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Langsam schüttelte Ann den Kopf und versuchte, dies alles aufzunehmen, versuchte, sich vorzustellen, ob auch nur die vage Möglichkeit bestand, dass es stimmen könnte. Ihr Blick fiel abermals auf den Tisch mit den Stapeln von Büchern, die größtenteils von Richard handelten und die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Ann machte eine Handbewegung. »Und diese hier?«

»Ich wünsche mir fast, ich hätte nie gelesen, was du dort siehst.«

Ann krallte ihre Hand in seinen Ärmel. »Warum das? Was hast du dort gelesen?«

Er schien sich wieder zu fangen, machte eine wegwerfende Handbewegung und wechselte nach einem kurzen Lächeln das Thema.

»Das Besorgniserregendste an den Leerstellen in den Büchern ist meiner Ansicht nach, dass sich eine Art roter Faden durch sie hindurchzieht. Obwohl es sich nicht bei allen fehlenden Textstellen um Prophezeiungen über Richard handelte, habe ich herausgefunden, dass sie eins gemeinsam haben.«

»Und das wäre?«

Nathan hob einen Finger, um seiner Argumentation größeren Nachdruck zu verleihen. »Alle fehlenden Textpassagen entstammen Prophezeiungen, welche die Zeit nach Richards Geburt betreffen. Die Abschriften jener Prophezeiungen hingegen, die sich auf einen Zeitpunkt vor oder um Richards Geburt beziehen, weisen keine einzige Leerstelle auf.«

Bedächtig verschränkte Ann die Hände und dachte über diese Merkwürdigkeit nach – und wie sie sich vielleicht klären ließe.

»Nun«, sagte sie schließlich. »Es gibt eine Möglichkeit, das zu überprüfen. Ich könnte Verna bitten, einen Boten zur Burg der Zauberer in Aydindril zu schicken. Zurzeit hält sich Zedd dort auf, um sie zu sichern und zu verhindern, dass sie Jagang in die Hände fällt. Über den Boten könnten wir Zedd bitten, bestimmte Stellen in seinen Abschriften jener Bücher zu überprüfen, die wir auch hier haben, und auf diese Weise feststellen, ob in ihnen die gleichen Textpassagen fehlen.«

»Ausgezeichnete Idee«, sagte Nathan.

»Angesichts der Größe der Bibliotheken in der Burg dürfte er eine ganze Reihe jener Klassiker über Prophezeiungen besitzen, die wir kennen und die uns hier vorliegen.«

Nathans Miene hellte sich auf. »Noch besser wäre es, wenn wir Verna bitten könnten, jemanden zum Palast des Volkes in D’Hara zu schicken. Bei meinem Aufenthalt dort habe ich viel Zeit in den Palastbibliotheken verbracht und entsinne mich deutlich, Abschriften von einer ganzen Reihe dieser Bücher gesehen zu haben. Wenn wir sie von jemandem überprüfen lassen könnten, würde uns das sagen, ob die Bücher hier verzaubert worden sind, wie du behauptest, und ob es sich um ein auf diese Ausgaben beschränktes oder womöglich weiter verbreitetes Phänomen handelt. Ja, wir müssen Verna augenblicklich bitten, jemanden zum Palast des Volkes zu schicken.«

»Nun, das sollte nicht weiter schwierig sein. Verna ist soeben im Begriff, nach Süden aufzubrechen. Ihre Marschroute wird sie zweifellos in die Nähe des Palasts des Volkes führen.«

Missbilligend blickte Nathan zu ihr herab. »Sie ist auf dem Weg in den Süden? Warum das?«

Anns Stimmung trübte sich. »Etwas früher heute Abend habe ich eine Nachricht von ihr erhalten – unmittelbar bevor ich hierher kam.«

»Und was wusste deine junge Prälatin zu berichten? Was will sie im Süden?«

Resigniert stieß Ann einen tiefen Seufzer aus. »Ich fürchte, es sind nicht die besten Neuigkeiten. Sie schreibt, Jagang habe seine Armee aufgeteilt. Einen Teil seiner gewaltigen Streitmacht will er um das Gebirge herumführen, um von Süden her in D’Hara einzufallen. Verna wird sich mit einem großen Kontingent der d’Haranischen Streitkräfte in Marsch setzen, um sich der Armee der Imperialen Ordnung in den Weg zu stellen und sie letztendlich aufzuhalten.«

Aus Nathans Gesicht wich das Blut.

