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Als Cara daranging, ihre restlichen Sachen in den Satteltaschen zu verstauen, legte Nicci Ishaq eine Hand auf die Schulter.

»Entschuldige, aber bevor er aufbricht, muss ich Richard einen Moment unter vier Augen sprechen.«

Ishaq nickte. »Victor und ich werden draußen warten. Wir haben auch etwas zu besprechen.«

Die beiden Männer waren bereits auf dem Weg zur Tür, da gab Nicci Cara einen kurzen Wink, worauf diese ihrem Pferd einen Klaps auf die Flanke versetzte, dann den beiden Männern aus dem Stallgebäude nach draußen folgte und das große Tor hinter sich zuzog. Richard war erstaunt, ja fast ein wenig besorgt, Cara so ohne jedes Widerwort gehen zu sehen.

Nicci stand im sanften Schein der Lampe vor ihm, die Finger ineinander verschlungen. Er fand, dass sie einen ziemlich bedrückten, ja fast unsicheren Eindruck machte.

»Ich mache mir Sorgen um dich, Richard. Ich finde, ich sollte dich begleiten.«

»Ihr habt heute Abend etwas in Gang gesetzt, das Ihr meiner Meinung nach auch zu Ende bringen müsst.«

Sie seufzte. »Da hast du wohl Recht.«

Ihm war noch immer nicht ganz klar, was sie eigentlich in Gang gesetzt hatte und was sie dabei im Sinn gehabt haben mochte, aber er hatte es eilig aufzubrechen. Sosehr er um Niccis Sicherheit besorgt war, seine Sorge um Kahlan war ungleich größer.

»Aber ich weiß noch immer nicht...«

»Ihr könnt nachkommen, sobald Ihr den Leuten hier geholfen und die unmittelbare Bedrohung durch die im Anmarsch auf die Stadt befindlichen Soldaten abgewendet habt«, erklärte Richard ihr. »Angesichts der Tatsache, dass dieser Zauberer Kronos die Truppen anführt, werden die Menschen hier Eure Hilfe gewiss gebrauchen können.«

»Ich weiß.« Sie nickte. Dieses Thema hatten sie ja bereits in aller Ausführlichkeit diskutiert. »Glaub mir, ich bin fest entschlossen, die Gefahr auszuschalten, die Altur’Rang droht. Aber ich habe nicht die Absicht, allzu viel Zeit darauf zu verschwenden, damit ich schon bald fortkann, um dir hinterher zureiten.«

Eine Woge kalter Angst überlief ihn, als ihm plötzlich dämmerte, worin ihr Plan im Wesentlichen bestand. Am liebsten hätte er ihr geraten, ihr Vorhaben augenblicklich zu vergessen, aber er zwang sich, den Mund zu halten, schließlich erwartete auch ihn eine wichtige und gefährliche Aufgabe, die keinen Aufschub duldete. Unter allen Umständen wollte er vermeiden, sich anhören zu müssen, sein Plan sei undurchführbar. Zudem war sie eine Schwester der Finsternis – eine jener sechs Frauen, die es geschafft hatten, im Palast der Propheten seine Lehrerinnen zu werden – und eine Hexenmeisterin, die sehr wohl wusste, was sie tat. Nicci war für jeden, der sich ihr widersetzte, eine ernst zu nehmende Gefahr. Er hoffte nur, dass sie kein unüberlegtes Risiko einging, nur um ihn rascher wieder unter ihre Fittiche nehmen zu können. Richard, unschlüssig, was sie eigentlich von ihm wollte, hakte die Daumen in seinen Gürtel. »Ihr seid herzlich aufgefordert, Euch mir anzuschließen, wann immer Ihr es einrichten könnt. Aber das sagte ich ja schon.«

»Ich weiß.«

»Ich möchte Euch einen Rat geben.« Er wartete, bis sie den Kopf hob und ihm in die Augen sah. »Ganz gleich, für wie mächtig Ihr Euch auch haltet, schon etwas so Einfaches wie ein Pfeil kann Euer Verderben bedeuten.«

Ein flüchtiges Lächeln ging über ihr Gesicht. »Den Rat gebe ich dir gern zurück, Zauberer.«

Ihm kam ein Gedanke. »Wie wollt Ihr mich überhaupt finden?«

Sie hob die Hand, packte den Kragen seines Hemdes und zog ihn zu sich heran. »Deswegen wollte ich ja mit dir alleine sein. Ich werde dich mit Magie berühren müssen, um dich wieder zu finden.«

Sofort regte sich Richards Argwohn. »Mit was für einer Art von Magie?«

»Ich denke, man könnte sagen, sie ähnelt ein wenig deinen Banden zum d’Haranischen Volk, die es diesem ermöglicht, dich jederzeit zu orten. Aber dies ist nicht der Augenblick für weitschweifige Erklärungen.«

Besorgt begann er sich zu fragen, warum sie dafür unbedingt mit ihm allein sein musste. Sein Hemd noch immer fest im Griff, presste sie, die Lider halb geschlossen, ihren Körper gegen seinen. »Halt einfach still«, sagte sie leise.

