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Der Teil seiner Erinnerung jedoch, der ihn quälend, frustrierend nah an den Rand des Begreifens herangeführt hatte, bestand aus verschwommenen Eindrücken in der nahezu undurchdringlichen Dunkelheit kurz vor Einbruch der Dämmerung, als er dagelegen und versucht hatte, endgültig wach zu werden. Und auf diesen Teil der Erinnerung richtete er jetzt sein ganzes Augenmerk, sein Denken, seine Konzentration. Noch einmal rief er sich die schattenhaften Äste ins Gedächtnis, die sich zu bewegen schienen, als würden sie vom Wind hin und her bewegt.

Nur war an diesem Morgen gar kein Wind gegangen, in diesem Punkt waren sich alle einig. Er erinnerte sich selbst noch gut, wie totenstill die Luft gewesen war. Und doch hatten sich die dunklen Schatten der Äste bewegt. Da schien ein Widerspruch vorzuliegen.

Aber wie Zedd anhand des neunten Gesetzes der Magie hervorgehoben hatte, waren Widersprüche nicht möglich. Die Realität ist, was sie ist – stünde etwas mit sich selbst im Widerspruch, wäre es nicht mehr, was es ist. Das war ein grundlegendes Gesetz allen Seins. In der Realität waren Widersprüche nicht möglich. Die großen Äste der Bäume konnten nicht aus eigener Kraft in Schwingungen geraten sein, und es war ja kein Wind gegangen, der sie hätte bewegen können.

Mit anderen Worten: Er war das Problem von der völlig falschen Seite angegangen. Statt sich von diesen im Wind schwankenden Ästen verblüffen zu lassen, obwohl gar kein Wind gegangen war, hätte er die simple Tatsache berücksichtigen müssen, dass so etwas nicht möglich war. Also hatte sie möglicherweise jemand in Bewegung versetzt.

Richard hielt in seinem Auf-und-ab-Gehen inne und blieb stehen. Vielleicht waren es aber auch gar nicht die Äste der Bäume gewesen, die sich bewegt hatten. Er hatte eine schattenhafte Bewegung wahrgenommen und angenommen, es handele sich um Äste; aber vielleicht war es ja etwas ganz anderes gewesen.

Diese eine einfache Erkenntnis ließ ihm plötzlich ein Licht aufgehen! Er stand da wie erstarrt, die Augen aufgerissen, unfähig, sich von der Stelle zu rühren, als die Abfolge der Geschehnisse und die bruchstückhaften Erinnerungsfetzen jenes Morgens sich in seinem Verstand plötzlich zu einem Bild fügten, zu dem Gerüst des Verständnisses dessen, was an jenem Morgen geschehen war. Jemand hatte Kahlan entführt, vermutlich unter Verwendung irgendeiner Art Bann, wie man auch ihn in seinem Dämmerschlaf gehalten hatte, anschließend ihre Sachen zusammengesucht und das Lager aufgeräumt, um alle Spuren ihrer Anwesenheit zu verwischen. Das war die Bewegung gewesen, an die er sich erinnerte. Es waren also keinesfalls irgendwelche im Wind hin und her schwingenden Äste gewesen, sondern Personen. Mit der Gabe gesegnete Personen.

Richard sah einen roten Lichtschein aufleuchten. Als er darauf den Kopf hob, betrat Nicci soeben den kleinen Raum.

»Ich muss dich dringend sprechen, Richard.«

Er starrte sie an. »Verstehe. Übrigens, ich weiß jetzt, was die vierköpfige Viper zu bedeuten hat.«

Nicci wandte den Blick ab, so als ertrage sie es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Sofort war ihm klar, dass sie glaubte, er wolle seine Wahnvorstellung bloß um eine weitere Ebene bereichern. »Hör zu, Richard, es ist wichtig.«

Er sah sie an, und eine Falte bildete sich auf seiner Stirn. »Habt Ihr etwa geweint?«

Ihre Augen waren rot und aufgequollen, dabei gehörte Nicci durchaus nicht zu der Sorte Frau, die zu Tränen neigte. Gewiss, er hatte sie schon weinen sehen, aber wenn, dann nur aus sehr gutem Grund. »Schon gut«, erwiderte sie. »Du musst mir jetzt zuhören.«

»Und ich sage Euch, Nicci, ich habe herausgefunden ...«

»Hör mir zu!« Sie hatte die Fäuste geballt und sah aus, als könnte sie jeden Moment erneut in Tränen ausbrechen. Ihm wurde klar, dass er sie noch nie auch nur annähernd so aufgewühlt gesehen hatte. Eigentlich wollte er nicht noch mehr Zeit verschwenden, doch dann entschied er, dass es die Dinge womöglich beschleunigen könnte, wenn er sie sagen ließ, was sie zu sagen hatte. »Also gut, ich höre.«

Nicci trat ganz nah zu ihm hin, fasste ihn bei den Schultern und blickte ihm mit ernster Miene in die Augen. Auf ihrer Stirn hatten sich tiefe Falten gebildet.

