Sie schlug die Augen nieder. »Ich wollte dir angenehmer in Erinnerung bleiben als die Male zuvor, als ich dich mit dem Schmerz der Magie berührte. Stattdessen wollte ich dir, ein einziges Mal nur, eine winzige Kostprobe von etwas Angenehmem geben.«
Er vermochte sich nicht einmal ansatzweise vorzustellen, wie sich ihre Magie wohl angefühlt hätte, wenn es mehr als eine winzige Kostprobe gewesen wäre.
Er bog ihr Kinn nach oben und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Ich verspüre keinen Hass auf Euch, Nicci, das wisst Ihr. Und ich weiß, dass Ihr mir all die vielen Male, die Ihr mich geheilt habt, mein Leben zurückgegeben habt. Das allein zählt.«
Schließlich war er es, der ihr nicht länger in ihre blauen Augen schauen konnte, und der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass Nicci die schönste Frau war, die er je kennen gelernt hatte. Außer Kahlan.
»Trotzdem, danke«, brachte er, noch immer unter dem Eindruck der anhaltenden Nachwirkungen, hervor. Sie fasste ihn sachte am Arm. »Du hast heute Abend etwas sehr Richtiges getan, Richard. Ich dachte mir, ein wenig wohltuende Magie könnte dir einen Teil deiner Kraft zurückgeben.«
»Ich habe schon so viele Menschen leiden und sterben sehen. Die Vorstellung, dass jetzt auch noch dieses kleine Mädchen sterben würde, war mir unerträglich.«
»Ich meinte, als du Cara das Leben gerettet hast.«
»Oh, na gut. Die Vorstellung, das große Mädchen sterben zu sehen, war mir nicht minder unerträglich.«
Dies entlockte Nicci ein Lächeln.
Mit einer Handbewegung wies er zu den Pferden. »Ich muss los.«
Sie nickte, und er entfernte sich, um die Pferde zu holen und nach ihrer Ausrüstung zu sehen. Nicci ging zur offenen Stalltür hinüber, und kaum war sie dort, kam Cara wieder herein, um ihr Pferd zu holen. Richard merkte, wie entsetzlich müde er war, vor allem nach der Verausgabung, die mit der Benutzung seines Schwertes einherging, auch wenn er sich nach dem, was Nicci gerade mit ihm gemacht hatte, schon ein wenig besser fühlte. Dennoch war ihm klar, dass sie eine Zeit lang nicht eben viel Schlaf bekommen würden. Vor ihnen lag eine überaus weite Reise, und er war fest entschlossen, sie so schnell wie irgend möglich hinter sich zu bringen. Die frischen Pferde, die sie mitnahmen, würde es ihnen erlauben, ein forsches Tempo anzuschlagen, unterwegs die Tiere zu wechseln und den Weg anschließend in nicht minder flottem Tempo fortzusetzen, sodass sie rasch vorwärts kommen würden. Er war fest entschlossen, ein mehr als forsches Tempo anzuschlagen. Nicci hielt die Trense seines Pferdes, als er seinen Stiefel in den Steigbügel schob und sich in den Sattel hinaufschwang. Das Tier schlug kurz mit dem Schwanz und trat unruhig auf der Stelle, erpicht darauf, trotz der frühen Stunde endlich den Stall verlassen zu können. Richard gab ihm einen Klaps auf die Schulter, damit es sich beruhigte. Es würde noch reichlich Gelegenheit haben, ihm zu zeigen, was in ihm steckte. Cara saß kaum im Sattel, da wandte sie sich, die Stirn fragend in Falten gelegt, zu ihm herum. »Übrigens, Lord Rahl, wohin zieht es uns eigentlich in dieser Hast?«
»Ich muss unbedingt zu Shota.«
»Shota!« Caras Unterkiefer klappte herunter. »Wir besuchen diese Hexe? Habt Ihr den Verstand verloren?«
Sofort war Nicci bei ihm; sie fühlte sich auf einmal gekränkt. »Ein Besuch bei dieser Hexe wäre blanker Wahnsinn, von den Truppen der Imperialen Ordnung ganz zu schweigen, von denen es auf der gesamten Strecke durch die Neue Welt nur so wimmelt. Das kannst du unmöglich tun.«
»Ich habe aber keine andere Wahl. Ich glaube, Shota könnte mir helfen, Kahlan wieder zu finden.«
»Sie ist eine Hexe, Richard!« Nicci war völlig außer sich. »Sie wird dir bestimmt nicht helfen.«
»Nun, sie hat es schon einmal getan. Außerdem hat sie mir und Kahlan ein Hochzeitsgeschenk gemacht, an das sie sich ganz gewiss erinnert.«
»Ein Hochzeitsgeschenk?«, fragte Cara. »Seid Ihr verrückt! Sie würde Euch töten, ohne mit der Wimper zu zucken!«
In dieser Bemerkung schwang mehr Wahrheit mit, als Cara ahnte. Sein Verhältnis zu Shota war immer schon von einem gewissen Unbehagen geprägt gewesen.
