Cara nickte, nicht nur aus Erleichterung, sondern auch aus Dankbarkeit, dass Nicci sie verstand. »Ich denke, wir sollten jetzt zusehen, dass wir Lord Rahl einholen.«
Mit einer beiläufigen Handbewegung wies Nicci in die Richtung der Stallungen. »Richard spricht gerade zu den Angehörigen derjenigen unter Victors Männern, die getötet wurden.« Sie tippte sich gegen die Schläfe. »Ich kann ihn über meine Gabe gerade eben sprechen hören.« Sie wischte Cara eine Träne aus dem Gesicht. »Wir haben also noch genug Zeit, unsere Fassung wiederzuerlangen.«
Als sie sich gemächlichen Schritts in Richtung Stallgebäude in Bewegung setzten, fragte Cara: »Dürfte ich Euch vielleicht etwas gestehen ... etwas Persönliches?«
Noch eine Überraschung in dieser an Überraschungen reichen Nacht. »Aber ja, gewiss.«
Cara, die Stirn tief zerfurcht, suchte nach den richtigen Worten. »Nun ... als Lord Rahl zu mir kam – um mich zu heilen –, da ist er mir sehr nahe gekommen.«
»Wie meint Ihr das?«
»Ich meine, dass er neben mir lag, im Bett, und die Arme um mich gelegt hatte – Ihr wisst schon, um mich zu beschützen und mich zu wärmen.« Sie rieb sich die Arme, als hätte die Erinnerung sie wieder frösteln lassen. »Ich hab so entsetzlich gefroren.« Sie warf einen verstohlenen Seitenblick auf Nicci. »Vermutlich, na ja, in meinem Zustand, ich meine, ich hatte dabei wohl auch meine Arme um ihn gelegt.«
Erstaunt hob Nicci eine Braue. »Verstehe.«
»Na ja, die Sache ist die, ich hatte ... Gefühle, als er in mich eindrang – und wenn Ihr ihm auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählt, bringe ich Euch um, das schwöre ich.«
Nicci beruhigte sie mit einem Lächeln und nickte. »Wir sind ihm beide sehr zugetan. Ich nehme an, dass Ihr mir davon erzählt, geschieht allein aus Sorge um ihn.«
»Aber ja.« Wieder rieb sie sich ihre Arme, während sie fortfuhr. »Wir beide mögen ihn sehr. Als er endlich kam, um ... um mich zurückzuholen oder was immer er mit mir gemacht hat, war mir, als befände er sich in mir drin, in meinem Kopf, meine ich. Es war ein Gefühl intimer Vertrautheit, das sich mit nichts vergleichen lässt. Lord Rahl hat mich zuvor schon einmal nach einer schweren Verletzung geheilt, aber das war etwas anderes. Teils war es ähnlich, einige Empfindungen, die aufrichtige Sorge und so weiter, die ich bei ihm spürte, waren ganz genauso, aber trotzdem war es diesmal irgendwie anders – wirklich anders. Damals hatte er nur meine körperliche Verletzung geheilt.« Cara beugte sich näher, um sicherzugehen, dass deutlich wurde, was sie meinte. »Diesmal dagegen ging es um mehr, diesmal hatte mich dieses bösartige Wesen im Innersten berührt, so als wollte es mich, meine ganze Existenz, vergiften – meinen Lebenswillen.«
Sie richtete sich wieder auf, sichtlich niedergeschlagen und scheinbar außerstande, die passenden Worte zu finden, um es besser zu erklären.
»Ich kenne den Unterschied, den Ihr zu beschreiben versucht«, erklärte Nicci. »Diesmal kam es zu einer eher persönlichen Verbindung zwischen Euch beiden.«
Cara nickte erleichtert, weil Nicci zu verstehen schien.
»Ja, das stimmt, es war persönlicher. Sehr viel persönlicher«, setzte sie mit leiser Stimme hinzu. »Es war, als läge meine Seele entblößt vor ihm. Es war ein bisschen so, als ... na ja, lassen wir das.« Cara verstummte. Während sie schweigend durch die enge Gasse schlenderten, konnte Nicci mithilfe ihrer Gabe in der Ferne Menschen sich mit gesenkter Stimme unterhalten hören. Sie versuchte erst gar nicht, einzelne Worte zu verstehen, sondern beschränkte sich darauf, den allgemeinen Charakter der Unterhaltung herauszuhören. Es waren die Männer und Frauen, die sich bei den Stallgebäuden eingefunden hatten, einige von ihnen sprachen abwechselnd. Nicci konnte Richards Stimme unterscheiden, der behutsam auf sie einredete und ihre Fragen beantwortete. Man konnte hören, dass einige der Anwesenden weinten. An der Ecke des Gasthauses, wo die Straße rechter Hand zu den ein paar Türen weiter gelegenen Stallgebäuden hinabführte, packte Cara abrupt Niccis Arm, sodass sie noch im Schutz der tiefen Schatten stehen bleiben musste.
