Ann machte ein paar vorsichtige Schritte, um zu ihm aufzuschließen und im winzigen Lichtkegel der Laterne zu bleiben, jetzt, da der Raum in plötzliche Dunkelheit getaucht war. »Bist du sicher, dass wir keines dieser Bücher mitnehmen sollten?«
Der Prophet hastete bereits den engen Treppenschacht hinauf, der sowohl ihn als auch den Lichtkegel der Laterne verschluckte. »Wir können es uns nicht leisten, uns damit zu belasten. Und davon abgesehen: Welches sollten wir mitnehmen?« Er blieb einen Moment stehen und warf einen Blick über die Schulter. Im grellen Licht der Laterne schien sein Gesicht nur aus scharfen Kanten und Linien zu bestehen. »Wir wissen, was die Prophezeiung verheißt, und zum ersten Mal kennen wir jetzt auch die zeitliche Abfolge. Wir müssen zu Richard, er muss bei der Schlacht unbedingt zugegen sein, wenn die Armeen aufeinander prallen, sonst ist alles verloren.«
»Richtig, und außerdem werden wir dafür sorgen müssen, dass er zugegen ist, damit sich der Wortlaut der Prophezeiung erfüllt.«
»Dann sind wir uns also einig«, sagte er, wandte sich um und eilte weiter die Stufen hinauf. Der tunnelartige Treppenschacht war so eng und niedrig, dass er Mühe hatte, sich nach oben zu kämpfen. Oben angekommen, traten sie unter dem schrillen, sirrenden Gesang der Zikaden unvermittelt hinaus in die Nacht. Nathan rief nach Tom und Jennsen. Während sie auf Antwort warteten, wiegten sich die Bäume sachte in der schwülwarmen Brise. In Wahrheit war es nur ein kurzer Augenblick, aber ihnen kam es vor wie eine Ewigkeit, bis die beiden, Tom und Jennsen, sich im Laufschritt aus dem Dunkel schälten. »Was ist denn?«, fragte Jennsen, völlig außer Atem.
Neben ihr zeichnete sich der dunkle Schatten Toms ab. »Gibt es Schwierigkeiten ?«
»Ernsthafte Schwierigkeiten«, bestätigte Nathan.
Ann fand, dass er diesbezüglich ruhig ein wenig zurückhaltender hätte sein können, aber in Anbetracht des Ernstes der Lage war Zurückhaltung vermutlich zwecklos. Er zog das Buch aus der Tasche, das er aus der Bibliothek mitgenommen hatte, und schlug es auf einer leeren Seite auf, wo Teile der Prophezeiung fehlten. »Sag mir, was hier steht«, forderte er Jennsen auf und hielt ihr das Buch unter die Nase. Sie musterte ihn verwirrt.’»Was dort steht? Aber Nathan, die Seite ist vollkommen leer.«
Er brummte unzufrieden. »Damit steht fest, dass auf irgendeine Weise subtraktive Magie daran beteiligt war. Subtraktive Magie ist die Magie der Unterwelt, die Macht des Todes, weshalb sie Jennsen ebenso berührt wie uns.«
Nathan wandte sich wieder zu ihr herum. »Wir sind auf einige Prophezeiungen gestoßen, die Richard betreffen, und müssen ihn unbedingt finden, da sonst Jagang die alles entscheidende Schlacht gewinnen wird.«
Jennsen ließ ein erschrockenes Keuchen hören, Tom stieß einen leisen Pfiff aus. »Kennt ihr seinen derzeitigen Aufenthaltsort?«, fragte Nathan. Ohne Zögern drehte sich Tom ein wenig zur Seite und zeigte mit gestrecktem Arm hinaus in die Nacht, denn seine Bande sagten ihm, was den anderen ihre Gabe nicht vermitteln konnte. »Er ist irgendwo in dieser Richtung, nicht sehr weit entfernt, aber auch nicht gerade in der Nähe.«
Ann spähte in das Dunkel. »Wir müssen unsere Sachen zusammensuchen und gleich beim ersten Tageslicht aufbrechen.«
»Er bewegt sich«, wandte Tom ein. »Ich glaube nicht, dass Ihr ihn, wenn Ihr dort ankommt, noch an derselben Stelle antreffen werdet.«
Nathan stieß einen leisen Fluch aus. »Und es ist unmöglich zu sagen, in welche Richtung sich der Junge bewegt.«
»Ich würde vermuten, er befindet sich auf dem Weg zurück nach Altur’Rang«, sagte Ann. »Mag sein, aber was ist, wenn er dort nicht bleibt?« Er legte Tom eine Hand auf die Schulter. »Du wirst uns begleiten müssen. Du bist einer der verdeckten Beschützer Lord Rahls, und die Angelegenheit ist äußerst wichtig.«
Ann sah, dass Tom das Messer in seinem Gürtel mit fester Hand umklammerte, dessen silbernes Heft mit dem kunstvoll gestalteten Buchstaben »R« verziert war, der für das Haus Rahl stand. Es war eine seltene Waffe, wie sie nur von wenigen Personen getragen wurde, Personen, die im Verborgenen dafür arbeiteten, das Leben des Lord Rahl zu beschützen.
