»Schätze, das ist es wohl.« Er neigte kurz den Kopf. »Dann noch einen angenehmen Tag, die Damen.«
Damit entfernte er sich, ohne Kahlans Anwesenheit auch nur zu bemerken. Wenn er sie überhaupt gesehen hatte, so hatte er sie bereits wieder vergessen, ehe er etwas sagen konnte. Plötzlich dämmerte Kahlan, dass sie auf die gleiche Weise Dinge über sich selbst vergaß.
»Steh auf«, knurrte die Stimme über ihr.
Mühsam rappelte sie sich hoch. Mit einem Ruck zerrte Schwester Ulicia ihr Bündel wieder nach vorn, schlug die Lasche zurück und förderte das düstere, in Kahlans weiß glänzendes Kleid gewickelte Kästchen ans Licht. Sie reichte das Paket Schwester Tovi. »Wir halten uns hier ohnehin schon viel zu lange auf und ziehen bereits die ersten Blicke auf uns. Nehmt dies und macht Euch auf den Weg.«
»Aber das gehört mir!«, protestierte Kahlan und machte Anstalten, nach dem Kleid zu greifen. Schwester Ulicias Handrücken traf sie mit solcher Wucht, dass ihre Zähne aufeinander schlugen. Der Hieb schickte sie der Länge nach zu Boden. Überall war der Marmor voller Blut. Plötzlich ging ein Zucken durch ihren Körper, als der Schmerz sie übermannte und nicht mehr nachlassen wollte. »Ihr wollt, dass ich ohne Euch aufbreche?«, erkundigte sich Schwester Tovi, während sie das in das weiße Kleid gewickelte Kästchen unter ihren Arm klemmte.
»Ich denke, das wäre wohl das Beste. Das Sicherste wird sein, wenn wir dieses Kästchen auf den Weg bringen, während dieses nutzloses Miststück hier noch einmal zurückgeht, um die anderen zu holen. Wenn es genauso lange dauert wie beim ersten Mal, möchte ich nicht, dass wir beide hier im Flur herumstehen und darauf warten, bis die Soldaten auf die Idee kommen nachzusehen. Wir können jetzt keinen Kampf gebrauchen, es ist erforderlich, dass wir unbemerkt von hier verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen.«
»Im Falle eines Verhörs würde es sich gar nicht gut machen, wenn sie dahinter kämen, dass wir eines der Kästchen der Ordnung in unserem Besitz haben«, pflichtete ihr Schwester Tovi bei. »Ich werde mich also einfach auf den Weg machen und irgendwo auf Euch warten – oder wollt Ihr, dass ich mich gleich an unseren Bestimmungsort begebe?«
»Am besten, Ihr macht erst einmal überhaupt nicht Halt.« Schwester Ulicia bedeutete Kahlan aufzustehen, während sie mit Schwester Tovi sprach. »Schwester Cecilia, Arminia und meine Wenigkeit werden wieder zu Euch stoßen, sobald wir an unserem Bestimmungsort eingetroffen sind.«
Während Kahlan mühsam wieder auf die Beine kam, meinte Schwester Tovi leicht vorgebeugt zu ihr: »Schätze, das gibt dir ein paar Tage Zeit, darüber nachzudenken, was ich mit dir machen werde, sobald ihr wieder zu mir gestoßen seid, was meinst du?«
Kahlan brachte nur ein mattes Flüstern zustande. »Ja, Schwester.«
»Gute Reise«, sagte Schwester Ulicia.
Kaum hatte sich Schwester Tovi mit eiligen Schritten den Flur entlang entfernt – und mit ihr Kahlans wunderschönes Kleid! –, krallte Schwester Ulicia ihr eine Faust ins Haar und drehte ihr Gesicht ganz nah zu sich heran, um mit der anderen Hand die Seite ihres Gesichts zu betasten, bis Kahlan vor Schmerz aufschrie. »Du hast dir ein paar Knochen gebrochen«, erklärte sie, nachdem sie Kahlans Verletzungen untersucht hatte. »Bring deinen Auftrag hinter dich, dann werde ich dich heilen. Versagst du, dann wird dies erst der Anfang gewesen sein.
Bis zur Erreichung unserer Ziele haben die anderen Schwestern und ich noch eine ganze Reihe von Dingen zu erledigen, und das Gleiche gilt für dich. Wenn du deine Aufgabe heute noch zu Ende bringst, wirst du geheilt. Ich sähe es gerne, wenn du für deine künftigen Aufgaben bei guter Gesundheit wärst« – sie tätschelte in herablassender Weise Kahlans Wange –, »aber solltest du versagen, kann ich jederzeit andere Vorkehrungen treffen. Und jetzt beeil dich und schaff mir die beiden anderen Kästchen her.«
Wegen des pochenden Schmerzes immer noch den Tränen nahe, zog Kahlan das Bündel wieder herum, zwängte ihren Arm durch den Tragegurt und schwang das Ganze auf den Rücken. »Und sieh zu, dass du meine Anweisungen genau befolgst und alle beide mitbringst«, knurrte Schwester Ulicia. Mit einem Nicken entfernte sich Kahlan durch den breiten Flur. Niemand beachtete sie; es war, als wäre sie unsichtbar.
