»Ich musste es tun, sonst hätten wir sie verloren.«
Für ihn schien das alles ganz einfach und unkompliziert, aber wenigstens besaß er genug Feingefühl, nicht so selbstgefällig dreinzuschauen wie Cara. Die Fäuste in die Hüften gestemmt, beugte sie sich näher zu ihm. »Begreifst du eigentlich nicht, was du angerichtet hast? Du hast wieder einmal deine Gabe benutzt, dabei hatte ich dich ausdrücklich gewarnt, es nicht zu tun. Die Bestie ist bereits ganz in der Nähe, und du hast nichts Besseres zu tun, als ihr durch deinen Gebrauch der Gabe deinen exakten Aufenthaltsort zu verraten.«
»Was hätte ich Eurer Meinung nach denn tun sollen? Cara sterben lassen?«
»Ja! Sie hat einen Eid darauf geschworen, dein Leben mit ihrem zu verteidigen. Das ist ihre Pflicht – und ihre offizielle Aufgabe. Wir hätten dich bei dem Versuch leicht verlieren können, ganz zu schweigen von der ungeheuren Gefahr, die du soeben heraufbeschworen hast. Du hast alles, was du den Menschen in D’Hara bedeutest, deinen Wert für unsere Sache, aufs Spiel gesetzt, um einen einzelnen Menschen zu retten. Du hättest sie von uns gehen lassen sollen. Durch ihre Rettung hast du ihr bestenfalls Gelegenheit gegeben, Euch beide ins Verderben zu ziehen, denn jetzt ist die Bestie erst recht imstande, dich zu finden. Was vorhin passiert ist, wird sich wiederholen, nur dass es diesmal kein Entrinnen gibt. Zugegeben, du hast soeben Cara das Leben gerettet – wenn auch um den Preis deines eigenen und obendrein zweifellos um den des ihren.«
»Davon abgesehen«, erklärte Richard ungerührt, während er die Dunkelheit mit den Augen absuchte, »wissen wir immer noch nicht, ob dieser Vorfall mit dem Schatten heute Nacht etwas mit dem Wesen im Wald zu tun hatte.«
»Aber natürlich hat er das«, gab Nicci zurück.
Sein Blick wanderte zu ihr. »Woher wollt Ihr das wissen? Die Bestie dort hat die Männer in Stücke gerissen, der Angriff hier verlief vollkommen anders. Und überhaupt, wir wissen auch keineswegs mit Sicherheit, ob beide Attacken jener Bestie zuzuschreiben sind, deren Schaffung Jagang angeordnet hat.«
»Was redest du da eigentlich? Was sonst könnte es gewesen sein? Es kann sich nur um die Waffe handeln, die die Schwestern auf Jagangs Geheiß mit ihrer Magie erschaffen haben.«
»Ich behaupte ja gar nicht, dass es nicht so war – möglich wäre es –, trotzdem ergibt vieles daran in meinen Augen einfach keinen Sinn.«
»Zum Beispiel?«
Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Das Wesen im Wald griff die Männer an, nicht aber mich, obwohl ich ganz in der Nähe war. Hier dagegen hatte es aber offenbar gar kein Interesse daran, Cara ebenso in Stücke zu reißen wie zuvor die Männer im Wald. Wenn es also tatsächlich hier war und sich ihm die Chance bot, wieso hat es sie dann nicht genutzt?«
»Möglicherweise, weil ich versucht habe, seine Kräfte zu binden«, schlug Cara vor. »Vielleicht hat es mich bewusst übersehen, weil ich ihm gefährlich werden konnte oder weil ich es so abgelenkt hatte, dass es beschloss, die Flucht zu ergreifen.«
Richard schüttelte den Kopf. »Ihr wart keine Gefahr. Es ist glatt durch Euch hindurchgegangen, zudem hätte es jede Einmischung Eurerseits mühelos mit einer Berührung beenden können. Anschließend ist es durch die Wand gebrochen, um sich auf mich zu stürzen, aber als es sich in meinem Zimmer befand, hat es nicht etwa die Flucht ergriffen, sondern ist einfach verschwunden.«
Sofort regte sich Niccis Misstrauen, denn bislang hatte sie noch nie die ganze Geschichte gehört. »Du warst auf deinem Zimmer, und trotzdem hat es sich einfach aus dem Staub gemacht?«
»Nicht ganz. Als es durch die Wand in mein Zimmer eindrang, bin ich aus dem Fenster gesprungen und wollte fliehen. Und als ich dort an einem Balken hing, quoll ein dunkles Etwas, eine Art fließender Schatten, aus dem Fenster hervor und schien kurz darauf mit der Nacht zu verschmelzen.«
Gedankenversunken ließ Nicci die Kordel ihres Leibchens durch die Finger gleiten, während sie über seine Bemerkung nachdachte und die einzelnen Details in das Gesamtbild einfügte, soweit es ihr bekannt war, doch nichts wollte so recht passen. Das Verhalten dieses Wesens – wenn es sich denn tatsächlich um dieselbe Bestie handelte – ergab einfach keinen Sinn. Richard hatte Recht, wenn er sagte, es widersetze sich jeder Logik. »Vielleicht hat es dich ja gar nicht gesehen«, murmelte sie halb zu sich selbst, während sie über das Rätsel nachsann.
