Als sie einen herzzerreißenden Klagelaut ausstieß, begriff er, wie überwältigend einsam sie sich fühlte. »Ich bin bei Euch, Cara. Ihr seid nicht allein.« Plötzlich kam er sich vor wie jemand, der aufs offene Meer hinausgeschwommen ist, um einen Ertrinkenden zu retten, und der plötzlich mit ihm zusammen vom selben wilden Strudel erfasst wird, der sie zusammen in die dunklen Fluten des Todes zu reißen versucht. Ich will nicht mehr leben. Ich habe Euch im Stich gelassen. Bitte, lasst mich sterben.
»Warum wollt Ihr mich verlassen? So redet schon, warum?«
Weil ich Euch nur auf diese Weise dienen kann, weil nur dann eine andere an meine Stelle treten kann, die Euch nicht im Stich lassen wird.
»Das ist nicht wahr, Cara. Irgendetwas läuft verkehrt, etwas, das keiner von uns beiden versteht.«
Doch genau in diesem Augenblick begriff er, warum Cara glaubte, sie habe ihn bereits zuvor, damals bei Nicci, im Stich gelassen, und weshalb sie diesmal entschlossen war, ihren Treueschwur unter Beweis zu stellen. Der Wahnsinn hatte sie noch nicht verlassen.
Offenbar war sie im Glauben, wenn der Tod sie ereilte, würde das in seinen Augen ihre Erlösung sein, und deshalb weigerte sie sich, dagegen anzukämpfen.
Sie wollte ihm mit ihrem Tod ihre Treue beweisen.
Als das Wesen durch die Wand gebrochen und durch ihr Zimmer gejagt war, hatte Cara versucht, den Tod höchstselbst seiner Macht zu berauben.
Richard spürte, wie der quälende Hauch ihn mit seiner alles verzehrenden Seelenangst umfing, ein Hauch, so kalt, dass sein Herz zu gefrieren begann.
Die Welt begann ihm zu entgleiten, so wie zuvor ihr, und er verlor sich in der erdrückenden Pein dieses tödlichen Hauches ...
19
Richard spürte den Druck von Caras Armen, die ihn fest umschlungen hielten. Die daunenzarten Härchen hinter ihrem Ohr streiften seine Wange.
»Cara?«, fragte er leise.
Sie hob ihre Hand und strich ihm zärtlich über den Hinterkopf, während sie ihn ganz ohne Scham an sich drückte. »Shh«, hauchte sie besänftigend in sein Ohr. »Schon in Ordnung.«
Er hatte Mühe, aus der Situation klug zu werden.
Es verwirrte ihn ein wenig, sich plötzlich mit Cara in den Armen daliegen zu sehen, zu sehen, dass sie ihn so zärtlich in ihren Armen hielt, zu sehen, dass sie einander auf so intime Art umschlangen. Er spürte, wie ihr Körper sich an seinen schmiegte. Gleichwohl gab es wohl kaum etwas Intimeres als das, was sie soeben an diesem Ort der Finsternis erlebt hatten, als sie plötzlich gemeinsam mit dem Bösen konfrontiert wurden, das über sie gekommen war.
Mit der Zunge fuhr er sich über seine aufgesprungenen Lippen und schmeckte salzige Tränen. »Cara ...«
Sie nickte, an seine Wange geschmiegt, und beruhigte ihn erneut. »Sssh, es ist gut. Ich bin bei Euch. Ich werde Euch nicht verlassen.«
Er löste sich von ihr, gerade weit genug, um ihr in die Augen sehen zu können. Sie waren blau und klar und von einer Tiefe, wie er sie zuvor noch nie gesehen hatte. Mit einer Art liebevollem, wissendem Wohlwollen betrachtete sie sein Gesicht.
In diesem Moment sah er in ihren Augen deutlich, dass dies Cara war und sonst nichts, die Bezeichnung Mord-Sith war bis auf den Grund ihrer Seele von ihr abgefallen: Dies war Cara, die Frau, der Mensch, nichts sonst. Nie zuvor hatte er einen so tiefen, enthüllenden Einblick in ihr Wesen gehabt, einen Einblick, der eine verblüffende Schönheit offenbarte.
»Ihr seid ein sehr außergewöhnlicher Mensch, Richard Rahl.«
Der sanfte Hauch ihrer Worte auf seinem Gesicht linderte ein wenig den noch immer gegenwärtigen Schmerz ebenso verführerisch wie ihre Arme, ihre Augen und ihre Worte, und wie die lebendige, atmende Wärme ihres Körpers.
