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Unversehens ließ er sein Pferd noch einmal wenden und sah Nicci in der Toröffnung stehen, rücklings angestrahlt vom Schein der Laterne. »Nehmt Euch in Acht«, riet er ihr. »Wenn nicht um Eurer selbst willen, dann wenigstens mir zuliebe.«

Das brachte sie endlich zum Lächeln. Resigniert schüttelte sie den Kopf. »Euer Wunsch sei mir Befehl, Lord Rahl.«

Mit einem Wink verabschiedete er sich von Victor und Ishaq.

»Gute Reise«, rief Ishaq und zog seinen Hut. Victor salutierte mit einem Faustschlag auf sein Herz. »Lasst Euch, sobald Ihr könnt, wieder bei uns blicken, Richard.«

Er versprach es ihnen.

Kaum waren sie auf der Straße, da schüttelte Cara auch schon den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht, warum Ihr Euch die Mühe gemacht habt, mir das Leben zu retten. Wir reiten geradewegs in den Tod, ist Euch das eigentlich klar?«

»Ich dachte, Eure Anwesenheit hätte gerade den Zweck, das zu verhindern.«

»Ich weiß nicht, ob ich Euch vor einer Hexe beschützen kann, Lord Rahl. Mit einer Macht wie der ihren hatte ich noch nie zu tun, ich habe auch noch von keiner Mord-Sith gehört, auf die das zutraf. Ich werde mein Bestes tun, aber über eins solltet Ihr Euch im Klaren sein: Es ist gut möglich, dass ich Euch vor einer Hexe nicht beschützen kann.«

»Oh, darüber würde ich mir nicht den Kopfzerbrechen, Cara.« Er presste seine Schenkel zusammen und verlagerte das Gewicht, um sein Pferd zu einem leichten Trab anzuspornen. »Wie ich Shota kenne, wird sie Euch sowieso nicht in ihre Nähe lassen.«

25

Als Nicci an der Spitze einer kleinen Traube von Männern am Rand einer breiten Durchgangsstraße entlangschritt, kam ihr der Gedanke, dass es seit Richards Abreise fast ein wenig so schien, als wäre die Sonne erloschen. Sie vermisste es, ihm einfach nur in die Augen sehen zu können, die für gewöhnlich vor Lebendigkeit nur so sprühten. Zwei Tage hatte sie nun schon unermüdlich an den dringend erforderlichen Vorbereitungen für den bevorstehenden Angriff gearbeitet, trotzdem erschien ihr das Leben ohne ihn belanglos, weniger strahlend, weniger ... in jeder Hinsicht weniger.

Auch wenn, als er noch da war, seine verbohrte Entschlossenheit, seine nur in seiner Fantasie existierende Geliebte wieder zu finden, sehr an ihren Kräften gezehrt hatte und sie ihm tatsächlich mehr als einmal am liebsten an die Gurgel gegangen wäre. Sie hatte wirklich alles versucht, von Geduld bis zu Zornesausbrüchen, um ihn endlich zu bewegen, sich nicht länger der Wahrheit zu verschließen, aber ebenso gut hätte sie versuchen können, einen Berg zu verrücken. Was immer sie versucht hatte, es hatte letztendlich nichts genützt. Sie hoffte, nach der Befreiung Altur’Rangs von der Bedrohung durch die anrückenden Truppen der Imperialen Ordnung und ihres Zauberers, Kronos, sofort wieder zu Richard und Cara stoßen zu können, aber wegen der Reservepferde und des forschen Tempos, das sie anschlagen würden, würde sie die beiden wohl erst nach ihrer Ankunft bei der Hexe einholen – wenn er es denn überhaupt bis dorthin schaffte und Shota ihn nicht auf der Stelle umbrachte.

Nach allem, was Nicci über Hexen wusste, waren Richards Chancen, ihren Schlupfwinkel lebend wieder zu verlassen, eher bescheiden, denn er würde der Hexe ohne ihre Hilfe und ihren Schutz gegenübertreten müssen. Immerhin kannte er die Frau, und nach allem, was Nicci über sie gehört hatte, war sie eine Frau durch und durch; er würde ihr gegenüber also zumindest höflich sein. Unhöflichkeit im Umgang mit einer Hexe wäre auch alles andere als klug.

Aber selbst wenn er die Begegnung mit der Hexe überstand, würde er am Boden zerstört sein, wenn sie ihm ihre Hilfe verweigerte. Das aber – dessen war sich Nicci sicher – konnte sie gar nicht, weil es keine verschollene Frau zu finden gab. Es machte sie rasend, dass er mit an absolute Sturheit grenzender Beharrlichkeit an einer Geschichte festhielt, die offensichtlich nichts weiter als eine Selbsttäuschung war, andererseits war sie besorgt, dass er tatsächlich den Verstand verlieren könnte – eine Vorstellung, die zu entmutigend war, um sie ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Plötzlich ließ eine erschreckende Erkenntnis Nicci am Straßenrand innehalten. Mit einem Ruck blieben die Männer hinter ihr ebenfalls stehen und rissen sie aus ihren Gedanken. Sie hatten sie begleitet, teils um ihre Anweisungen hinsichtlich irgendeiner Verteidigungsmaßnahme der Stadt sofort ausführen zu können, teils um bei Bedarf Meldungen zu überbringen. Jetzt standen sie schweigend da, verunsichert und nicht wissend, weshalb sie stehen geblieben war.

