»Was ist denn?«, fragte er, sich die Augen reibend. »Wie spät ist es? Wie lange ...?«
»Mehrere Stunden«, antwortete Nicci mit ruhiger, müder Stimme. »Es ist jetzt mitten in der Nacht.«
Hoffnungsvoll rappelte Richard sich hoch. »Cara geht es also gut? Ihr habt sie geheilt?«
Nicci starrte ihn eine halbe Ewigkeit lang an. Während er in ihre zeitlosen Augen blickte, hatte Richard das Gefühl, als schlüge ihm das Herz bis zum Hals.
Mit einer Stimme, so sanft und voller Mitgefühl, dass ihm die Luft wegblieb, erklärte sie schließlich: »Cara wird es wohl nicht schaffen, Richard.«
Die Worte schienen nicht recht bis in sein Bewusstsein vorzudringen, deshalb musste er sich Gewissheit verschaffen, dass er wirklich verstanden hatte, was sie meinte. Er räusperte sich. »Was soll das heißen?«
Sachte legte sie ihm eine Hand auf den Arm. »Ich denke, du solltest mit nach drinnen kommen und sie ein letztes Mal sehen, solange sie noch bei uns ist.«
Richard fasste sie bei den Schultern. »Wovon redet Ihr überhaupt?«
»Richard ...« Nicci senkte den Blick. »Cara wird es nicht schaffen. Sie liegt im Sterben. Sie wird die Nacht nicht überstehen.«
Richard versuchte, sich von der Hexenmeisterin loszureißen, stieß jedoch mit dem Rücken gegen die Wand. »Aber woran denn? Was ist denn mit ihr?«
»Ich kann es nicht genau sagen. Irgendetwas hat sie berührt, das ... das sie mit dem Tod infiziert hat. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, weil ich nicht genau weiß, woran sie letztendlich sterben wird. Ich weiß nur, dass irgendetwas die Abwehrmechanismen ihres Körpers überwunden hat und sie uns mit jeder Sekunde weiter entgleitet.«
»Aber Cara ist stark, sie wird dagegen ankämpfen. Sie wird es schaffen.«
Doch Nicci schüttelte bereits den Kopf. »Nein, Richard, wird sie nicht. Ich will dir keine falschen Hoffnungen machen. Sie liegt im Sterben. Ich glaube fast, sie wünscht sich den Tod.«
Richard stieß sich von der Wand ab. »Was? Das ist doch verrückt. Sie hat keinen Grund, sich den Tod zu wünschen!«
»Woher willst du das wissen, Richard? Du weißt doch gar nicht, was sie durchmacht. Du kennst ihre Beweggründe nicht, vielleicht ist das Leid zu viel für sie. Vielleicht kann sie die Schmerzen nicht länger ertragen und möchte nur noch, dass es aufhört.«
»Wenn schon nicht um ihrer selbst willen, so würde Cara doch alles dafür tun, um weiterzuleben, nur um mich beschützen zu können.«
Nicci benetzte sich die Lippen und drückte seinen Arm, um ihn zu beruhigen. »Vielleicht hast du ja Recht, Richard.«
Richard wollte nicht auf diese Weise besänftigt werden und sah von der Tür wieder zu der Hexenmeisterin. »Nicci, ich bin sicher, dass Ihr sie retten könnt. Ihr wisst, wie man so etwas macht.«
»Schau, du solltest besser noch einmal nach ihr sehen, ehe sie ...«
»Ihr müsst etwas tun. Ihr müsst.«
Nicci schlang ihre Arme um den Körper und wandte den Blick ab, während ihr Tränen in die Augen traten. »Ich schwöre, Richard, ich habe alles versucht, was mir in den Sinn gekommen ist, aber es war zwecklos. Der Tod hat sich bereits ihrer Seele bemächtigt, und bis dahin reichen selbst meine Möglichkeiten nicht. Sie atmet noch, wenn auch kaum merklich, ihr Puls ist hingegen schon so schwach, dass man ihn kaum noch spürt. Es ist, als würde ihr Körper allmählich den Betrieb einstellen, während sie uns immer mehr entgleitet. Ich bin nicht einmal sicher, ob sie noch in dem Sinne lebendig ist, wie wir uns einen lebendigen Menschen vorstellen. Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden, und dieser Faden wird nicht mehr lange halten.«
»Aber könnt Ihr nicht ...« Ihm fehlten die Worte, um den übergroßen Kummer abzuwenden, der ihn unter sich zu begraben drohte.
»Bitte, Richard«, drängte Nicci ihn leise, »komm und verabschiede dich von ihr, ehe sie von uns geht. Sag, was du ihr sagen möchtest, solange du noch Gelegenheit hast. Wenn du es versäumst, wirst du dich dafür ewig hassen.«
Richard war wie betäubt, als Nicci ihn ins Zimmer führte. Dies geschah nicht wirklich, das konnte einfach nicht sein. Das war doch Cara, und Cara war wie die Sonne, sie konnte nicht sterben. Sie war ... sie war seine vertraute Gefährtin. Sie konnte nicht sterben.
