»Weißt du, was das für fette Käfer sind, die unablässig diesen Lärm veranstalten?«, wandte sich Jennsen an Tom.
»Ich bin nicht sicher«, antwortete der. »Ich habe sie noch nie zu Gesicht bekommen. Aber sie scheinen plötzlich überall zu sein.«
Ann lächelte bei sich. »Es sind Zikaden.«
Jennsen warf ihr einen fragenden Blick zu.
»Zikaden. Du wirst sie bestimmt nicht kennen. Bei ihrer letzten Häutung dürftest du noch ein ganz kleines Mädchen gewesen sein und viel zu jung, um dich zu erinnern. Der Lebenszyklus dieser rotäugigen Zikaden beträgt siebzehn Jahre.«
»Siebzehn Jahre!«, rief Jennsen erstaunt. »Soll das heißen, sie kommen nur alle siebzehn Jahre zum Vorschein?«
»So ist es. Sobald sich die Weibchen mit diesen lärmenden Burschen gepaart haben, legen sie ihre Eier in den Ästen ab. Beim Schlüpfen lassen sich die Nymphen dann aus den Bäumen fallen und graben sich ein, um erst siebzehn Jahre später wieder zum Vorschein zu kommen und ihr kurzes Erwachsenendasein zu fristen.«
Erstaunt murmelten Jennsen und Tom etwas, dann setzten sie ihren Weg über das Friedhofsgelände fort. In dem Lichtschein, der aus Jennsens Laterne drang, vermochte Ann außer den Schatten der sich gelegentlich in der schwülwarmen Brise wiegenden Bäume kaum etwas zu erkennen. Während die drei lautlos über den Friedhof hasteten, hielt das unablässige Gezirpe der Zikaden in der Dunkelheit ringsumher unvermindert an. Ann versuchte mithilfe ihres Han in Erfahrung zu bringen, ob sonst noch jemand in der Nähe war, doch außer Tom sowie einer weiteren Person irgendwo etwas weiter vorn, zweifellos Nathan, vermochte sie niemanden zu entdecken. Da Jennsen zu den völlig von der Gabe Unbeleckten gehörte, war sie für Anns Han nicht zu erfühlen.
Wie Richard war auch Jennsen einst von Darken Rahl gezeugt worden. Ihre völlige Unbeflecktheit von der Gabe war ein ebenso überraschender wie unbeabsichtigter Nebeneffekt der Magie eben jener Bande, die jeder mit der Gabe gesegnete Lord Rahl besaß. In früheren Zeiten, als dieses Wesensmerkmal sich zu verbreiten begann, hatte man die von der Gabe völlig Unbeleckten vertrieben und sie in ein vergessenes Land namens Bandakar verbannt. Anschließend hatte man alle nicht mit der Gabe gesegneten Nachkommen des jeweiligen Lord Rahl einfach umgebracht.
Obwohl Ann sich nun schon seit einiger Zeit unter diesen Menschen bewegte, hatte sie sich noch immer nicht daran gewöhnt, wie verwirrend dies mitunter sein konnte. Selbst wenn einer von ihnen unmittelbar vor ihr stand, war er für ihr Talent nicht zu erkennen. Es war eine unheimliche Art von Blindheit und der Verlust eines Sinnes, den sie immer als selbstverständlich betrachtet hatte.
Musste schon Jennsen große Schritte machen, um mit Tom Schritt zu halten, so musste Ann regelrecht in Trab verfallen, wenn sie nicht den Anschluss an die beiden verlieren wollte. Plötzlich – sie umgingen gerade eine kleine Erhebung – türmte sich vor ihnen ein steinernes Grabmal auf. Das Licht der Laterne beschien eine Seite eines rechteckigen Sockels, der ein wenig höher als Ann, aber nicht so groß wie Jennsen war. Der grobe Stein war stark verwittert und wies eine in den Stein gemeißelte Leiste auf, welche die quadratischen Vertiefungen an den Seiten einfasste. Wenn der Stein jemals poliert gewesen war, so war davon jetzt nichts mehr zu erkennen. Im Darüber gleiten enthüllte das Licht der Laterne Schichten einer schmutzigen, durch das hohe Alter bedingten Verfärbung sowie den fleckigen Bewuchs einer senffarbenen Flechte. Auf dem eindrucksvollen Sockel stand eine aus Stein gemeißelte Urne, über deren Rand steinerne Trauben quollen, Nathans Lieblingsfrüchte. Als Tom sie zur Vorderseite des steinernen Grabmals führte, stellte Ann zu ihrer Überraschung fest, dass der rechteckige Steinsockel offenbar aus seiner ursprünglichen Lage gerückt worden war.
