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»Was sind das für Foltermethoden, die Jagang bei seinen Gefangenen anwendet?«

Er hörte Nicci tief Luft holen und diese langsam wieder ausstoßen. »Ich werde mich hüten, dir diese Frage zu beantworten, Richard. Aber dir dürfte jenseits allen Zweifels klar sein, dass Jagang ein Mann ist, der das Töten braucht.«

Richard hatte diese Frage stellen müssen. Zu seiner Erleichterung besaß Nicci genug Taktgefühl, ihm keine Antwort darauf zu geben.

»Ich kann dir gar nicht sagen«, fuhr Nicci fort, »wie oft ich mir schon gewünscht habe, ich hätte ihn getötet, als ich die Gelegenheit dazu hatte, auch wenn du Recht hast, dass der Krieg damit noch nicht beendet wäre. Ich wünschte, ich könnte aufhören, mir die vielen verpassten Gelegenheiten vorzuwerfen und über all die Dinge nachzudenken, die ich hätte tun sollen.«

Richard legte den Arm um sie und hielt ihre bebenden Schultern. Nach einer Weile fühlte er die Anspannung aus ihren Muskeln weichen. Schließlich wurde ihr Atem ruhiger, und sie schlief allmählich ein.

Wenn er Kahlan wieder finden wollte, musste er dafür sorgen, dass auch er den dringend benötigten Schlaf bekam. Er hatte kaum die Augen geschlossen, da quoll eine weitere Träne hervor. Er vermisste seine geliebte Gemahlin so sehr.

Seine Gedanken wanderten noch einmal zu dem Tag zurück, an dem er Kahlan zum ersten Mal gesehen hatte, in ihrem weißen, fließenden Seidenkleid, das sie, wie er erst viel später herausfinden sollte, als Mutter Konfessor auswies. Er erinnerte sich, wie er in ihre wunderschönen grünen Augen geschaut hatte, aus denen ihm ihre leuchtende Intelligenz entgegenblickte, und dass es ihm vom allerersten Augenblick, von diesem allerersten Blickkontakt an so vorgekommen war, als hätte er sie schon immer gekannt. Er erklärte ihr, dass sie von vier Männern verfolgt wurde, worauf sie schlicht fragte: »Möchtest du mir helfen?«

Und noch bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, hörte er sich die Frage bejahen. Niemals, nicht einen einzigen Moment lang, hatte er diese Entscheidung bereut. Jetzt brauchte sie wieder seine Hilfe!

Seine letzten Gedanken, ehe er in einen unruhigen Schlaf hinüberglitt, galten Kahlan.

9

Mit hastigen Bewegungen hängte Ann die primitive Blechlaterne draußen vor der Tür an den Haken und ballte ihr Han zu einem Hitzekern zusammen, bis dieser über ihrer Hand zu einer kleinen Flamme aufloderte. Dann trat sie in die winzige Kammer und hielt die zuckende Flamme an den Docht einer auf dem Tisch stehenden Kerze. Nachdem diese Feuer gefangen hatte, schloss sie die Tür.

Es war schon eine Weile her, dass sie in ihrem Reisebuch eine Nachricht erhalten hatte, daher konnte sie es kaum erwarten, endlich einen Blick hineinzuwerfen.

Die Kammer war karg, die schmucklosen, verputzten Wände fensterlos. Ein kleiner Tisch sowie ein hölzerner Stuhl mit gerader Lehne, den man auf ihre Bitte hereingebracht hatte, nahm fast den gesamten nicht vom Bett beanspruchten Platz ein. Die Kammer diente ihr nicht nur als Schlafraum, sondern bildete auch ein gebührendes Sanktuarium, einen Ort, wo sie allein sein, wo sie nachdenken, meditieren und beten konnte. Außerdem bot sie ihr die nötige Ungestörtheit, wenn sie ihr Reisebuch benutzte. Auf dem Tisch wartete ein kleiner Teller mit Käse und geschnittenem Obst auf sie, den wahrscheinlich Jennsen dort zurückgelassen hatte, ehe sie mit Tom den Mond bewundern gegangen war. Trotz ihres mittlerweile fortgeschrittenen Alters erfüllte es Ann noch immer mit einem Gefühl heiterer Zufriedenheit, wenn sie den verliebten Ausdruck in den Augen eines Paares sah. Diese jungen Leute schienen stets in dem Glauben zu sein, es gelänge ihnen tatsächlich, ihre Gefühle vor anderen zu verbergen, dabei war ihr Benehmen für gewöhnlich so augenfällig, dass es ihnen ebenso gut in großen Lettern auf die Stirn hätte geschrieben sein können.

Manchmal, in stillen Augenblicken, bedauerte Ann, dass ihr diese Zeit unumschränkter, argloser und überschwänglicher gegenseitiger Zuneigung mit Nathan nie vergönnt gewesen war. Andererseits geziemte es einer Prälatin nicht, offen ihre Gefühle zu zeigen.