18
Der trübe Schein der beiden Laternen trug nur wenig dazu bei, ein wenig Helligkeit in das düstere Zimmer zu bringen. Die kleinere stand auf einem Tisch in der Ecke, so als hätte sie sich in Gegenwart des Todes dorthin zurückgezogen, die andere dagegen stand auf dem Nachttisch neben einem Glas Wasser und einem feuchten Lappen und hatte größte Mühe, die immer näher rückenden Schatten in Schach zu halten. Über Cara lag eine Brokattagesdecke mit verschnörkeltem Goldrand gebreitet, auf der schlaff ihre Arme ruhten. Cara hatte kaum noch Ähnlichkeit mit sich selbst, sie sah aus wie ein Leichnam, selbst im gelblichen Schein der Lampe wirkte ihr Gesicht aschfahl. Richard konnte nicht sehen, dass sie atmete. Er bekam selbst kaum Luft und fühlte, wie ihm die Knie zitterten. Der Kloß in seiner Kehle schien ihn zu ersticken. Am liebsten hätte er sich über sie geworfen und sie angefleht, doch wieder aufzuwachen. Nicci berührte sachte ihr Gesicht, ehe ihre Finger seitlich zu ihrem Hals hinunterglitten. Richard fiel auf, dass Caras entsetzliches Zittern aufgehört hatte, auch wenn er nicht glaubte, dass dies die gute Nachricht war, für die man es vielleicht halten könnte.
»Ist sie ... ist sie ...?«
Nicci sah über ihre Schulter hinter sich’. »Sie atmet noch, aber ich fürchte, ihr Atem wird immer flacher.«
Richard musste seinen ausgetrockneten Gaumen mit der Zunge benetzen, um überhaupt sprechen zu können. »Wisst Ihr, Cara hat jemanden, dem sie sehr zugetan ist.«
»Ach, ja? Tatsächlich?«
Richard nickte. »Die meisten Menschen halten die Mord-Sith für vollkommen unfähig, so etwas wie Zuneigung zu empfinden, aber das stimmt nicht. Cara empfindet große Zuneigung für einen Soldaten, General Meiffert. Und Benjamin empfindet für sie ebenso.«
»Du kennst ihn?«
»Ja, er ist ein prima Kerl.« Richard starrte auf den blonden Zopf, der über Caras Schulter lag und sich von dort über die Brokatdecke ausbreitete. »Ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen. Er dient in der d’Haranischen Armee.«
Nicci machte ein skeptisches Gesicht. »Und Cara hat dir mit ihren eigenen Worten anvertraut, dass sie diesen Mann mag?«
Kopfschüttelnd starrte er auf Caras vertraute Gesichtszüge. Ihr einstmals so hübsches Gesicht war eingefallen und blass und nur noch ein Schatten seines früheren Selbst.
»Nein, Kahlan hat mir davon erzählt. Während des einen Jahres, als ich hier unten in Altur’Rang Eure Gefangene war, sind die beiden einander recht nahe gekommen.«
Nicci wandte den Blick ab und machte sich an der Bettdecke zu schaffen, mit der Cara zugedeckt war. Als Richard näher trat, ging Nicci zu einem Stuhl am Tisch hinüber, um nicht im Weg zu sein. Ihm war, als hätte er seinen Körper verlassen und beobachtete das Geschehen von oben, er sah sich auf ein Knie heruntergehen, Caras Hand ergreifen und sie an seine Wange pressen.
»Gütige Seelen, tut ihr das nicht an«, hauchte er. »Bitte«, setzte er mit einem unterdrückten Schluchzen hinzu, »ruft sie nicht zu euch.«
Er sah zu Nicci. »Sie wollte immer wie eine Mord-Sith sterben, im Kampf für ihre Sache, nicht im Bett.«
Nicci schenkte ihm ein kaum merkliches Lächeln. »Ihr Wille ist erhört worden.«
Die Worte, die klangen, als wäre sie bereits tot, trafen ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er durfte nicht zulassen, dass es so weit kam, er konnte es einfach nicht. Erst war Kahlan verschwunden, und nun das! Er konnte es einfach nicht zulassen. Fast zärtlich legte er seine hohle Hand unter Caras eiskaltes Gesicht. Es war, als berührte man eine Tote. Richard kämpfte mit den Tränen.
»Ihr seid eine Hexenmeisterin, Nicci. Ihr habt mich gerettet, als ich dem Tod nahe war. Niemand außer Euch wäre damals imstande gewesen, eine Lösung zu finden, niemand außer Euch hätte mich retten können. Habt Ihr denn überhaupt keine Idee, was Ihr noch tun könnt, um Cara zu retten?«