Ann wollte ihn zur Eile drängen und endlich auf den Kern seiner Entdeckung zu sprechen kommen, andererseits wusste sie, dass man Nathan in diesem beunruhigten und verwirrten Zustand die Dinge am besten auf seine Art erklären ließ, erst recht, wenn es um geheimnisvolle Vermutungen ging. »Zu ordnen?«
Er nickte. »Diese hier, auf diesem Stapel, scheinen mir für uns nur bedingt von Nutzen zu sein. Die meisten bestehen aus längst überholten Prophezeiungen, enthalten nur belanglose Aufzeichnungen oder sind in unbekannten Sprachen abgefasst – und Ähnliches mehr.«
Er drehte sich um und ließ seine Hand geräuschvoll auf einen anderen Stapel fallen. Eine Staubwolke stieg auf. »Dies hier sind alles Bücher, die wir auch damals im Palast hatten.« Er fuchtelte mit seiner Hand vor den hoch aufgeschichteten Bücherstapeln auf dem Tisch hinter ihm hin und her. »Ausnahmslos, der ganze Tisch.«
Die Augen staunend aufgerissen, ließ Ann den Blick über die Regale und Mauernischen wandern, die sich bis in den Hintergrund des eigenartigen Raumes erstreckten. »Aber außer denen, die du hier auf den Tischen liegen hast, steht hier doch noch eine Unmenge von anderen Büchern herum. Das ist doch nur ein winziger Bruchteil.«
»Ganz recht. Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen, sie mir alle anzusehen, deshalb habe ich schließlich auch beschlossen, es wäre besser, Tom nach dir zu schicken. Zum einen wollte ich, dass du siehst, was ich gefunden habe, aber darüber hinaus gibt es natürlich auch noch eine Menge Lesearbeit zu erledigen. Ich habe immer jeweils ein Buch herausgenommen, es durchgesehen und es anschließend einem der Stapel hier auf den Tischen zugeordnet.«
Ann fragte sich, wie viele Bücher nach tausenden von Jahren unter der Erde noch entwicklungsfähige Prophezeiungen enthalten, also noch brauchbar sein mochten. Sie hatte auch früher schon durch die Einwirkung von Zeit und Elementen – insbesondere durch Schimmel und Wasser – zerstörte Bücher entdeckt. Prüfend ließ sie den Blick über Wände und Decke schweifen, konnte aber nichts entdecken, was auf das Eindringen von Wasser hätte schließen lassen.
»Auf den ersten Blick scheint keines dieser Bücher einen Wasserschaden aufzuweisen. Wieso ist dieser unterirdische Ort so trocken? Man sollte doch annehmen, dass das Wasser durch die Mauerfugen dringt und alles hier unten mit Feuchtigkeit und Moder durchzieht. Ich finde es fast unglaublich, dass sie in so gutem Zustand zu sein scheinen.«
»Wobei scheinen das entscheidende Wort ist«, gab Nathan im Flüsterton zurück. Sie drehte sich herum und musterte ihn fragend. »Was willst du damit sagen?«
Gereizt winkte er ab. »Gleich, Augenblick noch. Das Interessante ist, Decken und Wände wurden, um den Schutz gegen das Wasser zu verbessern, mit Blei verkleidet. Darüber hinaus jedoch ist dieser Ort von einem magischen Schild umgeben, um den Schutz noch zu verstärken. Übrigens war auch der Eingang mit einem Schild gesichert.«
»Aber das Volk Bandakars besitzt keinerlei magische Kräfte, und ihr Land war hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Im Übrigen gab es niemanden, der über magische Kräfte verfügte, gegen den man die Gruft hätte sichern müssen.«
»Immerhin hat das Siegel ihres geächteten Landes letztendlich versagt«, erinnerte sie Nathan. »Ja, das ist wohl wahr.« Nachdenklich tippte sich Ann mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. »Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte.«
Nathan zuckte mit den Achseln. »Das Wie ist im Moment gar nicht so wichtig, obwohl der Gedanke auch mich beunruhigt.«
Er machte eine Handbewegung, wie um das Thema abzuschließen. »Was im Moment entscheidend ist, ist die Tatsache als solche. Wer immer diese Bücher hier eingelagert hat, wollte sie in einem gesicherten Versteck wissen und hat keine Mühen gescheut, dafür zu sorgen, dass dies so bleibt. Die von der Gabe völlig unbeleckten Menschen hier hätten sich von den magischen Schilden nicht abhalten lassen. Das Gewicht des steinernen Grabmals an sich wäre zwar ein Hindernis gewesen, nur hätten sie eben gar keine Veranlassung gehabt, es überhaupt erst beiseite zu schieben, es sei denn, sie hätten guten Grund zu der Annahme gehabt, dass sich darunter etwas verbirgt. Was könnte einen solchen Verdacht ausgelöst haben? Dass dieser Ort jahrtausendelang unberührt geblieben ist, beweist doch, dass sie von der Existenz dieses Verstecks hier unten nichts geahnt haben. Meiner Meinung nach wurden die Schilde zur Abwehr möglicher Invasoren Bandakars angebracht – wie zum Beispiel der Soldaten Jagangs.«
»Ja, ich denke, das klingt durchaus logisch«, murmelte sie, während sie darüber nachsann. »Demnach waren die Schilde einfach eine Vorsichtsmaßnahme – für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass das Siegel, das über Bandakar lag, jemals erbrochen würde.«
»Oder aber ein Werk der Prophezeiung«, setzte Nathan hinzu.
