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»Meinst du«, fragte Ann im Tonfall übertriebener Geduld und verschränkte ihre Hände, »du könntest dir eventuell ein wenig Mühe geben und mir das Bild vor deinem inneren Auge, so gut es geht, beschreiben?«

Nathan betrachtete sie mit einem schrägen Seitenblick. »Die einzigen passenden Worte, die mir in den Sinn kommen, lauten ›die Bestie ist im Anmarsch‹.«

»Die Bestie?«

»Ja. Was dieses Bild bedeutet, weiß ich nicht, denn die Prophezeiung ist teilweise verschleiert. Das ist entweder ganz bewusst geschehen, oder aber sie soll etwas darstellen, das mir noch nie zuvor begegnet ist, vielleicht bezieht sie sich auch auf die leeren Seiten und wirkt ohne den dazugehörigen Text für mich nicht richtig lebendig.«

»Und was wird diese im Anmarsch befindliche Bestie tun?«

Nathan klappte den Buchdeckel zu, sodass sie den Titel lesen konnte: Ein Kiesel im Teich. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn.

»Bei dem Symbol handelt es sich um eine anschauliche Warnung«, fügte er erklärend hinzu. Richard war in den Prophezeiungen schon mehrfach als Kiesel im Teich bezeichnet worden, weshalb der Inhalt eines solchen Buches vermutlich von unschätzbarem Wert war – wenn er denn vorhanden wäre. »Mit anderen Worten, deiner Meinung nach handelt es sich um eine an Richard gerichtete Warnung, dass irgendeine Art Bestie im Anmarsch ist?«

Nathan nickte. »Das ist in etwa alles, was ich dem entnehmen kann – das, sowie einen vagen Eindruck von der unheimlichen Aura, die dieses Wesen umgibt.«

»Diese Bestie.«

»Ja. Zugunsten eines besseren Verständnisses wäre eine Kenntnis des der Zeichnung vorausgehenden Begleittextes dringend erforderlich – dann hätte man auf das Wesen dieser Bestie schließen können, aber dieser Text fehlt ja leider – wie auch die nachfolgenden Verzweigungen. Es gibt also keine Möglichkeit, die Warnung in einen inhaltlichen oder zeitlichen Zusammenhang zu stellen. Soweit ich es beurteilen kann, könnte es sich ebenso gut um etwas handeln, dem er bereits erfolgreich die Stirn geboten hat, oder aber um eine Gefahr, der er erst im hohen Alter zum Opfer fallen könnte. Ohne wenigstens einen Teil der begleitenden Prophezeiung oder einen Zusammenhang lässt sich das einfach nicht mit Bestimmtheit sagen.«

Gewiss, für das Verständnis von Prophezeiungen war die zeitliche Einordnung unverzichtbar, aber angesichts des Grauens, das sie beim Betrachten der Zeichnung überkam, bezweifelte Ann stark, dass es sich um etwas handelte, dem Richard bereits erfolgreich die Stirn geboten hatte. »Vielleicht ist es ja als Metapher gedacht. Schließlich lässt sich Jagangs Armee durchaus als unheimliche Bestie beschreiben, die alles niedermetzelt, was sich ihr in den Weg stellt. Für freie Menschen, und besonders für Richard, gleicht die Imperiale Ordnung einer Bestie, die gekommen ist, um alles zu vernichten, was ihnen lieb und teuer ist.«

Nathan zuckte mit den Schultern. »Das könnte die Erklärung sein. Ich weiß es nur eben nicht.«

Er zögerte kurz, ehe er fortfuhr. »Es gibt noch einen weiteren beunruhigenden verdeckten Ratschlag, der sich nicht nur in diesem, sondern auch in mehreren anderen Büchern findet« – er warf ihr einen äußerst bedeutungsschwangeren Blick zu –, »Büchern, die ich nie zuvor gesehen habe.«

Auch Ann empfand die Tatsache als verstörend, dass all diese Schriften in einer derart merkwürdigen unterirdischen Friedhofsgruft verborgen lagen – aus einer Vielzahl von Gründen. Mit einer Handbewegung wies Nathan abermals auf die sich über die vier großen Tische verteilenden Bücherstapel. »Hier befinden sich zweifellos Abschriften von einer Reihe Bücher, die wir von früher her kennen – ich habe sie dir gezeigt –, aber die meisten Schriften hier sind neu für mich. Es ist noch nie da gewesen, dass eine Bibliothek in diesem Ausmaß vom Kanon der klassischen Meisterwerke abweicht. Gewiss, jede Bibliothek verfügt über einen Bestand an einzigartigen Titeln, aber an diesem Ort fühlt man sich, als hätte es einen in eine völlig andere Welt verschlagen. Fast jeder Band hier unten ist eine erstaunliche Neuentdeckung.«

Unversehens erwachte Anns Misstrauen, denn sie hatte das unheimliche Gefühl, dass Nathan zu guter Letzt im Zentrum jenes Labyrinths angekommen war, das sein Geist durchwanderte. Ein Detail, das er eben erwähnt hatte, kam aus dem Hintergrund ihrer Gedanken an die Oberfläche. »Einen Ratschlag?«, hakte sie misstrauisch nach. »Welcher Art?«

