Sie blickte zu dem groß gewachsenen Propheten auf. »Ist es echt? Es gibt nicht wenige Darstellungen, in denen bestritten wird, dass es jemals existiert hat.«
»In einigen gilt es als verschollen, in anderen wird es als Mythos bezeichnet. Ich habe ein wenig darin gelesen; nach den Ergänzungen zu bestimmten Zweigen von Prophezeiungen zu urteilen, kann es nur echt oder aber eine brillante Fälschung sein. Um das zu entscheiden, müsste ich mich eingehender damit befassen, aber nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe, neige ich zu der Annahme, dass es echt ist. Außerdem, welchen Sinn hätte es, eine Fälschung zu verstecken? Fälschungen werden gewöhnlich angefertigt, um sie zu Geld zu machen.«
Das war allerdings wahr. »Und es hat all die vielen Jahre hier gelegen, vergraben unter den Gebeinen.«
»Zusammen mit einer Unmenge anderer Bücher, die vermutlich nicht minder wertvoll sind.«
Ann schnalzte mit der Zunge und ließ ihren Blick noch einmal über all die Bücher schweifen, während ihre ehrfürchtige Scheu mit jedem Moment wuchs. »Du bist auf einen Schatz gestoßen, Nathan, einen Schatz von unglaublichem Wert.«
»Schon möglich«, sagte er. Als sie ihm darauf einen verwunderten Blick zuwarf, wuchtete er einen schweren Band von einem anderen Stapel herunter. »Du wirst nicht glauben, was das hier ist. Schlag es auf und lies selbst den Titel.«
Widerstrebend legte Ann Präzessionen und binäre Umkehrungen zur Seite, um den schweren Band in Empfang zu nehmen, den Nathan ihr reichte. Sie legte ihn ebenfalls auf den Tisch und beugte sich ganz dicht darüber, ehe sie, äußerst behutsam, den Buchdeckel aufklappte. Fassungslos kniff sie die Augen zusammen, dann richtete sie sich wieder auf.
»Die sieben Pflichten von Sellerson!« Offenen Mundes starrte sie den Propheten an. »Aber ich dachte, davon gibt es nur eine einzige Abschrift, und die wurde vernichtet.«
Nathans linker Mundwinkel verzog sich zu einem spitzfindigen Schmunzeln. Er hielt ihr ein weiteres Buch vors Gesicht. »Zwölf letzte Worte über die Vernunft. Zwilling des Schicksals hab ich ebenfalls gefunden.« Mit einer vagen Geste deutete er auf einen Bücherstapel. »Muss irgendwo dazwischen liegen.«
Einen Moment lang arbeitete Anns Kiefer stumm, ehe sie die Worte schließlich hervorbrachte. »Und ich dachte, diese Prophezeiungen wären für alle Zeit verloren.« Er schaute sie nur an, auf den Lippen noch immer dieses eigentümliche Lächeln. Ihre Hand schnellte vor und fasste seinen Arm. »Sollte uns tatsächlich das Glück beschieden sein, dass davon Kopien angefertigt wurden?«
Mit einem Nicken bestätigte Nathan ihre Vermutung, doch dann erlosch sein Lächeln. »’Ann«, erklärte er, während er ihr Zwölf letzte Worte über die Vernunft reichte, »wirf einen Blick hinein und sag mir, was du denkst.«
Verwirrt von der düsteren Miene, die sich über sein Gesicht gebreitet hatte, legte sie das Buch auf einen freien Platz und begann, behutsam die Seiten umzuschlagen. Die Schrift war ein wenig verblasst, wenn auch nicht mehr als in anderen Büchern gleichen Alters. Trotz seiner Betagtheit war es in gutem Zustand und recht gut lesbar.
Bei Zwölf letzte Worte über die Vernunft handelte es sich um einen Band, der zwölf Kernprophezeiungen sowie eine Reihe untergeordneter Verästelungen enthielt. Diese untergeordneten Verästelungen stellten, sofern sie sorgfältig durch Querverweise abgesichert waren, die Verbindung von tatsächlichen Ereignissen zu einer Reihe von anderen Büchern der Prophezeiungen her, die sich anderweitig unmöglich in die korrekte zeitliche Reihenfolge bringen ließen. Die zwölf Kernprophezeiungen selbst waren im Grunde gar nicht so wichtig, vielmehr waren es die untergeordneten, als Bindeglied zwischen anderen Hauptstämmen und Verzweigungen des Baumes der Prophezeiungen fungierenden Verästelungen, die Zwölf letzte Worte über die Vernunft so unschätzbar wertvoll machten.
