Victor machte eine Verbeugung. »Eine kluge Entscheidung, Madam. Ich bin sicher, Euer Gemahl, der Bürgermeister, wäre hocherfreut, dass Ihr in seinem Namen eingeschritten seid.«
Als er sich vor ihr verneigte, starrte sie einen Moment lang auf seine Schädeldecke, dann wandte sie sich ab, trat vor den zweiten gefangen genommenen Spion hin und verbeugte sich vor ihm. Richard fiel auf, dass sich irgendwann während ihres Auftritts die Schnur ihres Leibchens gelöst hatte, und das war auch dem Gefangenen nicht verborgen geblieben. Ihre tiefe Verbeugung gewährte ihm einen ausgiebigen, ungehinderten Einblick in ihr Dekollete, sodass es, als sie sich wieder aufrichtete, einen Moment dauerte, bis er ihr schließlich in die Augen sah.
»Ich hoffe, Ihr nehmt unsere Entschuldigung für Eure unmenschliche Behandlung an. Dies entspricht nicht der Art, die man uns beigebracht hat, alle Menschen als unsere Brüder und Gleichgestellte zu respektieren.«
Der Mann machte ein Gesicht, als wollte er zum Ausdruck bringen, es sei ihm unter Umständen möglich, die ihm widerfahrene Misshandlung zu verzeihen. »Ich kann schon verstehen, warum ihr alle hier so gereizt reagiert, schon wegen eures Aufstands gegen die Imperiale Ordnung und ähnlicher Dinge mehr.«
»Aufstand?« Nicci machte eine wegwerfende Handbewegung. »Unsinn. Das Ganze war nicht mehr als ein Missverständnis. Ein paar Arbeiter« – dabei wies sie, ohne hinzusehen, auf Richard –, »wie diese dummen, selbstsüchtigen Burschen hier, haben mehr Lohn und Mitbestimmungsrechte verlangt, das ist alles. Wie mein Gemahl mir gegenüber mehrfach beteuerte, wurde das Ganze falsch ausgelegt und unverhältnismäßig aufgebauscht. Ein paar Dickschädel haben eine bedauerliche Panik ausgelöst, die außer Kontrolle geraten ist. Im Grunde hatte das Ganze Ähnlichkeit mit dem Vorfall heute Abend – ein Missverständnis, das dazu führte, dass einem unschuldigen Kind des Schöpfers unnötiges Leid widerfuhr.«
Der Mann betrachtete sie lange mit einem unentzifferbaren Blick, ehe er sprach. »Und so empfindet ganz Altur’Rang?«
Nicci seufzte. »Nun, ganz sicher mein Gemahl, der Bürgermeister, und mit ihm die große Mehrheit der Bewohner Altur’Rangs. Er hat alles darangesetzt, diese Hitzköpfe und Unruhestifter zur Rede zu stellen, und wollte diese Leute, in Zusammenarbeit mit den Vertretern des Volkers, zur Einsicht bringen, welch großen Fehler sie begingen und welchen Schaden sie damit uns allen zufügten. Offenbar hatten sie bei ihrem Tun das Allgemeinwohl völlig aus dem Blick verloren. Mein Gemahl hat die Wortführer der Unruhen vor das Volkstribunal gebracht, das eine angemessene Strafe über sie verhängte. Die meisten haben sich reuig gezeigt. Gleichzeitig ist er bemüht, die weniger einsichtigen unter ihnen zu bessern und umzuerziehen.«
Er deutete ihr mit einem leichten Neigen seines Kopfes eine Verbeugung an. »Bitte richtet Eurem Gemahl aus, dass er ein weiser Mann ist und dass er eine gescheite Frau hat, die weiß, dass ihr Platz zu Recht im Dienst des Allgemeinwohls ist.«
Nicci erwiderte seine angedeutete Verbeugung. »Das Allgemeinwohl, ganz recht. Mein Gemahl sagt immer, trotz aller persönlichen Wünsche und Gefühle müssen wir das Allgemeinwohl immer zuerst bedenken und, selbst wenn es persönliche Opfer von uns verlangt, ausschließlich die Besserung der gesamten Menschheit im Blick haben, statt an der sündhaften Vorstellung persönlicher Wünsche oder Begierden festzuhalten.«
Niccis Worte schienen eine Saite in dem Soldaten zum Klingen gebracht zu haben, diese Ansichten entsprachen genau den fundamentalen Lehren und Glaubensüberzeugungen der Imperialen Ordnung. Offenbar beherrschte sie das Spiel auf diesen Saiten perfekt.
