Nicci schüttelte erst ungläubig den Kopf, dann wandte sie sich ohne ein Wort des Kommentars ab und starrte hinüber zu den Hügeln jenseits der Statue.
»Es war nicht Eure Schuld, Cara.« Er bog ihr Kinn nach oben, um sie zu zwingen, ihn trotz ihrer tränenfeuchten Augen anzusehen. »Keiner von uns beiden hätte irgendetwas tun können. Ihr habt mich nicht im Stich gelassen.«
»Meint Ihr nicht, dass ich Euch nur zu gerne glauben würde? Meint Ihr nicht, ich würde Euch glauben, wenn es tatsächlich so gewesen wäre?«
»Wenn Ihr Euch nicht erinnert, dass das, was ich Euch sage, tatsächlich so passiert ist«, stellte Richard die Gegenfrage, »wie hätte Nicci mich dann Eurer Meinung nach entführen können?«
»Mit Magie.«
»Ja, doch welche Art von Magie?«
»Das weiß ich nicht – ich bin schließlich keine Expertin in Fragen der Magie. Ich weiß nur, dass sie Magie benutzt hat, das ist alles.«
Er drehte sich herum und fragte Nicci: »Was war das für eine Magie? Wie habt Ihr mich gefangen genommen? Welchen Bann habt Ihr benutzt, und warum haben weder ich noch Cara Euch daran gehindert?«
»Richard, das ist jetzt ... wie lange her ... anderthalb Jahre? Wie soll ich mich da noch genau erinnern, welchen Bann ich benutzt habe, um dich gefangen zu nehmen? Übermäßig schwierig war es jedenfalls nicht, schließlich bist du weder in der Lage, deine Gabe zu beherrschen, noch dich gegen jemanden zur Wehr zu setzen, der darin über eine gewisse Erfahrung verfügt. Ich hätte dich mit einem magischen Knoten fesseln und dich auf den Rücken eines Pferdes binden können, ohne auch nur in Schweiß zu geraten.«
»Und warum hat Cara Euch nicht daran zu hindern versucht?«
»Weil ich dich«, erwiderte Nicci und gestikulierte verärgert, denn sie war gezwungen, sich die unerquicklichen Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen, »mithilfe meiner Talente handlungsunfähig gemacht hatte und sie genau wusste, dass ich dich, falls sie etwas unternähme, vorher töten würde – ganz einfach.«
»Das stimmt«, bestätigte Cara. »Nicci hatte Euch verzaubert, genau, wie sie sagt. Mir waren die Hände gebunden, weil sie Euch bedrohte. Hätte sie ihre Kraft gegen mich gerichtet, hätte ich ihre Gabe gegen sie wenden können, aber da sie sie gegen Euch gerichtet hatte, waren mir die Hände gebunden.«
Mit einem Finger wischte Richard sich den Schweiß von der Stirn. »Ihr seid darin ausgebildet, mit bloßen Händen zu töten. Wieso habt Ihr sie nicht wenigstens einfach mit einem Stein auf den Kopf geschlagen?«
»Weil du, wenn sie auch nur den Anschein erweckt hätte, irgendwas versuchen zu wollen, dadurch verletzt oder womöglich gar getötet worden wärst«, beantwortete Nicci seine Frage an Caras Stelle. »Aber anschließend hätte sich Cara Eurer bemächtigt«, erinnerte Richard die Hexenmeisterin. »Ich war damals willens und bereit, mein Leben zu opfern – es war mir einfach egal, wie du sehr wohl weißt.«
Richard wusste tatsächlich, dass sie im Großen und Ganzen die Wahrheit sprach. Nicci hatte dem Leben an sich damals keinen großen Wert beigemessen, nicht einmal ihrem eigenen – was sie zu einer überaus gefährlichen Frau machte.
»Mein Fehler war, dass ich Nicci nicht angegriffen habe, ehe sie sich Euch nähern konnte«, sagte Cara. »Hätte ich sie dazu bewegen können, mit ihrer Magie auf mich loszugehen, hätte ich sie überwältigen können – wie es die Pflicht einer Mord-Sith gewesen wäre. Aber stattdessen habe ich Euch im Stich gelassen.«
»Nein, das hättet Ihr nicht gekonnt«, wandte Nicci ein, »denn ich hatte Euch überrascht. Ihr habt nicht versagt, Cara. Manchmal hat man einfach keine Chance, und es gibt keine Lösung. Für Euch beide war dies so eine Situation. Ich hatte alle Fäden in der Hand.«
Es war aussichtslos. Kaum hatte er sie endlich in die Enge getrieben, schienen sie ihm mühelos wieder zu entwischen.