Ann sah auf. »Schon möglich.« Um solche Schilde zu überwinden, war ein Zauberer von Nathans Fähigkeiten nötig, denn nicht einmal Ann verfügte über die Kräfte, die man brauchte, um einen solchen Schild zu brechen. Zudem wusste sie, dass es in alten Zeiten angebrachte Schilde gab, die nur mithilfe subtraktiver Magie überwunden werden konnten.
»Möglicherweise war die Unterbringung der Bücher hier, an diesem Ort, nur als sichere Aufbewahrungsart für solch wichtige Werke gedacht – für den Fall, dass anderen Werken dieser Art etwas zustößt.«
»Glaubst du wirklich, dass sich jemand dafür diese Mühe gemacht hätte?«
»Nun, immerhin ist der gesamte Buchbestand des Palasts der Propheten verloren gegangen, oder etwa nicht? Bücher mit Prophezeiungen sind stets gefährdet; einige wurden vernichtet, andere fielen in Feindeshand, wieder andere sind schlicht verschollen. Orte wie dieser dienen als eine Art vorsorgliche Abschrift für diese anderen Werke – insbesondere, wenn die Notwendigkeit solcher Vorkehrungen in den Prophezeiungen vorhergesagt wurde.«
»Du könntest Recht haben, schätze ich. Ich habe von diesen seltenen Funden von Prophezeiungen gehört, die man aus Gründen der Bewahrung, oder um sie vor den Augen Unwissender zu schützen, versteckt hat.«
Kopfschüttelnd ließ sie den Blick durch den Raum schweifen. »Trotzdem, von einem Fund von auch nur annähernd diesen Ausmaßen habe ich noch nie gehört.«
Nathan reichte ihr ein Buch, dessen einstmals roter Ledereinband merklich ins Braune verschossen war. Nichtsdestoweniger hatte sein Äußeres, insbesondere die verblassten vergoldeten Rippen des Buchrückens, etwas Vertrautes. Sie klappte den Deckel auf und schlug die erste unbeschriebene Seite um. »Du liebe Güte«, murmelte Ann versonnen, als sie den Titel las. »Glendhills Theorie der Abweichungen. Welch ein erhebendes Gefühl, es wieder in Händen zu halten.« Sie klappte den Einband zu und presste das Buch an die Brust. »Es ist, als sei ein alter Freund von den Toten wieder auferstanden.«
Das Buch war einer ihrer Lieblingstitel zum Thema gegabelte Prophezeiungen gewesen. Es galt als zentrales Werk, das wertvolle Informationen über Richard enthielt, daher hatte sie sich eingehend damit befasst und während der Jahrhunderte, die sie auf seine Geburt wartete, immer wieder darin nachgeschlagen, sodass sie es praktisch auswendig kannte. Als es zusammen mit allen anderen Büchern aus den Gewölbekellern des Palasts der Propheten hatte vernichtet werden müssen, war sie untröstlich gewesen, denn es enthielt nach wie vor eine Unmenge von Informationen über die Unwägbarkeiten dessen, was noch vor ihnen lag. Nathan entnahm einem der Stapel einen weiteren Band und fuchtelte damit, eine Braue herausfordernd hochgezogen, vor ihr herum. »Präzessionen und binäre Umkehrungen.«
»Nein!« Sie riss es ihm förmlich aus den Händen. »Das ist völlig ausgeschlossen.«
In keinem Verzeichnis hatte mit Sicherheit nachgewiesen werden können, dass dieses schwer auffindbare Werk je tatsächlich existiert hatte. Jedes Mal, wenn sie auf Reisen war, hatte Ann es auf Nathans Bitten immer wieder höchstselbst aufzuspüren versucht, sie hatte sogar Schwestern, wann immer diese auf Reisen gingen, mit der Suche danach beauftragt. Ab und zu waren Hinweise aufgetaucht, doch am Ende waren alle diese Spuren in eine Sackgasse gemündet.