»Ihr habt mich nicht enttäuscht, keine von beiden«, erklärte er. »Ihr habt mir lediglich zu verstehen gegeben, was Ihr glaubt. Aber Kahlan ist kein Traum. Sie ist ebenso wirklich wie ihre in diesen Stein gemeißelte Seele.«
15
Als er eine Bewegung in der Ferne gewahrte, wandte Richard sich herum und sah eine Gruppe von Personen auf das Denkmal zusteuern. Von seinem erhöhten Standpunkt aus konnte er ein Stück dahinter noch eine Reihe weiterer Personen erkennen, die sich ihnen angeschlossen hatten, angelockt von der Unruhe selbst, oder aber von den entschlossenen Blicken der Männer, die sich, zu einer Gruppe zusammengeschlossen, einen Weg über die weite, offene Fläche bahnten. An der Spitze der kleinen Menschentraube ging ebenjener Mann, den Richard sehen wollte. Er war noch ein gutes Stück entfernt, als er bereits den Arm hob und winkte. »Richard!«
Trotz der widrigen Umstände konnte Richard nicht anders, er musste lächeln, als er den altbekannten stämmigen Kerl mit seinem typischen, seltsamen roten Hut mit der schmalen Krempe erblickte. Als dieser gewahrte, dass Richard ihn bemerkt hatte, beschleunigte er seine Schritte und kam über den Rasen getrabt. »Richard«, rief er erneut. »Ihr seid zurück – genau wie Ihr es versprochen habt!«
Als die Menschentraube den Treppenhügel hinanschwärmte, ging Richard ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. In diesem Moment sah Richard, dass Victor sich beharrlich einen Weg durch die immer dichter werdende Menschenmenge bahnte. Auf einem breiten marmornen Treppenabsatz stürzte Ishaq auf Richard zu und ergriff seine Hand, die er vor Freude überschäumend schüttelte.
»Richard, ich bin überglücklich, Euch wieder hier in Altur’Rang zu sehen. Ihr werdet doch wieder einen Wagen für meine Transportfirma fahren, ja? Bei mir stapeln sich schon die Bestellungen – wie schaffe ich es bloß, immer wieder in denselben Schlamassel zu geraten? Ihr müsst unbedingt wieder für mich arbeiten. Könnt Ihr gleich morgen anfangen?«
»Freut mich, dich zu sehen, Ishaq.«
Ishaq schüttelte noch immer Richards Hand. »Dann kommt Ihr also zurück? Ich mache Euch zum gleichberechtigten Kompagnon. Wir beide, Ihr und ich, machen halbe-halbe.«
»Ishaq, in Anbetracht des großen Geldbetrags, den du mir schuldest ...«
»Geld«, schnaubte Ishaq verächtlich. »Was soll dieses Gerede über Geld? Ich hab jetzt so viel Arbeit, und es wird ständig mehr, dass ich gar keine Zeit hab, mir über Geld den Kopf zu zerbrechen. Geld können wir verdienen, so viel Ihr wollt, was ich brauche, ist ein Mann mit Köpfchen. Ich mache Euch zu meinem Kompagnon. Alle fragen nach Euch. ›Wo ist bloß Richard ?‹, wollen sie alle wissen. Ich sage Euch, Richard, wenn Ihr –«
»Ich kann nicht, Ishaq. Im Augenblick versuche ich gerade, Kahlan zu finden.«
Ishaq machte ein verständnisloses Gesicht. »Kahlan?«
»Seine Ehefrau«, meinte ein finster dreinschauender Victor, der sich soeben hinter Ishaqs Rücken zwischen den Männern hindurchzwängte.
Ishaq wandte sich herum und glotzte Victor an, dann wandte er sich wieder herum zu Richard. »Ehefrau?« Er riss sich seinen roten Hut vom Kopf. »Ehefrau? Aber das ist ja großartig!« Er breitete die Arme aus. »Großartig!« Er schlang seine Arme um Richard, drückte ihn lachend an sich und wippte auf seinen Fußballen hin und her. »Ihr habt Euch eine Frau genommen! Das sind ja prächtige Neuigkeiten. Wir werden ein Festmahl veranstalten, alle miteinander ...«
»Sie ist verschollen«, fiel Richard ihm ins Wort, indem er Ishaq behutsam auf Armeslänge von sich schob. »Ich bin auf der Suche nach ihr. Im Augenblick wissen wir noch nicht, was vorgefallen ist.«
»Verschollen?« Ishaq warf sein dunkles Haar zurück und stülpte seinen roten Hut wieder auf. »Ich werde Euch helfen, ich werde mit Euch gehen.« Seine dunklen Augen wurden ernst. »Sagt mir einfach, was ich tun kann.«
Es war mitnichten ein leeres Angebot, das Ishaq aus reiner Höflichkeit gemacht hatte, nein, es war ihm ernst. Und es war herzerwärmend, zu sehen, dass dieser Mann alles stehen und liegen lassen würde, um zu helfen, aber nach Richards Ansicht war dies nicht der geeignete Ort oder Zeitpunkt für Erklärungen. »Ganz so einfach liegen die Dinge nicht.«
Victor beugte sich ein Stück vor und raunte: »Es gibt Schwierigkeiten, Richard.«
Ishaq warf Victor einen missbilligenden Blick zu und fuchtelte gereizt mit den Händen. »Wieso behelligst du ihn mit zusätzlichen Problemen, wenn seine Ehefrau verschwunden ist?«
»Schon gut, Ishaq. Victor ist über Kahlan bereits im Bilde.« Richards Linke ging zum Knauf seines Schwertes. »Um was für Schwierigkeiten geht es denn?«
»Soeben sind Späher zurückgekommen. Sie berichten, dass sich Truppen der Imperialen Ordnung auf dem Weg hierher befinden.«
Wieder riss sich Ishaq seinen Hut vom Kopf. »Truppen?«
»Ein weiterer Nachschubkonvoi?«, fragte Richard.
