Victor hakte seine Daumen in den Gürtel und nickte ihr einmal knapp zu. »Der Name des Hohepriesters lautet Kronos.«
»Kronos ...«, murmelte sie nachdenklich.
»Die Späher, die die Truppen gesichtet haben, waren nicht auf den Kopf gefallen«, erklärte Victor ihr. »Niemand hatte sie gesehen, also haben sie die Soldaten umgangen und sich unter die Bevölkerung einer auf der Marschroute des Heeres liegenden Ortschaft gemischt und dort ihr Eintreffen abgewartet. Ein paar Nächte lang hatten die Soldaten unmittelbar vor der Ortschaft ihr Lager aufgeschlagen, um ihre Kräfte zu sammeln und sich mit frischen Vorräten einzudecken. Dabei müssen sie offenbar alles, was nicht niet- und nagelfest war, aus dem Ort fortgeschleppt haben. Sobald sie betrunken waren, wurden sie so gesprächig, dass meine Männer die wesentlichen Züge dessen, was sie planten, heraushören konnten, und das war mitnichten nur die Beendigung des Aufstandes in Altur’Rang. Ihr Befehl lautete, die Revolte niederzuschlagen, und zwar ohne jede Rücksichtnahme. Sie behaupteten, den Befehl zu haben, an den Leuten hier ein Exempel zu statuieren, was sie offenbar für keine sonderliche Herausforderung halten, da sie sich schon ganz offen auf das Vergnügen freuen, das sie nach ihrem Sieg erwartet.«
Es war, als hätte sich eine Decke des Schweigens über die Menge gebreitet. »Des Weiteren berichten sie, dieser Kerl, Kronos, sei ein frommer Bursche von durchschnittlicher Körpergröße und mit blauen Augen. Angeblich soll er sich den Saufgelagen der Soldaten nicht angeschlossen und den Bewohnern der Ortschaft stattdessen mehrfach weitschweifige Vorträge über die Notwendigkeit gehalten haben, dem Schöpfer auf seinem einzig wahren Weg zu folgen, indem sie ihren ganzen Besitz zum Wohle ihrer Mitmenschen, der Imperialen Ordnung und ihres geliebtes Kaisers spendeten. Wie sich jedoch herausstellte, ist er, wenn er gerade nicht predigt, ein wahrer Lüstling, den es offenbar wenig schert, mit wem er ins Bett steigt oder ob die Frau überhaupt willens ist. Als ein ziemlich aufgebrachter Mann lautstark Lärm schlug, weil seine Tochter auf Kronos’ Geheiß einfach auf der Straße aufgegriffen und verschleppt wurde, war der gute Ordensmann sogleich zur Stelle und brannte dem bedauernswerten Wicht mit einem Energieblitz die Haut vom Leib. Anschließend ließ der fromme Zauberer den Mann als Denkzettel schreiend und zuckend liegen und ging wieder nach drinnen, um sein Geschäft mit der Tochter zu Ende zu bringen. Der arme Kerl hat sich in stundenlangem Todeskampf gewunden; meine Leute berichteten, es sei das Schlimmste gewesen, was sie je gesehen haben. Seitdem hat niemand mehr so recht den Mund aufzumachen gewagt, wenn Kronos ein Auge auf eine Frau geworfen hatte.«
In der Menge wurde unruhiges Gemurmel laut. Die Geschichte hatte viele Anwesende schockiert und wütend gemacht. Die Aussicht, dass dieser Mann Befehl hatte, ein Exempel an ihnen zu statuieren, hatte nicht wenige in Angst und Schrecken versetzt.
Nicci dagegen schienen die Berichte über dieses Ausmaß der Brutalität nicht sonderlich zu schockieren. Nach längerem Nachdenken schüttelte sie schließlich den Kopf.
»Mir ist dieser Ordensbruder unbekannt, allerdings trifft das auf eine ganze Reihe von ihnen zu.«
Ishaqs dunkle Augen wechselten zwischen ihr und Richard hin und her. »Was werden wir jetzt tun? Truppen, und dann noch ein Zauberer, das klingt nicht gut. Aber Ihr habt doch sicher schon eine Idee, oder?«
Einige in der Menge bekundeten ihre Übereinstimmung mit Ishaqs Äußerung, indem sie Richard nach seiner Meinung fragten, doch der verstand nicht recht, was es da zu diskutieren gab. »Ihr alle habt schon erfolgreich gekämpft und dadurch eure Freiheit erlangt«, verkündete Richard. »Deshalb möchte ich vorschlagen, dass ihr den Kampf jetzt nicht aufgebt.«
Eine Reihe von Männern nickte, jeder von ihnen wusste nur zu gut, was es hieß, unter der Geißel der Imperialen Ordnung leben zu müssen. Aber sie hatten auch die Erfahrung gemacht, was es bedeutete, sein Leben in Freiheit selbst gestalten zu können. Nichtsdestoweniger schien sich klammheimlich eine gewisse Furcht über die allgemeine Stimmung in der Menge zu legen.
