»Ich finde nicht, dass deine Schlussfolgerungen unbedingt logisch sind«, sagte Nicci. »Wie auch immer, ich muss ohnehin fort, und aus einer ganzen Reihe von Gründen wäre mir wohler, wenn es jetzt gleich geschehen würde.« Er schob sein Bündel höher auf die Schultern. »Ich muss nämlich zu Victor und Ishaq.«
Resigniert wies Nicci hinter sich. »Nach dem Überfall bin ich gleich losgezogen und habe sie hergebracht, sie warten dort drüben bei den Stallungen. Ishaq hat die Pferde mitgebracht, um die du ihn gebeten hast, und ein paar seiner Leute haben ihm geholfen, die Vorräte für dich zusammenzustellen.« Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Außerdem sind einige Familienangehörige von Victors Männern mitgekommen, von denen, die getötet wurden. Sie würden es gern von dir selbst hören.«
Richard stieß einen tiefen Seufzer aus und nickte. »Ich hoffe, ich kann sie ein wenig trösten, auch für mich ist der Schmerz noch sehr frisch.« Er drückte kurz Caras Schulter. »Auch wenn mir schon etwas leichter ums Herz ist.«
Richard rückte seinen Bogen auf der Schulter zurecht und marschierte los. Kaum einen Lidschlag später hatte ihn die Dunkelheit verschluckt.
21
Als Cara, die unmittelbar hinter ihm ging, an Nicci vorbei wollte, bekam diese den Arm der Mord-Sith zu fassen und hielt sie zurück, bis sie ein paar Worte mit ihr wechseln konnte, ohne dass Richard etwas davon mitbekam. »Wie geht es Euch wirklich, Cara?«
Cara erwiderte Niccis unverblümten Blick mit einem festen Ausdruck in den Augen. »Ich bin müde, aber ansonsten geht es mir jetzt wieder gut. Und das habe ich Lord Rahl zu verdanken.«
Zufrieden nickte Nicci. »Darf ich Euch eine persönliche Frage stellen, Cara?«
»Solange ich nicht versprechen muss, sie zu beantworten.«
»Gibt es einen Mann mit Namen Benjamin Meiffert, dem Ihr sehr zugetan seid?«
Selbst bei diesem trüben Licht konnte sie Caras Gesicht so tief erröten sehen, dass es sich kaum noch von ihrem Lederanzug unterschied. »Wer hat Euch davon erzählt?«
»Wollt Ihr damit etwa andeuten, es ist ein Geheimnis, und niemand weiß etwas davon?«
»Na ja, das nicht gerade«, stammelte Cara. »Ich meine ... Ihr wollt mich doch nur dazu verleiten, dass ich gegen meinen Willen etwas ausplaudere.«
»Ich versuche keineswegs, Euch zum Ausplaudern irgendwelcher Intimitäten zu verleiten, erst recht nicht, wenn sie nicht der Wahrheit entsprechen. Ich habe Euch lediglich nach Benjamin Meiffert gefragt.«
Argwohn zerfurchte Caras Stirn. »Wer hat Euch davon erzählt?«
»Richard.« Sie hob herausfordernd ihre Augenbrauen. »Und, ist es wahr?«
Cara presste ihre Lippen aufeinander. Schließlich wandte sie ihren Blick von Nicci ab und starrte hinaus in die Nacht. »Ja.«
»Demnach habt Ihr Richard also ausführlich davon erzählt, dass Ihr diesem Soldaten überaus zugetan seid?«
»Seid Ihr verrückt? So etwas würde ich Lord Rahl niemals erzählen. Aber wo könnte er es aufgeschnappt haben?«
Einen Moment lang lauschte Nicci den Zikaden und ihrem niemals endenden Paarungsgesang, während sie die Mord-Sith abschätzend musterte.
»Richard behauptet, dass Kahlan ihm ausführlich darüber berichtet habe.«
Cara stand da, den Mund weit offen. Schließlich fasste sie sich mit den Fingern an die Stirn und versuchte, ihrer Sinne wieder Herr zu werden.
