Nicci, nicht bei Laune, mit ihm darüber zu diskutieren, revanchierte sich mit einem nicht minder stechenden Blick. »Mein Plan«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »ist es, dies so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und zu verhindern, dass die Bevölkerung Altur’Rangs abgeschlachtet wird.«
»Aber was hat das damit zu tun, dass Ihr Euch Bruder Kronos als Zeichen der Unterwerfung ausliefern wollt?«
»Wenn wir zulassen, dass sie im Morgengrauen angreifen, haben sie den Vorteil auf ihrer Seite. Wir müssen sie dazu bewegen, noch heute Abend anzugreifen.«
»Heute!« Victors Blick ging nach Westen, zur tief stehenden Sonne. »Aber es wird bald dunkel.«
»Eben.« Sie beugte sich in den hinteren Teil des Wagens, um ein Stück Tau hervorzuholen. Den Blick starr auf das ferne Stadtzentrum gerichtet, dachte er darüber nach. »Na ja, wenn man alles bedenkt, wäre es wohl klüger, ihnen nicht bei Tag und zu ihren Bedingungen entgegenzutreten. Wenn wir sie also irgendwie dazu bewegen können, noch heute anzugreifen, dürfte ihnen bald das Tageslicht ausgehen, was wiederum für uns von Vorteil wäre.«
»Ich werde sie zu euch bringen«, sagte sie. »Seht ihr nur zu, dass ihr bereit seid.«
Die Falten auf Victors Stirn furchten sich noch tiefer ein. »Ich hab wirklich keine Ahnung, wie Ihr es schaffen wollt, sie dazu zu bringen, noch heute anzugreifen, aber wenn es so weit ist, werden wir bereit sein.«
In diesem Moment kam Ishaq aus dem Lagerhaus wieder zum Vorschein, neben sich einen weißen, mit schwarzen Flecken gesprenkelten Hengst. Mähne, Schwanz und die Beine unterhalb der Fesselgelenke waren schwarz. Das Tier wirkte nicht nur elegant, sondern sein Verhalten ließ eine gewisse Zähigkeit erkennen, so als verfüge es über eine unerschöpfliche Ausdauer. Gleichwohl entsprach es nicht ganz ihren Erwartungen. »Er scheint mir nicht eben groß zu sein«, sagte sie, an Ishaq gewandt. Der rieb dem Tier liebevoll über das weiße Gesicht. »Von groß war nicht die Rede. Ihr habt gesagt, Ihr wollt ein Pferd, das sich weder leicht erschüttern lässt noch schnell scheut und das einen furchtlosen Charakter hat.«
Nicci besah sich das Tier erneut. »Ich war wohl einfach davon ausgegangen, ein solches Pferd müsse groß sein.«
»Die Frau ist verrückt«, raunte Ishaq Victor zu.
»Verrückt und schon in Kürze nicht mehr am Leben«, gab der zurück. Nicci reichte ihm den Strick. »Es wird leichter gehen, wenn ihr auf der Mauer steht, sobald ich aufgestiegen bin.«
Sie streichelte das Pferd unter dem Kinn und anschließend an den seidenweichen Ohren. Das Tier quittierte dies mit einem leisen Wiehern und rieb seine Schnauze an ihr. Nicci hielt seinen Kopf fest und flößte ihm einen feinen Strahl ihres Han ein, gleichsam zur Beruhigung und um sich mit ihm bekannt zu machen. Anschließend strich sie prüfend mit der Hand über seine Schulter und seitlich am Bauch entlang. Kommentarlos erklomm Victor die Mauer und wartete ab, bis sie sich hochgezogen hatte und im Sattel saß. Nicci ordnete die diversen Schichten ihres Kleides, ehe sie es bis zur Hüfte aufknöpfte, dann zog sie ihre Arme nacheinander aus den Ärmeln, presste die Vorderseite des Kleides gegen ihre Brust und hielt sie dort mit den Ellbogen fest, während sie Victor, die Handgelenke aneinander gelegt, ihre Hände hinhielt. Victors Gesicht wurde so rot wie das Kleid. »Was in aller Welt tut Ihr da?«
»Diese Männer sind erfahrene Soldaten der Imperialen Ordnung. Ich habe lange in ihrem Feldlager gelebt und war dort weit und breit bekannt – manchen als Sklavenkönigin, anderen unter dem Namen Herrin des Todes. Gut möglich, dass gewisse Leute dort bereits damals in Jagangs Armee gedient haben, sie könnten mich also wieder erkennen, erst recht, wenn ich ein schwarzes Kleid trage. Deshalb habe ich für alle Fälle ein rotes angezogen. Außerdem muss ich diesen Männern einen Blickfang liefern, damit sie abgelenkt sind und mich hoffentlich nicht erkennen. Ein solches Kleid dürfte das gewöhnlich berechnende Urteilsvermögen von Soldaten ihres Schlages empfindlich stören. Außerdem wird es Kronos Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihn zu der Überzeugung bringen, dass ihn der ›Bürgermeister‹ durch sein Zugeständnis um jeden Preis milde stimmen will. Nichts vermag verlässlicher die Blutgier dieser Sorte Männer zu wecken als offenkundige Schwäche.«
»Es wird Euch in eine heikle Lage bringen, ehe Ihr überhaupt bis zu Kronos vorgedrungen seid.«
»Ich bin eine Hexenmeisterin. Ich weiß mich zu schützen.«
»Wenn ich das richtig sehe, ist Richard ein Zauberer, der ein mit uralter Magie versehenes Schwert trägt, und selbst er ist in Schwierigkeiten geraten, als er an einen zahlenmäßig weit überlegenen Gegner geriet. Er wurde überwältigt und um ein Haar getötet.«
Nicci hielt ihm abermals die Hände hin, die Handgelenke aneinander gelegt. »Binde sie zusammen.«
Er musterte sie einen Moment mit durchdringendem Blick, dann gab er schließlich nach und ging, ein unwilliges Brummen auf den Lippen, daran, ihr die Handgelenke zu fesseln. Ishaq hielt unterdessen die Zügel unmittelbar unterhalb der Trense fest.
