Ann musste selbst schmunzeln. Sie verstand nur zu gut, nur kannte Verna ihn eben nicht so gut wie sie. Manchmal konnte er einen schneller in Schwierigkeiten bringen als zehn junge Burschen mit nichts als Unfug im Kopf, und doch gab es jetzt, da alles gesagt und getan war und sie ihn schon so viele Jahrhunderte kannte, eigentlich niemanden, mit dem sie mehr verband.
Ann stieß einen Seufzer aus und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Nachricht in ihrem Reisebuch zu. Die Abwehr der Belagerung der nach D’Hara hineinführenden Pässe durch Jagangs Truppen hat uns ziemlich auf Trab gehalten, schrieb Verna, aber wenigstens waren wir erfolgreich. Vielleicht zu erfolgreich. Wenn Euch dies erreicht, Prälatin, antwortet bitte.
Ann runzelte die Stirn. Wie konnte man zu erfolgreich dabei sein, marodierende Truppen am Überrennen der eigenen Verteidigungsstellungen, am Niedermetzeln der Verteidiger und der Versklavung eines in Freiheit lebenden Volkes zu hindern? Beunruhigt zog sie die Kerze näher heran. Tatsächlich war sie eher nervös, was Jagang jetzt, da der Winter vorbei war und der Morast des Frühlings hinter ihnen lag, im Schilde führen mochte. Der Traumwandler war ein geduldiger Gegner. Seine Soldaten stammten tief unten aus dem Süden, aus der Alten Welt, und waren die strengen Winter hoch oben im Norden der Neuen Welt nicht gewöhnt. Nicht wenige waren den harten Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen, eine weitaus größere Zahl jedoch war elend an den Krankheiten zugrunde gegangen, die sein Winterlager heimgesucht hatten. Trotz der großen im Kampf, durch Krankheit sowie eine Vielzahl anderer Ursachen erlittenen Verluste strömten die Invasoren unablässig in immer größeren Scharen nach Norden, sodass Jagangs Armee allen Widrigkeiten zum Trotz unaufhaltsam immer weiter anschwoll. Dessen ungeachtet opferte er keinen seiner unzähligen Soldaten in ebenso sinn- wie aussichtslosen Winterfeldzügen. Nicht dass ihm viel am Leben seiner Soldaten gelegen hätte, wohl aber lag ihm sehr viel an der Eroberung der Neuen Welt, weshalb er seine Truppen nur bewegte, wenn das Wetter günstig war. Jagang vermied es stets, unnötige Risiken einzugehen. Was zählte, war allein die Unterwerfung der Welt, nicht, wie viel Zeit dies kostete. Er betrachtete die Welt des Lebendigen durch das Prisma der Glaubensüberzeugungen der Bruderschaft der Ordnung. Das Leben des Einzelnen, sein eigenes eingeschlossen, war ohne Belang; was zählte, war allein, welchen Beitrag das individuelle Leben zum Erfolg des Ordens zu leisten vermochte.
Jetzt, da diese gewaltige Armee in der Neuen Welt stand, waren die Streitkräfte des d’Haranischen Reiches den nächsten Schachzügen des Traumwandlers auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Gewiss, auch D’Hara verfügte über eine formidable Streitmacht, die aber gewiss nicht reichen würde, um der vollen Angriffswucht der anscheinend unerschöpflichen Massen der Truppen der Imperialen Ordnung standzuhalten, geschweige denn sie zurückzuwerfen. Zumindest nicht, solange Richard nicht alles in seiner Macht Stehende tat, um das Blatt in diesem Krieg zu wenden.
Die Prophezeiungen bezeichneten Richard als »Kiesel im Teich«, womit gemeint war, dass er jene Wellen schlug, die alles durchdrangen, alles beeinflussten. Weiterhin war dort, auf unterschiedlichste Weise und in einer Vielzahl verschiedener Texte, die Rede davon, dass sie nur dann eine Chance hätten, den Sieg davonzutragen, wenn Richard sie in der entscheidenden Schlacht anführte.
Für den Fall, dass es nicht dazu käme, waren die Prophezeiungen klar und unmissverständlich: Dann, so hieß es dort, sei alles verloren.
Ann presste ihre geballte Faust gegen das schmerzhafte Gefühl von Übelkeit auf ihre Magengrube und zog den Stift aus dem Rücken des Buches, das ein genaues Gegenstück zu dem in Vernas Besitz war. Deine Nachricht hat mich erreicht, Verna, schrieb sie, aber Prälatin bist jetzt du. Der Prophet und ich sind längst tot und begraben.