»Dort oben«, wandte sie sich an einen von ihnen, indem sie auf ein dreistöckiges Eckgebäude aus Ziegeln auf der anderen Straßenseite wies. »Seht zu, dass wir diese Stelle zu unserem größtmöglichen Vorteil nutzen, und platziert wenigstens ein Dutzend Bogenschützen in den Fenstern. Sorgt auch dafür, dass sie über einen großen Vorrat an Pfeilen verfügen.«

»Ich werde gehen und es mir mal ansehen«, antwortete er, ehe er loslief und sich, Wagen, Reitpferden und Handkarren ausweichend, zur anderen Straßenseite hinüberkämpfte. Menschen hasteten am Straßenrand entlang, drängten sich an ihr und den Männern in ihrer Begleitung vorbei, wie an einem Fels in einem schnell dahinfließenden Strom. Passanten unterhielten sich mit gesenkter Stimme, während sie sich an Trauben von mit lauter Stimme ihre Waren anpreisenden Straßenhändlern vorbeischoben, andere fanden sich in kleinen Gruppen zusammen, um mit eindringlicher Stimme über die der Stadt bevorstehende Schlacht zu diskutieren, und was sie zu ihrem persönlichen Schutz zu tun gedachten. Fahrzeuge jeder Bauart – schwere, von sechsköpfigen Pferdegespannen gezogene Transportkarren bis zu leichten Einspännern – rasten eilig vorbei. Die Menschen wollten mit dem Anlegen von Vorräten und anderen wichtigen Arbeiten fertig werden, solange sie noch die Möglichkeit dazu hatten. Obwohl Pferde, Wagen und Menschen einen nicht zu überhörenden Lärm verursachten, bekam Nicci kaum etwas davon mit, denn sie war in Gedanken bei der Hexe.

Ihr war nämlich eingefallen, dass Shota dem Lord Rahl ihre Hilfe womöglich nicht nur verweigern, sondern ihm dies obendrein verschweigen könnte. Hexen hatten ihren ganz eigenen Stil und ihre eigenen Ziele. Wenn sie Richard als zu hartnäckig oder anmaßend empfand, konnte sie durchaus auf die Idee verfallen, sich seiner zu entledigen, indem sie ihn auf eine sinnlose Suche um die ganze Welt schickte –sei es, um sich einen Spaß zu erlauben, oder weil sie ihn zu einem qualvollen Tod auf einem endlosen Marsch durch irgendeine ferne Wüste verdammen wollte, Dinge, die eine Hexe womöglich nur deswegen tat, weil sie halt in ihrer Macht standen. In seiner bedingungslosen Entschlossenheit, diese Fantasiefrau zu finden, würde Richard vermutlich gar nicht auf die Idee kommen, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, sondern sofort einfach in die Richtung losmarschieren, die Shota ihm vorgab.

Nicci war wütend auf sich selbst, weil sie ihn hatte ziehen lassen, um eine so gefährliche Frau aufzusuchen. Nur, was hätte sie tun sollen? Sie konnte es ihm schließlich nicht verbieten. Sie sah den Mann, den sie losgeschickt hatte, den Backsteinbau zu untersuchen, sich immer wieder ausweichend einen Weg zwischen den Wagen und Pferden hindurchbahnen und mit schnellen Schritten die Straße überqueren. Dabei fiel ihr auf, dass es trotz der ungeheuren Menschenmassen, die die Straßen der Stadt bevölkerten, spürbar weniger geschäftig zuging als an einem normalen Tag. Überall waren Leute damit beschäftigt, Vorkehrungen zu treffen, nicht wenige hatten sich bereits an vermeintlich sicheren Orten verbarrikadiert. Nicci hatte den Überfall der Truppen der Imperialen Ordnung auf eine Stadt schon am eigenen Leibe erlebt, deshalb wusste sie, dass es so etwas wie einen sicheren Ort gar nicht gab.

Mit einem Seitensprung brachte sich der Mann vor einem vorüberholpernden Karren in Sicherheit, dann war er endlich wieder bei Nicci angelangt. Er blieb stehen und wartete schweigend, offenbar hatte er Angst, etwas zu sagen, ehe sie ihn aufgefordert hatte zu berichten. Es war nicht zu übersehen, dass er Angst vor ihr hatte; alle fürchteten sich vor ihr, denn sie war nicht nur eine Hexenmeisterin, sie war oft eine überaus schlecht gelaunte Hexenmeisterin, und jeder wusste das.