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Er hatte seinen Oberkörper kaum durch das zertrümmerte Fenster nach drinnen gezogen, da hörte er Leute in sein Zimmer stürmen. Die Lampe war nicht mehr zu sehen und lag wahrscheinlich unter den Trümmern begraben, deshalb war es schwierig, etwas zu erkennen. Männer kletterten über den am Boden liegenden Schutt hinweg, zertraten knirschend mit ihren Stiefeln die Mauerreste und zersplitterten die Trümmer des hölzernen Mobiliars, bis kräftige Hände ihn schließlich unter den Armen packten. Andere fassten ihn am Gürtel und wuchteten ihn vollends ins Zimmer, in dem es wegen der fast völligen Dunkelheit nicht eben leicht war, sich zu orientieren.

»Habt ihr es auch gesehen?«, wandte sich Richard an die Männer, während er mühsam wieder zu Atem zu kommen versuchte. »Habt ihr dieses Wesen gesehen, das aus dem Fenster geschwebt ist?«

Der Staub löste bei einigen seiner Retter einen Hustenanfall aus, unterdessen versicherten ihm die anderen, sie hätten nichts gesehen.

»Wir haben den Lärm gehört, erst das Krachen und dann das Zerbersten des Fensters«, erklärte einer. »Mein erster Gedanke war, das ganze Gebäude stürzt ein.«

Jemand brachte eine Kerze und zündete die Lampe wieder an. Der gelbliche Lichtschein beleuchtete eine erschreckende Szenerie, bis ein zweiter und schließlich noch ein dritter seine Laterne hinhielt, um sie sich anzünden zu lassen. Das Zimmer, von einer dichten Wolke aufgewirbelten Staubs erfüllt, bot einen verwirrend chaotischen Anblick: Das Bett war umgestürzt, der Waschtisch halb durch die gegenüberliegende Wand gedrückt worden, und der Fußboden war übersät mit Schutt.

Im flackernden Schein der Laterne konnte Richard das nahezu kreisrunde Loch jetzt besser erkennen, das in die Wand gesprengt worden war. Die zersplitterten Balken rings um den Rand ragten in sein Zimmer hinein und zeigten die Richtung an, in der die Kräfte gewirkt hatten – was allerdings kaum verwundern konnte. Überraschend war vielmehr die Größe des Lochs: Es reichte vom Fußboden bis fast zur Decke. Der größte Teil dessen, was einst eine Wand gewesen war, lag jetzt in Trümmern über den Fußboden verstreut. Lange, zersplitterte Bretter hatten sich mit dem Lattenwerk und größeren Brocken des Wandverputzes zu einem unentwirrbaren Knäuel verkantet. Richard war es schleierhaft, wie etwas, das ein derart großes Loch zu reißen vermochte, durch das Fenster ins Freie hatte schlüpfen können. Dann erblickte Richard sein Schwert. Er zerrte es unter einigen zersplitterten Planken hervor und lehnte es gegen den Fenstersims, wo es jederzeit griffbereit war, auch wenn er gar nicht so recht wusste, was er mit dem Schwert gegen dieses Etwas hätte ausrichten können, das durch die Wand gebrochen war, nur um Augenblicke später mit der Nacht zu verschmelzen.

Die Männer husteten von dem noch immer in der Luft hängenden dichten Staub. Im Schein der Laterne sah Richard, dass sie alle mit einer weißen Staubschicht bedeckt waren, die sie wie eine Schar von unwirklichen Gespenstern wirken ließ, bis er schließlich merkte, dass er selbst auch mit einer Schicht aus weißem Putz bedeckt war. Der einzige Unterschied war, dass er obendrein aus einem Dutzend kleiner Schnittwunden blutete und dieses Blut im Kontrast mit dem weißen Staub noch schauriger wirkte. Kurzerhand klopfte er sich einen Teil des Putzstaubs aus den Haaren, von Gesicht und Armen, dann schnappte er sich – aus Sorge, andere könnten noch verschüttet oder verletzt worden sein – eine Laterne von einem der in der Nähe stehenden Männer. Er erklomm den Schuttberg, hielt das Licht in die Höhe und spähte in das Dunkel auf der anderen Seite des Lochs, wo sich ihm ein erstaunlicher, wenn auch nicht gänzlich unerwarteter Anblick bot, denn er hatte ja gehört, dass die einzelnen Zwischenwände allesamt mit Gewalt durchbrochen worden waren. Sämtliche Zwischenwände wiesen mit ungeheurer Wucht heraus gebrochene Löcher auf, die in einer geraden Linie bis zur Rückseite des Gebäudes reichten, Löcher, die dem in seiner Zimmerwand exakt glichen und an deren Ende er durch die runde Öffnung in der hinteren Außenwand die Sterne funkeln sehen konnte.

