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Wir haben keine Wahl. Jetzt, da die eine Hälfte der Truppen Jagangs im Norden, auf der anderen Seite des Passes, steht, die andere Hälfte jedoch das Gebirge umgeht, um von Süden her vorzurücken, gerät der Palast des Volkes mitten zwischen sie – eine Aussicht, bei der sich Jagang zweifellos bereits die Lippen leckt. Ich fürchte, Ann, mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Das gesamte Feldlager ist in Aufruhr. Die Nachricht, dass Jagang seine Streitmacht geteilt hat, hat uns eben erst erreicht; wir sind dabei, auf schnellstem Wege unser Zudem werde ich die Schwestern aufteilen müssen, auch wenn es aufgrund der großen Verluste kaum noch welche aufzuteilen gibt. Manchmal komme ich mir vor, als lägen wir im Wettstreit mit Jagang, auf wessen Seite zuletzt noch Schwestern übrig sind. Ich bin in tiefer Sorge, was aus all den Menschen wird, falls niemand von uns überleben sollte. Ohne diese entmutigenden Ängste würde ich zufrieden meinen Abschied aus dieser Welt nehmen und mich zu Warren in der Welt der Seelen gesellen.

Soeben erklärt mir General Meiffert, dass wir keinen Augenblick länger warten können und bei Tagesanbruch abmarschieren müssen. Die Vorbereitungen werden mich die ganze Nacht über auf den Beinen halten; ich werde dafür sorgen müssen, dass genügend Truppen und Schwestern zur Verteidigung aller Pässe zurückbleiben und sie die Schilde überwachen, um ihre Unversehrtheit zu garantieren. Sollte die nördliche Armee der Imperialen Ordnung hier oben durchbrechen, wäre dies für uns alle ein noch schnellerer Tod.

Wenn Ihr nichts Wichtiges mehr zu besprechen habt, das keinen Aufschub duldet, muss ich, fürchte ich, jetzt fort.

Während des Lesens hatte Ann sich die Hand vor den Mund geschlagen, die Nachrichten waren in der Tat entmutigend. Um Verna nicht in Bedrängnis zu bringen, verfasste sie auf der Stelle eine Antwort. Nein, meine Liebe, im Augenblick gibt es nichts Wichtiges. Wie du weißt, bin ich dir stets von ganzem Herzen zugetan.

Die Antwort kam fast augenblicklich.

Wir haben die Pässe aufgrund ihrer Enge mit Erfolg verteidigen können; in diesem engen, unwegsamen Gelände vermag die Imperiale Ordnung ihre überwältigende zahlenmäßige Überlegenheit nicht einzusetzen. Ich bin recht zuversichtlich, dass sie halten werden. Der Umstand, dass Jagang das Gebirge nicht überqueren konnte, hat seinen Vormarschplan vorerst vereitelt, was uns einen Zeitgewinn verschafft, während er gezwungen ist, jetzt, da die Witterungsbedingungen für ihn günstig sind, eine Armee bis hinunter in den Süden und anschließend wieder hinauf nach D’Hara zu führen. Da von dort die größte Gefahr droht, werde ich die Armee auf ihrem Marsch nach Süden begleiten.

Betet für uns. Womöglich wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns jagangs Horden in der offenen Ebene zu stellen, wo er genügend Raum hat, uns die volle Angriffswucht seiner Streitmacht entgegenzuwerfen. Ich fürchte, falls sich bis dahin nichts mehr ändert, sind unsere Chancen, diese Schlacht zu überleben, nahezu null. Ich kann nur hoffen, dass Richard die Prophezeiungen erfüllt, ehe wir alle ums Leben kommen.

Ann musste schlucken, ehe sie antwortete. Verna, du hast mein Wort, dass ich alles Nötige tun werde, um dies zu garantieren. Du sollst wissen, dass Nathan und ich uns voll und ganz der Erfüllung dieser Prophezeiung verschrieben haben. Außer dir vermag vielleicht niemand wirklich zu begreifen, dass ich mir genau dies seit über einem halben Jahrtausend zum Ziel gemacht habe. Und dieses Ziel werde ich nicht aufgeben. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um zu garantieren, dass Richard tut, wozu allein er fähig ist. Möge der Schöpfer mit dir und allen unseren tapferen Verteidigern sein. Ich werde dich in meine täglichen Gebete einschließen. Hab Vertrauen in den Schöpfer, Verna, und gib dieses Vertrauen an alle weiter, die bei dir sind.

Einen Augenblick später begann sich eine Antwort abzuzeichnen. Ich danke Euch, Ann. Ich werde auf unserem Marsch jeden Abend einen Blick in mein Reisebuch werfen, ob Ihr Neuigkeiten von Richard habt. Ich vermisse Euch und hoffe sehr, dass wir uns in diesem Leben wieder sehen.

