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Doch dann hatte er, noch als Niccis Gefangener, monatelang bei der Errichtung des kaiserliches Palasts mitgeholfen. Dieser Palast war jetzt verschwunden, dem Erdboden gleichgemacht, übrig geblieben war nur noch ein Halbkreis aus Säulen des einstigen Hauptportals, die jetzt rings um die stolze Statue aus weißem Marmor Wache hielten, welche jene Stelle markierte, wo im Herzen der Finsternis die Fackel der Freiheit zum ersten Mal entzündet worden war.

Die Statue war nach dem Aufstand gegen die Herrschaft der Imperialen Ordnung angefertigt und den befreiten Bewohnern Altur’Rangs und dem Gedächtnis all jener gewidmet worden, die für diese Freiheit ihr Leben gelassen hatten. Die Stelle, wo die Menschen zum ersten Mal Blut für die Erlangung ihrer Freiheit vergossen hatten, galt jetzt als geweihter Boden. Victor hatte ihr den Namen Platz der Freiheit gegeben.

Angestrahlt vom warmen Licht der tief stehenden Sonne, leuchtete die Statue wie ein Fanal. »Was seht Ihr?«, fragte Richard.

Cara hatte ebenfalls eine Hand auf seinem Arm. »Lord Rahl, es ist dieselbe Statue, die wir auch bei unserem letzten Besuch hier gesehen haben.«

Nicci pflichtete ihr nickend bei. »Exakt jene Statue, welche die Steinmetze nach dem Aufstand angefertigt haben.«

Der Anblick der Statue versetzte Richard einen schmerzhaften Stich. Ihre feinen weiblichen Rundungen, die Konturen von Körperbau und Muskulatur, all das war unter dem fließenden Gewand aus Stein deutlich zu erkennen. Die Frau aus Marmor wirkte fast lebendig.

»Und woher hatten die Steinmetze das Modell für diese Statue?«, wandte sich Richard an beide Frauen. Die beiden sahen ihn ausdruckslos an.

Nicci strich sich mit einem Finger eine Strähne aus dem Gesicht, den ihr die feuchtwarme Brise vor die Augen geweht hatte. »Was meinst du?«

»Um eine Statue wie diese zu schaffen, fertigen Meistersteinmetze normalerweise ein Modell an, das sie anschließend maßstabgetreu vergrößern. Was ist Euch über dieses Modell im Gedächtnis geblieben?«

»Ja, richtig.« Die Erinnerung hellte Caras Gesicht auf. »Es war irgendetwas, das Ihr geschnitzt hattet.«

»So ist es«, sagte er, an Cara gewandt. »Ihr und ich, wir haben das Holz für die kleine Statue gemeinsam ausgesucht. Ihr selbst habt schließlich den Walnussbaum entdeckt, dessen Holz ich verwendete. Er stand an einem Hang oberhalb eines breiten Tals und war von einer windschiefen Föhre umgerissen worden. Ihr wart dabei, als ich das Holz aus dem umgestürzten, verwitterten Walnussbaum schnitt, und Ihr habt neben mir gesessen, als ich die kleine Statue schnitzte. Wir saßen zusammen am Ufer des Baches und haben uns die Stunden mit Plaudereien vertrieben, während ich daran arbeitete.«

»Ja, ich erinnere mich, dass Ihr etwas geschnitzt habt, während wir draußen in der freien Natur saßen.« Der Anflug eines Lächelns huschte über Caras Gesicht. »Und weiter?«

»Wir befanden uns in der Nähe der Hütte, die ich in den Bergen gebaut hatte. Warum waren wir dort?«

Cara sah zu ihm auf. Die Frage hatte sie verwirrt, so als wäre die Antwort darauf zu offenkundig, um den Aufwand einer erneuten Wiederholung zu rechtfertigen. »Nachdem die Bevölkerung Anderiths darüber abgestimmt hatte, sich auf die Seite der Imperialen Ordnung statt auf Eure und die D’Haras zu schlagen, hattet Ihr den Versuch aufgegeben, die Menschen für den Kampf gegen die Imperiale Ordnung zu mobilisieren – der Wunsch nach Freiheit, so Eure Worte, lasse sich nicht erzwingen; die Menschen müssten sich schon aus freien Stücken dafür entscheiden, ehe Ihr sie anführen könntet.«

Einer Frau diese Dinge, die sie eigentlich ebenso gut wissen müsste wie er, zu erklären und dabei ruhig zu bleiben, fiel Richard nicht leicht, andererseits war ihm klar, ihrem Gedächtnis kaum mit Vorwürfen auf die Sprünge helfen zu können – zumal er sicher war, dass Nicci und Cara, was immer hier gespielt wurde, ihn nicht absichtlich täuschen wollten.

