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»Nun?«, erkundigte sie sich ruhig bei dem Mann, der schweigend vor ihr stand und wieder zu Atem zu kommen versuchte.

»Es wird funktionieren. In dem Haus werden Strickwaren und Stoffe hergestellt. Die drei Stockwerke sind innen so gut wie gar nicht unterteilt, sodass die Bogenschützen sich schnell und mühelos von Fenster zu Fenster bewegen können, um die beste Schussposition zu finden.«

Ein kurzes Nicken, dann warf sie, ihre Augen mit vorgehaltener Hand gegen die tief stehende Sonne schützend, einen Blick die breite Hauptstraße entlang zurück nach Westen, um die Lage der Straßen und ihre Kreuzungswinkel zu begutachten. Zu guter Letzt entschied sie, dass die Kreuzung, auf der sie standen, unmittelbar gegenüber dem Ziegelgebäude, die günstigste Stelle war. Die beiden Hauptdurchgangsstraßen waren so breit, dass die Wahl der feindlichen Kavallerie im Ostteil der Stadt vermutlich auf sie fallen würde. Sie wusste, wie die Imperiale Ordnung ihre Angriffe durchführte, breite Straßen waren beliebt, weil sie sich dort auf breiter Front präsentieren und einen überaus harten Angriffsschlag führen konnten, der die gegnerischen Reihen auseinander riss. Nicci war sich einigermaßen sicher, dass sie im Falle eines Angriffs aus östlicher Richtung, von dem sie ausging, ihre Kavallerie auf diesem Weg anrücken lassen würde. »Gut«, antwortete sie. »Seht zu, dass Ihr die Bogenschützen herschafft, und dazu einen großen Vorrat an Pfeilen. Und beeilt Euch ich glaube kaum, dass uns noch viel Zeit bleibt.«

Während er loslief, um sich darum zu kümmern, erblickte sie in einiger Entfernung Ishaq, der in einem von zweien seiner stämmigen Zugpferde gezogenen Wagen die Straße heraufgeholpert kam. Er schien es sehr eilig zu haben. Sie hatte eine ziemlich klare Vorstellung, warum er zu ihr wollte, versuchte aber, nicht daran zu denken, sondern wandte sich stattdessen zu einem der anderen Männer in ihrer Begleitung herum. »Ich möchte, dass dort drüben, unmittelbar hinter dem Backsteinbau, wo die Bogenschützen Posten beziehen, Spieße ausgelegt werden. An der Stelle flankieren die Gebäude die Straße zu beiden Seiten auf der gesamten Länge.« Mit einer Handbewegung wies sie auf die Straße, welche die Hauptdurchgangsstraße unmittelbar vor dem Backsteinbau kreuzte. »Ebenso in beiden Richtungen in der Seitenstraße, sodass nachfolgende Angreifer, sollten sie diese als Fluchtwege benutzen wollen, das gleiche Schicksal zu erwarten haben.«

Sobald der Gegner über die Hauptstraße nach Altur’Rang einfiel, würden die Spieße unvermittelt hochgezogen und die Feinde pfählen, anschließend sollten die Bogenschützen all jene ausschalten, die in dem Engpass zwischen der Barriere aus Spießen und den von hinten nachdrängenden Angreifern eingekesselt waren. Mit einem Nicken lief der Mann los, um ihre Befehle auszuführen. Die Männer an den Spießen waren bereits von ihr instruiert worden. Victor hatte veranlasst, dass seine Schmiedewerkstatt sowie eine Reihe anderer fieberhaft an der Herstellung dieser einfachen, aber tödlichen Fallen arbeiteten. Im Grunde handelte es sich um nichts weiter als angespitzte Eisenstangen aus Lagerbeständen, die, etwa nach Art eines Lattenzauns, miteinander verbunden waren, wobei die Ketten zwischen der obersten Querverbindung und dem oberen Ende der Spieße allerdings unterschiedliche Längen aufwiesen. Zurzeit wurden überall in der Stadt Teilstücke dieser miteinander verbundenen Spieße in den Straßen ausgelegt. Flach am Boden liegend, stellten sie keine Behinderung für den Straßenverkehr dar, im Falle eines Kavallerieangriffs aber wurden die angespitzten Enden des gesamten Teilstücks aufgerichtet und darunter eine Eisenstütze in Stellung gebracht. Die unterschiedlichen Kettenlängen zwischen den Spießen und den Querverbindungen hatten zur Folge, dass die Spieße in ungleichen Winkeln von der Querverbindung herabhingen, was sie zu einer weitaus tückischeren Waffe machte als eine einfache Reihe von Spießen auf gleicher Höhe. Bei entsprechender Verwendung würde die feindliche Kavallerie ihre Pferde ohne jede Vorwarnung genau in die scharfen Eisenspitzen hineinlenken. Selbst wenn sie versuchen sollten, über sie hinwegzusetzen, würden die Tiere aller Wahrscheinlichkeit nach aufgeschlitzt. Die Vorrichtungen waren primitiv, aber überaus wirkungsvoll.

