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Richard stand stocksteif da und starrte.

Unvermittelt bildeten sich auf der glatten Oberfläche vollkommen konzentrische und harmonische Wellenlinien, ganz ähnlich den sich sträubenden Haaren auf dem Rücken einer Katze. Und dann ließ ein wuchtiger Schlag das ganze Gebäude erzittern, so als wäre es von einem schweren Gegenstand getroffen worden. Eine der Fensterscheiben zerbarst mit einem spröden Knall, unmittelbar darauf folgte das dumpfe Geräusch splitternden Holzes am anderen Ende des Gebäudes. Richard ließ sich in die Hocke fallen, starr vor Schreck, die Augen weit aufgerissen und außerstande, sich zu erklären, was dieses unverständliche Geräusch hervorgerufen haben mochte.

Sein erster Gedanke war, ein mächtiger Baum müsse auf das Haus gestürzt sein, doch dann erinnerte er sich, dass in der Nähe gar keine großen Bäume standen.

Einen Herzschlag nach der ersten Erschütterung folgte ein zweiter Schlag, lauter diesmal – und näher. Das Gebäude wankte unter dem tosenden Krachen zersplitternden Holzes. Richard befürchtete, die Decke könnte einstürzen, und blickte nach oben.

Einen halben Herzschlag darauf folgte ein weiterer Schlag, der das Gebäude abermals erzittern ließ. Das zertrümmerte, zersplitternde Holz erzeugte ein schrilles Kreischen, als schreie es vor Schmerzen, während es in Stücke gerissen wurde.

Ein erneuter Schlag, gefolgt von dröhnendem Krachen, lauter und wiederum etwas näher. Als das Gebäude unter dem Ruck des gewaltigen Aufpralls erbebte, stützte sich Richard mit den Fingern einer Hand am Boden ab, um das Gleichgewicht zu wahren. Was immer am anderen Ende des Gebäudes seinen Anfang genommen hatte – es kam rasch näher.

Und dann folgte erneut ein Schlag, während das Krachen immer näher kam. Plötzlich kam ihm die Wand zu seiner Linken, die Wand zwischen seinem und Caras Zimmer, explosionsartig entgegen geflogen. Staubwolken stoben auf, es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm. Ein großes schwarzes Etwas, das den Raum nahezu vollständig ausfüllte, schoss krachend durch das zersplitternde Lattenwerk und schleuderte Wandverputz und Trümmerteile durch die Luft. Durch die Wucht der Erschütterung wurde die Tür aus den Angeln gerissen, das Glas der Fensterscheibe zerplatzte und wurde mitsamt Rahmen aus der Fensteröffnung gedrückt. Lange, schartige Bretterstücke segelten durchs Zimmer; eins prallte gegen den Stuhl, an dem sein Schwert lehnte, ein weiteres bohrte sich in die gegenüberliegende Wand. Sein Schwert schlitterte davon, außer Reichweite. Ein Plankenstück traf Richard so hart am Bein, dass er auf ein Knie sackte. Ein lebendiges dunkles Etwas trieb Staub und Trümmerteile vor sich her, wirbelte alles durch die Luft und schien alles Licht in sich hineinzusaugen, sodass die Wolke aus umherfliegenden Trümmerteilen in ein unwirkliches, wirbelndes Dunkel getaucht wurde.

Ein kaltes Angstgefühl schoss Richard durch die Adern.

Dann, als er gerade versuchen wollte, ächzend wieder auf die Beine zu kommen, sah er seinen Atem in einer kalten Wolke vor seinem Gesicht stehen.

Eine Dunkelheit wie der Tod höchstselbst kam auf ihn zugestürzt. Keuchend atmete Richard tief ein, bis ihm die eiskalte Luft in den Lungen stach. Der Schock über den Schmerz dieser beißenden Kälte schnürte ihm die Kehle zu.

Richard wusste, die Frage über Leben und Tod stand auf Messers Schneide und würde schon im nächsten Augenblick entschieden.

Seine ganze Kraft in diese eine Bewegung legend, stürzte er sich, wie ein Schwimmer ins rettende tiefe Wasser, durch das Fenster, streifte mit der Seite noch die sich herabsenkende Dunkelheit und spürte ein scharfes Sengen auf der Haut, ein Sengen von solcher Eiseskälte, dass es brannte. Er war bereits mitten in der Luft, als er bei seinem Fenstersprung hinaus in die Nacht aus Angst vor einem tiefen Sturz den Fensterrahmen zu greifen versuchte. Mit knapper Not bekam er ihn mit seiner linken Hand zu fassen und hielt sich daran fest, als ginge es ums Überleben. Sein fallendes Gewicht riss ihn so ruckartig herum, sein Körper prallte mit solcher Wucht gegen die Seitenwand des Hauses, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Dort hing er, benommen vom Aufprall gegen die Außenwand des Hauses, an einer Hand und versuchte keuchend, Luft in seine Lungen zu saugen.