»Dem Leser, dessen Interesse nicht allgemeiner Natur ist, sondern der vielmehr Grund hat, sich umfassendere und speziellere Kenntnisse über die darin behandelten Themen zu verschaffen, wird empfohlen, die einschlägigen bei den Gebeinen aufbewahrten Bände zu konsultieren.«

Anns Stirn furchte sich noch tiefer. »Bei den Gebeinen aufbewahrte Bände?«

»Ja. Verstecke wie dieses werden darin als ›zentrale Stätten‹ bezeichnet.« Erneut beugte sich Nathan vor, nicht ganz unähnlich einem Waschweib, das jede Menge böswilligen Tratsch loswerden will. »Von diesen centralen Stätten‹ ist an einer Vielzahl von Stellen die Rede, aber bislang konnte ich nur eine einzige finden, wo einer dieser Orte namentlich genannt wird: die Katakomben unter den Gewölbekellern im Palast der Propheten.«

Ann klappte der Unterkiefer runter. »Katakomben ... das ist doch abwegig. Unter dem Palast der Propheten gab es keinen solchen Ort.«

»Nicht, soweit wir wissen«, erwiderte Nathan ernst. »Was aber nicht bedeutet, dass er nicht existiert.«

»Aber ... aber«, stammelte Ann, »das ist schlicht unmöglich. Ausgeschlossen. So etwas hätte niemals unbemerkt bleiben können. In all den Jahren, die die Schwestern dort lebten, hätten wir davon erfahren.«

Nathan zuckte mit den Schultern. »Während all dieser Zeit wusste auch niemand etwas von diesem Ort hier unter den Gebeinen.«

»Aber hier wohnte auch niemand unmittelbar darüber.«

»Und wenn die Existenz der Katakomben unter dem Palast nicht allgemein bekannt war? Schließlich wissen wir nur sehr wenig über die Zauberer aus jener Zeit – und nicht eben viel über die Personen, die maßgeblich an der Errichtung des Palasts der Propheten beteiligt waren. Es könnte doch sein, dass sie ihre Gründe hatten, einen solchen Ort geheim zu halten – genau wie diesen Ort.«

Nathan hob eine Augenbraue. »Angenommen, der Zweck des Palasts – die Ausbildung junger Zauberer – war Teil eines ausgeklügelten Ablenkungsmanövers, um die Existenz der verborgenen Lagerstätten geheim zu halten?«

Ann spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. »Willst du damit etwa andeuten, unsere Mission sei sinnlos gewesen? Wie kannst du es wagen, auch nur anzudeuten, wir hätten unser ganzes Leben nichts anderem als einer Illusion gewidmet und das Leben der mit der Gabe Gesegneten wäre verschont worden, wenn wir ...«

»Ich deute nichts dergleichen an. Ich behaupte ja gar nicht, dass die Schwestern hinters Licht geführt worden seien oder das Leben der mit der Gabe gesegneten Knaben durch ihr Tun nicht verschont worden wäre. Ich sage lediglich, diese Bücher lassen den Schluss zu, dass möglicherweise mehr dahintersteckte. Angenommen, es ging nicht nur darum, einen Ort zu haben, an dem die Schwestern ihrer nützlichen Berufung nachgehen konnten, sondern man verfolgte mit diesem Ort noch einen höheren Zweck? Denk doch nur an den Friedhof über uns: Obwohl er seinen Zweck erfüllt, stellt er gleichzeitig eine praktische Tarnung dar, hinter der sich dieses Lager verbergen lässt. Vielleicht wurden diese Katakomben ganz bewusst vor mehr als tausend Jahren in der Absicht verschlossen, sie zu verstecken? Wenn dem so ist, entsprach es der ursprünglichen Absicht, dass wir niemals von ihrer Existenz erfahren haben. Wenn es ein geheimes Lager war, dürfte es wohl kaum Aufzeichnungen darüber gegeben haben. Nach den in diesen Schriften gefundenen Hinweisen spricht einiges dafür, dass es zu einer bestimmten Zeit Bücher gab, die man für so verstörend erachtete und die, in einigen Fällen, derart gefährliche Banne enthielten, dass man entschied, sie müssten als Vorsichtsmaßnahme an einigen wenigen centralen Stätten‹ unter Verschluss gehalten werden, um zu verhindern, dass sie in Umlauf gerieten und, wie bei den meisten Prophezeiungen gebräuchliche Praxis, kopiert wurden. Gibt es eine bessere Methode, den Zugang zu ihnen zu beschränken? In diesen Hinweisen ist von ›bei den Gebeinen eingelagerten Büchern‹ die Rede, ich vermute daher, dass es sich bei diesen anderen centralen Stätten‹ womöglich um ganz ähnliche Katakomben handelt, wie zum Beispiel jene, die sich angeblich unter dem Palast der Propheten befanden.«