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»Nathan, das ist doch einfach nicht – ich meine, ich wüsste wirklich nicht...«, stammelte Ann konsterniert. »Hier«, unterbrach er sie und schnappte sich ein hinter ihm liegendes Buch. »Gesammelte Ursprünge. Ich bin sicher, du erinnerst dich.«

Voller Ehrfurcht nahm Ann das Buch aus seinen Händen entgegen. »Oh, Nathan, natürlich erinnere ich mich. Wie könnte man ein so unscheinbares und dennoch wundervolles Buch vergessen?«

Bei Gesammelte Ursprünge handelte es sich insofern um eine äußerst seltene Prophezeiung, als sie von Anfang bis Ende in Form einer Geschichte verfasst war. Ann mochte die Geschichte sehr, sie hatte eine Schwäche für Abenteuer- und Liebeserzählungen, auch wenn sie das anderen gegenüber nie eingestehen mochte. Der Umstand, dass es sich bei dieser romantischen Erzählung in Wahrheit um eine Prophezeiung handelte, bot also praktisch die Gewähr dafür, dass sie bestens mit ihr vertraut war.

Lächelnd klappte sie den Einband des schmalen Büchleins auf.

Die Seiten waren leer – alle.

»Erklär mir«, sagte Nathan mit der ruhigen, Achtung gebietenden, sonoren Stimme eines Rahl, »wovon Gesammelte Ursprünge handelt.«

Ann öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort hervor.

»Dann nenn mir bitte«, fuhr Nathan in der ihm eigenen ruhigen, kraftvollen Stimme fort, die Steine zum Bersten bringen zu können schien, »eine einzige Zeile aus deinem ach so geliebten Buch. Erzähl mir, von wem es handelt. Erzähl mir, wie es anfängt, womit es endet, oder irgendeine Begebenheit aus der Mitte.«

In ihrem Gedächtnis herrschte völlige, absolute Leere.

Als sie aufsah und in Nathans durchdringende Augen schaute, beugte er sich näher zu ihr hin. »Erzähl mir irgendetwas, an das du dich aus diesem Buch erinnerst.«

»Nathan«, brachte sie schließlich, die Augen weit aufgerissen, mit leiser Stimme hervor, »du hattest dieses Buch so oft auf deinem Zimmer, du kennst es besser als ich. Was ist dir aus Gesammelte Ursprünge im Gedächtnis geblieben?«

»Nicht... ein einziges... Wort.«

12

Ann musste schlucken. »Wie ist es möglich, Nathan, dass wir uns beide nicht an ein Buch erinnern können, das wir so sehr schätzen wie dieses? Und wie kommt es, dass die Teile, die uns beiden entfallen sind, mit den Leerstellen übereinstimmen?«

»Nun, das ist in der Tat eine sehr gute Frage.«

Plötzlich kam ihr eine Idee, und sie sog hörbar den Atem ein. »Ein Bann. Es kann nur so sein, dass diese Bücher verzaubert worden sind.«

Nathan zog eine Grimasse. »Wie bitte?«

»Es kommt häufiger vor, dass Bücher verzaubert werden, um ihren Inhalt zu schützen. Bei einem Buch der Prophezeiungen ist mir das zwar noch nicht begegnet, aber bei Lehrbüchern der Magie ist das durchaus gängige Praxis. Diese Gruft wurde zum Zweck der Tarnung angelegt. Vielleicht ist es genau das, was mit den hier aufbewahrten Informationen derzeit geschieht.«

Ein solcher Bann wurde in dem Moment aktiv, da eine andere als die korrekte, über die erforderlichen magischen Kräfte verfügende Person die Gruft öffnete; es kam sogar vor, dass solche Banne auf bestimmte Personen abgestimmt wurden. Die übliche Funktionsweise dieses Schutzes sah vor, dass alles, was ein Unbefugter in einem nicht für ihn bestimmten Buch gesehen hatte, aus seinem Gedächtnis gelöscht wurde. Sehen und Vergessen waren eins.

Nathan antwortete nicht, aber seine düstere Miene hellte sich etwas auf, als er sich ihren Einfall durch den Kopf gehen ließ. Es war seinem Gesichtsausdruck anzusehen, dass er noch immer zweifelte, ob ihre Theorie die Lösung war, aber offenbar mochte er den Punkt im Augenblick nicht weiter diskutieren – vermutlich, weil er sich wichtigeren Dingen zuzuwenden beabsichtigte.

