Nicci hob den Arm zu einer großartigen präsentierenden Geste. »Aber bei einer Frau wie der Mutter Konfessor höchstselbst?« Sie ließ den Arm wieder sinken. »Ich vermag mir nicht einmal ansatzweise das Chaos aus komplizierten Folgeerscheinungen vorzustellen, das ein solch unbegreifliches Ereignis hinterlassen würde.«
Niccis blonder Haarschopf zeichnete sich deutlich vor dem dunklen Hintergrund der bewaldeten Hügel jenseits der weiten, grasbewachsenen Ebene ab. Ihr langes, schwungvoll gelocktes Haar hatte etwas Zwangloses, ja angenehm Vertrautes und bot die perfekte Ergänzung zu ihrem wohlgeformten Körper im schwarzen Kleid, aber ihre machtvolle Präsenz war nicht zu unterschätzen. Als in diesem Moment ein Strahl der untergehenden Sonne auf sie fiel, bot sie, eine Person von scharfer Beobachtungsgabe, eine kenntnisreiche Autorität und scheinbar über jede Kritik erhabene Größe, einen atemberaubenden Anblick. Richard ließ es schweigend, ohne äußerliche Regung über sich ergehen, als sie in belehrendem Tonfall fortfuhr. »Die Unmenge von Verbindungen zwischen all diesen einzelnen Faktoren ist es, die einen solchen Bann zu einem Ding der Unmöglichkeit macht. Jede noch so geringfügige Handlung, irgendwann einmal von der Mutter Konfessor vorgenommen, würde mit den Ereignissen, die damit verknüpft sind und an denen sie nicht einmal persönlich beteiligt war, zu einer wahren Lawine von durch einen solchen Bann unvorteilhaft beeinflussten Geschehnissen anschwellen, deren Wucht, Komplexität und schieres Ausmaß jedes Vorstellungsvermögen übersteigen. Diese Komplikationen entziehen dem Bann zwangsläufig Energie, um ihr zerstörerisches Potenzial zu kompensieren. Kritische Situationen wie diese zehren von der Kraft des Banns, der das Geschehen naturgemäß zu beherrschen sucht, bis er schließlich, sobald ihm die nötige Kraft fehlt, den stetig zunehmenden Sog dieser sich immer mehr verzettelnden Ereignisse zu kompensieren, noch ein letztes Mal auflodern würde, um kurz darauf zu erlöschen, wie eine Kerze in einem plötzlichen Regenguss.«
Nicci trat ganz dicht an ihn heran und tippte ihm mit einem Finger gegen die Brust. »Und bei alledem habe ich noch nicht einmal den himmelschreiendsten Widerspruch deines Traumes berücksichtigt. In deiner Bewusstseinstrübung hast du dir ein noch weitaus vertrackteres Dilemma zusammenfantasiert. Nicht nur, dass du dir diese Frau, deine angebliche Gemahlin, zusammengeträumt hast, an die sich niemand außer dir erinnert, du bist in deinem irrationalen Traumzustand sogar noch weiter gegangen, sehr viel weiter, ohne die schicksalhaften Verwicklungen auch nur zu sehen. Versteh doch, was du dir da zusammengeträumt hast, war nicht einfach bloß irgendein Mädchen vom Lande, das niemand kannte. Nein, es musste auch noch eine bekannte Persönlichkeit sein. Im Zusammenhang des Traumes mag das recht unkompliziert erscheinen, in der realen Welt aber erzeugt eine bekannte Persönlichkeit ein Kongruenzdilemma. Und selbst das war dir noch nicht genug. Selbst eine bekannte Persönlichkeit wäre nicht so vertrackt gewesen wie das, was du getan hast, denn im Zustand deiner Bewusstseinstrübung hast du dir ausgerechnet die Mutter Konfessor höchstselbst ausgesucht, eine nahezu mythische Gestalt und eine Person von weit reichendem Einfluss, gleichzeitig aber eine Person von weit her, die weder Cara noch mir oder Victor bekannt sein muss. Keiner von uns stammt aus den fernen Midlands, weshalb es uns völlig unmöglich sein würde, irgendwelche mit deinem Traum unvereinbaren Tatsachen anzuführen. In deinem Traum mag dir diese Entfernung ganz vernünftig erschienen sein, da sie das lästige Problem einander widersprechender Tatsachen löst, in der realen Welt jedoch erzeugt sie ein Problem schier unüberwindbaren Ausmaßes, denn eine Frau wie diese ist weithin bekannt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis deine so sorgfältig konstruierte Scheinwelt mit der Wirklichkeit in Konflikt gerät und in sich zusammenfällt. Mit der Entscheidung, dir eine bekannte Persönlichkeit auszusuchen, hast du deinen romantischen Traum selbst zum Scheitern verurteilt.«