Nicci legte ihm ihre Hand auf den Oberschenkel. »Was denn für ein Hochzeitsgeschenk? Wovon redest du?«
»Shota war der Meinung, dass Kahlan sterben müsse, weil sie befürchtete, wir beide würden einen Nachkommen zeugen, der in ihren Augen ein Monster wäre, ein mit der Gabe gesegneter Konfessor. Deshalb hat sie Kahlan, zum Zeichen der Versöhnung, eine Halskette mit einem kleinen schwarzen Stein daran zur Hochzeit geschenkt. Angesichts der chaotischen Begleitumstände damals und unserer großen Sorge beschlossen Kahlan und ich, ihr Friedensangebot erst einmal anzunehmen.«
Doch dann war für eine gewisse Zeitspanne alle Magie versiegt, und da sie nichts davon wussten, hatte schließlich auch die Halskette ihre magische Wirkung verloren, und Kahlan war schwanger geworden – ein Zustand, den die Männer in jener fürchterlichen Nacht, als sie sie erbarmungslos zusammenschlugen, auf brutale Weise beendet hatten.
Dieses vorübergehende Versiegen der Magie hatte aber möglicherweise noch weiter reichende Folgen, denn es galt als durchaus denkbar, dass die Welt dadurch einen grundlegenden, unwiderruflichen Wandel durchmachte, der letztlich das Ende aller Magie bedeuten würde. Kahlan war jedenfalls fest davon überzeugt, denn anders wäre eine Reihe merkwürdiger Geschehnisse nicht zu erklären gewesen. Zedd hatte es einen Dominoeffekt genannt, der, einmal begonnen, nicht mehr aufzuhalten sei. Richard dagegen war sich dessen nicht so sicher.
»Shota wird sich bestimmt an die Halskette erinnern, die sie Kahlan zum Geschenk gemacht hat. Wenn sich jemand an sie erinnert, dann Shota. Es gab zwar des Öfteren Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, andererseits habe ich ihr auch schon in der Vergangenheit geholfen, wenn auch unwissentlich. Sie schuldet mir etwas, und deshalb wird sie mir helfen. Sie muss es einfach tun.«
Resigniert warf Nicci die Hände in die Luft. »Natürlich! Es musste ja ausgerechnet ein Gegenstand sein, den Kahlan trägt und der sich nicht in deinem Besitz befindet. Merkst du eigentlich nicht, was du tust? Wieder einmal hat sich dein Verstand etwas zusammenfantasiert, das sich nicht belegen lässt – wie praktisch! Was immer du als Beweis anführst, ist entweder nicht zur Hand oder für uns unsichtbar. Diese Halskette ist doch auch nur ein Versatzstück aus deinem Traum.« Sie presste eine Hand an die Stirn. »Diese Hexe wird sich nicht an Kahlan erinnern, Richard, weil diese Kahlan nicht existiert.«
»Shota kann mir helfen, das weiß ich. Und ich weiß auch, dass sie es tun wird. Ich wüsste keine bessere Gelegenheit, mir Klarheit zu verschaffen. Die Zeit zerrinnt mir zwischen den Fingern. Je länger Kahlan sich in der Gewalt ihrer Entführer befindet, desto größer die Gefahr für ihr Leben und desto geringer meine Chance, sie zurückzubekommen. Ich muss ganz einfach zu Shota.«
»Und angenommen, du irrst dich?«, wandte Nicci ein. »Was, wenn diese Hexe sich weigert, dir zu helfen?«
»Ich werde alles tun, was nötig ist, um sie dazu zu bewegen.«
Entschlossen riss Richard die Zügel herum und lenkte sein Pferd und die daran angebundenen Tiere Richtung Tor. »Die beste Chance, mir Klarheit zu verschaffen, habe ich, wenn ich Shota aufsuche, und nichts wird mich daran hindern.«
Richard duckte sich unter dem großen Tor hindurch, und kurz darauf ritten sie hinaus in die Nacht. Draußen, jenseits des weitläufigen Parkgeländes, war noch immer das monotone Zirpen der Zikaden zu hören.