie ein Stück den Flur entlanggegangen und nahe genug war, packte Schwester Ulicia sie an der Schulter ihres Hemdes und zerrte sie zu einer Mauernische in der gegenüberliegenden Wand hinüber, wo sie sogleich von den beiden Schwestern in die Mangel genommen wurde.
»Hat dich jemand aufzuhalten versucht?«, wollte Schwester Tovi wissen. Kahlan schüttelte den Kopf.
Schwester Ulicia stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Gut. Dann lass sie mal sehen.«
Kahlan nahm ihr Bündel von der Schulter und zog es weit genug nach vorn, dass die Schwestern die Lasche öffnen konnten. Die beiden machten sich etwas unbeholfen an dem Riemen zu schaffen, mit dem diese festgezurrt war, aber schließlich bekamen sie ihn auf und schlugen die Lasche zurück. Die beiden Schwestern stand dicht nebeneinander, Schulter an Schulter, sodass niemand im Flur sehen konnte, was sie taten, niemand jenen unseligen Gegenstand erkennen konnte, den sie im Begriff waren, ans Tageslicht zu fördern. Behutsam entfernte Schwester Ulicia den glänzenden weißen Kleiderstoff, der noch immer halb im Bündel steckte, um einen Blick auf das darin eingehüllte tiefschwarze Kästchen zu werfen.