Für jeden, der mit Prophezeiungen zu tun hatte, stellte die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse meist die größte Herausforderung dar, denn oft war es unmöglich, festzustellen, ob eine Prophezeiung am nächsten Tag oder erst in hundert Jahren eintreffen würde. Alle Geschehnisse befanden sich in einem Zustand permanenter Veränderung, weshalb die Einordnung einer Prophezeiung in einen zeitlichen Zusammenhang von entscheidender Bedeutung war – nicht nur, um zu erkennen, wann eine spezielle Prophezeiung entwicklungsfähig werden sollte, sondern auch, weil ein Ereignis, das im nächsten Jahr noch von überragender Bedeutung sein mochte, im zeitlichen Zusammenhang des darauf folgenden Jahres vielleicht nicht mehr als eine unbedeutende Begebenheit sein würde. Solange unbekannt war, in welchem Jahr eine Prophezeiung sich erfüllen sollte, wusste man auch nicht, ob sie eine Gefahr verhieß oder nichts weiter war als eine Fußnote. Die meisten Propheten überließen es späteren Generationen, ihre niedergeschriebenen Prophezeiungen zu gegebenem Zeitpunkt in das tatsächliche Geschehen einzuordnen. Ob dies mit Absicht geschah, aus Sorglosigkeit oder weil der Prophet, ganz in Anspruch genommen von seinen Visionen, sich gar nicht bewusst war, wie wichtig – und schwierig – es später sein würde, seine Visionen chronologisch einzuordnen, darüber waren die Meinungen geteilt. Am Beispiel Nathans hatte sie oft beobachten können, dass dem Propheten selbst die Prophezeiungen so klar erschienen, dass er gar nicht begriff, welch ungeheure Mühe es anderen bereiten könnte, sie zu deuten und in das Rätsel des Lebens einzufügen.
»Warte«, stieß Nathan plötzlich hervor, als sie die Seiten umschlug. »Blättere eine Seite zurück.«
Ann sah kurz zu ihm hoch, dann blätterte sie das Pergament wieder zurück. »Da«, sagte Nathan und tippte mit dem Finger auf das Blatt. »Sieh doch. Hier fehlen mehrere Zeilen.«
Ann nahm die kleine Lücke im Text in Augenschein, ohne jedoch zu erkennen, was daran so bedeutsam sein sollte. Es kam oft vor, dass Bücher leere Stellen aufwiesen – aus den unterschiedlichsten Gründen. »Und?«
Statt zu antworten, forderte er sie mit einer ungeduldigen Geste auf fortzufahren. Sie blätterte durch die Seiten, bis Nathan plötzlich seine Hand dazwischenschob, um ihr Einhalt zu gebieten, und mit dem Finger auf eine weitere leere Stelle tippte, um sie darauf aufmerksam zu machen. Unmittelbar darauf drängte er sie weiterzublättern.
Ann fiel auf, dass die leeren Stellen sich zu häufen begannen, bis sie schließlich auf gänzlich unbeschriebene Seiten stieß. Aber selbst das war nichts völlig Unbekanntes. Es gab zahllose Schriften, die einfach mittendrin abbrachen. Man nahm an, dass der Prophet, der an einem solchen Text gearbeitet hatte, höchstwahrscheinlich verstorben war und seine Nachfolger entweder nicht in das Werk ihres Vorgängers eingreifen oder aber sich mit Verzweigungen von Prophezeiungen befassen wollten, die ihnen interessanter oder nützlicher erschienen. »Zwölf letzte Worte über die Vernunft ist eines der raren Bücher der Prophezeiungen in chronologischer Reihenfolge«, erinnerte er sie mit milder Stimme.
Das war ihr natürlich bekannt, schließlich machte gerade dies das Buch zu einem so wertvollen Hilfsmittel, nur vermochte sie sich nicht vorzustellen, warum er es für so wichtig erachtete, sie gesondert darauf hinzuweisen. »Na ja«, meinte Ann mit einem Seufzer, als sie zum Schluss kam, »merkwürdig ist es schon, nehme ich an. Wofür hältst du diese leeren Stellen?«
Statt ihr direkt zu antworten, reichte er ihr ein weiteres Buch. »Unterteilung der Wurzel Burketts. Wirf da mal einen Blick hinein.«
Ann blätterte durch die Seiten eines weiteren Fundes von unschätzbarem Wert, immer auf der Suche nach etwas Ungewöhnlichem, bis sie auf drei leere Seiten stieß, hinter denen weitere Prophezeiungen folgten. Allmählich machten Nathans Spielchen sie ungehalten. »Wonach soll ich hier denn überhaupt suchen?«