Vom langen Fußmarsch schweißgebadet, spähte Ann in das Dunkel. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was der Prophet im Schilde führen mochte. All die vielen Jahre, die sie ihn nun schon kannte, hatte er noch nie etwas so Seltsames getan. Gewiss, er hatte sich schon eine Menge Verschrobenheiten geleistet, aber noch nie so etwas wie das hier. Bei einem Mann seines Alters sollte man doch annehmen, dass er seine Zeit nicht früher als unbedingt nötig auf dem Friedhof verbringen wollte.
Sie folgte Richards jüngerer Schwester die Böschung hinab und versuchte, Anschluss zu halten, ohne in Laufschritt zu verfallen. Die halbe Nacht schienen sie schon unterwegs zu sein, und sie war nun völlig außer Atem. Sie hatte von der Existenz dieses Friedhofs, der nahezu vergessen in diesem abgelegenen, unbewohnten Teil der Wildnis lag, gar nichts gewusst und wünschte, sie hätte daran gedacht, etwas von dem Essen in ihrer Kammer mitzunehmen.
»Bist du überhaupt sicher, dass Tom noch hier unten wartet?«
Jennsen schaute über ihre Schulter. »Sollte er jedenfalls. Nathan wollte, dass er Wache steht.«
»Wozu das? Um die anderen Leichenfledderer zu vertreiben?«
»Ich weiß nicht, kann sein«, antwortete Jennsen ohne eine Spur von Amüsiertheit. Ann war nicht besonders begabt darin, andere zum Lachen zu bringen. Sie war gut darin, ihre Knie zum Zittern zu bringen, ja, aber Scherze zu machen war ihr nicht gegeben. Vermutlich war ein Friedhof in einer düsteren Nacht ohnehin nicht der geeignete Ort dafür, auf jeden Fall aber war es der richtige Ort, um weiche Knie zu bekommen.
»Vielleicht hat es Nathan bloß nach Gesellschaft verlangt«, schlug Ann vor. »Ich glaube nicht, dass das der Grund war.« In dem Lattenzaun, mit dem die Ruhestätte der Toten umgeben war, entdeckte Jennsen einen eingefallenen Abschnitt und stieg darüber. »Nathan bat mich, Euch hierher zu bringen, außerdem wollte er, dass Tom dableibt und den Friedhof bewacht – ich glaube, um die Gewähr zu haben, dass sich niemand in der Nähe herumtreibt, von dem er nichts weiß.«
Nathan liebte es, andere herumzukommandieren, vermutlich konnte er als mit der Gabe gesegneter Rahl gar nicht anders. Gut möglich, dass das Ganze nichts weiter war als ein Vorwand, um Jennsen, Tom und Ann auf sein Kommando herumspringen zu lassen. Der Prophet hatte einen gewissen Hang zu Dramatik, und ein Friedhof war durchaus dazu angetan, den angemessenen Rahmen dafür zu liefern. In Wahrheit wäre Ann in diesem Augenblick froh gewesen, wenn es sich um nichts weiter als um eine schrullige Eigenart Nathans gehandelt hätte. Dummerweise beschlich sie das unbehagliche Gefühl, dass es keineswegs um etwas so Simples, um etwas so Harmloses wie ein bisschen Theatralik ging. Fast von Anbeginn an, und allen widrigen Umständen zum Trotz, war er Anns Vertrauter und Verbündeter gewesen im Kampf gegen den Hüter und dessen Versuch, in der Welt des Lebendigen Fuß zu fassen, sowie gegen das Bestreben aller boshaften Menschen, Unschuldigen nach Belieben ihren Willen aufzuzwingen. Er war es schließlich auch gewesen, der ihr als Erster, fünfhundert Jahre vor dessen voraussichtlicher Geburt, eine sich auf Richard beziehende Prophezeiung gezeigt hatte.
Ann ertappte sich bei dem Wunsch, dass es nicht dunkel wäre und sie sich nicht auf einem Friedhof befänden. Und dass Jennsen nicht so lange Beine hätte.
Plötzlich fiel es Ann wie Schuppen von den Augen, warum Nathan Tom als Wachposten brauchte, »um die Gewähr zu haben, dass niemand sich in der Nähe herumtreibt, von dem er nichts weiß«, wie Jennsen sich ausgedrückt hatte. Die Menschen in Bandakar waren wie Jennsen völlig unbeleckt von der Gabe, ihnen fehlte selbst jener winzige Funke der Gabe des Schöpfers, den alle anderen Menschen in sich trugen – eine entscheidende Gemeinsamkeit, aufgrund derer sie alle der Wirklichkeit und dem Wesen der Magie unterworfen waren. Für diese Menschen hingegen existierte Magie ganz einfach nicht. Das Fehlen dieses angeborenen Kerns der Gabe machte die von der Gabe völlig Unbeleckten nicht nur immun gegen Magie, sondern zugleich unsichtbar für die Talente der Gabe, da sie schwerlich in Wechselbeziehung zu etwas treten konnten, das für sie nicht existierte.
