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Obwohl bis auf die Knochen müde, fühlte sich Richard besser als noch vor wenigen Tagen. Trotz der ungeheuren Anstrengung fühlte er nach und nach seine Kräfte zurückkehren. Zudem war er erleichtert, dass sie nichts gesehen hatten, was auf die Bestie hingedeutet hätte. Mehr als einmal hatte er die anderen vorausgehen lassen, während er den hinter ihnen liegenden Pfad im Auge behielt, um zu überprüfen, ob sie verfolgt wurden. Da er zu keinem Zeitpunkt auch nur das geringste Anzeichen dafür gesehen hatte, dass ihnen jemand oder etwas auf den Fersen war, konnte er allmählich ein wenig aufatmen. Außerdem mussten sie noch immer die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Niccis Information, Jagang habe ein solches Monster geschaffen, womöglich gar nicht die Erklärung für den Tod von Victors Männern war. Selbst wenn es Jagang, wie sie behauptete, gelungen sein sollte, eine solche Bestie zu erschaffen, so erklärte dies weder den brutalen und mörderischen Überfall, noch war damit gesagt, dass ebendiese Bestie bereits begonnen hatte, Jagd auf ihn zu machen. Aber wenn nicht sie, was dann ? Er vermochte sich nicht einmal ansatzweise vorzustellen, was es gewesen sein konnte.

Lastkarren, Wagen und Menschen bewegten sich in flottem Tempo durch das dichte Gedränge in den Straßen der Innenstadt. Seit seinem letzten Aufenthalt in Altur’Rang schien der Handel noch weiter aufgeblüht zu sein. Einige Passanten erkannten Victor wieder, einige wenige sogar Nicci, die beide nach dem Ausbruch der Revolte eine wichtige Rolle in Altur’Rang gespielt hatten. Es gab auch eine ganze Reihe von Leuten, die Richard wieder erkannten, sei es, weil sie am Abend des Beginns jenes denkwürdigen Aufstandes für ihre Freiheit dabei gewesen waren oder weil sie sein Schwert wieder erkannten. Die einzigartige Waffe in ihrer polierten goldenen und silbernen Scheide war schwerlich zu übersehen, erst recht nicht in der Alten Welt, die noch immer unter der trostlosen Herrschaft der Imperialen Ordnung stand.

Die Leute lächelten ihnen im Vorübergehen zu, tippten zum Gruß an ihren Hut oder schenkten ihnen ein freundliches Nicken. Cara beäugte jedes noch so flüchtige Lächeln mit Argwohn. Richard hätte sich über das aufblühende Leben in Altur’Rang gefreut, wären seine Gedanken nicht um für ihn weitaus wichtigere Dinge gekreist, für deren Erledigung er unbedingt Pferde benötigte. Wegen der vorgerückten Stunde würde es bereits dunkel sein, ehe er hoffen konnte, sich Pferde und Vorräte beschafft zu haben und wieder reisefertig zu sein. Nur widerstrebend mochte er sich mit dem Gedanken anfreunden, die Nacht in Altur’Rang zu verbringen.

Nur zu gut erinnerte Richard sich daran, wie sie, als Nicci ihn zum ersten Mal nach Altur’Rang gebracht hatte, den ganzen Tag für einen Laib Brot hatten Schlange stehen müssen und das Geschäft bereits ausverkauft war, ehe sie sich der Spitze der Warteschlange auch nur genähert hatten. Sämtliche Bäckereien unterlagen einem strikten Reglement, damit gewährleistet war, dass sich jeder Brot leisten konnte, und eine Vielzahl von Komitees, Ausschüssen und Verordnungen legte die Preise fest, ohne dabei die Kosten für Zutaten oder Arbeit zu berücksichtigen; was zählte, war allein der Preis, den die Menschen nach offizieller Auffassung aufzubringen vermochten. Damals war ihm der Brotpreis sehr gering erschienen, allerdings waren weder Brot noch irgendwelche anderen Lebensmittel jemals in ausreichenden Mengen vorhanden. Es war ihm wie eine Perversion jeglicher Logik erschienen, etwas als billig zu bezeichnen, das praktisch nirgends zu bekommen war. Eine Gesetzgebung, der zufolge alle Hungernden durchgefüttert werden mussten, hatte dazu geführt, dass der Hunger allenthalben in den Straßen und düsteren Behausungen der Stadt um sich griff. Der eigentliche Preis dieser von den Gesetzen noch geförderten Vorstellung von Uneigennützigkeit waren Hungersnöte und Tod. Wer für die abstrusen Vorstellungen der Imperialen Ordnung eintrat, musste haarsträubend blind für das unendliche Ausmaß von Elend und Tod sein, das sie verursachten.

