»Zinsen?«
»Natürlich«, sagte Richard, bereits unterwegs zu den fernen Gebäuden. »Du hast über mein Geld frei verfügen können, daher ist es nur gerecht, dass ich dafür entsprechend vergütet werde. Niedrig sind die Zinsen nicht gerade, aber durchaus angemessen.«
16
Als Richard sein Zimmer betrat, erblickte er zu seiner Freude ein Waschbecken. Ein Bad war es zwar nicht gerade, aber zumindest würde er sich vor dem Zubettgehen waschen können. Obwohl er sich in dem kleinen Gasthaus vollkommen sicher fühlte, schob er den Riegel vor und schloss sich ein. Cara hatte das Zimmer gleich nebenan, Nicci dagegen hatte ein Zimmer unten im ersten Stock bezogen, unmittelbar neben der Eingangstür und gleich neben der einzigen Treppe, die in den zweiten Stock führte. Sowohl draußen vor dem Haus als auch drinnen hatten mehrere Männer Posten bezogen, während ein paar andere durch die Straßen des Viertels patrouillierten, in dem das Gebäude stand. In Richards Augen war dieser Aufwand etwas übertrieben, aber Victor und seine Leute hatten auf diesen Vorsichtsmaßnahmen bestanden, immerhin standen feindliche Truppen ganz in der Nähe, und da er die Gelegenheit, sich endlich einmal sicher und ungestört auszuschlafen, zu schätzen wusste, hatte er seinen Widerstand schließlich aufgegeben.
Er war so müde, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Seine Hüftgelenke schmerzten vom langen Tagesmarsch durch das unwegsame Gelände, und die hitzige Debatte mit den Stadtbewohnern und Nicci gleich im Anschluss an die Wanderung hatte ihn seine letzte noch verbliebene Energie gekostet. Richard ließ sein Bündel von den Schultern gleiten, sodass es mit einem dumpfen Plumps am Fuß des schmalen Betts auf dem Fußboden landete, trat an den Waschtisch und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Er hatte völlig vergessen, dass Wasser sich so gut anfühlen konnte.
Zuvor hatten Nicci, Cara und er unten im kleinen Gastraum eine schnelle Abendmahlzeit aus Lammeintopf zu sich genommen. Jamila, die Frau, die für Ishaq die Geschäfte führte – noch jemand, den er zum Partner gemacht hatte –, hatte von ihm Anweisung erhalten, die Gäste fürstlich zu bedienen, worauf die Frau mit dem rundlichen Gesicht ihnen angeboten hatte zu kochen, was immer sie wünschten. Aber Richard hatte keine großen Umstände machen wollen, zumal die Entscheidung für den Rest des übrig gebliebenen Lammeintopfes bedeutete, dass sie nicht lange würden warten müssen und umso schneller ins Bett kommen würden. Jamila hatte eine leicht enttäuschte Miene aufgesetzt, denn dadurch war sie der Möglichkeit beraubt, etwas ganz Besonderes zuzubereiten. Aber angesichts der kargen Mahlzeiten der letzten Tage war Richard eine Schale mit Lammeintopf, dazu eine Scheibe frisches, knuspriges, dick mit Butter bestrichenes Brot wie das köstlichste Mahl vorgekommen, so lange er zurückdenken konnte. Ohne die vielen Sorgen, die ihm Kopfzerbrechen bereiteten, hätte er es freilich noch mehr genießen können. Da Cara und Nicci die Verschnaufpause ebenso nötig hatten wie er, hatte er darauf bestanden, dass jeder ein eigenes Zimmer nahm. Es war für sie alle ein Luxus, einmal nicht Wache schieben zu müssen und den dringend benötigten Schlaf zu bekommen.