Kahlan fasste den bronzenen Totenschädel mit beiden Händen und zog einen der Schlangentürflügel auf, hastete über die dicken Teppiche und hatte die Wachen passiert, ehe diese auch nur auf die Idee kamen, sich zu fragen, was sie da gesehen hatten. Sie hastete die Stufen hinauf, ohne die in den Fluren patrouillierenden Soldaten auch nur eines Blickes zu würdigen.
Ächzend vor Anstrengung zog sie einen der goldbeschlagenen Türflügel weit genug auf, um in den Garten hineinschlüpfen zu können. Sie litt so entsetzliche Schmerzen, dass es ihr gar nicht schnell genug gehen konnte, sie wollte nichts als zurück, damit Ulicia sie endlich von diesen Schmerzen befreite. Wie schon zuvor, so war es auch jetzt im Garten so still, wie es sich für ein Sanktuarium geziemte. Sie nahm sich nicht einmal die Zeit, von Bäumen und Blumen Notiz zu nehmen oder sich gar an ihrem Anblick zu erfreuen, und machte erst wieder auf der Rasenfläche Halt, wo sie, wie gelähmt von ihrem Anblick und der Erinnerung an das, was man ihr aufgetragen hatte, kurz zu den beiden schwarzen auf der Steinplatte stehenden Kästchen hinüberstarrte.
Den Rest der Strecke legte sie langsamer, viel langsamer zurück, da sie im Grunde gar nicht dort ankommen wollte, nicht gezwungen sein wollte zu tun, wozu ihr, wie sie wusste, keine Alternative blieb –aber der quälende, pochende Schmerz, der sich über die ganze Seite ihres Gesichts erstreckte, trieb sie immer weiter. Endlich bei der Steinplatte angelangt, ließ sie ihr Bündel von der Schulter gleiten und legte es neben den Kästchen auf den Rücken, statt es wie zuvor aufrecht hinzustellen. Mit dem Ärmel wischte sie sich über ihre laufende Nase, ehe sie ganz behutsam über die Seite ihres Gesichts strich, stets in der Angst, es zu berühren und den Schmerz womöglich noch zu verschlimmern, gleichzeitig aber erfüllt von dem dringenden Bedürfnis, den pochenden Schmerz wenigstens ein bisschen zu lindern. Als sie dabei eine vorstehende Zacke ertastete, wäre sie fast in Ohnmacht gefallen. Sie wusste nicht, ob es sich um einen Splitter aus Schwester Ulicias Eichenstab oder um einen Knochensplitter handelte, aber wie auch immer, plötzlich wurde ihr schwindlig, und sie glaubte, sich übergeben zu müssen.
In der Gewissheit, dass ihre Zeit knapp bemessen war, presste sie einen Arm quer über ihre Magengegend und ging mit der anderen daran, die Lederriemen aufzuknoten, mit denen ihr Bettzeug unter ihr Bündel geschnallt war – eine Aufgabe, die durch ihre blutverschmierten Finger zusätzlich erschwert wurde, sodass sie schließlich doch gezwungen war, beide Hände zu Hilfe zu nehmen.
Als sie sie endlich losgebunden hatte, rollte sie ihr Bettzeug behutsam auseinander, nahm den darin eingewickelten Gegenstand heraus und stellte ihn vorsichtig auf der Steinplatte ab, um Platz für die verhassten Kästchen zu schaffen. Mit einem unterdrückten Schluchzen versuchte sie zu verdrängen, was sie gezwungen war zurückzulassen, dann überwand sie sich und ging daran, die beiden verbliebenen Kästchen in ihr Bettzeug zu wickeln. Als sie damit fertig war, verschnürte sie die beiden Riemen und zurrte sie fest, um sicherzustellen, dass die beiden Kästchen nicht herausfallen konnten. Dann schwang sie ihr Bündel wieder auf den Rücken und schickte sich, wenn auch widerstrebend, an, das freie Stück nackten Erdbodens in der Mitte des riesigen Innengartens zu überqueren.
Wieder auf dem Rasen, blieb sie kurz stehen, drehte sich um und warf einen letzten, tränenverschmierten Blick auf jenen Gegenstand, den sie im Begriff war, anstelle der Kästchen auf der Steinplatte zurückzulassen. Es war ihr wertvollster Besitz – und nun ließ sie ihn dort einfach stehen. Überwältigt und unfähig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun, erfüllt von einem nie gekannten Gefühl hilfloser Hoffnungslosigkeit, sank Kahlan auf dem Rasen auf die Knie, kippte vornüber und brach schluchzend zusammen. Wie war ihr das ganze Leben doch verhasst! Wegen dieser bösartigen Schwestern musste der Gegenstand, den sie am meisten liebte, hier zurückbleiben.