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Ein Mann in einer der ersten Reihen ergriff das Wort. »Aber sagt Ihr nicht dasselbe wie die Imperiale Ordnung, dass wir uns für das übergeordnete Wohl der Menschen opfern sollen?«

Schon der Gedanke ließ Richard schmunzeln. »Wer anderen die Vorstellung eines übergeordneten Wohls aufnötigen will, dem ist dieses Wohl zutiefst verhasst. Nein, was mich mein Schwert gegen die Imperiale Ordnung erheben lässt, ist aufgeklärtes Eigeninteresse. Ausschließlich aus diesem Eigeninteresse und dem Interesse an euren Angehörigen, denke ich, solltet ihr kämpfen – oder wie immer ihr unser gemeinsames Ziel am wirkungsvollsten zu unterstützen meint. Ich will euch keineswegs drängen, für irgendein höheres Gut der Menschheit zu kämpfen, vielmehr versuche ich euch die Augen zu öffnen, dass ihr für euer eigenes Leben kämpft. Begeht niemals den Fehler zu glauben, diese Form des Eigeninteresses sei verkehrt. Eigeninteresse bedeutet Überleben, es ist der Stoff, aus dem das Leben ist. Und nun möchte ich euch, in eurem begründeten Eigeninteresse, vorschlagen, dass ihr die Imperiale Ordnung niedermacht, denn nur dann könnt ihr echte Freiheit erlangen. Die Augen der Alten Welt blicken auf euch!«

Die dunkle Menschenmenge erstreckte sich im schwindenden Licht, so weit Richards Augen reichten. Zu seiner Erleichterung sah er eine ganze Reihe von Köpfen nicken.

Victor ließ seinen Blick über die Männer hinwegschweifen, ehe er sich wieder zu Richard herumwandte. »Ich denke, wir sind uns einig, Lord Rahl. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um diese Geschichte zu Ende zu bringen.«

Unter dem Jubel der Menge fassten sich Richard und Victor bei den Armen. Zu guter Letzt, während unter den Männern überall auf dem Platz der Freiheit bereits Diskussionen darüber entbrannten, wie der Herausforderung am besten zu begegnen sei, wandte Richard sich ab und nahm Nicci beiseite. Cara blieb ihm dicht auf den Fersen.

»Ich weiß sehr zu schätzen, was du gerade getan hast, Richard, trotzdem, diese Leute brauchen dich, wenn sie ...«

Er fiel ihr ins Wort. »Nicci, ich muss gleich morgen früh aufbrechen, und Cara wird mich begleiten. Ich werde mich hüten, Euch vorzuschreiben, was Ihr tun sollt, aber ich hielte es für eine gute Idee, wenn Ihr Euch dazu durchringen könntet, hier zu bleiben und diesen Leuten beizustehen. Die Herausforderung durch die Soldaten allein ist an sich schon groß genug, aber darüber hinaus werden sie es ja noch mit einem Zauberer zu tun bekommen. Ihr wisst sehr viel besser als ich, wie man eine solche Gefahr abwendet, folglich könntet Ihr diesen Leuten eine außerordentliche Hilfe sein.«

Sie sah ihm lange in die Augen, ehe sie kurz zu der unweit hinter ihm und ein paar Stufen tiefer stehenden Menschenmenge hinunterblickte.

»Ich muss dich begleiten, unbedingt«, erklärte sie bestimmt, auch wenn es in seinen Ohren nach wie vor wie eine Bitte klang.

»Wie ich schon sagte, es ist Euer Leben, und ich werde Euch nicht vorschreiben, was Ihr zu tun habt, aber ebenso wenig möchte ich, dass Ihr mir Vorschriften zu machen versucht.«

»Du solltest hier bleiben und diesen Leuten helfen«, wiederholte sie noch einmal, dann senkte sie den Blick. »Aber es ist dein Leben, und ich schätze, du musst wohl tun, was du für das Beste hältst schließlich bist du der Sucher.« Ihr Blick schweifte wieder hinüber zu den Männern, die sich um Victor zu scharen begannen und Pläne schmiedeten. »Mag sein, dass diese Leute vorerst noch keine Einwände gegen deine Worte vorbringen, aber irgendwann werden sie ins Nachdenken kommen, und dann, nach dem Zusammenstoß mit den Soldaten, nach einer entsetzlichen und blutigen Schlacht, kann es sehr gut sein, dass sie beschließen, nicht mehr weitermachen zu wollen.«

»Ich hatte ein bisschen darauf gehofft, Ihr könntet, wenn Ihr hier bleibt und ihnen helft, den Zauberer und die Truppen zu besiegen, meinen Worten zusätzliches Gewicht verleihen und ihnen klar machen, was sie zu tun haben.«

