Die beiden standen in stummer Ehrfurcht da und starrten.
Mit vor Aufregung zitternden Fingern schob Schwester Ulicia ihren Arm erneut hinein und begann ungeschickt darin herumzuwühlen.
»Wo sind die beiden anderen?«
Kahlan schluckte. »Ich konnte nur eines im Bündel unterbringen, die beiden anderen haben nicht mehr hineingepasst. Ich weiß, Ihr habt gesagt, ich müsste sie unbedingt dort drin verstecken, aber dafür waren sie zu groß. Ich werde ...«
Weiter kam sie nicht. Ehe sie erklären konnte, dass sie beabsichtige, zwei weitere Male loszuziehen, um die beiden anderen Kästchen zu beschaffen, schlug Schwester Ulicia mit ihrem Eichenstab so wuchtig zu, dass die Bewegung ein Sirren in der Luft erzeugte.
Kahlan vernahm ein ohrenbetäubendes Krachen, als er mit voller Wucht seitlich gegen ihren Kopf prallte. Die Welt ringsum schien in vollkommener Stille und Dunkelheit zu versinken. Nach einer Weile merkte Kahlan, dass sie zusammengebrochen war und auf ihren Knien am Boden kauerte. Sie hielt sich eine Hand über das linke Ohr und stöhnte unter lähmenden Schmerzen. Dann sah sie das überall auf den Boden gespritzte Blut; sie zog ihre Hand zurück und meinte plötzlich, sie in einem warmen, blutdurchtränkten Handschuh stecken zu sehen. Sie konnte nur darauf starren, währenddessen ging ihr Atem in kurzen kleinen Stößen. Die Schmerzen waren so ungeheuerlich, dass ihre Stimme ihr den Dienst versagte. Sie war nicht einmal fähig, einen gequälten Schrei auszustoßen. Ihr war, als blicke sie durch einen langen, verschwommenen schwarzen Tunnel, und ein Gefühl von Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Unvermittelt packte Schwester Ulicia ihr Hemd und riss sie wieder auf die Beine, nur um sie gleich darauf gegen die Wand zu schleudern. Kahlans Kopf prallte gegen den Stein, aber verglichen mit dem Schmerz, der von der Seite ihres Kopfes bis zu Unterkiefer und Ohr ausstrahlte, schien das nicht weiter von Belang. »Du dämliches Miststück!«, fluchte Schwester Ulicia, während sie Kahlan zurückriss und ein weiteres Mal gegen die Wand schleuderte. »Du dummes, unfähiges, nichtsnutziges Stück Dreck!«
Tovi schien sich ebenfalls tatkräftig über sie hermachen zu wollen. Sie sah eine Hälfte von Schwester Ulicias zerbrochenem Eichenstab ein Stück den Flur entlang an der Wand liegen. Kahlan, wissend, dass es ihre einzige Rettung war, bemühte sich, ihre Stimme wieder zu finden.
»Es war unmöglich, alle drei gleichzeitig im Bündel zu verstauen, Schwester Ulicia.« Der salzige Geschmack ihrer Tränen vermischte sich mit dem ihres Blutes. »Ihr habt mir aufgetragen, sie in meinem Bündel zu verstecken, aber sie haben nicht hineingepasst. Ich wollte doch einfach noch einmal zurückgehen und sie holen, das ist alles. Bitte, ich mache mich augenblicklich auf den Weg. Ich schwöre es, ich werde sie Euch holen.«
Schwester Ulicia trat ein Stück zurück, in den Augen einen glühenden Zorn, der beängstigend war. Noch im Zurückweichen bohrte sie Kahlan einen Finger mitten in die Brust, sodass diese hart gegen die Marmorwand geworfen und mit so unerschütterlicher Kraft dort festgehalten wurde, als lehnte sich ein Bulle gegen sie. Jeder Atemzug geriet zum Kampf gegen diesen zermalmenden Druck, jeder Versuch, etwas zu erkennen, geriet zum Kampf gegen das in ihre Augen rinnende Blut.
»Du hättest die beiden anderen Kästchen in dein Bettzeug wickeln sollen, dann hättest du sie jetzt alle beisammen. Oder etwa nicht?«
Kahlan hatte diese Möglichkeit gar nicht erst in Betracht gezogen, denn sie war schlicht nicht infrage gekommen. »Aber darin ist doch schon etwas anderes eingewickelt, Schwester.«
Schwester Ulicia beugte sich abermals vor, sodass Kahlan schon fürchtete, man werde sie jetzt dazu bringen, sich zu wünschen, sie wäre bereits tot, oder müsse fürchten, es bald zu sein. Sie war alles andere als sicher, welches Schicksal vorzuziehen wäre. Plötzlich fühlte sie einen Schmerz im Innern ihres Kopfes auflodern, der dem äußerlichen, von dem Hieb verursachten in nichts nachstand. Gegen die Wand gepresst, war es ihr unmöglich, sich zu Boden sinken zu lassen, sich die Hände vor die Ohren zu schlagen und zu schreien, sonst hätte sie es gewiss getan.
