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Es war, als hätte sie den Sinn seiner Geschichte gar nicht begriffen, als glaubten sie alle beide, er sei lediglich daran interessiert, seine Schnitzerei wieder zu finden.

»Nein, es wird ihnen keineswegs gelingen, sie wieder zu finden. Darum geht es ja gerade, das versuche ich Euch doch begreiflich zu machen. Sie befindet sich in Kahlans Besitz. Ich weiß noch, wie sie sich gefreut hat an dem Tag, als sie sie zurückbekam. Begreift Ihr nicht? Niemand wird sie wieder finden oder sich entsinnen können, was mit ihr passiert ist. Seht Ihr nicht, dass hier einige Dinge nicht zusammenpassen, dass etwas sehr Merkwürdiges geschieht?«

Sie blieben am Fuß der breiten, weitläufigen Treppe stehen.

Richard sagte: »Das ist die Wahrheit.«

»Die Wahrheit? Wohl kaum.« Mit einer Handbewegung deutete Nicci hinauf zu der vor dem Halbkreis aus Säulen stehenden Statue. »Nachdem die Arbeiten an dieser Statue endlich abgeschlossen waren und das Modell nicht mehr gebraucht wurde, ist es vermutlich verloren gegangen oder vernichtet worden. Wie Cara schon sagte, stattdessen haben wir jetzt diese Statue hier aus Stein.«

»Aber begreift Ihr denn nicht die Bedeutung dieser kleinen Statuette, begreift Ihr nicht, was ich Euch zu erklären versuche? Ich weiß, was aus ihr geworden ist, aber niemand sonst. Ich versuche, etwas zu beweisen – Euch etwas zu erklären, nämlich, dass ich mir Kahlan nicht zusammenfantasiere, dass gewisse Dinge einfach nicht stimmen und dass Ihr mir unbedingt glauben müsst.«

Nicci hakte einen Daumen unter den Riemen ihres Bündels, um die Schmerzen ein wenig zu lindern, die ihr sein Gewicht verursachte.

»Warum sollte ich mir eine solche Geschichte einfach ausdenken?«

»Richard.« Nicci umfasste sachte seinen Arm. »Bitte, lass uns aufhören damit.«

»Ich habe Euch eine Frage gestellt. Welchen denkbaren Grund könnte ich haben, eine solche Geschichte zu erfinden?«

Nicci warf einen verstohlenen Seitenblick auf Cara, ehe sie schließlich nachgab. »Wenn du die Wahrheit wissen willst, Richard, du hast dich teils deswegen an diese Statue hier erinnert, weil sie nur kurze Zeit nach dem Aufstand angefertigt wurde und dir noch frisch in Erinnerung war und weil du sie, als du nach deiner Verwundung auf der Schwelle des Todes standest, in deinen Traum eingewoben hast. Du hast all diese Dinge miteinander verwoben und dazu benutzt, einen sinnvollen Zusammenhang herzustellen, etwas, woran du dich klammern konntest. Dein Verstand bedient sich dieser Statue, weil sie deine Träume mit Dingen aus der Realität verknüpft und dir auf diese Weise hilft, den Traum wirklicher erscheinen zu lassen.«

»Was?« Richard war verdutzt. »Warum sollte ich ...«

»Weil«, fiel sie ihm energisch ins Wort, »sie dir erlaubt, mit dem Finger auf einen konkreten Gegenstand in der Wirklichkeit zu zeigen und zu sagen: ›Das ist sie.‹«

Richard blinzelte fassungslos, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Nicci wandte den Blick ab. Aus ihrer Stimme war alle Erregung gewichen, und sie flüsterte beinahe. »Verzeih mir, Richard.«

Er löste seinen wütenden Blick von ihr. Wie konnte er ihr etwas verzeihen, von dem sie aufrichtig überzeugt war? Wie konnte er sich selbst verzeihen, dass er es nicht geschafft hatte, sie zu überzeugen? Aus Angst, seine Stimme gleich wieder auf die Probe zu stellen, stieg er bedächtig die breiten Stufen hinauf. Unfähig, ihr noch sonst jemandem, der ihn für verrückt hielt, in die Augen zu sehen, war er sich der Anstrengung, die Stufen der kleinen Anhöhe hinaufzusteigen, kaum bewusst. Als er oben angekommen war und die weite Marmorplattform überquerte, hörte er Nicci und Cara hinter ihm die Stufen hinaufhasten. In diesem Moment bemerkte er zum allerersten Mal, dass das ehemalige Palastgelände mit ziemlich großen Besucherscharen bevölkert war. Von der höher gelegenen Plattform aus konnte er den Fluss sehen, der die Stadt teilte. Schwärme von Vögeln zogen über den turbulenten Fluten ihre Kreise. Jenseits der himmelwärts ragenden Säulen im Rücken der Statue flimmerten die grünen Hügel und Wälder in der Hitze. Vor ihm, im goldenen Licht der Abendsonne, erhob sich prachtvoll die stolze Statue mit dem Titel »Seele«.

