»Ehrlich, ich hatte keine Ahnung, dass sich hier unten dieser Raum befindet«, antwortete die junge Frau auf die unausgesprochene Frage, die Ann auf der Zunge lag. In ihren blauen Augen tanzten Lichtpunkte des Kerzenscheins.
Ann sah sich abermals um. »Ich bezweifle, dass überhaupt jemand während der letzten paar tausend Jahre von der Existenz dieses Raumes wusste. Mich würde allerdings interessieren, wie er ihn gefunden hat.«
Nathan klappte ein Buch zu und legte es hinter sich auf einen Stapel. Als er sich wieder herumdrehte, wischte sein glattes weißes Haar über seine Schultern. Er fixierte Ann mit seinen halb geöffneten dunkelblauen Augen. Ann verstand die unausgesprochene Aufforderung hinter Nathans Blick und wandte sich zu Jennsen herum. »Warum gehst du nicht nach oben und wartest bei Tom, Liebes? Es kann einem ziemlich einsam werden, wenn man auf einem Friedhof Wache stehen muss.«
Jennsen wirkte enttäuscht, schien aber zu verstehen, dass die beiden das Bedürfnis hatten, mit dieser Angelegenheit allein gelassen zu werden. Ein kurzes Lächeln, dann sagte sie: »Aber ja. Falls Ihr etwas braucht, ich bin gleich oben.«
Während das Geräusch von Jennsens Schritten allmählich zu einem fernen, hallenden Scharren verebbte, bahnte sich Ann einen gewundenen Pfad zwischen den schleierartigen Spinnweben hindurch. »Nathan, was in aller Welt ist das für ein Ort?«
»Es ist unnötig zu flüstern«, erwiderte er. »Siehst du, wie die Wände in ungleichmäßigen Winkeln abknicken? Dadurch wird das Echo unterdrückt.«
Zu ihrer milden Überraschung hörte Ann sofort, dass er Recht hatte. In kahlen steinernen Räumen entstand normalerweise ein unangenehmes Echo, aber in diesem seltsam verwinkelten Raum war es totenstill. »Irgendetwas an der Form des Raumes erscheint mir merkwürdig vertraut.«
»Ein Tarnbann«, erwiderte der Prophet beiläufig.
Ann runzelte die Stirn. »Ein was?«
»Der Form nach ist das Ganze einem Tarnbann nachempfunden.« Als er den verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte, mit dem sie ihn ansah, wies er auf beide Seiten. »Nicht etwa der Grundriss der Gesamtanlage, also die Anordnung der Räume und der Verlauf der verschiedenen Flure und Gänge – wie im Palast des Volkes –, bildet hier die Bannform, vielmehr ist diese durch die präzise Ausrichtung der Mauern selbst vorgegeben, so als hätte jemand den Bann in großem Maßstab auf den Boden gezeichnet und anschließend die Mauern exakt entlang jener Linie errichtet, ehe er den Bereich dazwischen aushöhlte. Das hat zur Folge, dass wegen der überall einheitlichen Mauerdicke auch die Außenseiten der Mauern den Umrissen der Bannform entsprechen, wodurch das Ganze tendenziell noch verstärkt wird. Ziemlich gerissen, wenn man es recht bedenkt.«
Ein solcher Bann konnte vermutlich nur funktionieren, wenn er mit Blut und unter Zuhilfenahme menschlicher Knochen gezeichnet worden war; von Letzteren dürfte allerdings ein üppiger Vorrat zur Verfügung gestanden haben.
»Da hat jemand ganz offenbar keine Mühen gescheut«, bemerkte Ann, während sie den Raum erneut betrachtete. Jetzt dämmerte ihr auch zum ersten Mal, was es mit einigen der parallel angeordneten Formen und Winkel auf sich hatte. »Und wozu genau dient dieser Ort nun?«
»Darüber bin ich mir noch nicht ganz im Klaren«, erwiderte er mit einem Seufzer. »Ich weiß nämlich nicht, ob diese Bücher mit den Toten zusammen für alle Ewigkeit vergraben oder versteckt werden sollten – oder ob man einen noch ganz anderen Zweck verfolgte.« Er winkte sie mit einer Handbewegung zu sich. »Hier entlang. Ich möchte dir etwas zeigen.«
Ann folgte ihm durch mehrere zickzackförmige Schwenks und um mehrere Biegungen, bis sie in einen Bereich gelangten, wo die Wandnischen zu beiden Seiten in drei Reihen übereinander lagen. Nathan stützte sich mit dem Ellbogen an der Wand ab. »Sieh her«, forderte er sie auf, indem er mit seinem langen Finger nach unten auf eine der niedrigen, bogenförmigen Öffnungen in der Steinwand wies. Ann blieb stehen und spähte hinein. Sie enthielt einen menschlichen Leichnam, von dem außer ein paar in verstaubte Fetzen eines Gewandes gehüllten Knochen nichts mehr übrig war. Ein Ledergürtel umgab die Hüften, während ein breiter Gurt diagonal über eine Schulter lief. Die skelettierten Arme lagen verschränkt über der Brust, und um den Hals waren goldene Ketten drapiert. An der funkelnden Reflexion des Lichts auf dem an einer der Ketten befestigten Medaillon erkannte Ann, dass Nathan es zum Betrachten in die Hand genommen und dabei den Staub mit den Fingern entfernt haben musste. »Irgendeine Idee, wer es sein könnte?«, fragte sie, nachdem sie sich wieder aufgerichtet und die Hände vor dem Körper verschränkt hatte.