»Das Ding, das du in dein Bettzeug gewickelt hast, interessiert mich nicht, du hättest es eben zurücklassen müssen. Die Kästchen sind wichtiger.«
Kahlan, wegen der Kraft, die sie flach gegen die Wand presste, unfähig, sich zu bewegen, unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen, weil ein brutaler Schmerz ihr das Gehirn zu zermalmen drohte, konnte sie nur anstarren. Es war, als würden ihr Eispfrieme langsam in die Ohren getrieben und dann herumgedreht. Fußknöchel und Handgelenke zitterten gegen ihren Willen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, jede noch so kleine Bewegung löste eine Woge von Schmerzen aus, die ihr ein Keuchen entlockte und sie der Fähigkeit beraubte, sich mit einer Körperdrehung unter diesen bohrenden Schmerzen herauszuwinden. »Was meinst du?«, fuhr Schwester Ulicia leise mit unheilschwangerer Stimme fort, in der eine tödliche Drohung mitschwang, »könntest du das tun? Meinst du, du könntest noch einmal zurückgehen, die beiden anderen Kästchen in dein Bettzeug wickeln und sie mir bringen, wie du es gleich von Anfang an hättest tun sollen?«
Kahlan versuchte, ein Wort über die Lippen zu bringen, aber sie konnte nicht. Stattdessen nickte sie in dem verzweifelten Bemühen, ihr Einverständnis zu bekunden, dem verzweifelten Bemühen, den Schmerz irgendwie zu beenden. Schon spürte sie erneut Blut aus ihrem Ohr sickern und ihr seitlich über den Kopf rinnen, bis es den Kragen ihres Hemdes durchtränkte. Den Rücken gegen die Wand gepresst, stand sie auf Zehenspitzen und wünschte, sie könnte mit der Wand verschmelzen, um Schwester Ulicia auf diese Weise zu entkommen. Der Schmerz ließ nicht einmal lange genug nach, um Luft zu holen. »Erinnerst du dich an die Soldaten, die wir auf unserem Weg nach oben gesehen haben?«, fragte Schwester Ulicia. »Das waren nur einige wenige jener aberhunderte Männer, die in den unteren Gefilden dieses Palasts einquartiert sind.«
Wieder nickte Kahlan.
»Nun, solltest du mich noch einmal enttäuschen, werde ich dich, nachdem ich dir jeden einzelnen Knochen im Leib gebrochen und dich eines tausendfachen, qualvollen Todes habe sterben lassen, gerade so weit wieder heilen, dass ich dich an diese Soldaten als Käsernenhure verschachern kann. Dort wirst du dann den Rest deines kümmerlichen Daseins fristen, von einem Wildfremden zum anderen gereicht, ohne dass sich irgendjemand um deinen Verbleib schert.«
Kahlan wusste, das waren keine leeren Drohungen, Schwester Ulicia war vollkommen skrupellos. Unfähig, dem forschenden Blick der Schwester länger standzuhalten, wandte sie mit einem unterdrückten Schluchzen die Augen ab, doch diese packte sie am Kinn und bog ihr Gesicht zurück. »Bist du sicher, dass du begriffen hast, was dir blüht, solltest du mich noch einmal enttäuschen?«
Trotz Ulicias festem Griff an ihrem Kinn gelang es ihr zu nicken, und plötzlich spürte sie, wie die Kraft, die sie gegen die Wand presste, nachzulassen begann. Sie sackte auf die Knie und stöhnte unter den Wogen brennenden Schmerzes, die ihre gesamte linke Gesichtshälfte erfasst hatten. Ihrem Gefühl nach bestand kein Zweifel, dass etliche Knochen gebrochen waren.
»Was geht hier vor?«, erkundigte sich ein Soldat. Die Schwestern Ulicia und Tovi wandten sich herum und schenkten dem Mann ein freundliches Lächeln. Der runzelte die Stirn und warf einen Blick auf Kahlan, die in der Hoffnung, endlich aus der Gewalt dieser Bestien befreit zu werden, flehentlich zu ihm heraufstarrte. Der Soldat hob den Kopf und öffnete den Mund, als wollte er etwas zu den Schwestern sagen, besann sich dann aber anders. Stattdessen blickte er, jetzt selber lächelnd, von Schwester Ulicias lächelndem Gesicht zu Tovis. »Alles in Ordnung, meine Damen? »Aber ja«, erwiderte Tovi mit einem aufgeräumten Lachen. »Wir wollten uns nur ein wenig auf der Bank hier ausruhen. Ich hatte ein wenig über Rückenschmerzen geklagt, das ist alles. Wir sprachen gerade darüber, welche Plage doch das Altern ist.«