Und tatsächlich, kurz darauf tippte er mit dem Finger auf einen kleinen, etwas abseits stehenden Bücherstapel. »Diese Bücher«, sagte er mit gewichtigem Unterton, »handeln überwiegend von Richard. Die meisten von ihnen habe ich vorher noch nie zu Gesicht bekommen. Ich finde es bedenklich, dass solche Schriften, von denen die meisten übrigens längere Passagen leerer Seiten aufweisen, an einem Ort wie diesem unzugänglich gemacht wurden.«

Dass eine so große Zahl von Büchern der Prophezeiung, insbesondere, da sie Richard betrafen, sich niemals im Palast der Propheten befunden hatte, war in der Tat überaus beunruhigend. Schließlich hatte sie fünf Jahrhunderte lang die Welt nach Abschriften sämtlicher auffindbarer Texte durchstöbert, die auch nur den geringsten Hinweis auf Richard enthielten.

Ann kratzte sich an einer Augenbraue und versuchte, sich darüber klar zu werden, was dieser Umstand bedeutete. »Hast du etwas herausfinden können?«

Nathan nahm den obersten Band zur Hand und klappte das Buch auf. »Also, zum einen bereitet mir dieses Symbol hier Kopfzerbrechen. Es handelt sich um eine äußerst seltene Form der Prophezeiung, abgegeben zu einer Zeit, als der Prophet von Offenbarungen geradezu bestürmt wurde. Für gewöhnlich werden sinnbildhafte Prophezeiungen dieser Art unter dem Einfluss besonders eindringlicher Visionen gezeichnet, wenn das Niederschreiben zu viel Zeit in Anspruch nehmen und den Fluss der durch den Sinn schießenden Eindrücke stören würde.«

Anns Kenntnisse dieser symbolischen Prophezeiungen waren eher bescheiden, gleichwohl erinnerte sie sich, einige davon in den Gewölbekellern des Palasts der Propheten gesehen zu haben. Damals hatte Nathan ihr gegenüber nie erwähnt, was es mit ihnen auf sich hatte, und außer ihm wusste es niemand – es war eines seiner kleinen, tausendjährigen Geheimnisse.

Sie beugte sich darüber und betrachtete aufmerksam die verschlungene Zeichnung, die den größten Teil einer ganzen Seite einnahm. Nicht eine einzige gerade Linie wies sie auf und bestand ausschließlich aus ineinander verschlungenen Schnörkeln und Bogen, die sich auf verwirrende Weise zu einem kreisrunden Muster verbanden, das auf seltsame Weise beinahe lebendig wirkte. Hier und da hatte sich die Feder mit großer Kraft in das Pergament gebohrt und dort, wo sich die beiden Hälften der Federspitze unter dem Druck auseinander gebogen hatten, parallele Furchen in die faserige Oberfläche geritzt. Ann hielt das Buch näher an eine Kerze und untersuchte sorgfältig eine seltsame, besonders aufgeraute Stelle, bis sie in einem uralten, eingetrockneten Tintenklecks einen hauchfeinen spitzen Metallsplitter entdeckte: Eine Hälfte der Federspitze war beim Aufsetzen auf das Pergament abgebrochen und steckte noch immer im Papier. Unmittelbar dahinter setzte der sauberere, wenngleich nicht minder kraftvolle Strich einer frischen Federspitze an. Nichts an dieser Federzeichnung erinnerte an einen erkennbaren Gegenstand – es schien sich um eine rein abstrakte Figur zu handeln –, und doch war sie aus irgendeinem Grund zutiefst verstörend, sodass sich ihr die Nackenhaare sträubten. Ihr war, als würde sich ihre Bedeutung jeden Moment offenbaren, nur um sich im letzten Moment doch wieder in einen Bereich jenseits ihres Bewusstseins. zurückzuziehen. »Was ist das?« Sie legte das Buch auf den Tisch, die Seite mit der Zeichnung aufgeschlagen. »Was bedeutet es?«

Nathan strich sich mit dem Finger über sein kräftiges Kinn. »Das lässt sich nur schwer erklären. Mir fehlen die Worte, um exakt zu beschreiben, welches Bild mir in den Sinn kommt, wenn ich sie vor mir sehe.«