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»Aber das war doch noch nicht alles«, gab Richard zurück.

Nicci warf rasch einen Blick zu den Leuten hinüber, die sich noch im Stallgebäude befanden, ehe sie sich ganz dicht neben ihn schob, sodass die anderen sie nicht hören konnten. »Du hast gesagt, ich könnte mich dir anschließen, sobald die anrückenden Truppen überwältigt sind.«

»Ja, und?«

Ihre blauen Augen bekamen einen harten Zug. »Ich bin fest entschlossen, genau das zu tun.«

Er betrachtete sie eine Weile nachdenklich, dann gab er sich einen Ruck und beschloss, ihr bei der Unterstützung der Bewohner Altur’Rangs völlig freie Hand zu lassen und sich nicht in ihre Pläne einzumischen, zumal er ziemlich besorgt war, wie dieser Plan wohl aussehen mochte. Im Augenblick wollte er gar nicht wissen, was sie im Schilde führte. Er hatte schon genug Sorgen.

Richard ergriff die losen Enden der durch ihr Leibchen gefädelten Kordel, zurrte sie fest und knotete sie wieder zusammen, während Nicci, die Hände locker an den Seiten, dastand, ohne ihn auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. »Danke«, sagte sie, als er fertig war. »Schätze, es muss sich bei der Aufregung irgendwie gelöst haben.«

Richard überhörte ihre Ausrede und blickte zur Seite, wo er, verdeckt von einigen anderen Stadtbewohnern, Jamila stehen sah. Das Gesicht rot und verquollen, lag sie auf den Knien und drückte das völlig verängstigte kleine Mädchen an ihre Brust.

Richard ging zu ihr hin. »Wie geht es ihr?«

Jamila hob den Kopf. »Ihr ist nichts passiert. Danke, Lord Rahl. Ihr habt ihr kostbares Leben gerettet. Ich danke Euch.«

Das Mädchen, eben noch Zeugin einer grauenhaften Tat durch Richards Hand, klammerte sich schluchzend an seine Mutter und starrte Richard mit einem Ausdruck des Entsetzens im Gesicht an, als müsste es befürchten, von ihm als Nächste erschlagen zu werden.

»Ich bin sehr erleichtert, dass ihr nichts passiert und sie unverletzt ist«, wandte er sich wieder an Jamila. Richard lächelte dem Mädchen zu, erntete im Gegenzug aber nur einen hasserfüllten Blick. Voller Mitgefühl fasste Nicci seinen Arm, enthielt sich aber einer Bemerkung.

Schließlich ergriffen die im Stallgebäude Zurückgebliebenen das Wort und beglückwünschten ihn zur Rettung des Kindes. Ihnen allen schien mittlerweile klar geworden zu sein, dass Niccis an den Fremden gerichtete Bemerkungen eine Art Täuschungsmanöver gewesen waren, und nicht wenige von ihnen erklärten ihr ganz unumwunden, dass sie ihren Bluff für einen raffinierten Schachzug hielten. »Das sollte sie abschrecken«, meinte einer.

Doch Richard wusste, dass ihre Absichten sehr viel weiter gingen, als sie einfach nur »abzuschrecken«. Was sie tatsächlich im Schilde führte, bereitete ihm nicht geringe Sorgen. Er schaute kurz zu, wie einige Männer den toten Spion fortschleiften, während andere auf Ishaqs Anweisung darangingen, die Blutspuren zu beseitigen. Der Geruch des Blutes machte die Pferde nervös, und je eher es beseitigt wäre, desto besser.

Die Übrigen wünschten Richard eine gute Reise und begaben sich anschließend zurück in ihre Häuser. Binnen kurzem waren alle gegangen. Die Männer, die mit dem Beseitigen der menschlichen Überreste beschäftigt waren, beendeten ihre Arbeit und gingen ebenfalls, nur Nicci, Cara, Ishaq und Victor blieben noch. In dem Stallgebäude kehrte wieder Stille ein.

24

Vorsichtig suchte Richard die Schatten mit den Augen ab, ehe er sich auf den Weg machte, um sich die Pferde anzusehen, die Ishaq für ihn ausgesucht hatte. Für sein Empfinden war es viel zu still im Stallgebäude, deshalb musste er unwillkürlich an die Stille in seinem Zimmer im Gasthaus denken, kurz bevor dieses Wesen durch die Zwischenwände gebrochen war. Es fiel ihm schwer, die plötzliche Stille nicht als bedrohlich zu empfinden, und er hätte gern eine Möglichkeit gehabt, zu wissen, ob die Bestie sich in der Nähe befand oder womöglich gar jeden Augenblick zuschlagen konnte. Seine Finger ertasteten den Knauf seines Schwertes. Wenn er schon sonst nichts hatte, so besaß er doch wenigstens sein Schwert und die ihm innewohnenden Kräfte. Nur zu gut erinnerte er sich an die barbarischen Drohungen von Leid und Folter, die, verborgen in Caras Innerstem, dort eigens für ihn zurückgelassen worden waren. Schon die bloße Erinnerung an das wortlose Wispern dieser Verheißungen rief bei ihm ein Gefühl von Übelkeit und Benommenheit hervor, sodass er kurz stehen bleiben und sich mit der Hand am Geländer abstützen musste. Als er kurz hinübersah und Cara erblickte, überkam ihn wiederholt die wortlose Freude darüber, dass sie am Leben und wohlauf war, und als er sah, dass sie seinen Blick erwiderte, schöpfte er neuen Mut. Eine Folge der Erfahrung, sie geheilt zu haben, war, dass er eine tiefe Verbundenheit mit ihr verspürte. Ihm war, als würde er die Frau, die sich hinter dem Panzer der Mord-Sith verbarg, jetzt ein wenig besser kennen.