»Wie wahr«, meinte er und gönnte sich einen weiteren ausgiebigen Blick in den weit offenen Ausschnitt ihres Kleides. »Schätze, ich mache mich jetzt besser auf den Weg.«
»Der Euch wohin führen wird?«, erkundigte sich Nicci. Ihre Hand ging zu ihrem Ausschnitt, wie um das lose Oberteil ihres Kleides sittsam zu bändigen.
Er hob den Blick und sah ihr wieder ins Gesicht. »Oh, wir waren gerade auf der Durchreise. Unser Ziel liegt weiter südlich, wo wir Verwandte haben. Wir hatten gehofft, dort Arbeit zu finden. So gut kannte ich den Mann hier gar nicht. Wir haben uns erst vor ein paar Tagen zusammengetan.«
»Nun«, sagte Nicci, »in Anbetracht des Zwischenfalls heute Abend würde mein Gemahl Euch gewiss raten, Eure Reise fortzusetzen, schon um Eurer eigenen Sicherheit willen, und zwar, angesichts der paar rückwärts gewandten Bürger, die es hier noch gibt, am besten gleich. Ein tragischer Zwischenfall heute Abend ist betrüblich genug, wir brauchen nicht noch einen zweiten zu riskieren.«
Der Mann ließ einen tödlichen Blick über die versammelte Menge schweifen, bis sein Blick schließlich auf Richard fiel, der die Augen jedoch standhaft zu Boden gerichtet hielt. »Ja, natürlich, Madam. Bitte sprecht dem Bürgermeister meinen Dank aus, dass er versucht hat, diese widerlichen Unruhestifter auf den Weg des Schöpfers zurückzuführen.«
Mit einer fahrigen Handbewegung wies Nicci auf eine kleine Gruppe von Wachposten. »Männer, ihr werdet diesen ehrenwerten Bürger sofort sicher aus der Stadt geleiten. Ich muss euch wohl nicht daran erinnern, wie unerfreut der Bürgermeister und das Volkstribunal wären, sollte ihnen zu Ohren kommen, dass dem Mann auch nur ein Haar gekrümmt worden ist. Er hat die offizielle Erlaubnis, seines Weges zu ziehen.«
Nach einer knappen Verbeugung versprachen sie murmelnd, sich darum zu kümmern. Ihr Verhalten war für Richard der Beweis, dass es ihnen offenbar keine Mühe bereitete, wieder in ihr altes Verhaltensmuster während der unter der Imperialen Ordnung herrschenden Zustände zurückzufallen. Wortlos verfolgten die Menschen im Stallgebäude, wie sie sich mit ihrem Schützling in die Nacht hinaus entfernten. Und so, in angespanntem Schweigen, den Blick auf die leere Tür gerichtet, ängstlich jede Bemerkung vermeidend, bis der Mann weit genug fort war, sodass er nur ja nichts mitbekam, standen sie noch lange, nachdem sie längst außer Sicht waren. »Nun«, seufzte Nicci schließlich, »ich hoffe nur, er schafft es bis zurück zu seinen Kameraden. Wenn ja, dürften wir ein gutes Stück dazu beigetragen haben, vor der Schlacht für ein wenig Verwirrung zu sorgen.«
»Oh, das wird er bestimmt«, sagte Victor. »Er wird es kaum erwarten können, die Neuigkeiten, die er heute Abend aus Eurem Mund erfahren hat, an seine Vorgesetzten weiterzugeben. Hoffentlich macht sie das ihrer Sache so sicher, dass wir ihnen eine echte Überraschung bereiten können.«
»Wir wollen es hoffen«, sagte Nicci.
In diesem Moment brachen einige der Stadtbewohner, die noch im Stallgebäude ausgeharrt hatten, in aufgeregtes Geplauder aus. Niccis Kriegslist zur Verwirrung des Feindes war offenbar ganz nach ihrem Geschmack. Schließlich wünschten einige ihnen eine gute Nacht und gingen, während andere sich um den Toten scharten und ihn anstarrten.
Nicci schenkte Victor ein kurzes Lächeln. »Tut mir Leid, dass ich dich ohrfeigen musste.«
Der zuckte nur mit den Schultern. »Es war ja für einen guten Zweck.«
Als sie sich zu Richard herumwandte, wirkte sie leicht verlegen, so als erwartete sie eine Strafpredigt oder zumindest einen Rüffel.
»Die Truppen, die sich auf dem Weg hierher befinden, sollen auch weiterhin im Glauben bleiben, dass es für sie ein Leichtes wäre, uns vernichtend zu schlagen«, gab sie als Erklärung an. »Übergroße Siegesgewissheit verleitet zu Fehlern.«