»Das hat eine gewisse Rolle gespielt«, sagte er. »Aber es gab noch einen sehr viel wichtigeren Grund, warum wir uns dort oben in dem weglosen Gebirge befanden.«

»Einen wichtigeren Grund?«

»Kahlan war um ein Haar zu Tode geprügelt worden. Ich brachte sie dorthin, damit sie in Sicherheit wäre, bis sie wieder zu Kräften käme. Ihr und ich, wir haben uns monatelang um sie gekümmert und versucht, sie wieder gesund zu pflegen. Ihr Zustand jedoch wollte sich einfach nicht bessern, und sie fiel in eine tiefe Depression. Sie verlor den Glauben daran, sich jemals wieder zu erholen, jemals wieder gesund zu werden.«

Er brachte es nicht über sich zu erwähnen, dass Kahlan sich teils auch deswegen fast aufgegeben hätte, weil sie durch die gar so rücksichtslose Behandlung dieser Schläger ihr Kind verloren hatte. »Und deshalb habt Ihr diese Statue von ihr geschnitzt?«

»Nicht ganz.«

Er starrte zu der stolzen Figur aus weißem Stein hinüber, die sich vor dem tiefblauen Himmel erhob. Ursprünglich hatte die kleine Statuette, die er geschnitzt hatte, Kahlan gar nicht ähnlich sehen sollen. Mit dieser Figur, ihrem wallenden Gewand, das Gesicht im Wind, den Kopf in den Nacken geworfen, die Brust vorgereckt, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt, den Rücken kraftvoll durchgedrückt, so als müsste sie einer unsichtbaren Macht trotzen, die sie zu unterwerfen suchte, hatte Richard nicht etwa Kahlans äußere Erscheinung wiedergeben, sondern vielmehr einen Eindruck von ihrem innersten Wesen vermitteln wollen. Es war keine Statue von Kahlan, sondern von ihrer Lebensenergie, ihrer Seele; die prächtige Statue vor ihnen stellte ihr Stein gewordenes Innenleben dar.

»Sie ist vielmehr eine Darstellung von Kahlans Mut, ihrer Festigkeit, ihrer Tapferkeit und Entschlossenheit. Deswegen gab ich der Statue den Namen Seele. Als sie sie sah, wusste sie sofort, was sie vor sich hatte. Sie weckte in ihr das dringende Bedürfnis, wieder gesund zu werden, wieder stark und unabhängig zu sein. In diesem Moment begann ihre Genesung.«

Die beiden Frauen wirkten mehr als unentschieden, unterließen es aber, seine Geschichte in Zweifel zu ziehen. »Die Sache ist die«, fuhr Richard fort, während er sich anschickte, den breiten Grasstreifen zu überqueren, »würdet Ihr die Männer, die diese Statue angefertigt haben, fragen, wo sich die kleine Statuette befindet, ebenjene Statue, die ich geschnitzt habe und die ihnen als Modell diente, um die andere hier maßstabgetreu zu vergrößern, würden sie weder imstande sein, sie zu finden, noch Euch zu erklären, was aus ihr geworden ist.«

Nicci musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. »Und wo befindet sie sich nun?«

»Die kleine Statuette, die ich ihr in jenem Sommer in den Bergen aus Walnussholz geschnitzt habe, bedeutete Kahlan sehr viel. Sie wollte sie unbedingt zurückhaben, sobald die Arbeiter mit ihr fertig wären. Kahlan hat sie.«

Nicci stieß einen Seufzer aus und richtete ihren Blick wieder dorthin, wo sie ihre Füße hinsetzte. »Natürlich, was auch sonst.«

Die Stirn gerunzelt, sah er hinüber zu der Hexenmeisterin. »Und was soll das nun wieder heißen?«

»Wenn jemand unter einer Bewusstseinstrübung leidet, Richard, ist sein Verstand bestrebt, sich Dinge einzubilden, um die Lücken zu füllen und das zerstörte Gefüge seines Bewusstseins wiederherzustellen. Auf diese Weise versucht er, seiner Verwirrung einen Sinn zu geben.«

»Und wo befindet sich dann die Statuette?«, fragte er die beiden Frauen. Cara zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht, was mit ihr geschehen ist. Stattdessen gibt es jetzt die große Statue aus Marmor. Das scheint mir jetzt die zu sein, die wichtig ist.«

»Ich kann es dir auch nicht sagen, Richard«, antwortete Nicci, als er in ihre Richtung blickte. »Wenn die Steinmetze sich gründlich umsehen, gelingt es ihnen vielleicht, sie doch noch zu finden.«