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Und dabei würde ihr Ishaqs Wagen zugute kommen, der in diesem Moment auf sie zugerattert kam. Leute sprangen aus dem Weg, bis Ishaq schließlich an den Zügeln riss und die kräftigen Pferde anhalten ließ. Eine träge Staubwolke stieg auf.

Er zog die Handbremse an und sprang mit einer Behändigkeit vom Wagen, die sie ihm gar nicht zugetraut hätte. Mit einer Hand hielt er seinen Hut beim Laufen fest, in der anderen hatte er einen Gegenstand. »Nicci! Nicci!«

Sie wandte sich zu ihrer Eskorte herum. »Am besten, Ihr kümmert Euch alle jetzt um die Dinge, die wir abgesprochen haben. Ich denke, uns bleiben nur noch etwa knapp zwei Stunden.«

Eine Mischung aus Überraschtheit und Besorgnis ging über ihre Gesichter. »Glaubt Ihr nicht, sie werden bis zum Morgen warten?«, fragte jemand. »Nein. Meiner Meinung nach werden sie noch heute Abend angreifen.« Warum sie dies glaubte, behielt sie für sich.

Ein knappes Nicken, dann entfernten sich die Männer und machten sich an die ihnen zugewiesenen Arbeiten. Ishaq kam keuchend vor ihr zum Stehen, sein Gesicht war fast so rot wie sein Hut. »Eine Nachricht, Nicci.« Er fuchtelte mit dem Blatt vor ihrem Gesicht herum. »Eine Nachricht für den Bürgermeister.«

In Niccis Körper krampfte sich etwas zusammen.

»Vor kurzem ist eine Gruppe von Männern in die Stadt geritten gekommen«, erklärte er. »Sie hatten eine weiße Fahne dabei, genau wie Ihr es vorausgesehen habt, und überbrachten eine Nachricht ›für den Bürgermeistern Wie habt Ihr das nur wissen können?«

Sie überging seine Frage. »Hast du sie schon gelesen?«

Er errötete. »Ja, und Victor auch. Er ist sehr wütend, und es ist gar nicht gut, einen Schmied wütend zu machen.«

»Hast du ein Pferd besorgt, wie ich dich gebeten habe?«

»Ja, ja, das Pferd habe ich.« Er reichte ihr das Blatt Papier. »Aber ich denke, Ihr solltet das hier lesen.«

Nicci faltete das Blatt auseinander und las es leise für sich.

Bürgermeister,

soeben erhalte ich die Nachricht, dass die Bewohner Altur’Rangs unter Eurer Führung ihrer sündigen Lebensweise abschwören und sich wieder der weisen, barmherzigen und souveränen Herrschaft der Imperialen Ordnung unterwerfen wollen.

Sollte es der Wahrheit entsprechen, dass Ihr den Bewohnern von Altur’Rang die völlige Zerstörung ihrer Stadt ersparen wollt, wie wir es allen Rebellen und Heiden bestimmt haben, werdet Ihr, als Beweis Eurer guten Absichten und bereitwilligen Unterwerfung unter die Jurisdiktion der Imperialen Ordnung, Eurer ebenso hübschen wie loyalen Gemahlin die Hände fesseln und sie mir als Zeichen Eurer Ergebenheit aushändigen. Versäumt Ihr es jedoch, sie den Anweisungen entsprechend auszuliefern, wird die gesamte Einwohnerschaft der Stadt dem Tod anheim fallen.

Im Auftrag des barmherzigen Schöpfers Bruder Kronos Befehlshaber der Wiedervereinigungsstreitkräfte seiner Exzellenz

Nicci zerknüllte die Nachricht. »Gehen wir.«

Ishaq stülpte seinen Hut wieder auf und hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten, als sie mit energischen Schritten auf den Wagen zuhielt. »Ihr wollt doch nicht allen Ernstes auf die Forderungen dieses Barbaren eingehen, oder?«

Nicci stellte einen Fuß auf die eiserne Stufe und stieg auf den hölzernen Wagenbock. »Fahren wir, Ishaq.«

Leise vor sich hin brummelnd kletterte er neben ihr auf den Wagen, löste die Bremse und ließ die Zügel schnalzen, dann rief er den Umstehenden zu, sie sollten den Weg freimachen, und lenkte den Wagen schwungvoll herum. Schmutz und Straßenstaub wirbelten von den Rädern hoch, als er den Wagen mitten auf der Straße wendete. Dann ließ er seine Peitsche über den Flanken der Pferde knallen und trieb sie mit einem lauten Ruf an, sich ins Zeug zu legen. Die Pferde stemmten sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Kummethölzer, der Wagen geriet kurz ins Schlittern und stabilisierte sich schließlich. Nicci musste sich mit einer Hand am Seitengeländer festhalten, als der Wagen mit einem kräftigen Ruck anfuhr, ihre andere Hand, mit der zerknüllten Nachricht in der Faust, lag im Schoß ihres roten Kleides. Während sie durch die Straßen Altur’Rangs holperten, vorbei an Häusern und Geschäftsfassaden, anderen Wagen, Pferden und Fußgängern, starrte sie blicklos geradeaus. Das Licht der tief stehenden Sonne blitzte zwischen den Baumreihen zu ihrer Linken auf, während sie in nördlicher Richtung über die breite Hauptstraße rasten. An den Ständen für Gemüse, Käse, Brot und Fleischwaren – unter manchmal eintönigen, dann wieder gestreiften Markisen –drängten sich die Menschen, um vor dem bevorstehenden Ansturm alles an Lebensmitteln aufzukaufen, dessen sie habhaft werden konnten.