Es war ein Täuschungsmanöver, das die beiden in die Lage versetzt hatte, eine Vielzahl von Menschenleben zu retten. Es gab Zeiten, da vermisste es Ann, Prälatin zu sein, da vermisste sie die Schar ihrer Ordensschwestern. Vielen von ihnen war sie von Herzen zugetan gewesen, zumindest jenen, die sich später nicht als Schwestern der Finsternis entpuppt hatten, und der bohrende Schmerz dieses Verrats – nicht nur an ihrer Person, sondern auch am Schöpfer selbst – hatte noch immer nichts von seiner Heftigkeit verloren. Immerhin, die Befreiung von dieser übergroßen Verantwortung versetzte sie in die Lage, sich mehr auf andere, wichtigere Dinge zu konzentrieren. So schmerzlich der Verlust ihres alten Lebens für sie sein mochte, in dem sie den Palast der Propheten als Prälatin geleitet hatte, ihre Berufung galt einem höheren Ziel und nicht irgendeinem Gemäuer oder der Verwaltung eines ganzen Palasts voller Ordensschwestern, Novizinnen und jungen, in der Ausbildung befindlichen Zauberern. Ihre wahre Berufung galt dem Erhalt der Welt des Lebendigen, und zu diesem Zweck war es allemal besser, wenn die Schwestern des Lichts sowie alle anderen auch sie und Nathan für tot hielten.
Ann richtete sich erwartungsvoll auf, als sich Vernas Handschrift auf der Seite abzuzeichnen begann. Ann, es ist mir ein Trost, Euch wieder bei mir zu wissen, wenn auch nur über das Reisebuch. Nur noch so wenige von uns sind übrig. Ich gestehe, manchmal sehne ich mich nach den friedlichen Zeiten im Palast zurück, jenen Zeiten, als alles so viel einfacher und sinnvoller schien und ich nur glaubte, es sei so schwierig. Seit Richards Geburt hat sich die Welt unzweifelhaft verändert.
Dem mochte Ann nicht widersprechen. Sie ließ einen Käsehappen in ihrem Mund verschwinden, beugte sich vor und begann zu schreiben.
Jeden Tag bete ich dafür, dass diese Ordnung, dieser Friede, in der Welt wieder Einzug halten möge und wir uns über nichts Schlimmeres als das Wetter beklagen müssen.
Ich bin verwirrt, Verna. Was meintest du, als du schriebst, ihr wärt bei der Verteidigung der Pässe möglicherweise zu erfolgreich gewesen? Bitte erklär es mir. Ich erwarte deine Antwort.
Ann lehnte sich auf ihrem einfachen Holzstuhl zurück und aß ein Stück Birne, während sie wartete. Da ihr Reisebuch das genaue Gegenstück zu dem von Verna war, erschien alles, was in das eine geschrieben wurde, exakt zur gleichen Zeit im anderen. Es war einer der wenigen magischen Gegenstände, die aus dem Palast der Propheten hatten gerettet werden können.
Wieder begann Vernas schnörkelige Handschrift, sich über die leere Seite auszubreiten. Wie unsere Späher und Fährtenleser berichten, hat jagang mit dem Abmarsch seiner Truppen begonnen. Da er am Pass nicht durchbrechen konnte, hat der Kaiser seine Streitmacht aufgeteilt und führt nun eine Armee nach Süden – ein Schachzug, den General Meiffert schon seit längerem befürchtet hatte. Seine Strategie ist unschwer zu erraten. Zweifellos plant Jagang, eine mächtige Unterabteilung seiner Truppen durch das Tal des Flusses Kern und anschließend nach Süden um das Gebirge herumzuführen. Sobald er sämtliche Hindernisse umgangen hat, wird er in den südlichen Teil D’Haras abschwenken und von dort weiter Richtung Norden vorrücken.
Für uns bedeutet dies die denkbar schlechtesten Nachrichten. Zum einen dürfen wir die Sicherung der Pässe auf keinen Fall vernachlässigen – nicht, solange ein Teil seiner Armee auf der anderen Seite auf der Lauer liegt. Andererseits können wir aber auch nicht zulassen, dass jagangs Truppen uns von Süden her umgehen. Nach Ansicht General Meifferts werden wir ein ausreichendes Truppenkontingent zur Bewachung der Pässe hier zurücklassen müssen, während die Hauptmacht unserer Truppen nach Süden marschiert, um sich den Invasoren entgegenzuwerfen.