Victor verneinte mit entschiedenem Kopfschütteln. »Bei diesen Soldaten handelt es sich um kämpfende Einheiten, und sie sind auf dem Weg hierher.«
Ishaqs Augen weiteten sich. »Soldaten kommen hierher? Wann werden sie hier sein?«
Unruhiges Stimmengemurmel trug die Besorgnis erregende Nachricht bis in die letzten Reihen der Menschenmenge.
»In ein paar Tagen, wenn man ihr derzeitiges Marschtempo zugrunde legt. Wir haben also noch etwas Zeit, unsere Verteidigung zu organisieren. Aber nicht mehr viel.«
Nicci trat unmittelbar neben Richard. Mit ihrer aufrechten Körperhaltung, ihrem emporgereckten Haupt und dem durchdringenden Blick zog sie die Blicke aller auf sich, bis die Stimmen derer, die sie anstarrten, schließlich nach und nach verstummten. Selbst Menschen, die Nicci nicht kannten, neigten dazu, in ihrer Gegenwart in Schweigen zu verfallen – manche gewiss wegen ihrer überwältigenden Erscheinung, andere, weil sie nicht nur äußerlich attraktiv wirkte, sondern von ihrer Achtung gebietenden Präsenz eine gewisse Gefährlichkeit ausging, was zur Folge hatte, dass sie nicht nur ihre Stimme, sondern auch aller Mut verließ. »Und diese Späher sind sicher, dass sie hierher marschieren?«, hakte sie nach. »Könnte es nicht sein, dass sie auf ihrem Marsch nach Norden die Stadt nur streifen?«
»Sie marschieren nicht nach Norden.« Victor zog eine Braue hoch. »Sondern sie kommen von dort.« Er wies gen Norden. »Es sind schlachterprobte Kampfeinheiten. Schlimmer, irgendwo unterwegs haben sie einen dieser Priester aufgelesen.«
Der versammelten Menge stockte hörbar der Atem. Die Neuigkeit ging tuschelnd durch die Reihen, bis die ersten Anwesenden Fragen zu stellen begannen, wobei einer den anderen zu übertönen versuchte. Nicci hob eine Hand und bat um Ruhe; die minimale Geste genügte, um auf dem mit Marmorstufen bedeckten Hang, über den sich allmählich Dunkelheit senkte, wieder Ruhe einkehren zu lassen. In der angespannten Stille beugte sie sich zu dem finster dreinblickenden Schmied herab, wobei sich ihre Stirn verdüsterte wie die eines Falken, der soeben sein Abendmahl erspäht hatte.
»Sie haben einen Zauberer dabei?«, raunte sie.
Victor war einer der wenigen, die nicht ängstlich zurückwichen. »Angeblich handelt es sich bei dem Mann um einen Hohepriester der Glaubensgemeinschaft der Imperialen Ordnung.«
»Sämtliche Ordensbrüder in dieser Glaubensgemeinschaft sind Zauberer«, gab Ishaq zu bedenken. »Das sind keine guten Nachrichten, wirklich nicht.«
»Dem lässt sich schwerlich widersprechen«, stellte Victor nüchtern fest. »Nach den Berichten unserer Männer besteht jedenfalls kein Zweifel, dass dieser Kerl ein Zauberer ist.«
Wieder ging besorgtes Getuschel durch die Menge. Einige wetterten, diese Entwicklung habe überhaupt nichts zu besagen, sie würden ohnehin jeden Versuch der Imperialen Ordnung, Altur’Rang zurückzuerobern, zurückschlagen, andere dagegen waren beileibe nicht so sicher, wie man sich verhalten sollte. Den Blick in die Ferne gerichtet, dachte Nicci über das Gehörte nach, bis sie sich schließlich abermals an Victor wandte. »Wissen die Späher seinen Namen, oder haben sie sonst irgendwelche Informationen, die uns helfen könnten, ihn zu identifizieren?«