»Schaut, als diese Geschichte anfing, hatten wir beide doch das erklärte Ziel, Lord Rahl zu töten.«
Nicci, leicht verdutzt, fand, dass dies kaum der rechte Augenblick für Haarspaltereien war. »Mag sein, ja.«
»Vielleicht haben wir beide, Ihr und ich, ja mehr als jeder andere einen einzigartigen Blick für das, wofür Lord Rahl in Wahrheit steht. Ich finde, wenn man jemandem erst ein Leid zufügen will und dieser Jemand einen dann zu der Erkenntnis bringt, wie sehr man sich geirrt hat und dass man sehr viel mehr mit seinem Leben anfangen kann, dann, na ja, dann kann es eben passieren, dass man diesem Jemand nur umso inniger zugetan ist.«
»Ich denke, da werde ich Euch wohl zustimmen müssen.«
Cara deutete zurück auf den Weg, den sie gekommen waren, zu dem einstigen Palastgelände, das jetzt Platz der Freiheit hieß. »Als der Aufstand dort unten begann und Lord Rahl verwundet und dem Tod nahe war, wollten die Menschen nicht, dass Ihr ihn zu heilen versucht. Sie hatten Angst, Ihr würdet ihm stattdessen ein Leid zufügen. Damals war ich es, die ihnen erklärte, dass sie Euch vertrauen sollten. Ich begriff das Erweckungserlebnis, das Ihr gehabt hattet, denn im Großen und Ganzen hatte ich dasselbe erlebt. Ich konnte als Einzige nachvollziehen, was Ihr mittlerweile für diesen Mann empfandet. Also sagte ich ihnen, sie sollten Euch gewähren lassen. Sie hatten Angst, Ihr könntet die Gelegenheit benutzen, ihm das Leben zu nehmen, aber ich wusste, dass Ihr das nicht tun würdet. Ich war mir sicher, Ihr würdet ihn retten.«
»Ihr habt Recht, Cara, wir beide sind ihm zutiefst verbunden. Uns verbindet ein ganz besonderes Band.«
»Genau das ist es, ein ganz besonderes Band. Anders, denke ich, als bei allen anderen.«
Verwirrt, worauf Cara eigentlich hinauswollte, breitete Nicci die Hände aus. »Ich nehme an, Ihr wollt mir noch etwas anderes sagen?«
Den Blick auf ihre Stiefel gesenkt, bestätigte Cara dies mit einem Nicken. »Als Lord Rahl und ich dieses Gefühl innerer Verbundenheit erlebten, konnte ich spüren, was sich tief in seinem Inneren verbarg – ein Gefühl entsetzlicher, brennender Einsamkeit. Ich denke, die Geschichte mit dieser Frau – dieser Kahlan – rührt von dieser Einsamkeit her.«
Nicci versuchte ihrerseits zu ergründen, was genau Cara wohl in seinem Innern gespürt haben mochte. »Nun, ich nehme an, es könnte etwas damit zu tun haben.«
Cara räusperte sich. »Nicci, wenn Ihr einen Mann auf diese Weise in Euren Armen haltet und Ihr mit ihm auf eine so ... so intime Weise zusammen wart, dann spürt Ihr, was sich wirklich in seinem Innern verbirgt.«
Nicci drängte ihre Gefühle tiefer in die Schatten zurück. »Da habt Ihr gewiss Recht, Cara.«
»Was ich meine, ist, ich hätte ihn am liebsten für immer so festgehalten, ihn getröstet und dafür gesorgt, dass er sich nicht so allein fühlt.«
Nicci warf einen verstohlenen Seitenblick auf die Mord-Sith. Diese hatte den Mund verzogen und blickte nachdenklich zu Boden. Nicci erwiderte nichts, sondern wartete stattdessen, dass Cara fortfuhr.
»Nur glaube ich eben nicht, dass ich dafür die Richtige bin, so etwas für Lord Rahl tun zu können.«
Nicci wog die Formulierung ihrer Frage sorgfältig ab. »Mit anderen Worten, Ihr glaubt, nicht die Frau zu sein, die ... ihn für seine Einsamkeit entschädigen könnte?«
»Wohl eher nicht.«
»Weil es da diesen Benjamin gibt?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Zum Teil auch deswegen.« Sie sah auf und begegnete Niccis Blick. »Ich liebe Lord Rahl, ich würde mein Leben für ihn geben. Und ich muss gestehen, als ich dort neben ihm lag und ihn in meinen Armen hielt, hatte ich das Gefühl..., dass ich vielleicht mehr als bloß seine Leibwächterin und Freundin sein könnte. Als ich auf diesem Bett lag, eng an ihn geschmiegt, hab ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, seine ... seine ...« Sie ließ den Satz unbeendet.