Schließlich begann sie unkontrolliert zu weinen und krallte ihre Hände in das Gras. Sie wollte ihn nicht zurücklassen; aber wenn sie es nicht tat, würde Schwester Ulicia ihr diese krasse Befehlsverweigerung niemals durchgehen lassen. Von Selbstmitleid gepackt, überwältigt von ihrer ausweglosen Situation, begann Kahlan zu schluchzen.
Außer den Schwestern kannte sie niemand, kein Mensch wusste auch nur von ihrer Existenz. Wenn sich doch nur irgendjemand an sie erinnerte!
Wenn doch nur Lord Rahl seinen Garten aufsuchte und sie rettete. Wenn doch nur, wenn doch nur! Was nützte diese Wünscherei?
Sie stemmte sich hoch und starrte mit tränenverschmierten Augen zu der Granitplatte hinüber, zu dem Gegenstand, den sie dort hatte stehen lassen.
Kein Mensch würde kommen und sie retten.
Sie war nicht immer so gewesen. Woher dieser Gedanke auf einmal kam, wusste sie nicht, sie wusste nur, dass er zutreffend war. Irgendwann in ihrer fernen, längst versunkenen Vergangenheit, so ihr Gefühl, hatte sie sich meist auf sich selbst und ihre Stärke verlassen können, um zu überleben, hatte sie ihre Zeit nicht mit Herumlamentieren verschwendet.
Den Blick quer durch den Garten gerichtet, den wunderschönen und friedvollen Garten des Lord Rahl, schöpfte sie plötzlich neue Kraft aus dem, was sie dort stehen sah, aber gleichzeitig auch aus einem Punkt tief in ihrem Innern. Und auf einmal wusste sie, was sie zu tun hatte, sie musste Entschlossenheit beweisen – so wie sie es auch früher schon getan hatte. Irgendwie musste sie es schaffen, stark zu sein, um ihrer selbst willen. Sie musste sich selbst retten, egal wie.
Was dort stand, gehörte nicht mehr ihr, es sollte ihr Geschenk an den Lord Rahl sein, im Tausch für die Erhabenheit des Lebens – ihres Lebens –, auf die sie sich in seinem Garten besonnen hatte. »Führe uns, Meister Rahl«, zitierte sie aus der Andacht. »Ich danke dir, Meister Rahl, für die Orientierung, die du mir an diesem Tag gegeben hast, und dass du mir meine Selbstachtung zurückgegeben hast.«
Mit den Handrücken wischte sie sich über die Augen und entfernte Blut und Tränen. Sie musste stark sein, denn sonst wäre sie den Schwestern weiterhin unterlegen. Sie würden ihr alles nehmen und am Ende die Oberhand behalten.
Das durfte sie unter keinen Umständen zulassen.
Dann kam ihr ein Gedanke. Sie berührte die Halskette, die sie trug, und drehte den kleinen daran befestigten Stein zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Wenigstens die Kette war ihr noch geblieben. Schwerfällig erhob sich Kahlan und richtete sich unter dem Gewicht des Bündels auf. Zuallererst musste sie zurück zu Schwester Ulicia, damit sie wenigstens die Verletzung heilte, die sie ihr selbst beigebracht hatte. Sie war fest entschlossen, diese Hilfe anzunehmen, denn nur so würde sie die Kraft haben, weiterzumachen und ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Ein letzter Blick, dann wandte sie sich ab und ging zur Tür.
In diesem Moment war ihr etwas klar geworden: Sie durfte sich nicht dem Willen dieser Frauen unterwerfen, ihrem Glauben, dass sie ein Recht auf ihr Leben hätten. Möglich, dass sie am Ende die Oberhand behielten, aber auf keinen Fall durfte es so weit kommen, weil sie selbst es zugelassen hatte. Auch wenn sie am Ende mit ihrem Leben dafür bezahlte – ihre Seele würden sie niemals bezwingen!