»Du musst von hier fort, Richard.«

»Was?«

»Ich habe Cara schon beauftragt, deine Sachen zusammenzusuchen, sie wird sie dir jeden Moment bringen. Sie behauptet, den Weg hierher zu kennen, jedenfalls bis hinunter in den Turm, ohne irgendwelche Schilde passieren zu müssen.«

»Ich weiß, ich selbst habe ihn ihr vor einiger Zeit gezeigt.« Richards Gefühl innerer Unruhe wuchs. »Was ist eigentlich los? Wird die Burg etwa angegriffen? Ist Zedd wohlauf?«

Es war beinahe eine mitleidige Geste, als Nicci ihm die Hand an die Wange legte. »Richard, die anderen sind fest entschlossen, dich von deinen Wahnvorstellungen zu heilen.«

»Kahlan ist keine Wahnvorstellung. Eben gerade habe ich herausgefunden, was in Wahrheit vorgefallen ist.«

Sie schien überhaupt keine Notiz davon zu nehmen, was er sagte, vielleicht ignorierte sie seine Bemerkung aber auch, weil sie sie für nichts anderes als einen weiteren aus einer langen Reihe von Versuchen hielt, das Unmögliche zu beweisen. Nur war er diesmal gar nicht daran interessiert, ihr etwas zu beweisen. »So hör doch, Richard, du musst von hier verschwinden. Sie wollen, dass ich deine Erinnerung an Kahlan mithilfe subtraktiver Magie aus deinem Gedächtnis lösche.«

Richard blinzelte verblüfft. »Ihr wollt sagen, Ann und Nathan wollen das. Zedd würde so etwas niemals tun.«

»Doch, auch Zedd. Sie haben ihn davon überzeugt, dass du krank bist und die einzige Möglichkeit, dich zu heilen, darin besteht, jenen Teil deiner Gedanken zu entfernen, der für deine falschen Erinnerungen verantwortlich ist. Sie haben ihm eingeredet, die Zeit werde allmählich knapp, und dies sei die einzige Möglichkeit, dich zu retten. Es bricht Zedd fast das Herz, dich in diesem Zustand zu sehen, deshalb hat er die seiner Meinung nach vielleicht einzige Chance, dich wieder gesund zu machen, sofort beim Schopf ergriffen.«

»Und damit wart Ihr einverstanden?«

Empört verpasste sie ihm einen Klaps gegen die Schulter. »Hast du den Verstand verloren? Glaubst du wirklich, ich würde dir das antun? Selbst wenn ich der Meinung wäre, sie hätten Recht, glaubst du allen Ernstes, ich würde jemals in Erwägung ziehen, einen Teil dessen zu entfernen, was dich ausmacht – nach allem, was du mir über das Leben beigebracht hast, nachdem du mich wieder dazu gebracht hast, das Leben mit offenen Armen anzunehmen? Glaubst du wirklich, ich würde dir das antun, Richard?«

»Nein, natürlich glaube ich das nicht. Aber warum sollte Zedd so etwas tun? Er liebt mich.«

»Sicher. Aber gleichzeitig hat er fürchterliche Angst um dich, Richard, Angst, diese Wahnvorstellung, diese Hexerei oder was immer die Krankheit verursacht haben mag, die dich zwar am Leben, aber nicht mehr du selbst sein lässt und die im Begriff ist, dich in einen Fremden zu verwandeln, den sie nicht kennen, könnte vollends von dir Besitz ergreifen.

Zedd spürt, es könnte die einzige Chance sein, dich wieder gesund zu machen, dich wieder zu Richard, dem wahren Richard, zu machen. Ich glaube, im Grunde will es keiner von ihnen wirklich – weder Ann noch Nathan oder Zedd – andererseits ist Ann der festen Überzeugung, dass du der Einzige bist, der unsere Sache retten kann. Sie glaubt fest daran, dass dies in den Prophezeiungen als unsere einzige Chance offenbart wurde, weshalb sie alles daransetzt, dich wieder gesund zu machen, damit wir nicht alle verloren sind. Erst wollte Zedd nicht recht, aber dann haben sie ihm eine Nachricht in dem Reisebuch gezeigt und ihn schließlich überredet.«