»Ist es ein schnelles Pferd?«, erkundigte sie sich, während sie Victor zusah, wie er ihre Handgelenke mit dem Strick umwickelte.
»Sa’din ist mehr als schnell«, bestätigte ihr Ishaq.
»Sa’din? Bedeutet das nicht ›Wind‹ in der alten Sprache?«
Ishaq nickte. »Ihr sprecht die alte Sprache?«
»Ein wenig«, sagte sie. »Sa’din wird heute schnell wie der Wind sein müssen. Und jetzt hört mir zu, alle beide. Ich habe keinesfalls die Absicht, mich umbringen zu lassen.«
»Wer will das schon«, brummte Victor.
»Ihr versteht nicht. Dies ist die günstigste Gelegenheit, ganz nahe an Kronos heranzukommen. Hat der Angriff erst einmal begonnen, wäre es nicht nur schwierig, ihn überhaupt zu finden, sondern es wäre, selbst wenn uns das gelänge, nahezu unmöglich, nahe genug an ihn heranzukommen. Er würde die unschuldigen Menschen hier auf eine Weise mit Tod und Verderben überziehen, wie ihr es euch nicht einmal vorstellen könnt, und Furcht, Panik und Schrecken verbreiten. Das macht seinen ungeheuren Wert für diese Truppen aus. Während der Schlacht werden ihre Soldaten ein Auge auf jeden haben, der ihren Zauberer auszuschalten versucht. Deshalb muss ich es jetzt tun. Ich bin fest entschlossen, das Ganze noch heute Abend zu beenden.«
Victor und Ishaq wechselten einen Blick.
»Ich will, dass alle bereit sind«, fuhr sie fort. »Ich gehe davon aus, dass bei meiner Rückkehr eine Menge sehr aufgebrachter Menschen hinter mir sein werden.«
Victor zurrte den Knoten fest und schaute hoch. »Wie viele aufgebrachte Menschen etwa?«
»Wenn es nach mir geht, wird mir ihre gesamte Streitmacht dicht auf den Fersen sein.«
Ishaq strich sachte über Sa’dins Gesicht. »Und worüber werden sie so aufgebracht sein, wenn ich fragen darf?«
»Ich bin nicht nur fest entschlossen, ihren Zauberer zu töten, sondern ich möchte dem Hornissennest auch einen ordentlichen, deftigen Schlag versetzen.«
Victor seufzte nervös. »Wenn sie angreifen, werden wir auf sie vorbereitet sein, nur weiß ich nicht, ob Ihr wieder entkommen könnt, wenn Ihr einmal bis mitten unter sie gelangt seid.«
Nicci wusste es ebenso wenig. Die Zeiten, da sie ihre Vorhaben ausführte, ohne sich darum zu scheren, ob sie dabei draufging oder nicht, waren ihr noch bestens in Erinnerung. Doch jetzt war ihr das keineswegs egal. »Wenn ich nicht zurückkehre, werdet ihr euch einfach, so gut es irgend geht, verteidigen müssen. Ich kann nur hoffen, dass ich Kronos mit in den Tod nehmen kann, wenn sie mich töten. Wie auch immer, wir halten eine Reihe von Überraschungen für sie bereit.«
»Weiß Richard eigentlich von Eurem Plan?«, fragte Ishaq und sah aus zusammengekniffenen Augen zu ihr hoch. »Ich nehme es an. Er war aber anständig genug, meine Ängste nicht noch zu vergrößern, indem er mir etwas auszureden versuchte, was ich in jedem Fall tun muss. Dies ist kein Spiel, wir alle kämpfen ums nackte Überleben. Wenn wir scheitern, werden unschuldige, anständige Menschen abgeschlachtet – in einer Zahl, die jede Vorstellung übersteigt. Ich habe solche Angriffe schon auf der anderen Seite miterlebt, ich weiß, was uns erwartet. Ich versuche, es zu verhindern, aber wenn ihr mich nicht dabei unterstützen wollt, dann kommt mir wenigstens nicht auch noch in die Quere.«