Nicci bog sein Kinn nach oben und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. »In deiner Verwirrung hast du dir jemanden zusammenfantasiert, der dir Trost zu spenden vermochte. Du standest am Abgrund des Todes und wünschtest dir in deiner Verzweiflung einen Menschen, der dich liebt, der dir einen Teil deiner Ängste, den Schrecken des Auf-sich-gestellt-Seins nimmt. Das ist absolut verständlich. Ich denke deswegen nicht geringer über dich, dazu wäre ich gar nicht fähig – schon weil du, als du verängstigt und allein warst, aus eigener Kraft eine Lösung für dich gefunden hast. Aber das ist jetzt vorbei, und du wirst dich diesem Problem stellen müssen. Abgesehen davon hätte es noch schlimmer kommen können. Angenommen, die echte Mutter Konfessor ist tot?«
Erschrocken wich Richard einen Schritt zurück. »Aber das ist sie nicht.«
»Lord Rahl«, mischte sich Cara ein, »ich erinnere mich noch gut, als Darken Rahl vor einigen Jahren die Quadrone aussandte, um sämtliche Konfessorinnen ermorden zu lassen. Gewöhnlich erfüllen diese Quadrone ihre mörderische Mission mit unfehlbarer Sicherheit.«
Richard starrte die Mord-Sith an. »Aber eben nicht in Kahlans Fall.«
»Richard«, warf Nicci in begütigendem Ton ein, um seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, »angenommen, eines Tages kehrst du in die Midlands zurück und findest heraus, dass die echte Mutter Konfessor ganz und gar nicht deinem Traumbild entspricht, sondern eine alte Frau ist? Schließlich haben die Konfessorinnen niemals Frauen, so jung, wie es deine eingebildete große Liebe gewesen sein muss, zur Mutter Konfessor ernannt. Angenommen, du fändest heraus, dass die echte Mutter Konfessor nicht nur alt, sondern schlimmer noch – längst verstorben wäre? Sag jetzt die Wahrheit. Was würdest du, konfrontiert mit dieser Wahrheit, tun?«
Richards Mund war mittlerweile so trocken, dass er seine Zunge bewegen musste, um seine Lippen so weit zu benetzen, dass er sprechen konnte. »Ich weiß es nicht.«
Nicci lächelte versonnen. »Endlich eine ehrliche Antwort.« Doch selbst dieses Lächeln überforderte ihre Kräfte und erlosch sogleich wieder. »Ich habe Angst um dich, Richard, Angst um deinen Geisteszustand, wenn du weiter an dieser Geschichte festhältst, bis sie schließlich dein ganzes Leben bestimmt, denn das wird unweigerlich geschehen. Früher oder später wirst du eiskalt mit der Realität konfrontiert werden.«
»Nicci, nur weil Ihr Euch nicht vorstellen könnt...«
Ruhig schnitt sie ihm das Wort ab. »Ich bin eine Hexenmeisterin, Richard. Ich war eine Schwester des Lichts und eine Schwester der Finsternis und bin in Dingen der Magie nicht eben unbeschlagen. Und ich sage dir, was du da behauptest, übersteigt schlicht die Kräfte jeder mir bekannten Magie. Gewiss, ein verzweifelter Mann mag imstande sein, so etwas zusammenzufantasieren, aber in der Wirklichkeit lässt sich das nicht aufrechterhalten. Du vermagst dir nicht einmal ansatzweise die grauenhaften Konsequenzen vorzustellen, würde dergleichen auch nur versucht, oder wäre es womöglich sogar machbar.«
»Nicci, ich will ja gerne zugeben, dass Ihr auf diesem Gebiet über weit reichende Kenntnisse verfügt, aber selbst Ihr wisst nicht alles. Nur weil Ihr nicht wisst, wie etwas funktionieren könnte, ist es noch lange nicht unmöglich – es bedeutet nur, dass Ihr nicht wisst, wie es sich bewerkstelligen ließe. Ihr wollt doch bloß nicht zugeben, dass Ihr Euch irren könntet.«
»Richard, es tut mir Leid, dass ich dir deinen Traum nicht erfüllen kann.« Sie wischte eine Träne fort, die ihr die Wange hinunterlief. »Tut mir Leid, aber ich muss dich enttäuschen.«
Mit einem Ausdruck grimmiger Entschlossenheit erwiderte Cara ihren Blick. »Schätze, da haben wir etwas gemeinsam.«
Sachte berührte Richard die Statue von Seele mit den Fingerspitzen. Das nach oben gereckte Gesicht, den stolzen Blick in weißem Marmor festgehalten, verlor seinen Glanz, als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne hinter den Hügeln versanken.