»Aber jetzt seid Ihr ja hier, um uns anzuführen, Lord Rahl«, rief einer der Männer. »Ich bin sicher, Ihr habt schon größeren Gefahren die Stirn bieten müssen. Mit Eurer Hilfe können wir diese Soldaten zurückschlagen.«
In der aufkommenden Dämmerung musterte Richard die ihm erwartungsvoll entgegenstarrenden Gesichter der Männer.
»Ich fürchte, ich werde nicht bleiben können. Ich habe etwas von äußerster Wichtigkeit zu erledigen und muss gleich morgen früh bei Tagesanbruch aufbrechen.«
Schockiertes Schweigen schlug ihm entgegen.
»Aber die Soldaten sind doch nur noch wenige Tage entfernt«, traute sich einer der Anwesenden schließlich zu rufen. »So lange werdet Ihr doch gewiss bleiben können, Lord Rahl.«
»Wenn ich könnte, würde ich euch hier gegen diese Soldaten zur Seite stehen, wie ich es auch früher schon getan habe, aber im Augenblick kann ich es mir nicht leisten, meine Abreise so lange hinauszuzögern. Ich werde den Kampf an anderer Stelle führen. Es ist derselbe Kampf, im Geiste werde ich also bei euch sein.«
Der Mann schien wie benommen. »Aber es sind doch nur wenige Tage ...«
»Begreifst du nicht, dass weit mehr als das auf dem Spiel steht? Wenn ich bleibe und wir die Soldaten besiegen, die auf dem Weg hierher sind, um euch alle umzubringen, werden letztendlich immer mehr von ihnen kommen. Deshalb müsst ihr imstande sein, euch aus eigener Kraft zu verteidigen. Ihr könnt nicht darauf vertrauen, dass ich auf unbestimmte Zeit hier bleibe und euch jedes Mal helfe, eure Freiheit zu verteidigen, sobald Jagang Soldaten schickt, um Altur’Rang zurückzuerobern. Die Welt ist voller Orte wie Altur’Rang, die alle vor der gleichen harten Prüfung stehen. Früher oder später werdet ihr ohnehin die Verantwortung für eure Verteidigung übernehmen müssen, warum also nicht gleich jetzt?«
»Ihr wollt uns also im Augenblick unserer größten Not im Stich lassen?«, rief ein anderer. »Ihr habt euch das Recht erkämpft, hier und jetzt in Freiheit zu leben«, erwiderte Richard, »nun müsst ihr das Feuer und die Leidenschaft aufbieten, für ein dauerhaftes Leben in Freiheit eigenständig zu kämpfen. Die Freiheit zu bewahren ist schwierig, denn sie ist ein leicht vergängliches Gut. Sie wieder zu verlieren, bedarf es nichts weiter als mutwilliger Gleichgültigkeit.«
Mit erhobenem Arm deutete Richard hinter sich auf die Statue, die sich stolz im Nachglanz der untergehenden Sonne erhob. »Dieser Wille nach Freiheit, der Wille, das Leben zu schätzen, ist es, der den Geist jener Statue ausmacht, die wir alle so bewundern.«
»Aber Lord Rahl«, beschwerte sich jemand. »Mit dieser Aufgabe sind wir überfordert. Wir sind einfache Leute, keine Krieger. Vielleicht wäre es etwas anderes, wenn Ihr uns anführen würdet.«
Richard legte eine Hand aufs Herz. »Damals, als mir klar wurde, dass ich mich den Herausforderungen gewachsen zeigen musste, mit denen ich konfrontiert war, war ich ein einfacher Waldführer. Auch ich habe damals gezögert, mich dem scheinbar unbezwingbaren Bösen zu stellen, das sich bedrohlich vor mir auftürmte. Doch eine kluge Frau – jene Frau, nach deren Vorbild diese Statue geschaffen wurde – brachte mich zu der Erkenntnis, dass ich es tun musste. Ich bin weder besser noch stärker als ihr, ich bin ganz einfach ein Mann, der die Notwendigkeit des kompromisslosen Widerstands gegen die Tyrannei erkannt hat. Ich habe diesen Kampf aufgenommen, weil ich nicht länger in Angst leben, sondern mein Leben selbst in die Hand nehmen wollte. Tagein, tagaus sterben und kämpfen oben im Norden Menschen, einfache Menschen wie ihr. Keiner von ihnen hat den Kampf gesucht, aber sie können nicht anders, denn wenn sie es nicht tun, wäre das ihr sicherer Untergang. Das Schicksal, das heute sie erleiden, wird morgen schon das eure sein. Wenn sie weiterhin auf sich gestellt sind, werden sie alle Hoffnungen auf einen Sieg aufgeben müssen, so wie auch ihr, wenn eure Zeit gekommen ist. Als Teil der freien Welt müsst ihr ihnen beim Angriff gegen jene zur Seite stehen, die die ganze Welt mit dem Schatten eines finsteren Zeitalters überziehen.«