Aber jetzt musste er sich erst einmal um Kahlan kümmern und dafür sorgen, dass auch sie am Leben und wohlauf war.

Zwei Pferde waren bereits gesattelt und standen bereit, während die anderen mit den Vorräten beladen worden waren – Ishaq hatte wie immer Wort gehalten. Als Richard ihre Box betrat, strich er der größeren der beiden rotbraunen Stuten mit der Hand über die Flanke, befühlte ihre Muskeln und gab ihr damit zu verstehen, dass er hinter ihr stand, um sie nicht unnötig zu ängstigen. Eines ihrer Ohren schraubte sich in seine Richtung. Die Tiere waren überaus schreckhaft nach den Vorfällen, von dem noch immer in der Luft hängenden Blutgeruch ganz zu schweigen. Das Gefühl eines Wildfremden ganz in ihrer Nähe ließ die Stute den Kopf werfen und nervös mit den Hufen stampfen, sodass er ihr erst einmal über den Kopf strich und mit leiser Stimme auf sie einredete, ehe er daranging, seinen Bogen am Sattel zu befestigen. Er liebkoste zärtlich ihr Ohr. Zu seiner Freude genügte ein wenig gutes Zureden, und sie beruhigte sich wieder. Als er wieder aus der Box heraustrat, beobachtete ihn Nicci; sie hatte ihn bereits erwartet. »Du wirst doch vorsichtig sein?«, fragte sie.

»Ihr könnt ganz unbesorgt sein«, sagte Cara im Vorübergehen, in den Händen einen Teil ihrer Sachen. Sie war bereits an der Box, in der die kleinere der beiden gesattelten Stuten stand, als sie hinzufügte: »Ich werde ihm eine gründliche Strafpredigt halten, wie dumm sein unüberlegtes Handeln heute Abend war.«

»Unüberlegtes Handeln, was meint Ihr damit?«, wollte Victor wissen. Einen Arm über den Hals ihres Pferdes gelegt, spielte sie beiläufig mit dessen Mähne, während sie sich zu dem Schmied herumwandte.

»Bei uns in D’Hara gibt es eine Redensart: Wir sind der Stahl gegen den Stahl, damit Lord Rahl die Magie gegen die Magie sein kann. Mit anderen Worten, es ist unsinnig, wenn Lord Rahl sein Leben in einem Kampf mit normalen Waffen aufs Spiel setzt, das ist unsere Aufgabe. Aber gegen Magie sind wir machtlos, dafür ist allein er zuständig. Und genau dafür muss er am Leben bleiben. Also ist es unsere Pflicht, zu verhindern, dass ihm Waffen aus Stahl gefährlich werden können, damit er uns im Gegenzug gegen die Magie beschützen kann. Das ist die Pflicht des Lord Rahl und sein Teil der Bande.«

Victor wies auf Richards Schwert. »Mir scheint er ziemlich gut mit einer Klinge umgehen zu können.«

Caras Gesichtsausdruck bekam etwas Schulmeisterliches. »Manchmal hat er eben Glück. Muss ich dich erinnern, dass er um ein Haar durch einen einfachen Pfeil ums Leben gekommen wäre? Ohne seine Mord-Sith wäre er aufgeschmissen«, fügte sie sicherheitshalber noch hinzu. Als Victor daraufhin besorgt in seine Richtung blickte, verdrehte Richard stumm die Augen. Auch Ishaq machte einen bekümmerten Eindruck, als er zu Richard hinüberschielte, so als wäre der ein Fremder, den er zum ersten Mal sah. Ein knappes Jahr lang hatten die beiden ihn nur als Richard gekannt, einen Mann, der für Ishaqs Transportunternehmen Wagen belud und Eisen für Victors Schmiedewerkstatt fuhr. Damals waren sie in dem Glauben gewesen, er sei mit Nicci verheiratet. Dass er eigentlich ihr Gefangener war, wussten sie nicht. Die Entdeckung, dass er in Wahrheit Lord Rahl war, der fast sagenumwobene Freiheitskämpfer aus dem fernen Norden, war für die beiden immer noch ein wenig verwirrend. Sie neigten dazu, ihn so zu sehen, wie sie ihn kennen gelernt hatten: als einen der ihren, der sich erhoben hatte, um mit ihnen gegen die Tyrannei zu kämpfen. Sobald das Gespräch auf Lord Rahl kam, wurden sie nervös, so als wüssten sie plötzlich nicht mehr, wie sie sich in seiner Gegenwart benehmen sollten.