Nicci stieß einen gereizten Seufzer aus. »Also schön, dann werde ich eben tun, was du sagst, und ihnen helfen, die Gefahr abzuwenden, die ihnen in wenigen Tagen droht. Aber sobald das erledigt ist, die Truppen besiegt sind und ihr Zauberer ausgeschaltet ist, würdest du mir erlauben, mich dir anzuschließen?«

»Ja, das sagte ich doch schon.« Richard wandte sich herum. »Ishaq?«

Er eilte herbei. »Ja?«

»Ich benötige sechs Pferde.«

»Sechs? Ihr wollt also noch jemanden mitnehmen?«

»Nein, Cara und ich reiten allein. Aber wir werden unterwegs frische Tiere brauchen, um die Pferde wechseln und sie auf dem langen Ritt bei Kräften halten zu können. Außerdem müssen es schnelle Reitpferde sein, nicht die Zugtiere von deinen Wagen. Und dazu Zaumzeug«, setzte er hinzu. »Schnelle Pferde ...« Ishaq nahm seinen Hut ab und kratzte sich mit derselben Hand am Kopf. Schließlich sah er auf. »Bis wann?«

»Ich muss aufbrechen, sobald es hell genug ist.«

Ishaq musterte ihn mit argwöhnischem Blick. »Ich nehme an, damit soll ich einen Teil meiner Schulden bei Euch begleichen?«

»Ich wollte dir nur die Gewissensbisse nehmen und dir eine Gelegenheit geben, endlich mit dem Zurückzahlen anzufangen.«

Ishaq konnte einen kurzen Lacher nicht unterdrücken. »Na schön, Ihr sollt kriegen, was Ihr braucht; außerdem werde ich dafür sorgen, dass Ihr auch Vorräte bekommt.«

Richard legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Vielen Dank, mein Freund, ich weiß das zu schätzen. Ich hoffe, eines Tages zurückkehren und ein oder zwei Fuhren für dich machen zu können, einfach um der alten Zeiten willen.«

Als er das hörte, hellte sich Ishaqs Miene merklich auf. »Nach unserer endgültigen Befreiung?«

Richard nickte. »Nach eurer endgültigen Befreiung.« Er blickte hinauf zu den Sternen, die sich nach und nach am Himmel zu zeigen begannen. »Kennst du hier in der Nähe ein Gasthaus, wo wir etwas zu essen und für heute Nacht ein Bett bekommen können?«

Ishaq wies mit einer Handbewegung über die weitläufige Fläche des ehemaligen Palastgeländes zu dem Hügel, wo früher die heruntergekommenen Werkstätten gestanden hatten. »Seit Eurem letzten Besuch sind bei uns ein paar Wirtshäuser entstanden. Es kommen immer mehr Leute, die den Platz der Freiheit besichtigen wollen, und die müssen schließlich irgendwo übernachten. Ich hab dort oben eine Unterkunft gebaut, wo ich Zimmer vermiete. Sie gehören zu den besten, die man hier kriegen kann.« Er hob warnend einen Finger. »Ich habe einen Ruf zu verteidigen, nämlich dass ich in allem das Beste anbiete, ob es nun Wagen zum Transport von Gütern sind oder Zimmer für erschöpfte Reisende.«

»Ich habe das Gefühl, dass deine Schulden bei mir rasch dahinschmelzen werden.«

Grinsend zuckte Ishaq mit den Achseln. »Mittlerweile kommen ziemlich viele Leute her, um sich diese bemerkenswerte Statue anzusehen. Es ist gar nicht so einfach, ein Zimmer zu bekommen, deshalb sind sie nicht ganz billig.«

»Ich hatte nichts anderes erwartet.«

»Aber sie sind ordentlich«, beharrte Ishaq. »Und der Preis ist angemessen. Außerdem habe ich gleich nebenan einen Stall, sodass ich Euch die Tiere bringen kann, sobald ich sie ausgesucht habe. Ich werde mich sogleich an die Arbeit machen.«

»In Ordnung.« Richard nahm sein Bündel auf und schwang es über eine Schulter. »Wenigstens ist es nicht weit, auch wenn es teuer ist.«

In einer Geste überschwänglicher Begeisterung breitete Ishaq die Arme aus. »Allein die Aussicht bei Sonnenaufgang ist jeden Heller wert.« Dann ging ein Grinsen über sein Gesicht. »Aber für Euch, Richard, Herrin Cara und Herrin Nicci, ist natürlich alles umsonst.«

»Nein, kommt nicht infrage.« Richard hob die Hand, um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken. »Es ist nur billig, dass du Gelegenheit bekommst, mit deiner Investition Einnahmen zu erzielen. Zieh den Betrag von deinen Schulden bei mir ab. Ich bin sicher, mit den Zinsen dürfte sich mittlerweile eine hübsche Summe angesammelt haben.«