Auch wenn nur ein Elternteil über das Merkmal des Von-der-Gabe-völlig-unbeleckt-Seins verfügte, wurde dies ausnahmslos an ihre Nachkommen weitervererbt. Ursprünglich waren diese Menschen in die Verbannung geschickt worden, um so die Gabe im Erbgut des Menschen zu erhalten. Es war eine grausame Lösung gewesen, gewiss, aber infolgedessen hatte die Gabe im Menschengeschlecht überlebt. Hätte man nicht zu dieser Lösung gegriffen, hätte die Magie längst aufgehört zu existieren.
Nun waren aber Prophezeiungen ebenfalls Magie und daher gleichermaßen blind gegen diese Menschen. Kein Buch der Prophezeiungen hatte je auch nur ein Wort über die von der Gabe völlig Unbeleckten zu berichten gewusst, und seit Richard dieses Volk entdeckt und seine Verbannung beendet hatte, auch nicht über die Zukunft der Menschheit oder der Magie. Was von nun an geschehen würde, war gänzlich unbekannt. Vermutlich, überlegte Ann, würde Richard dies auch gar nicht anders wollen. Er nahm die Prophezeiungen nicht eben begeistert zur Kenntnis, und obwohl sie eine Vielzahl von Äußerungen über seine Person machten, beachtete Richard sie im Großen und Ganzen nicht. Stattdessen glaubte er an den freien Willen. Die Vorstellung, dass es ihn betreffende Situationen gab, die vorherbestimmt waren, erfüllte ihn mit großer Skepsis.
Alle Dinge des Lebens, ganz besonders aber die Magie, verlangten nach Ausgewogenheit, in gewisser Hinsicht bildete Richards freier Wille also das Gegengewicht zu den Prophezeiungen. Er war der Mittelpunkt eines Strudels einander widerstrebender Kräfte. In Richards Fall versuchten die Prophezeiungen, das Unvorhersehbare vorherzusehen, und doch hatten sie gar keine andere Wahl.
Am besorgniserregendsten war, dass Richards freier Wille ihn zu einer unkalkulierbaren Größe innerhalb der Prophezeiungen machte, selbst in jenen, die seine Person zum Gegenstand hatten. Er war das Chaos inmitten geregelter Strukturen, die Unordnung innerhalb der Ordnung und so launisch wie ein Blitz. Und doch ließ er sich von Wahrheit und Vernunft statt von Launenhaftigkeit oder Zufall lenken, noch handelte er willkürlich. Es war ihr ein Rätsel, wieso er innerhalb der Prophezeiungen das Chaos repräsentieren und dabei gleichzeitig vollkommen verstandesbetont handeln konnte.
Ann war sehr besorgt um Richard, denn diese gegensätzlichen Aspekte der mit der Gabe Gesegneten bildeten bisweilen den Auftakt zu wahnhaftem Verhalten. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnten, war ein Anführer, der unter Wahnvorstellungen litt.
Doch all diese Überlegungen waren eher akademischer Natur. Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, einen Weg zu finden, der garantierte, dass er sich die ihm in den Prophezeiungen vorherbestimmten Ziele zu Eigen machte und seine Bestimmung erfüllte, solange noch Zeit war. Gelang ihnen dies nicht oder scheiterte er, dann war alles verloren.
Vernas Nachricht hatte sich wie ein todbringender Schatten über Anns innerste Gedanken gelegt. Plötzlich tauchte Tom aus dem Dunkel auf. Er hatte ihr Licht gesehen und kam ihnen im hohen Gras entgegen. »Da seid Ihr ja«, begrüßte er Ann. »Nathan wird sich freuen, dass Ihr endlich hier seid. Kommt mit, ich zeige Euch den Weg.«
Nach dem flüchtigen Blick zu urteilen, den sie im trüben Licht der Laterne erhaschen konnte, schien sein Gesicht besorgt.
Der kräftige D’Haraner führte sie tiefer in das Friedhofsgelände, wo an bestimmten Stellen Reihen leicht erhöhter und mit Steinen eingefasster Gräber zu erkennen waren. Offenbar waren sie jüngeren Datums, denn ansonsten konnte Ann nur hohes Gras erkennen, das die Grabsteine sowie die Gräber, die sie markierten, mit der Zeit überwuchert hatte. An einer Stelle waren einige kleine Grabsteine aus Granit zu erkennen, die so verwittert waren, dass es sich nur um außerordentlich alte Gräber handeln konnte. Einige Grabstellen waren mit schlichten Holzkreuzen markiert, in die man Namen geritzt hatte. Die meisten dieser Gedenkzeichen waren längst zu Staub zerfallen, wodurch weite Teile des Friedhofs eher an ein grasbewachsenes Feld erinnerten.