58
Angefangen hatte alles an jenem Morgen, wenige Augenblicke, bevor er, Richard, von dem Armbrustbolzen getroffen worden war, daher hatte er beschlossen, sich ganz auf diesen einen Vorfall zu konzentrieren und noch einmal ganz von vorne anzufangen. Zunächst hatte er die Ungeheuerlichkeit des Problems aus seinen Gedanken verbannt, um sich ganz auf die Lösung konzentrieren zu können. Haare raufen, der Versuch, andere von Kahlans Existenz zu überzeugen, oder die selbstquälerische Vorstellung, sie könnte sich in irgendjemandes Gewalt befinden, all das hatte ihn der Frage, wer dieser Jemand denn nun sein könnte, keinen Schritt näher gebracht. Das alles hatte bisher zu nichts geführt, und daran würde sich auch nichts ändern. Sogar die beiden Bücher, die er in dem kleinen Lesesaal entdeckt hatte, Gegendrauss und Theorie der Ordnung, hatte er erst einmal beiseite gelegt. Das erste war auf Hoch-D’Haran verfasst, und da er sich schon recht lange nicht mehr mit dieser alten Sprache befasst hatte, war ihm klar, dass er es sich nicht erlauben konnte, Zeit darauf zu verwenden. Eine kurze Überprüfung hatte ergeben, dass das Büchlein durchaus bemerkenswerte Informationen enthalten konnte, auf den ersten Blick aber hatte er nichts Wesentliches entdeckt. Zudem war er etwas aus der Übung, was Übersetzungen aus dem Hoch-D’Haran anbelangte. Ehe er die Zeit fände, sich damit zu befassen, mussten erst andere Dinge geklärt werden.
Das zweite Buch war schwierig zu lesen, insbesondere wenn man mit den Gedanken woanders war, dennoch hatte er den Anfang weit genug studiert, um zu erkennen, dass das Buch tatsächlich von den Kästchen der Ordnung handelte. Er konnte sich nicht erinnern, außer dem Buch der Gezählten Schatten, das er als Kind auswendig gelernt hatte, jemals ein Buch gesehen zu haben, das sich mit diesem Thema befasste. Das allein, von der ungeheuren Gefährlichkeit der Kästchen selbst ganz zu schweigen, verriet ihm, dass das Buch von unschätzbarem Wert sein musste. Aber die Kästchen waren im Moment nicht sein Problem, das Problem war Kahlan, also hatte er auch dieses Buch beiseite gelegt. Jede Beschäftigung mit diesen Schriften, ehe er ein wirkliches Verständnis der Geschehnisse gewonnen hätte, wäre nur weitere Zeitverschwendung. Er musste das Problem mit den Mitteln der Logik angehen, nicht mit vom Zufall bestimmten, ungestümen Versuchen, eine Antwort mehr oder weniger aus dem Nichts hervorzuzaubern. Was immer der Grund für Kahlans Verschwinden sein mochte, alles hatte an besagtem Morgen unmittelbar vor dem Kampf angefangen, in dessen Verlauf er von diesem vermaledeiten Bolzen getroffen worden war. Als er am Abend vor dem Kampf in sein Bettzeug geschlüpft war, war Kahlan noch bei ihm gewesen, dessen war er sich absolut sicher. Er erinnerte sich, sie in den Armen gehalten zu haben, er erinnerte sich an ihren Kuss, an ihr Lächeln in der Dunkelheit. All das war keine Einbildung.
Und dann endlich besann er sich auf die tatsächlich vorhandenen Beweise: die Frage ihrer Spuren. Auch wenn er anderen das lebenslängliche Studium nicht begreiflich machen konnte, das nötig war, um die Bedeutung dessen zu verstehen, was er beim Anblick von Spuren sah, so wusste er doch sicher, was diese Beweise auf dem Boden des Waldes ihm enthüllt hatten. Spuren hatten eine ganz eigene Sprache, eine Sprache, die andere vielleicht nicht verstanden, aber er verstand sie. Kahlans Spuren waren, und zwar ganz ohne Frage, mit Magie verwischt worden, und zurückgeblieben waren ein Waldboden von übertrieben künstlicher Unberührtheit sowie, noch wichtiger, ebenjener von ihm entdeckte Stein, der durch einen Fußstoß aus seiner ursprünglichen Lage gebracht worden war. Dieser Stein war für ihn der Beweis, dass er Recht hatte, der ihm sagte, dass er sich nicht irgendetwas einbildete.
Jetzt galt es herauszufinden, was Kahlan zugestoßen war – mit anderen Worten, wie sich ihre Entführung abgespielt hatte. Wer auch immer es getan hatte, besaß Magie, so viel meinte er sicher zu wissen. Das ergab sich schon aus der Art, wie die Spuren verwischt worden waren. Damit war der Kreis der möglichen Verdächtigen eingegrenzt: Es musste jemand sein, der magische Kräfte besaß und von Jagang geschickt worden war.
Richard erinnerte sich, wie er an besagtem Morgen aus tiefstem Schlaf gerissen worden war und auf der Seite gelegen hatte, unfähig, die Augen länger als für einen kurzen Moment offen zu halten, außerstande, den Kopf zu heben. Was mochte der Grund dafür gewesen sein? Gewiss nicht, dass er noch im Halbschlaf und deshalb benommen war, dafür war das Gefühl viel zu übermächtig gewesen. Es war durchaus eine Art Schläfrigkeit gewesen, nur halt wesentlich stärker.