Vorsichtig stieg er über die langen, scharfkantigen Holztrümmer hinweg, bis ein Teil des Schutthaufens unter seinem Gewicht nachgab und er seinen Fuß nur unter beträchtlichen Mühen wieder befreien konnte. Bis auf gelegentliches Husten war von den Männern so gut wie nichts zu hören, als sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen den von einer unbekannten Macht verursachten Schaden begutachteten, einer ungeheuerlichen Macht, die anschließend in die Nacht entschwunden war.

Dann legte sich der Staub, und Richard erblickte Cara. Sie stand mitten in ihrem Zimmer, den Blick starr in die gleiche Richtung gerichtet wie er, nämlich auf das nach draußen führende Loch. Die Füße in Abwehrhaltung leicht gespreizt, den Strafer fest mit ihrer rechten Hand umklammert, kehrte sie ihm den Rücken zu. In diesem Augenblick stürzte Nicci, eine zuckende Flamme über ihrer offenen Hand, durch die zerschmetterte Tür in Richards Zimmer. »Richard, ist mit dir alles in Ordnung?«

Richard, immer noch oben auf dem Trümmerhaufen, rieb sich die linke Schulter und bewegte versuchsweise seinen Arm. »Schätze ja.«

Vor Ärger leise vor sich hin murmelnd, kletterte Nicci vorsichtig über den Schutt hinweg. »Habt Ihr eine Ahnung, was hier eigentlich passiert ist?«, fragte einer der Männer. »Ich bin nicht sicher«, erwiderte Richard. »Ist jemand verletzt?«

Die Männer nahmen sich reihum gegenseitig in Augenschein, bis einige erklärten, vermutlich nicht, alle, die sie kannten, seien nachweislich in Sicherheit. Ein anderer fügte hinzu, die anderen Zimmer im oberen Stock seien ohnehin nicht belegt gewesen.

Richard steckte den Kopf durch das dunkle Loch und rief: »Cara? Ist alles in Ordnung, Cara?«

Aber Cara antwortete nicht, noch rührte sie sich von der Stelle. Sie stand einfach da, als wäre sie in dieser Körperhaltung erstarrt.

Mit einem Gefühl wachsender Besorgnis stieg Richard auch das letzte Stück über das Chaos aus Brettern und zerbröckeltem Putz hinweg und kletterte, sich mit einer Hand an der Decke abstützend, um auf dem schwankenden Schutthaufen das Gleichgewicht zu wahren, durch das Loch in Caras Zimmer. Das Ausmaß der Zerstörung glich weitgehend dem in seinem Zimmer, auch wenn hier zwei Wände statt nur einer gewaltsam durchbrochen worden waren. Allerdings waren die Trümmer der zweiten Wand von der Wucht des Aufpralls bis in Richards Zimmer geschleudert worden. Das Glas ihres Fensters war ebenfalls zerborsten, die Tür dagegen hing, wenn auch schief, noch an ihrem Platz. Cara stand auf einer Linie genau zwischen beiden Löchern, wenn auch etwas näher an dem großen Nichts, das in Richards Zimmer führte. Der Boden rings um sie her war mit Trümmerteilen übersät; offenbar hatte nur ihr Lederanzug verhindert, dass sie von umherfliegenden Trümmern zerfetzt worden war. »Cara?«, rief Richard erneut, während er den unter seinen Füßen nachgebenden Trümmerhaufen hinabkletterte. Cara verharrte nach wie vor regungslos in dem dunklen Zimmer, den Blick noch immer starr in die Ferne gerichtet. Jetzt kletterte auch Nicci über die zersplitterten Bretter durch das Loch in der Wand. Als sie ihn eingeholt hatte, musste sie sich kurz an Richards Arm festhalten, um sich abzustützen. »Cara?« Nicci schob ihre Hand mit der Flamme darin um sie herum bis vor ihr Gesicht. Richard hielt die Laterne in die Höhe. Caras Augen waren stark geweitet und starrten blicklos ins Leere. In der Staubschicht auf ihrem Gesicht waren Tränenspuren zu erkennen. Sie hatte ihre Abwehrhaltung nach wie vor nicht aufgegeben, aber als er jetzt unmittelbar neben ihr stand, konnte er sehen, dass sie am ganzen Körper zitterte.

Er fasste sie am Arm, zog seine Hand aber sofort erschrocken wieder zurück. Sie war kalt wie Eis. »Cara? Könnt Ihr uns hören?« Nicci berührte sie an der Schulter, ehe sie ihre Hand, ebenso überrascht wie Richard, wieder zurückzog.