Richard warf ihr einen Blick zu, einen Ausdruck von Skepsis im Gesicht. »Ihr wollt allen Ernstes behaupten, es ist in der Lage gewesen, mich nachts im Gasthaus aufzuspüren, hat dann, bei dem Versuch, sich auf mich zu stürzen, mehrere Zimmerwände durchbrochen, nur um, unmittelbar nachdem ich mich mit knapper Not aus dem einzigen Fenster werfen konnte, in Verwirrung zu geraten und unverrichteter Dinge wieder abzuziehen?«
Nicci sah ihm einen Moment prüfend in die Augen. »In einem wichtigen Punkt stimmten beide Angriffe überein: Beide ließen eine ungeheure Kraft erkennen – Bäume wurden wie dürre Zweige in Stücke geschlagen, und Wände wurden durchbrochen, als wären sie nichts als Papier.«
Richard stieß einen unglücklichen Seufzer aus. »Das stimmt vermutlich.«
»Was mich allerdings interessieren würde«, fuhr Nicci fort und verschränkte die Arme, »ist, warum es Cara nicht getötet hat.«
Das kurze Aufblitzen in seinen Augen verriet ihr sofort, dass er ihr etwas verschwiegen hatte. Den Kopf zur Seite geneigt, musterte sie ihn abwartend, bis er schließlich mit ruhiger Stimme gestand: »Als ich in Caras Verstand eingedrungen war, um die Schmerzen, die ihr dieses abscheuliche Etwas zufügte, auf mich zu nehmen, sah ich, dass es noch etwas anderes zurückgelassen hatte. Ich vermute, es wollte mir eine Art Botschaft hinterlassen, die Botschaft, dass dieses Wesen es auf mich abgesehen hat, dass es mich unweigerlich finden und töten wird und dass mein Tod zu einem für alle Ewigkeiten unerreichbaren Genuss werden wird.«
Niccis fragender Blick schwenkte zu Cara.
»Ich kann doch nichts dafür, dass er mich bis in dieses Schattenreich verfolgt hat, wie Ihr es nennt. Ich hab ihn nicht darum gebeten, und ich hab es nicht gewollt.« Die Mord-Sith ballte wütend die Fäuste. »Aber ich will auch nicht lügen und behaupten, ich wäre lieber tot.«
Nicci konnte nicht anders – so viel schlichte Offenheit entlockte ihr ein Schmunzeln. »Es erfüllt mich mit Freude, Cara, dass Ihr nicht tot seid, und das ist mein aufrichtiger Ernst. Was wäre das auch für ein Mann, dem wir folgen, der eine gute Freundin einfach sterben lassen würde, ohne alles in seinen Kräften Stehende zu ihrer Rettung zu versuchen.«
Caras Empörung hatte sich bereits etwas gelegt, als Nicci sich wieder an Richard wandte. »Trotzdem, mich verwirrt nach wie vor, warum das Wesen Cara verschont hat. Es hätte dir eine solche Botschaft schließlich auch direkt mitteilen können. Wenn die Drohung glaubhaft ist – und daran zweifele ich nicht –, dann hätte dieses Wesen doch alle Zeit der Welt gehabt, dich leiden zu lassen, wenn es dich in diesem Moment entführt hätte. Nein, eine solche Botschaft ist im Grunde genommen unsinnig. Und überhaupt, für dieses Wesen ergibt es schlicht keinen Sinn, einfach wieder zu verschwinden, nachdem es einmal am Ziel war.«
Richard trommelte mit den Fingern auf den Handschutz seines Schwertes und dachte nach. »Alles ausgezeichnete Fragen, Nicci, nur habe ich leider keine passenden Antworten parat.«
Die linke Hand am Heft seines Schwertes, suchte er das Dunkel abermals mit den Augen nach irgendeinem Anzeichen einer Gefahr ab. »Ich denke, Cara und ich sollten jetzt besser aufbrechen. Nach der schaurigen Geschichte mit Victors Männern mache ich mir ziemliche Sorgen, was geschehen könnte, falls dieses Etwas meinetwegen noch einmal hierher zurückkehren sollte. Was immer dieses Wesen sein mag – eine Bestie, erschaffen von den Schwestern auf Geheiß Jagangs, oder etwas, von dem wir bislang noch nichts wissen –, meine Überlebenschancen sind vermutlich erheblich größer, wenn ich in Bewegung bleibe. Einfach nur an einem Ort herumzusitzen käme viel zu sehr dem Warten auf den Henker gleich.«