Richard stützte sich mit einer Hand an der Statue ab, während ihm die Gedanken durch den Kopf wirbelten und er zu ergründen versuchte, wie es dazu kommen konnte – woran es lag, dass sie alles vergessen hatten. Vielleicht, überlegte er, ließe sich das Problem ja lösen, wenn er wenigstens seine Ursache kannte. Und dann schoss ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, etwas über die Geschichte, die er ihnen ein paar Nächte zuvor in ihrem Unterschlupf erzählt hatte.
14
Mit den Fingern schnippend rief er: »Magie, natürlich, das ist es. Erinnert Ihr Euch noch, wie ich Euch erzählte, Kahlan sei in der Nähe meines Wohnorts in den Wäldern Kernlands erschienen, und zwar, weil sie auf der Suche nach einem längst verschollenen Großen Zauberer war?«
»Und weiter?«, fragte Nicci.
»Kahlan war damals auf der Suche nach dem Großen Zauberer, denn Zedd war vor meiner Geburt aus den Midlands geflohen. Kurz zuvor hatte Darken Rahl meine Mutter vergewaltigt, und Zedd wollte sie fortschaffen, an einen sicheren Ort.«
Ein argwöhnisches Zucken ging über Caras Stirn. »In etwa so, wie Ihr behauptet, Ihr hättet diese Frau, Eure Frau, in die entlegenen Berge gebracht, damit sie nach dem Überfall auf sie in Sicherheit wäre?«
»Na ja, so ähnlich, aber ...«
»Merkst du eigentlich gar nicht, was du tust, Richard?«, warf Nicci ein. »Du nimmst irgendwelche Dinge, die du irgendwo aufgeschnappt hast, und baust sie in deinen Traum ein. Erkennst du nicht den roten Faden, der sich durch beide Geschichten zieht? Bei Träumern lässt sich dieses Phänomen oft beobachten – ihr Verstand greift auf etwas zurück, das sie kennen oder irgendwo aufgeschnappt haben.«
»Nein, das ist es nicht. Lasst mich einfach ausreden.«
Nicci gewährte ihm die Bitte mit einem knappen Nicken, verschränkte jedoch, einer unnachgiebigen Lehrerin gleich, die es mit einem dickköpfigen Kind zu tun hat, die Hände hinter dem Rücken und reckte ihr Kinn empor. »Gut, ich denke, ein paar Ähnlichkeiten gab es schon«, räumte Richard schließlich ein, der sich unter Niccis wissendem Blick unbehaglich fühlte. »Aber das ist in gewisser Weise genau der Punkt. Seht doch, Zedd war den Rat der Midlands gründlich leid – ganz so, wie ich es leid war, den Menschen zu helfen, die den Lügen der Imperialen Ordnung Glauben schenkten. Der Unterschied ist nur, dass Zedd sie die Folgen ihres Verhaltens selbst ausbaden lassen wollte. Er wollte nicht, dass sie ankommen und ihn um Hilfe anbetteln konnten, ihnen aus ihren selbst verschuldeten Schwierigkeiten herauszuhelfen. Als er die Midlands verließ, um nach Westland zu gehen, warf er ein Zauberernetz aus, damit jeder ihn vergaß.«
Er hatte angenommen, dass sie dies verstehen müssten, doch stattdessen starrten sie ihn bloß an. »Um zu verhindern, dass man nach ihm suchte, benutzte Zedd einen speziellen magischen Bann, der jeden seinen Namen und seine Person vergessen ließ – und dasselbe muss auch mit Kahlan passiert sein. Jemand hat sie entführt und sich eines Zaubers bedient, um nicht nur ihre Spuren, sondern jegliche Erinnerung an sie auszulöschen. Deswegen könnt Ihr Euch nicht an sie erinnern, und auch sonst niemand.«
Die Vorstellung schien Cara zu überraschen. Sie warf Nicci einen Blick zu. Nicci benetzte ihre Lippen und stieß einen schweren Seufzer aus. »Es muss einfach so gewesen sein«, beharrte Richard. »Das muss die Erklärung sein.«
»Richard«, begann Nicci mit ruhiger Stimme, »das ist es keineswegs, was hier geschieht. Es ergibt nicht einmal entfernt einen Sinn.«
Richard war es vollkommen unbegreiflich, wieso Nicci, eine Hexenmeisterin, das nicht einzusehen vermochte. »Doch, tut es. Die Magie bewirkte, dass Zedd in Vergessenheit geriet. Als Kahlan mir an jenem Tag im Wald begegnete, sagte sie, sie sei auf der Suche nach dem Großen Zauberer, nur könne sich niemand an den Namen des alten Mannes erinnern, weil er ein magisches Netz ausgeworfen habe, um in Vergessenheit zu geraten. Und auf ebensolche Weise muss Magie benutzt worden sein, damit alle Menschen Kahlan vergaßen.«