Er musste sich mit einer Hand auf dem kühlen, glatten Stein abstützen, die quälenden Gefühle, die ihn diesem Moment bestürmten, waren kaum mehr zu ertragen.

Als Cara nahte, hob er den Blick und sah in ihre blauen Augen. »Glaubt Ihr das etwa auch? Dass Kahlans Verwundung und die Tatsache, dass wir beide sie versorgt haben, einfach nur ein Hirngespinst von mir sind? Fällt Euch denn gar nichts ein, wenn Ihr diese Statue seht? Hilft sie Euch nicht bei der Erinnerung?«

Cara sah zu der stummen Statue hoch. »Wo Ihr schon davon anfangt, Lord Rahl, ich erinnere mich, wie ich den Baum gefunden habe. Ich weiß noch, wie Ihr mich angelächelt habt, als ich ihn Euch zeigte, und wie zufrieden Ihr mit mir wart. Außerdem erinnere ich mich an einige Geschichten, die Ihr beim Schnitzen erzählt habt, und dass Ihr Euch meine Geschichten angehört habt. Aber in jenem Sommer habt Ihr viel geschnitzt.«

»In dem Sommer, bevor Nicci kam, um mich abzuholen«, fügte er hinzu. »Ja.«

»Aber wenn das alles nur ein Traum ist und Kahlan gar nicht existiert, wie konnte Nicci mich dann gefangen nehmen und verschleppen, obwohl Ihr da wart, um mich zu beschützen?«

Cara zögerte, verblüfft über den schneidenden Ton der Frage. »Sie hat Magie benutzt.«

»Magie. Aber Mord-Sith sind das Gegenmittel gegen Magie, oder ist Euch das etwa entfallen? Deswegen, und nur deswegen, gibt es sie überhaupt – um den Lord Rahl vor denen zu schützen, die über magische Kräfte verfügen und die ihm Böses wollen – so wie Nicci, als sie an besagtem Tag erschien. Ihr wart doch dabei, wieso habt Ihr sie nicht daran gehindert?«

In Caras blaue Augen schlich sich wachsendes Entsetzen. »Weil ich Euch im Stich gelassen habe. Ich hätte sie daran hindern sollen, aber ich habe versagt. Kein Tag vergeht, an dem ich mir nicht wünsche, Ihr würdet mich dafür bestrafen, dass ich bei der Aufgabe, Euch zu beschützen, versagt habe.« Ihr tiefrotes Gesicht stand in starkem Kontrast zu ihren blonden Haaren, als das unerwartete Geständnis aus ihr hervorsprudelte. »Mein Versagen ist schuld daran, dass Ihr von Nicci gefangen genommen und für nahezu ein Jahr verschleppt wurdet. Hätte ich Eurem Vater eine solche Enttäuschung bereitet, hätte er mich hingerichtet – aber nicht, bevor er mich um meinen Tod hätte betteln lassen, bis ich heiser wäre –, und zwar zu Recht. Ich habe keine geringere Strafe verdient, denn ich habe Euch im Stich gelassen.«

Schockiert starrte Richard sie an. »Aber Cara ... es war nicht Eure Schuld. Genau darauf zielte meine Frage doch ab. Ihr solltet Euch nur daran erinnern, dass Ihr Nicci gar nicht hättet daran hindern können.«

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. »Aber ich habe es nicht getan, obwohl es meine Pflicht gewesen wäre. Ich habe Euch im Stich gelassen.«

»Das ist nicht wahr, Cara. Nicci hatte Kahlan mit einem Bann verzaubert. Hätte einer von uns irgendetwas unternommen, um sie aufzuhalten, hätte sie Kahlan umgebracht.«

»Was!«, warf Nicci ein. »Wovon in aller Welt redest du da?«

»Ihr hattet Kahlan mithilfe eines Banns gefangen genommen. Dieser Bann verband Euch mit Kahlan und wurde unmittelbar über Euren Willen gesteuert. Wäre ich nicht mit Euch gegangen, hättet Ihr Kahlan jederzeit mit einem bloßen Gedanken töten können. Deswegen waren Cara und mir die Hände gebunden.«

Empört stemmte Nicci ihre Hände in die Hüften. »Und was für ein Bann, bitte schön, wäre deiner Meinung nach fähig, so etwas zu bewirken?«

»Ein Mutterschaftsbann.«

Nicci maß ihn mit leerem Blick. »Ein was?«

»Ein Mutterschaftsbann. Er schuf eine Verbindung zwischen Euch beiden, die bewirkte, dass alles, was Euch zustößt, ebenso ihr zustoßen würde. Hätten Cara oder ich Euch verletzt oder gar getötet, hätte Kahlan dasselbe Schicksal erlitten. Wir waren absolut machtlos. Ich musste tun, was immer Ihr wolltet, ich musste Euch begleiten, sonst wäre Kahlan gestorben, denn über die Verbindung dieses Banns hättet Ihr ihr jederzeit das Leben nehmen können. Stattdessen musste ich auch noch dafür sorgen, dass Euch nichts zustößt, da Kahlan sonst dasselbe Schicksal widerfahren wäre.«