Die feuchte Nachtluft, dazu der harte Aufprall gegen die Wand gleich nach dem eiskalten Atemzug, gefolgt von seinem Fenstersturz, schienen sich verschworen zu haben, ihm nach Kräften die Luft zu nehmen. Aus den Augenwinkeln konnte er im flackernden Schein der Fackeln die Statue erkennen. Den Kopf stolz in den Nacken geworfen, die zu Fäusten geballten Hände seitlich am Körper, den Rücken durchgedrückt, bot die Figur einer unsichtbaren Macht, die sie zu unterjochen suchte, stolz die Stirn. Der Anblick gab Richard die nötige Kraft, endlich wieder Atem zu schöpfen. Er hustete, holte gleich noch einmal Luft und versuchte keuchend, wieder zu Atem zu kommen, während er mit den Füßen nach einem Halt tastete. Den gab es nicht. Ein flüchtiger Blick nach unten ergab, dass sich der Boden beängstigend tief unter ihm befand.

Seinem Gefühl nach war nicht auszuschließen, dass er sich die Schulter ausgekugelt hatte, trotzdem wagte er nicht loszulassen, denn er hing nur an einer Hand. Ein Sturz aus dieser Höhe, so seine Befürchtung, würde mindestens einen Beinbruch zur Folge haben.

Aus dem Fenster über ihm drang ein klagender Schrei, so gellend, dass sich ihm sämtliche Körperhaare sträubten und jeder Nerv schmerzgequält aufschrie, ein Laut, so dunkel, boshaft und entsetzlich, dass Richard glaubte, der Schleier zur Unterwelt müsse zerrissen und der Hüter des Totenreiches auf die Welt der Lebenden losgelassen worden sein.

Der hemmungslose Klagelaut im Zimmer über ihm zog sich in die Länge, bis er in ein an- und abschwellendes, wutschäumendes Kreischen überging, ein Laut puren Hasses.

Dem Brodem des Erzbösen gleich schwappte ein dunkler, körperloser Schatten durch das zertrümmerte Fenster. Obwohl das Etwas weder Form noch Gestalt besaß, war Richard irgendwie vollkommen klar, dass dies mehr war als eine Verkörperung des Bösen, dies war eine Geißel Gottes auf der Jagd, der Tod höchstselbst. Kaum war der tintenschwarze Schatten durch das Fenster und in die Nacht hinausgeschlüpft, löste er sich urplötzlich in tausend flatternde Formen auf, die in allen Richtungen davonstoben. Die kalte Schwärze zerfiel, verschmolz mit der Nacht und ähnelte immer mehr den Schatten dort, wo sie am dunkelsten waren. Richard, unfähig, sich von der Stelle zu rühren, hing noch immer keuchend an einer Hand und beobachtete das Geschehen, ständig in der Erwartung, dass das Wesen urplötzlich vor seinem Gesicht erneut zusammenwuchs und ihn in Stücke riss.

Einen Moment lang legte sich eine todesähnliche Stille über den Abhang. Anscheinend war der Schatten des Todes zu einem Teil der Nacht geworden. Die Zikaden, die bis zu diesem Moment verstummt waren, nahmen ihr Zirpen wieder auf, und als sie erneut ihr schrilles Lied anstimmten, entfernte sich das anschwellende Geräusch in einer Welle über das weitläufige Parkgelände bis hin zur fernen Statue. »Lord Rahl!«, rief von unten eine Stimme. »Haltet durch!«

Der Rufer, auf dem Kopf einen Hut mit schmaler Krempe wie Ishaq, kam mit hastigen Schritten um das Gebäude herumgelaufen und hielt auf die Tür zu. Richard bezweifelte, ob er sich mit einer Hand so lange würde festhalten können, bis jemand ihm zu Hilfe käme. Er stöhnte vor Schmerzen, trotzdem gelang es ihm, seinen Körper so weit herumzudrehen, dass er seine andere Hand nach vorne strecken konnte und den Fenstersims zu fassen bekam, während seine Beine in beängstigender Höhe gemächlich hin und her baumelten. Erleichtert stellte er fest, dass schon die gleichmäßige Verteilung des Gewichts den Schmerz in seinem Arm ein wenig linderte.