Mit Erreichen der ältesten Stadtbezirke wurde die Straße enger und das Gedränge aus Wagen, Pferden und Menschen immer undurchdringlicher. Ohne das Tempo groß zu drosseln, lenkte Ishaq seine beiden stämmigen Zugpferde von der Hauptstraße herunter und nahm eine Abkürzung durch die kleinen Hintergassen zwischen gedrängt stehenden Häuserzeilen, wo in einem einzigen Zimmer ganze Familien hausten. Überall in den Hinterhöfen flatterten frisch gewaschene Wäschestücke über ihren Köpfen, aufgehängt an einem Gewirr aus Leinen, die nicht selten sogar zwischen einander gegenüberliegenden Wohnungen im zweiten Stock gespannt waren.

Nahezu jede Parzelle an der Rückseite der überbelegten Gebäude –und war sie auch noch so klein – wurde zum Anbau von Gemüse oder zur Hühnerzucht benutzt, und wann immer die Vögel beim Anblick des an ihrem Hinterhof vorbeiratternden Wagens in Panik gerieten, wurden sie von hektischem Flügelschlagen und stiebenden Federn begrüßt.

Mit Geschick lenkte Ishaq sein Gespann in beängstigendem Tempo an aus Schuppen, Zäunen, Mauern und vereinzelt auftauchenden Bäumen bestehenden Hindernissen vorbei, stets einen Warnruf auf den Lippen, wenn er eine geschäftige Straße kreuzte, sodass die Passanten erschrocken zur Seite sprangen, um ihn passieren zu lassen.

Schließlich bog der Wagen in eine Straße ein, die Nicci sehr vertraut vorkam, und folgte einer niedrigen Mauer, die sich in sanftem Bogen entlang der Zufahrt bis vor die Tore des Lagerhauses von Ishaqs Transportunternehmen zog. Der Wagen holperte auf den von Wagenspuren zerfurchten Innenhof des Gebäudes und kam im Schatten einiger weit über die Mauer reichender Eichen schräg zum Stehen. Als sie einen Teil des Flügeltores aufgehen sah, kletterte Nicci vom Bock. Offenbar angelockt vom Lärm, trat Victor aus dem Gebäude, das Gesicht so zornesrot, als sei er entschlossen, den nächstbesten Menschen zu erdrosseln, der ihm in die Finger kam.

Er kam sofort zur Sache. »Habt Ihr die Nachricht gelesen?«

»Ja, habe ich. Wo ist das Pferd, um das ich gebeten habe?«

Er wies mit dem Daumen über seine Schulter auf das offene Tor. »Und, was sollen wir jetzt tun? Der Angriff wird vermutlich in der Morgendämmerung erfolgen. Wir können unmöglich zulassen, dass diese Soldaten Euch in ihr Armeelager mitnehmen, ebenso wenig können wir sie einfach wieder ziehen und melden lassen, dass wir keinesfalls die Absicht haben, Kronos’ Forderungen zu erfüllen. Was also sollen wir ihnen sagen?«

Nicci wies mit dem Kopf auf das Gebäude. »Ishaq, würdest du bitte das Pferd holen gehen?«

Er machte ein verdrießliches Gesicht. »Ihr solltet Richard heiraten. Ihr zwei würdet das perfekte Paar abgeben. Ihr seid beide völlig verrückt.«

Sie konnte ihn nur verdutzt anstarren, schließlich aber fand sie ihre Stimme wieder. »Ishaq, bitte, wir haben nicht viel Zeit. Wir wollen nicht, dass diese Kerle mit leeren Händen zurückkehren.«

»Sehr wohl, Euer Hoheit«, lästerte er, »erlaubt, dass ich Euch Euer königliches Ross holen gehe.«

»Ich habe Ishaq noch nie sich so aufführen sehen«, sagte sie dann, an Victor gewandt, während sie zusah, wie er etwas steifbeinig unter leisem Fluchen auf das Tor zusteuerte. »Er hält Euch halt für verrückt. Ich übrigens auch.« Victor stemmte seine Fäuste in die Hüften. »Ist irgendetwas schief gelaufen mit dieser List im Stallgebäude mit dem Spion, oder hattet Ihr es etwa von Anfang an so geplant?«