Dennoch, die Pein, die er ihr genommen hatte, durchströmte ihn nach wie vor und versuchte ihn weiter in Tod und Dunkelheit zu zerren. Irgendwo, in einem entlegenen Winkel seines Verstandes, versuchte er, dagegen anzukämpfen – mit seiner Liebe für das Leben und mit seiner Freude, dass Cara wohlauf war. »Ich bin schließlich ein Zauberer«, erwiderte er ebenso leise. Sie sah ihm fest in die Augen und schüttelte bedächtig, voller Staunen, den Kopf. »Einen Lord Rahl wie Euch hat es noch nie gegeben. Ich schwöre es, noch nie.«
Die Arme noch immer um seinen Hals geschlungen, zog sie seinen Kopf näher zu sich heran und küsste ihn auf die Wange. »Ich danke Euch, Lord Rahl, dass Ihr mich zurückgeholt habt. Ihr habt mir die Gewissheit zurückgegeben, leben zu wollen. Eigentlich sollte ich Euer Leben beschützen, und nun habt Ihr Eures riskiert, um meines zu retten.«
Wieder suchte sie seine Augen, mit einem ruhigen, zufriedenen Blick, der so völlig anders war als der stechende, durchdringende Blick, mit dem sie einem gewöhnlich bis auf den Grund der Seele schaute. Dahinter verbarg sich ein Gefühl der Bewunderung, das sich aus ihrer Anerkennung seiner Bedeutung für sie speiste. Es war, im reinsten Sinne, Liebe. Völlig unverhüllt und ohne die geringste Befangenheit zeigte sie ihm, was sie für ihn empfand.
Nach dem, was sie soeben zusammen erlebt hatten, wäre diese Zurückhaltung wohl auch grotesk gewesen, trotzdem wusste er, dass dies mehr war, dass dies die eigentliche Cara war: ernsthaft, frei von Ängsten oder falschem Schamgefühl.
»Einen Lord Rahl wie Euch hat es noch nie gegeben.«
»Ihr wisst gar nicht, wie froh ich bin, Cara, dass Ihr wieder bei mir seid.«
Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Oh doch, das weiß ich. Ich weiß, was Ihr meinetwegen heute Nacht durchgemacht habt. Ich weiß sehr wohl, wie sehr Ihr Euch gewünscht habt, ich würde zurückkommen. Mir ist völlig klar, was Ihr für mich getan habt.« Sie schlang ihm die Arme um den Hals und zog ihn fest an sich. »Noch nie hatte ich solche Angst, nicht einmal, als ich zum ersten Mal...«
Er legte ihr den Finger an die Lippen, um zu unterbinden, was sie sagen wollte – aus Angst, es könnte den Zauber brechen und die für alle Mord-Sith typische Härte allzu bald in ihre wunderschönen blauen Augen zurückkehren lassen. Er wusste ohnehin, was sie hatte sagen wollen. Dieser Wahnsinn war ihm nur zu vertraut. »Danke, Lord Rahl«, sagte sie mit leiser Verwunderung in der Stimme, als er seine Finger wieder zurücknahm. »Danke für alles, und dafür, dass Ihr mich nicht habt sagen lassen, was ich gerade sagen wollte.« Mit einem leichten Zucken ihrer Stirn ging ein letzter Anflug von Gequältheit über ihr Gesicht. »Deswegen gab es ja noch nie einen Lord Rahl wie Euch, denn alle haben sie Mord-Sith erschaffen, alle haben sie diesen Schmerz hervorgebracht. Erst Ihr habt damit Schluss gemacht.«
»Cara, wir müssen fort von hier«, sagte Richard dann unvermittelt. »Wie meint Ihr das?«
Richard stemmte sich hoch, als ihm schlagartig die Dringlichkeit ihrer Situation bewusst wurde. Ihm drehte sich der Kopf, dass ihm speiübel wurde. »Ich habe Magie benutzt, um Euch zu heilen.«
Sie nickte, ganz gegen ihre Art nach außen hin scheinbar einverstanden, dass ihre Person und Magie in einem Atemzug genannt wurden – allerdings hatte die Magie ihr soeben das Wunder des Lebens vor Augen geführt. Richard zitterten die Knie. In diesem Moment bemerkte er, dass er das Schwert noch immer umgeschnallt hatte, und war froh, es griffbereit zu haben. »Falls Jagangs Bestie noch in der Nähe ist, könnte sie gespürt haben, dass ich von meiner Gabe Gebrauch gemacht habe. Ich habe keine Ahnung, wo sie sein könnte, aber wenn sie zurückkommt, möchte ich nicht hier sein.«
»Ich auch nicht. Das eine Mal hat mir vollauf gereicht.«
Und dann, auf unerklärliche Weise, umgab sich Cara wieder mit ihrer Aura der Mord-Sith und lächelte. Die gefasste Zuversicht, die aus diesem Lächeln sprach, hatte etwas Herzerfrischendes. »Es geht mir gut«, verkündete sie, so als wollte sie ihm zu verstehen geben, er könne aufhören, sich Sorgen zu machen. »Ich bin wieder bei Euch.«