Jetzt sah man an fast jeder Straßenecke Stände mit einem reichhaltigen Brotangebot, und der Hunger schien nicht mehr zu sein als eine schreckliche Erinnerung. Mit Staunen konnte man beobachten, dass die Freiheit allenthalben einen Überfluss an Waren und Gütern hervorgebracht hatte, und es erstaunte, so viele Menschen in Altur’Rang lächeln zu sehen. Als sie in den älteren Teil der Stadt gelangten, fiel ihm auf, dass viele der einstmals schäbigen Ziegelbauten gereinigt worden waren, sodass sie fast neu aussahen. Die Fensterläden waren in hellen Farben gestrichen, die im Dunst der spätnachmittäglichen Sonne geradezu freundlich wirkten. Eine Reihe von Gebäuden, die während des Aufstands niedergebrannt worden waren, wurde bereits wieder aufgebaut. Richard empfand es als Wunder, dass Altur’Rang nach seinem einstigen Erscheinungsbild tatsächlich so etwas wie Heiterkeit zu verströmen vermochte. Die Stadt so voller Leben zu sehen, ja, das ließ sein Herz vor Aufregung höher schlagen. Aber er wusste auch, dass es gerade das einfache, unverfälschte Glück jener Menschen war, die ihren eigenen Interessen nachgingen und ihr Leben um ihrer selbst willen lebten, welches den Hass und die Missgunst einiger weniger anziehen würde. Die Anhänger der Imperialen Ordnung hielten die Menschheit von Natur aus für böse;

Menschen ihres Schlages würden vor nichts zurückschrecken, um den gotteslästerlichen Freiheitsgedanken zu unterdrücken.

Sie waren gerade auf eine breitere Straße eingebogen, die tiefer in die Stadt hineinführte, als Victor an der Ecke zweier großer Hauptstraßen stehen blieb.

»Ich muss den Familien von Ferran und einigen anderen Männern einen Besuch abstatten. Ich glaube, wenn es Euch nichts ausmacht, Richard, würde ich gerne allein mit ihnen sprechen, jedenfalls erst einmal. Die Trauer über diesen plötzlichen Verlust und die Aufregung über so wichtigen Besuch wären eine zu verwirrende Mischung.«

Richard war es unangenehm, dass er als wichtiger Besuch betrachtet wurde, insbesondere von Menschen, die soeben einen Angehörigen verloren hatten, aber in Anbetracht der schlechten Neuigkeiten war dies kaum der rechte Zeitpunkt, diese Sichtweise zu korrigieren.

»Hab schon verstanden, Victor.«

»Ich hatte allerdings gehofft, Ihr könntet vielleicht ein paar Worte an sie richten. Es wäre ihnen bestimmt ein Trost, wenn Ihr ihnen erzählen würdet, wie tapfer ihre Männer waren. Mit einer kleinen Ansprache würdet Ihr ihren Angehörigen eine letzte Ehre erweisen.«

»Ich werde tun, was ich kann.«

»Es gibt auch noch ein paar andere, die von meiner Rückkehr unterrichtet werden müssen. Sie werden es bestimmt kaum erwarten können, Euch zu sehen.«

Mit einer Handbewegung wies Richard auf Cara und Nicci. »Erst möchte ich den beiden hier etwas zeigen« – er deutete Richtung Stadtmitte –, »und zwar dort drüben.«

»Ihr meint auf dem Platz der Freiheit?«

Richard nickte.

»Dann werde ich, sobald ich es einrichten kann, dort zu Euch stoßen.«

Richard folgte Victor kurz mit dem Blick, als dieser rechter Hand in einer engen, gepflasterten Gasse verschwand.

»Was wollt Ihr uns denn zeigen?«, fragte Cara.

»Etwas, das Eurem Erinnerungsvermögen hoffentlich auf die Sprünge helfen wird.«

Als sein Blick zum ersten Mal wieder auf die majestätische, aus feinstem weißem Cavatura-Marmor gearbeitete Statue fiel, die im bernsteinfarbenen Licht des späten Tages erstrahlte, hätten beinahe seine Knie nachgegeben. Jede noch so feine Rundung der Figur, jede Falte ihres fließenden Gewandes war ihm vertraut – ganz einfach deshalb, weil er damals das Original angefertigt hatte.

»Richard?« Nicci fasste ihn beim Arm. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

Er brachte kaum mehr als ein leises Flüstern hervor, während er zu der Statue jenseits der weiten Rasenfläche hinüberstarrte. »Ja, mir geht es prächtig.«

Ursprünglich war die riesige Freifläche das Baugelände für die Errichtung des ehemaligen Palasts gewesen, der zum Herrschaftssitz der Imperialen Ordnung hatte werden sollen. Hierher hatte Nicci ihn damals verschleppt, damit er sich zur Mehrung des Ruhmes der Imperialen Ordnung abrackere – in der Hoffnung, er werde die Bedeutung der Selbstaufopferung und das korrupte Wesen der Menschheit begreifen lernen. Stattdessen war sie es gewesen, die den Wert des Lebens zu würdigen gelernt hatte.