»Aber, das ist doch einfach verrückt... ich, ich muss es ihm selbst erzählt haben. Schätze, ich hab es bloß vergessen. Wir reden so viel miteinander, da ist es schwer, sich an alles zu erinnern, was ich ihm erzähle. Aber wo Ihr schon davon sprecht, ich meine mich zu erinnern, dass ich eines Abends, als wir uns über romantische Dinge unterhielten, von so was gesprochen habe, und bei der Gelegenheit muss ich ihm wohl auch von Benjamin Meiffert erzählt haben. Wahrscheinlich hab ich dieses Gespräch über persönliche Dinge anschließend gleich wieder verdrängt, er dagegen nicht. Ich sollte endlich lernen, meinen Mund zu halten.«
»Ihr habt nichts zu befürchten, wenn Ihr Richard von diesen Dingen erzählt, Ihr habt auf der ganzen Welt keinen besseren Freund. Und von mir übrigens auch nicht, nur weil ich von diesen Dingen weiß, denn dass er mir davon erzählt hat, war lediglich ein Beweis für die Hochachtung, die er für Euch empfindet. Aber ich werde es für mich behalten. Eure Gefühle sind bei mir sicher aufgehoben, Cara.«
Gedankenversunken spielte sie mit den Haarsträhnen am Ende ihres einen Zopfes. »Ich glaube, so habe ich das wohl noch nie gesehen – ich meine, dass es ein Zeichen seiner Achtung für mich ist, wenn er Euch davon erzählt.«
»Liebe, das ist leidenschaftliche Lust am Leben, die man mit einem anderen Menschen teilt. Man verliebt sich in einen Menschen, den man für großartig hält. Es ist die höchste Wertschätzung, die man einem Menschen zollen kann, und dieser wiederum ist das Spiegelbild dessen, was man am meisten schätzt im Leben. Tief empfundene Liebe kann demnach eine der größten Belohnungen sein, die das Leben zu bieten hat. Es sollte Euch also nicht beschämen oder verlegen machen, verliebt zu sein, vorausgesetzt natürlich, Ihr liebt diesen General Meiffert von ganzem Herzen.«
Cara dachte einen Moment darüber nach. »Ich schäme mich nicht deswegen, ich bin eine Mord-Sith.« Ein Teil der Anspannung wich aus ihren Schultern. »Aber ich weiß auch nicht, ob ich ihn wirklich liebe. Ja, ich weiß, dass ich ihm sehr zugetan bin, aber ob das Liebe ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es fällt mir schwer, mir über diese Dinge klar zu werden, ich bin es nämlich nicht gewohnt, dass meine Gedanken oder Gefühle zählen.«
Nicci nickte und begann, gemächlich durch die Schatten zu schlendern. »Ich habe einen Großteil meines Lebens auch nicht verstanden, was Liebe ist. Manchmal war sogar Jagang der Meinung, dass er so etwas wie Liebe für mich empfindet.«
»Jagang? Im Ernst? Er ist in Euch verliebt?«
»Nein, ist er nicht. Er glaubt es nur. Aber selbst damals wusste ich schon, dass es keine Liebe war, auch wenn mir der Grund nicht bewusst war. Jagangs Maßstab der Wertschätzung für andere bewegt sich irgendwo zwischen abgrundtiefem Hass und körperlicher Begierde. Er verachtet und verunglimpft alles, was gut ist im Leben, deshalb ist es ihm völlig unmöglich, wahre Liebe zu empfinden. Er vermag sie nur als schwachen Duft des Verlockenden und Geheimnisvollen, für ihn aber Unerreichbaren wahrzunehmen, das er besitzen möchte. Damals war er im Glauben, er könne Liebe erfahren, indem er mich bei den Haaren packte und zwang, ihm zu Willen zu sein. Das Vergnügen, das er beim Zusehen empfand, deutete er als Ausdruck seiner Liebe für mich. Er war der Meinung, ich müsste dankbar sein, dass er so starke Gefühle für mich empfand, dass sein überwältigendes Verlangen nach mir ihn alles andere vergessen ließ. Weil er seine Aufdringlichkeit mir gegenüber für einen Ausdruck seiner Liebe hielt, dachte er wohl, ich müsse es als Ehre auffassen und hinnehmen.«
»Er hätte sich bestimmt prächtig mit Darken Rahl verstanden«, murmelte Cara. »Die beiden wären glänzend miteinander ausgekommen.« Plötzlich fragte sie verwirrt: »Ihr seid doch eine Hexenmeisterin. Wieso habt Ihr den Hundesohn nicht einfach mit Euren magischen Kräften in einen Haufen Asche verwandelt?«
Niccis Seufzer kam aus tiefstem Herzen. Wie erklärte man mit einfachen Worten eine lebenslange, allumfassende Gehirnwäsche?