»Was hast du da gerade gesagt?«, hauchte er tonlos.

Seine entsetzte Miene verwirrte Ann. »Du meinst, dass Jagang seine Armee aufgeteilt hat?«

Sie hätte es nicht für möglich gehalten, aber das Gesicht des Propheten wurde noch aschfahler. »Mögen die Gütigen Seelen uns beistehen«, entfuhr es ihm leise. »Dafür ist es noch zu früh, wir sind noch nicht bereit.«

Ann spürte ein kribbelndes Gefühl der Angst, das bei ihren Zehen seinen Anfang nahm und langsam ihre Beine heraufkroch. »Nathan, wovon redest du?«

Er fuhr herum und überflog wie von Sinnen die Rücken der sich auf den Tischen stapelnden Folianten. In der Mitte eines Stapels entdeckte er schließlich den gesuchten Band und zog ihn mit einem Ruck heraus, ohne darauf zu achten, dass der Rest des Stapels in sich zusammenstürzte. Leise vor sich hin murmelnd blätterte er hektisch suchend in dem Buch.

»Hier ist es«, sagte er und legte seinen Finger auf die Seite. »Ich bin hier unten auf jede Menge von Prophezeiungen gestoßen, in Büchern, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Leider sind die Prophezeiungen rund um die Entscheidungsschlacht für mich hinter einem Schleier verborgen – mit anderen Worten, ich kann sie nicht als Visionen erkennen –, aber der Text selbst ist beängstigend genug. Dies hier fasst sie ebenso unmissverständlich zusammen wie alle anderen.«

Dicht über den Text gebeugt, las er ihr Folgendes im Schein der Kerze aus dem Buch vor. »Im Jahr der Zikaden, wenn der Vorkämpfer für Selbstaufopferung und Leid unter dem Banner der Menschheit und des Lichts endlich seinen Schwärm teilt, soll dies als Zeichen dafür dienen, dass die Prophezeiung zum Leben erweckt wurde und uns die letzte und entscheidende Schlacht bevorsteht. Seid gewarnt, denn alle wahren Abzweigungen und ihre Ableitungen sind in dieser seherischen Wurzel miteinander verknüpft. Ein einziger Hauptstrang nur zweigt von dieser Verknüpfung der allerersten Ursprünge ab. Wenn der fuer grissa ost drauka in dieser letzten Schlacht nicht die Führung übernimmt, wird die Welt, bereits jetzt am Abgrund ewiger Finsternis, unter ebendiesen schrecklichen Schatten fallen.«

Fuer grissa ost drauka war einer der prophetischen Namen Richards, der einer bekannten, in der alten Sprache des Hoch-D’Haran verfassten Prophezeiung entstammte. Übersetzt bedeutete er: Der Bringer des Todes. Ihn in dieser Prophezeiung mit diesem Namen zu bezeichnen war eine gängige Methode, die beiden Prophezeiungen zu einer gekoppelten Verzweigung zu verbinden.

»Sollten die Zikaden tatsächlich dieses Jahr hervorkommen, wäre das der Beweis, dass die Prophezeiung nicht nur authentisch, sondern aktiv ist.«

Ann drohten die Knie nachzugeben. »Mit dem heutigen Tag haben die Zikaden aus der Erde zu schlüpfen begonnen.«

Nathan starrte auf sie hernieder wie der Schöpfer höchstselbst am Tag des Jüngsten Gerichts. »Damit steht die zeitliche Abfolge fest. Die Prophezeiungen haben sich zu einem Bild gefügt, die Ereignisse sind markiert. Unser Ende ist nah.«

»Gütiger Schöpfer, steh uns bei«, sagte Ann leise.

Nathan steckte das Buch in seine Tasche. »Wir müssen zu Richard.«

Sie nickte bestätigend. »Ja, du hast Recht. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Nathan sah sich um. »Diese Bücher hier können wir auf keinen Fall alle mitnehmen, und um sie zu lesen, fehlt uns die Zeit. Wir müssen dieses Versteck wieder versiegeln wie zuvor und augenblicklich aufbrechen.«

Noch ehe Ann zustimmend nicken konnte, hatte Nathan bereits mit einer ausholenden Armbewegung alle Kerzen gelöscht, nur die Laterne auf der Ecke des einen Tisches brannte noch. Im Vorübergehen nahm er sie mit seiner großen Hand an sich und sagte: »Komm.«