Ann stutzte; plötzlich fragte sie sich, woher genau es eigentlich kam, dass sie diese Überzeugung pflegte. Als sie noch Novizin war, hatte schließlich niemand Unterrichtsstunden abgehalten, in denen man eingetrichtert bekam:

›Falls du jemals zur Prälatin ernannt werden solltest, darfst du deine Gefühle niemals offen zeigen.‹ Mit Ausnahme von Missfallen natürlich. Eine gute Prälatin sollte imstande sein, die Knie ihres Gegenübers mit nicht mehr als einem scharfen Blick unkontrollierbar zum Zittern zu bringen – ein Lehrsatz, dessen Herkunft ihr nicht minder schleierhaft war, auch wenn sie stets den Bogen rausgehabt zu haben schien. Aber vielleicht hatte der Plan des Schöpfers von Anfang an vorgesehen, dass sie eines Tages Prälatin werden sollte, weshalb Er ihr die entsprechende Veranlagung für dieses Amt mit auf den Weg gegeben hatte. Manchmal vermisste sie es doch sehr.

Mehr noch, sie hatte es sich nie gestattet, sich ihre Gefühle für Nathan bewusst einzugestehen. Er war ein Prophet, und während ihrer Zeit als Prälatin der Schwestern des Lichts und unumschränkte Autorität im Palast der Propheten war er ihr Gefangener gewesen. Obschon sie es damals in dem Bemühen, der Situation einen humaneren Anstrich zu geben, etwas beschönigender formuliert hatten, war es nie komplizierter gewesen, denn nach allgemeiner Überzeugung galt es einfach als zu gefährlich, einen Propheten unter ganz normalen Menschen frei herumlaufen zu lassen.

Seine Einkerkerung von klein auf kam einer Absage an den freien Willen gleich, denn damit galt als vorab festgelegt, dass er ohnehin nur Unheil anrichten würde, selbst wenn er nie Gelegenheit erhalten würde, sich bewusst für diese seine Handlungsweise zu entscheiden. Sie hatten ihn für schuldig befunden, ohne dass er je ein Verbrechen begangen hatte – und dieser veralteten und irrationalen Denkweise war Ann den größten Teil ihres Lebens treu geblieben, ohne sie jemals zu hinterfragen. Wenn sie darüber nachdachte, beschlich sie bisweilen ein ungutes Gefühl, was das wohl über sie aussagte.

Jetzt, da sie und Nathan alt und wieder vereint waren – so unwahrscheinlich dies zu einer anderen Zeit auch erschienen sein mochte –, ließ sich ihr Verhältnis jedoch kaum als überschwängliche gegenseitige Zuneigung bezeichnen. Vielmehr hatte sie den weitaus größten Teil ihres Lebens damit verbracht, ihren Unmut über die Scherze dieses Mannes zu ertragen und dafür zu sorgen, dass er weder seinem Halsring noch seinem Gefängnis im Palast entkommen konnte, was ihr Widerspenstigkeit seinerseits sowie den Zorn der Schwestern eingetragen hatte und ihn – eine weitere Schleife im immer gleichen Teufelskreis – noch renitenter gemacht hatte. Ungeachtet der Unruhe, die er scheinbar nach Belieben zu stiften vermochte, irgendetwas an ihm hatte Ann im Stillen stets über ihn schmunzeln lassen. Mitunter benahm er sich wie ein kleines Kind, ein Kind von fast eintausend Jahren, das ein Zauberer war und die Gabe der Prophezeiung besaß. Ein Prophet brauchte nur den Mund aufzumachen, brauchte die ungebildeten Massen nur mit Prophezeiungen zu bedienen, um im günstigsten Falle einen Aufstand, im ungünstigsten Kriege auszulösen. Das zumindest war die allgemeine Befürchtung. Obwohl sie hungrig war, schob Ann den Teller mit Käse und Obst zur Seite. Das konnte warten. Die gespannte Erwartung, welche Neuigkeiten Vernas Nachricht wohl enthalten mochte, beschleunigte ihren Puls. Ann setzte sich und zog ihren Stuhl ganz nah an den hölzernen Tisch heran. Dann holte sie das kleine ledergebundene Reisebuch hervor und ließ die Seiten am Daumen vorbeilaufen, bis sie die Handschrift erblickte. Die Kammer war eng, die Beleuchtung schlecht. Sie kniff die Augen zusammen, um die Worte besser entziffern zu können, und schließlich musste sie die dicke Kerze etwas näher zu sich heranziehen. Meine verehrteste Ann, begann die von Verna in dem Buch niedergeschriebene Nachricht, ich hoffe, dies erreicht Euch und den Propheten bei guter Gesundheit. Ich weiß, Ihr sagtet, Nathan sei im Begriff, einen wertvollen Beitrag zugunsten unserer Sache zu liefern, trotzdem erfüllt mich Euer Zusammensein mit diesem Mann nach wie vor mit Sorge. Ich hoffe, seine Mitarbeit hat, seit ich zuletzt von Euch hörte, keinen Anlass zu Verdruss gegeben, und Ihr lasst Vorsicht walten. Ich habe den Propheten zu keiner Zeit wirklich ernsthaft erlebt – erst recht nicht, wenn ein Schmunzeln über seine Lippen spielt!