»Ich glaube, es vergeht kein Tag, an dem ich mir nicht wünsche, ich hätte diesen widerwärtigen Kerl umgebracht. Aber da ich nun mal – genau wie er – mit den Lehren der Glaubensgemeinschaft der Ordnung aufgewachsen bin, war ich der festen Überzeugung, moralische Unbescholtenheit sei nur durch Selbstaufopferung zu erlangen. Ihren Lehren zufolge ist man den Bedürftigen verpflichtet. Gebote wie diese werden stets entweder im Namen des Allgemeinwohls, der Verbesserung der Menschheit oder des pflichtschuldigen Gehorsams gegenüber dem Schöpfer ausgesprochen. Der Ideologie dieses Ordens entsprechend sollen wir uns nicht etwa für diejenigen aufopfern, die in unseren Augen die anständigsten Vertreter der Menschheit sind, sondern für die Allerübelsten nicht etwa, weil sie es verdient hätten, sondern gerade, weil sie es nicht verdient haben. Das, so die Lehre des Ordens, ist der Kern der Moral und unsere einzige Möglichkeit, uns im Leben nach dem Tod die Aufnahme in das ewige Licht des Schöpfers zu verdienen. Das Opfer der Tugendhaften besteht darin, sich in die Knechtschaft der Niederträchtigen zu begeben. Jagangs irdische Bedürfnisse kreisten allein um seinen Unterleib. Ich besaß, was er zu brauchen meinte, also war es meine moralische Pflicht, mich seinen Bedürfnissen zu opfern. Wenn Jagang mich schlug, bis ich halb bewusstlos war, und mich anschließend auf sein Bett warf, um sich nach Belieben an mir zu vergehen, dann tat ich nicht nur, was man mich als rechtens gelehrt hatte, sondern ich erfüllte meine selbstlose moralische Pflicht. Ich hasste mich sogar dafür, dass es mich zutiefst anwiderte. Und weil ich mich wegen meines Eigennutzes für schlecht hielt, war ich sogar überzeugt, ich hätte all die Schmerzen, die man mir in dieser Welt zufügte, sowie die ewige Strafe, die mich in der nächsten erwartete, verdient. Ich war gar nicht fähig, einen Mann zu töten, der mir, entsprechend dem mir von der Glaubensgemeinschaft des Ordens eingetrichterten Kredo, durch die Tugendhaftigkeit seiner Begierden moralisch überlegen war. Wie hätte ich einem Mann etwas antun können, dem zu dienen man mir beigebracht hatte? Wie hätte ich mich über das Leid beklagen sollen, das man mir zufügte, wo ich doch jedes bisschen und sogar noch mehr verdient hatte? Wem hätte ich meine Klage vortragen sollen, ja, worüber hätte ich mich überhaupt beklagen sollen? Etwa über mangelnde Gerechtigkeit? Das ist der ausweglose, elende Teufelskreis dieser Lehren über die Pflicht, sich dem Allgemeinwohl unterzuordnen.«