Victor hatte versprochen, am nächsten Morgen vorbeizuschauen und sich von Richard und Cara zu verabschieden. Die Pferde, das hatte Ishaq ihnen fest zugesagt, sollten zu diesem Zeitpunkt längst im Stall für sie bereitstehen. Sowohl Victor als auch Ishaq zeigten sich betrübt, dass er schon wieder fortging, sahen aber ein, dass er seine Gründe hatte. Keiner der beiden fragte nach seinem Ziel – vermutlich, weil es ihnen unangenehm war, das Gespräch auf jene Frau zu bringen, von deren Existenz beide nicht recht überzeugt waren. Richard spürte, dass sich die Menschen von ihm zu distanzieren begannen, sobald er das Gespräch auf Kahlan brachte. Von dem großen Fenster seines Zimmers im obersten Stock bot sich ihm drüben, auf der anderen Seite des Geländes unterhalb jenes Hangs, auf dem das Gasthaus stand, ein atemberaubender Blick auf Seele. Jetzt, da er den Docht der Lampe in seinem Zimmer heruntergedreht hatte, konnte er die weiße, von einem Kranz aus Fackeln in hohen eisernen Halterungen beschienene Marmorstatue mühelos erkennen, und seine Gedanken schweiften zu den unzähligen Malen ab, die er hier, auf ebendiesem Hang, gestanden und auf die Bauarbeiten an Kaiser Jagangs Palast hinabgeblickt hatte. Es war kaum vorstellbar, dass es dieselbe Welt gewesen sein sollte, er fühlte sich in ein völlig anderes, ihm unbekanntes Leben versetzt, dessen Regeln er nicht kannte. Mitunter fragte er sich, ob er nicht vielleicht doch auf dem besten Weg war, den Verstand zu verlieren. Nicci, in ihrem Zimmer im unteren Stockwerk neben dem Eingang, konnte die Statue vermutlich gar nicht sehen, aber Cara, gleich nebenan, hatte bestimmt die gleiche Aussicht wie er. Er fragte sich, ob sie sie genoss, und wenn ja, wie sie über die Statue dachte, die sie dort drüben sah. Es war ihm ein völliges Rätsel, wieso sie sich nicht klar und deutlich erinnern konnte, was sie für ihn – und Kahlan – bedeutete. Er fragte sich, ob sie sich womöglich auch so fühlte, als sei sie in das Leben eines anderen geschlüpft..., oder ob sie glaubte, er verliere den Verstand. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, was passiert sein sollte, dass Kahlan aus der Erinnerung aller gelöscht worden war. Ursprünglich hatte er die vage Hoffnung gehegt, die Bewohner Altur’Rangs würden sich ihrer erinnern, und es wären nur jene betroffen, die sich bei ihrem Verschwinden in ihrer unmittelbaren Nähe befunden hatten. Diese Hoffnung hatte sich mittlerweile zerschlagen. Was immer der Grund sein mochte, das Phänomen war allgegenwärtig.
Richard lehnte sich an den Waschtisch mit dem darin eingelassenen Becken, legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen. Nacken und Schultern schmerzten vom tagelangen Tragen seines schweren Bündels auf dem beschwerlichen Fußmarsch durch den dichten und scheinbar endlosen Wald. Während des gesamten flotten und anstrengenden Marsches wäre schon eine kurze Unterhaltung über ihre Kräfte gegangen, meistens jedenfalls. Es war ein großartiges Gefühl, eine Weile nicht weitergehen zu müssen, auch wenn er, sobald er die Augen schloss, nichts als endlos vorüberziehende Wälder sah. Mit geschlossenen Augen hatte er das Gefühl, seine Beine bewegten sich noch immer.
Gähnend streifte er seinen Waffengurt über den Kopf und lehnte das Schwert der Wahrheit an einen gleich neben dem Waschtisch stehenden Stuhl, zog sein Hemd aus und warf es aufs Bett. Eigentlich, schoss es ihm durch den Kopf, wäre dies eine günstige Gelegenheit, einen Teil seiner Kleidung zu waschen, aber er war zu erschöpft. Er verspürte keinen anderen Wunsch mehr, als sich zu waschen und anschließend aufs Bett zu fallen und zu schlafen.
Während er sich mit einem seifigen Waschlappen zu säubern begann, trat er noch einmal hinüber ans Fenster. Vom unablässigen Zirpen der Zikaden abgesehen, war die Nacht totenstill. Er konnte nichts dagegen tun, sein Blick wurde wie magnetisch von der Statue angezogen, die so viel von Kahlans Wesen hatte, dass ihn eine tiefe Betrübtheit überkam. Er musste sich zwingen, nicht daran zu denken, welch schrecklichen Dingen sie womöglich ausgesetzt war, welche Schmerzen sie womöglich litt. Die Sorge schnürte ihm die Brust zusammen. Um seine Sorgen für eine Weile zu vergessen, versuchte er, sich ihr Lächeln in Erinnerung zu rufen, ihre grünen Augen, ihre Arme, wie sie sich um seinen Nacken legten, das leise Stöhnen, das sie manchmal von sich gab, wenn sie ihn küsste.
Er musste sie wieder finden – unbedingt.
Er tunkte den Waschlappen in das Wasser und wrang ihn aus, beobachtete, wie das schmutzige Wasser in das Becken zurücklief, und sah, dass seine Hände zitterten.
Er musste sie finden!
Schließlich unternahm er einen weiteren Versuch, sich abzulenken. Den Blick auf das Waschbecken gerichtet, betrachtete er ganz bewusst die rings um den Rand aufgemalten Ranken. Die Ranken waren blau, nicht grün, wahrscheinlich, damit sie zu den blauen, mittels Schablonen auf die Wände aufgetragenen Blumen, zu den blauen Blüten auf den einfachen Vorhängen und der schmückenden Tagesdecke auf dem Bett passten. Ishaq hatte Erstaunliches geleistet und ein wirklich freundliches und einladendes Gasthaus geschaffen. Plötzlich begann das Wasser im Waschbecken, eben noch still wie ein Teich im Wald, ohne ersichtlichen Grund zu vibrieren.