Was immer sie vorgehabt haben mochte, sie wirkte unschlüssig, ja fast abgeneigt, es in die Tat umzusetzen. Sie sah aus und hörte sich an, als versinke sie in Trance.

Richard hätte schwören können, dass die Lampen eben noch heller geleuchtet hatten, denn auf einmal war das Stallgebäude in ein trübes gelbliches Licht getaucht. Auch das Heu duftete auf einmal süßer, und die Luft fühlte sich wärmer an.

Der Gedanke schoss ihm kurz durch den Kopf, dass es vielleicht besser wäre, ihr nicht zu erlauben, zu tun, was immer sie vorhatte, doch schließlich beschloss er, ihr zu vertrauen.

Niccis Linke löste sich von seinem Hemd, glitt nach oben und über seine Schulter in den Nacken. Ihre Finger strichen um seinen Hals, wurden zur Faust und krallten sich in das Haar an seinem Hinterkopf, um ihn ruhig zu halten.

Seine Besorgnis nahm zu. Plötzlich war er gar nicht mehr so sicher, dass er sich von ihr mit ihrer Magie berühren lassen wollte. Er hatte sie bereits mehrfach zu spüren bekommen und war nicht unbedingt erpicht darauf, diese Erfahrung zu wiederholen.

Er wollte schon zurückweichen, doch aus einem unerfindlichen Grund ließ er es sein. Nicci beugte sich noch näher heran und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Einen Kuss, der mehr war als bloß ein Kuss.

Die Welt rings um ihn her löste sich auf. Das Stallgebäude, die drückende, schwüle Luft, der süßliche Geruch des Heus, das alles hörte scheinbar auf zu existieren. Nur seine Verbindung zu Nicci hatte noch Bestand, so als verhinderte sie allein, dass auch er im Nichts verschwand.

Richard wurde in eine immer mehr um sich greifende Sphäre atemloser Freude über das Leben an sich hineingesogen, ein Gefühl, das übermächtig war, verwirrend und großartig. Alles, von der körperlichen Empfindung der Verbindung zu ihr, ihrer Wärme und Lebendigkeit, bis hin zur allumfassenden Schönheit der Welt durchflutete ihn und füllte ihn aus, bis sein Geist davon gesättigt war und ihn die überschwängliche Freude darüber schwindeln machte.

Jedes Glücksgefühl, das er jemals erlebt hatte, durchflutete ihn mit überwältigender, über jedes ihm bekannte Maß hinaus gesteigerter Macht und erfüllte ihn mit einem Wonnegefühl von so großer Heftigkeit, dass er vor Freude verzückt aufstöhnte.

Als Nicci endlich ihre Lippen wieder von seiner Wange löste, schälte sich die Welt im Innern des Stallgebäudes wieder aus dem Nebel ringsum, doch jetzt schien sie intensiver zu sein als vorher, die Gerüche und Eindrücke waren stärker als in seiner Erinnerung. Bis auf das Zischen der einen nahen Lampe und das leise Wiehern der Pferde war es vollkommen still. Unter dem noch nachwirkenden Einfluss ihres Kusses zitterten ihm die Hände. Blinzelnd sah er sie an. »Was ... was habt Ihr getan?«

Auf dem Schwung ihrer Lippen und in ihren strahlend blauen Augen erblühte die winzige Andeutung eines Lächelns. »Ich habe dich mit einem Hauch meiner Magie berührt, damit ich dich wieder finden kann. Ich erkenne meine Kraft sofort, ich werde sie also jederzeit bis zu dir zurückverfolgen können. Keine Angst, die Wirkung hält lange genug an, um dich zu finden.«

»Ich glaube, Ihr habt noch etwas ganz anderes getan, Nicci.«

Ihr Lächeln verging wie ein Spuk, und stattdessen traten Sorgenfalten auf ihre Stirn. Sie brauchte einen Moment, bis sie die richtigen Worte fand, dann endlich schaute sie ihm in die Augen, mit einer Eindringlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, wie wichtig es ihr war, dass er verstand. »Bis jetzt habe ich dir mit meiner Magie stets Schmerzen zugefügt, Richard – als ich dich fortbrachte, als ich dich gefangen nahm, ja sogar als ich dich heilte. Immer war dies entweder mit Schmerzen oder Qualen verbunden. Verzeih, aber ich wollte dir wenigstens einmal einen Eindruck meiner Magie vermitteln, der dir nicht das Gefühl gibt, von mir verletzt zu werden, der dir nicht das Gefühl gibt, mich hassen zu müssen.«