Drüben, auf der ihnen abgewandten Seite, drang ein schwacher Lichtschein darunter hervor. Dem Anschein nach war das gesamte Grabmal um seine Achse zur Seite gedreht worden, sodass darunter steinerne Stufen sichtbar wurden, die unter die Erde und zu dem matten Lichtschein hinabführten. Tom warf den beiden einen viel sagenden Blick zu. »Er ist dort unten.«
Leicht vorgebeugt spähte Jennsen in die steil abfallende Höhle hinab. »Dort unten soll Nathan sein, diese Stufen hinunter?«
»Ich fürchte ja«, bestätigte ihr Tom.
»Was ist das für ein Ort?«, erkundigte sich Ann.
Verlegen zuckte Tom mit den Schultern. »Ich fürchte, ich habe keine Ahnung. Bis eben, als Nathan mir zeigte, wo ich ihn finden könne, wusste ich nicht einmal etwas von seiner Existenz. Er trug mir auf, Euch nach Eurem Eintreffen sofort hinunterzuschicken, auf diesen Punkt hat er großen Wert gelegt. Er bat mich, Wache zu stehen und jeden Fremden vom Friedhof fern zu halten. Ich glaube allerdings kaum, dass sich hier noch jemand blicken lässt, und schon gar nicht nachts. Die Leute aus Bandakar gehören nicht eben zu dem Menschenschlag, der das Abenteuer sucht.«
»Im Gegensatz zu Nathan«, murmelte Ann. Sie gab Tom einen Klaps auf seinen muskulösen Arm. »Ich danke dir, mein Junge. Am besten tust du, was Nathan dir aufgetragen hat, und stehst Wache. Ich werde derweil dort hinunterklettern und in Erfahrung bringen, worum es überhaupt geht.«
»Wir steigen zusammen hinunter«, entschied Jennsen.
11
Getrieben von einer Mischung aus Neugier und Besorgnis, machte Ann sich augenblicklich daran, die staubigen Stufen hinab zusteigen. Jennsen folgte ihr dicht auf den Fersen. Ein Absatz zwang sie, sich nach rechts zu wenden, wo eine weitere Treppenflucht in die Tiefe führte. An einem dritten Absatz beschrieb die schier endlose Abfolge von Stufen einen Schwenk nach links. Die staubigen Steinwände standen unangenehm dicht beieinander, die Decke war bedrückend niedrig, selbst für Ann. Jennsen musste sogar den Kopf einziehen. Ann war, als würde sie durch einen modrigen Schlund in den Bauch des Friedhofs gesogen. Am Fuß der Treppe blieb sie ungläubig kurz stehen und starrte. Jennsen stieß einen leisen Pfiff aus. Vor ihnen tat sich nicht etwa ein Kerker auf, sondern ein seltsam verwinkelter Raum, wie Ann ihn noch nie gesehen hatte. Die Steinwände schwenkten in unregelmäßigen, immer wieder anders und ohne erkennbaren Bezug zu den übrigen Seitenflächen gestalteten Winkeln mal zur einen, mal zur anderen Seite ab. Einige der Steinwände waren mit einer Putzschicht bedeckt. Der gesamte Raum schien sich in stetem Hin und Her nach einer Reihe dieser verschlungenen Winkel in der Ferne zu verlieren, wobei er immer wieder hinter Vorsprüngen und vorstehenden Ecken verschwand.
Dem Raum war ein seltsam geordnetes Durcheinander eigen, das Ann als leicht beunruhigend empfand. Die dunklen Nischen da und dort in den verputzten Wänden waren von verblichenen blauen Symbolen und Verzierungen eingerahmt, die stellenweise bereits abgeblättert waren. Inschriften waren ebenfalls zu erkennen, doch sie waren zu alt und verblasst, als dass sie ohne eingehendes Studium zu entziffern gewesen wären. An verschiedenen Stellen vor den verwinkelten Wänden standen Bücherregale sowie einige uralte Holztische, allesamt mit einer dicken Staubschicht bedeckt.
Hinter durchscheinenden Vorhängen aus staubverklebten Spinnweben, inmitten eines Gevierts aus zusammengeschobenen massiven Tischen, stand Nathan. Auf den Tischen rings um ihn her türmten sich mächtige Bücherstapel.
»Ah, da bist du ja endlich«, rief Nathan inmitten seiner Bücherfestung. Ann warf einen Seitenblick auf Jennsen.