Nathan beugte sich ganz nah zu ihr.
»Ich glaube, er war ein Prophet.«
»Ich dachte, es sei überflüssig zu flüstern.«
Er zog eine Braue hoch und richtete sich ebenfalls wieder auf. »Es liegen noch eine ganze Reihe anderer Personen hier begraben.« Mit einer fahrigen Handbewegung deutete er in das Dunkel. »Gleich dort hinten.«
Ann fragte sich, ob das womöglich auch alles Propheten sein konnten. »Und was ist mit den Büchern?«
Wieder beugte sich Nathan zu ihr herab, und wieder sprach er mit gesenkter Stimme. »Prophezeiungen.«
Sie runzelte die Stirn und blickte den Weg zurück, den sie gekommen waren. »Prophezeiungen? Soll das etwa heißen, ausnahmslos? Alle diese Bücher enthalten Prophezeiungen?«
»Die meisten, ja.«
Ein aufgeregtes Kribbeln flutete durch ihren Körper. Bücher mit Prophezeiungen waren unschätzbar wertvoll, sie galten als höchst seltene Kleinode. Bücher wie diese dienten der Orientierung, sie konnten ihnen vergebliche Mühen ersparen, Lücken in ihrem Wissen füllen und ihnen dringend benötigte Antworten liefern, Antworten, die sie jetzt vielleicht mehr als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Geschichte brauchten. Sie mussten unbedingt mehr über die entscheidende Schlacht in Erfahrung bringen, in der Richard sie angeblich anführen sollte. Bislang hatten sie noch nicht einmal in Erfahrung bringen können, wann diese Schlacht überhaupt stattfinden sollte – wegen der oft vorhandenen Unklarheit der Prophezeiungen konnte sie womöglich noch viele Jahre auf sich warten lassen, ja, es war sogar denkbar, dass sie erst stattfinden würde, wenn Richard bereits ein alter Mann wäre. Angesichts der ungeheuren Schwierigkeiten, auf die sie in den vergangenen Jahren gestoßen waren, konnten sie nur hoffen, dass sie noch ein paar Jahre entfernt war und ihnen somit Zeit zur Vorbereitung bliebe. Dabei konnten Prophezeiungen durchaus eine nützliche Hilfe sein. In den Kellergewölben des Palasts der Propheten waren tausende Bände mit Prophezeiungen eingelagert gewesen, die man jedoch ausnahmslos zusammen mit dem Palast vernichtet hatte, um zu verhindern, dass sie Kaiser Jagang in die Hände fielen. Es war allemal besser, diese Werke für alle Zeiten zu verlieren, als dem Bösen Einblick zu gewähren.
Andererseits hatte niemand Kenntnis von diesem unter einem Tarnbann verborgenen Ort. Schwindel erregende Möglichkeiten wirbelten Ann durch den Kopf.
»Nathan ... das ist ja wunderbar.«
Sie drehte sich um und sah ihn an. Als er sie daraufhin mit einem Blick betrachtete, der sie nervös machte, legte sie ihm eine Hand auf den Arm.
»Nathan, das ist mehr, als wir uns jemals erhoffen konnten.«
»Es ist sogar erheblich mehr«, erwiderte er düster und schickte sich an zurückzugehen. »Es gibt hier Bücher, die mich an meinem Verstand zweifeln lassen«, setzte er mit einer unwirschen Armbewegung hinzu. »Ah«, spöttelte sie, während sie ihm dicht auf den Fersen folgte. »Endlich haben wir die Bestätigung.«
Er blieb abrupt stehen und maß sie mit durchdringendem Blick. »Darüber macht man keine Scherze.«
Ann spürte, wie eine Gänsehaut ihre Arme heraufkroch. »Dann zeig es mir«, sagte sie, plötzlich ernst. »Was hast du herausgefunden?«
Er schüttelte den Kopf, als wäre sein vorübergehender Anfall von Missmut verflogen. »Dessen bin ich mir nicht einmal sicher.« Von seinem üblicherweise lauten Wesen war nicht mehr viel zu spüren, als er sich zwischen den Tischen hindurchzwängte, die er zusammengeschoben hatte. Seine düstere Stimmung wich einer gewissen Vorsicht. »Ich habe damit begonnen, die Bücher zu ordnen.«