»Selbstverständlich«, erwiderte Tom.
»Ich werde auch mitkommen«, beeilte sich Jennsen hinzuzufügen. »Ich muss nur eben noch ...«
Nathans entschiedenes »Nein« ließ sie verstummen. »Wir brauchen dich hier.«
»Warum denn das?«
»Weil«, Ann bemühte sich um einen etwas einfühlsameren Ton als Nathan, »du Richards Kontakt zu den Menschen hier bist. Sie brauchen dringend Hilfe, um die große weite Welt, die sich eben erst für sie aufgetan hat zu verstehen. Sie sind immer noch anfällig für die Verheißungen der Imperialen Ordnung und könnten sich leicht gegen uns aufwiegeln lassen. Sie haben sich doch eben erst dafür entschieden, für unsere Sache zu kämpfen und sich dem d’Haranischen Reich anzuschließen. Fürs Erste braucht Richard dich hier, und Toms Platz ist hier bei uns, damit er seine Pflicht gegenüber Richard erfüllen kann.«
Panik in den Augen, richtete sie ihren Blick auf Tom. »Aber ich ...«
»Jennsen.« Nathan legte ihr seinen Arm um die Schultern. »Sieh her.« Er deutete den Treppenschacht hinab. »Du weißt, was sich dort unten befindet. Falls uns etwas zustößt, könnte es sein, dass auch Richard davon erfahren muss. Du musst hier bleiben, um diesen Ort in seinem Namen zu bewachen. Das ist wichtig – ebenso wichtig wie der Umstand, dass Tom uns begleitet. Uns geht es bestimmt nicht darum, dir Gefahren zu ersparen, denn in Wahrheit könnte dies noch gefährlicher sein, als sich uns anzuschließen.«
Jennsens Blick wanderte von Nathans Augen zu Anns, bis sie sich widerstrebend den Ernst der Lage eingestehen musste. »Wenn Ihr wirklich der Meinung seid, dass Richard mich hier braucht, dann muss ich eben bleiben.«
Ann berührte das Kinn der jungen Frau sachte mit den Fingerspitzen. »Ich danke dir, mein Kind, dass du einsiehst, wie wichtig dies ist.«
»Wir müssen das Versteck wieder genau so verschließen, wie ich es vorgefunden habe«, erklärte Nathan und fuchtelte nachdrücklich mit den Armen. »Ich werde euch jetzt den Mechanismus zeigen, und wie man ihn bedient. Anschließend müssen wir in den Ort zurück und unsere Sachen zusammensuchen. Bis zum Sonnenaufgang werden wir uns höchstens ein paar Stunden aufs Ohr legen können, aber das lässt sich halt nicht ändern.«
»Es ist ein weiter Fußmarsch hinaus aus Bandakar«, sagte Tom. »Wenn wir Lord Rahl einholen wollen, werden wir uns, sobald wir den Gebirgspass überwunden haben, ein paar Pferde besorgen müssen.«
»Dann ist es also entschieden«, verkündete der Prophet. »Lasst uns das Grab wieder verschließen, und dann brechen wir sofort auf.«
Ann runzelte die Stirn. »Nathan, dieses geheime Bücherversteck hat jahrtausendelang unter diesem Grabstein verborgen gelegen, und all diese Zeit ist niemand dahinter gekommen, dass es sich dort befindet. Wie hast du es nur geschafft, es zu entdecken?«
Nathan hob eine Braue. »Um ehrlich zu sein, ich fand es gar nicht so schwierig.«
Er umging das riesige steinerne Grabmal bis zur Vorderseite und wartete, bis Ann zu ihm aufschloss. Als sie unmittelbar neben ihm stand, hielt er die Laterne in die Höhe. Dort standen nur zwei Worte, gemeißelt in die Oberfläche des uralten Grabsteins: NATHAN RAHL.
13
Es war bereits später Nachmittag, als Victor, Nicci, Cara und Richard in die langen Schatten der Olivenhaine gelangten, welche die südlich der Stadt Altur’Rang gelegenen Hügel bedeckten. Richard hatte keinen Augenblick in seinem forschen Tempo nachgelassen, sodass alle von dem beschwerlichen, wenn auch vergleichsweise kurzen Fußmarsch erschöpft waren. Der eiskalte Regen hatte drückender Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit weichen müssen und war weitergezogen, doch schweißgebadet, wie sie waren, hätte es ebenso gut noch immer regnen können.