Ann wählte ihre letzte Erwiderung mit Bedacht.

Ich auch, mein Kind. Gute Reise.

Ann stützte sich auf ihre Ellbogen und massierte sich die Schläfen. Die Nachrichten waren nicht eben erfreulich, aber sie waren auch nicht durch und durch schlecht. Jagang hatte vorgehabt, bei den Pässen durchzubrechen und den Feldzug zügig zu beenden, aber die Pässe hatten standgehalten, sodass er am Ende sogar gezwungen war, seine Armee aufzuteilen und sich auf einen langen und strapaziösen Marsch zu begeben. Noch blieb ihnen also etwas Zeit, noch standen ihnen eine ganze Reihe von Möglichkeiten offen. Sie selbst, vor allem aber Richard, würde sich schon etwas einfallen lassen. In den Prophezeiungen war ihnen zugesichert worden, dass er eine Chance zu ihrer aller Rettung in sich barg.

Sie durfte sich nicht dem Glauben überlassen, dass sich das Böse wie ein dunkler Schatten über die Welt legen würde.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie erschrocken auffahren, und sie presste ihre Hand auf ihr wild pochendes Herz. Ihr Han hatte sie gar nicht gewarnt, dass jemand in der Nähe war. »Ja?«

»Ann, ich bin es, Jennsen«, war eine gedämpfte Stimme auf der anderen Seite der Tür zu hören. Ann steckte den Stift zurück an seinen Platz, stopfte das Reisebuch wieder hinter ihren Gürtel und schob ihren Stuhl zurück. Sie strich ihre Röcke glatt und atmete einmal tief durch, um ihren Puls wieder auf die normale Frequenz zu drosseln, dann öffnete sie, ein Lächeln für Richards Schwester auf den Lippen, die Tür. »Komm nur herein, Liebes. Und vielen Dank für den Teller mit Obst.« Sie wies mit dem Arm hinter sich zum Tisch. »Möchtest du vielleicht etwas abhaben?«

Jennsen schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank.« Ihr von roten Locken eingerahmtes Gesicht war ein Bild der Besorgnis. »Ann, Nathan schickt mich. Er möchte Euch sprechen. Er hat ziemlich nachdrücklich darauf bestanden. Ihr wisst ja selbst, wie er sein kann, wenn er ganz große, aufgerissene Augen bekommt, sobald er sich über irgendetwas aufregt.«

»Ja«, sagte Ann gedehnt, »zu dieser Art von Verhalten neigt er in der Tat, sobald er irgendein Unheil ausheckt.«

Jennsen musterte sie erstaunt und wirkte leicht verwirrt. »Ich fürchte, da könntet Ihr Recht haben. Er hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, Euch umgehend zu holen und zu ihm zu bringen.«

»Nathan erwartet immer, dass alles springt, sobald er pfeift.« Ann bedeutete der jungen Frau mit einer Handbewegung vorauszugehen. »Schätze, ich werde mich am besten sofort darum kümmern. Wo also befindet sich der Prophet?«

Jennsen hielt ihre Laterne in die Höhe, um sich den Weg zu leuchten, und machte Anstalten, die enge Kammer zu verlassen. »Auf einem Friedhof.«

Ann bekam sie am Ärmel ihres Kleids zu fassen. »Auf einem Friedhof? Und er möchte, dass ich auch dorthin komme?« Jennsen sah über ihre Schulter und nickte. »Was in aller Welt tut er auf einem Friedhof?«

Jennsen schluckte. »Als ich ihm diese Frage stellte, sagte er, er sei dabei, die Toten auszugraben.«

10

Auf dem grasbewachsenen Hang, der zum Friedhof hinabführte, vertrieb sich eine in einer ausladenden Trauerweide verborgene Spottdrossel die Nacht damit, unablässig eine Reihe schriller Rufe zu wiederholen, die offenbar den Zweck hatten, ihr Territorium gegen Eindringlinge zu verteidigen. Gewöhnlich konnten die Rufe einer Spottdrossel, selbst wenn sie als Drohung an ihre Artgenossen gedacht waren, in Anns Ohren einen durchaus liebreizenden Klang haben, aber jetzt, in der nächtlichen Stille, gingen ihr die durchdringenden Pfeif-, Schnatter- und Kreischlaute gewaltig auf die Nerven. In der Ferne hörte sie eine weitere Spottdrossel ganz ähnliche Verwünschungen ausstoßen. Offenbar fanden nicht einmal die Vögel ihren Frieden. Jennsen, die sich einen Pfad durch die hohen wilden Gräser bahnte und dabei die Laterne in die Höhe hielt, damit Ann sehen konnte, wohin sie trat, deutete unversehens nach vorn. »Tom meinte, wir würden ihn dort unten finden.«