Diese aus Eisenstücken gefertigten Fallen lagen über die ganze Stadt verteilt, meist an den Straßenkreuzungen. Sobald die Teilstücke erst einmal aufgerichtet waren, ließen sie sich nicht ohne weiteres wieder senken. In ihrer Panik würden die Pferde von den Spießen durchbohrt, zumindest aber würden sie sich nicht mehr aus dem durch das Hindernis entstandenen Gedränge befreien können. Sobald die Kavallerie in die Spieße hineinritt, würden die Reiter entweder aus dem Sattel geschleudert und dabei vermutlich schwer verletzt oder getötet, oder aber sie mussten absteigen, um das Hindernis aus dem Weg zu räumen. In beiden Fällen boten sie den Bogenschützen ein erheblich leichteres Ziel als beim Vorübergaloppieren. Die Männer an den Spießkonstruktionen hatten Anweisung erhalten, sich erst einen Überblick über die Lage zu verschaffen und die Spieße nicht einfach hochzuziehen, unmittelbar bevor die Kavallerie in sie hineingaloppierte. Mitunter konnte es durchaus klüger sein, abzuwarten, bis ein Teil der Angreifer vorüber wäre. War die Kavallerie sehr zahlreich, erlaubte dieses Manöver den Verteidigern, einen Keil in die gegnerische Streitmacht zu treiben, um den Angriffssturm nicht nur in heilloses Chaos zu stürzen, sondern ihn zu zerschlagen und damit die Befehlswege zu unterbrechen, sodass ihnen der Vorteil der Geschlossenheit abhanden kam und man sich leichter mit den einzelnen, abgesprengten Truppenteilen befassen konnte. Ein entschiedenes Vorgehen gegen die Kavallerie mit dem Ziel ihrer völligen Vernichtung war der entscheidende Schachzug bei der Abwehr der Invasion.

Andererseits wusste Nicci, dass all diese wohl durchdachten Pläne in der ersten Panik beim Anblick einer Furcht erregenden Wand aus heranstürmenden feindlichen Soldaten, die schreiend nach Blut verlangten, nur zu leicht in Vergessenheit geraten konnten. Ganz sicher würden beim Anblick dieser grässlichen Soldaten mit ihren erhobenen Waffen nicht wenige der Männer die Flucht ergreifen, ehe sie Gelegenheit haben würden, die Spieße hochzuziehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Nicci diesen Albtraum aus eigener Anschauung erlebte, daher auch die große Zahl an Spießkonstruktionen.

Nahezu jeder in der Stadt war fest entschlossen, diese zu verteidigen, wobei manche dabei gewiss effektiver vorgehen würden als andere. Sogar Frauen, die mit ihren Kindern zu Hause blieben, hatten die unterschiedlichsten Dinge vorbereitet, von Steinen bis hin zu siedendem Ol, die sie auf jeden Soldaten zu schleudern beabsichtigten, der sie anzugreifen wagte. Man hatte kaum Zeit gehabt, großartige Waffen herzustellen, aber zumindest standen überall Männer mit Stapeln einfacher Speere bereit. Eine angespitzte Stange mochte nicht besonders kunstvoll sein, aber wenn man damit ein Kavalleriepferd zu Fall brachte oder einen Mann aufspießte, hatte sie allemal ihren Zweck erfüllt. Dabei war es völlig unerheblich, ob es sich um Kavalleristen oder Fußsoldaten handelte, es galt, sie alle zu besiegen, weswegen tausende von Stadtbewohnern mit Bogen ausgerüstet worden waren. Mit einem Bogen konnte sogar ein alter Mann einen kräftigen, muskulösen, ungeschlachten jungen Burschen töten, und ein Pfeil vermochte wahrscheinlich auch einen Zauberer niederzustrecken. Da es völlig unsinnig wäre, die männlichen Einwohner in einer herkömmlichen Schlacht gegen erfahrene Soldaten antreten zu lassen, galt es, diese stattdessen aller Möglichkeiten zu berauben, deren sie sich gewöhnlich in der Schlacht bedienten.

Nicci hatte es sich zum Ziel gemacht, die Stadt in eine einzige riesige Falle zu verwandeln. Jetzt musste man die Imperiale Ordnung nur noch hineinlocken.