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Nicci sah die beiden nacheinander an. Gekränkt verzichteten sie auf eine Erwiderung. Victor nahm seine Arbeit wieder auf und beeilte sich, mit dem Fesseln ihrer Handgelenke fertig zu werden, dann zog er ein Messer aus seinem Stiefelschaft und kappte die überstehenden Enden des Stricks. »Wer soll Euch zu den wartenden Soldaten bringen?«, fragte Ishaq. »Ich denke, am besten du selbst, Ishaq. Während Victor alle in Alarmbereitschaft versetzt und sich um die Vorbereitungen kümmert, wirst du einen Vertreter des Bürgermeisters mimen.«

Er kratzte sich an der Wange, für einen Moment verunsichert. »Na schön«, gab er sich schließlich geschlagen. »Gut.« Sie nahm die Zügel auf, aber ehe sie noch etwas hinzufügen konnte, räusperte sich Victor geräuschvoll. »Da wäre noch etwas, über das ich mit Euch schon seit geraumer Zeit reden wollte. Aber da wir beide so beschäftigt waren ...«

Ganz gegen seine Art wich er ihrem Blick aus.

»Was gibt es denn?«, fragte sie.

»Na ja, normalerweise würde ich ja meinen Mund halten, aber ich denke, Ihr solltet es wissen.«

»Was wissen?«

»Die Leute beginnen allmählich, an Richard zu zweifeln.«

Nicci runzelte die Stirn. »Sie zweifeln an ihm? Was soll das heißen?«

»Es ist durchgesickert, warum er die Stadt verlassen hat. Die Leute befürchten, er könnte sie und ihre Sache zugunsten dieser Hirngespinste aufgegeben haben. Es werden immer mehr Zweifel laut, ob man einem solchen Mann noch folgen sollte. Es wird bereits gemunkelt, dass er ... dass er, Ihr wisst schon, geistesgestört ist oder so. Was soll ich ihnen sagen?«

Nicci holte tief Luft und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Genau das hatte sie befürchtet, es war einer der Gründe, weshalb sie es für so wichtig gehalten hatte, dass er nicht fortging – und schon gar nicht unmittelbar vor dem Angriff.

Sie beugte sich zu Victor hinüber und sagte: »Erinnere sie daran, dass Lord Rahl ein Zauberer ist, und Zauberer sind imstande, gewisse Dinge – verborgene, noch ferne Gefahren etwa – zu erkennen, die sie nicht sehen können. Zauberer laufen nicht herum und erklärten den Leuten ihre Handlungsweise. Zudem hat ein Lord Rahl zahlreiche Verpflichtungen, nicht nur für diese eine Stadt. Wenn die Menschen hier in Freiheit leben und über ihr Leben selbst bestimmen wollen, dann müssen sie sich aus freien Stücken dafür entscheiden und darauf vertrauen, dass Richard, als Lord Rahl und Zauberer, das tut, was unserer Sache am förderlichsten ist.«

»Und – glaubt Ihr etwa daran?«, fragte der Schmied.

»Nein. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Ich kann die Ideale, die er mir aufgezeigt hat, befolgen und mich gleichzeitig darum bemühen, ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Diese zwei Dinge sind durchaus nicht unvereinbar. Das Volk dagegen muss seinem Anführer blind vertrauen. Wenn es ihn aber für einen Wahnsinnigen hält, könnte es passieren, dass sie sich auf ihre Ängste berufen und alles hinschmeißen – ein Risiko, das wir ausgerechnet jetzt nicht eingehen können. Ob Richard wirklich verrückt ist oder nicht, ändert nichts an der Richtigkeit unseres Anliegens. Wahrheit bleibt Wahrheit – ob mit Richard oder ohne ihn. Diese Truppen, die auf dem Weg hierher sind, um uns alle zu ermorden, sind real. Obsiegen sie, werden die Überlebenden wieder von der Imperialen Ordnung als Sklaven unterjocht. Ob Richard nun lebendig ist oder tot, bei klarem Verstand oder wahnsinnig, ändert daran nicht das Geringste.«

Victor nickte, die Arme trotzig verschränkt.

Nicci zog ihr Bein zurück und bohrte ihre Ferse in Sa’dins Flanke, um seinen Körper näher an die Mauer heranzulenken, dann drehte sie dem neben ihr auf der Mauer stehenden Schmied die Rückseite ihrer Schultern zu. »Zieh mir das Kleid herunter bis zur Hüfte, und beeil dich bitte – in Kürze wird die Sonne untergehen.«

Kopfschüttelnd wandte sich Ishaq ab.

Victor zögerte einen Moment, dann stieß er einen resignierten Seufzer aus und tat, worum sie ihn gebeten hatte. »In Ordnung, Ishaq, du kannst jetzt loslassen. Geh voraus.« Sie warf einen Blick über die Schulter auf Victor. »Ich werde euch die Feinde bringen, sie werden der untergehenden Sonne hinterher jagen.«

»Und was soll ich den Männern nun sagen?«, wollte Victor wissen. »Sag ihnen, sie sollen düstere Gedanken voller Hass und Gewalt fassen.«

Und zum allerersten Mal verzog sich Victors finsteres Gesicht zu einem grimmigen Lächeln.

26

Die Soldaten auf ihren riesigen Schlachtrössern musterten Nicci mit abschätzigen Blicken, als Ishaq ihr Pferd auf den kleinen Platz am Ostrand der Stadt führte und neben dem öffentlichen Brunnen anhalten ließ. In Gegenwart dieser mächtigen Tiere, denen die bis weit über ihre Gesichter reichenden gepanzerten Platten ein bedrohliches Aussehen verliehen, wirkte ihr Hengst Sa’din eher schmächtig. Dies waren ausgesprochene Kavalleriepferde, deren Panzerung ihnen beim Ansturm gegen die feindlichen Linien als zusätzlicher Schutz gegen Pfeile diente. Im Boden scharrend bekundeten sie schnaubend ihre Geringschätzung für ihren kleineren Artgenossen, der plötzlich mitten unter ihnen aufgetaucht war. Als eines der Schlachtrösser nach ihm schnappte, wich Sa’din einen Schritt zurück, außer Reichweite seiner Zähne, ließ aber keine übermäßige Angst erkennen. Hatten die Pferde bereits etwas Furchterregendes, so waren die Soldaten unverkennbar ihre Herren. In ihrer dunklen Lederrüstung, den Kettenhemden und bewaffnet mit einem ganzen Arsenal bedrohlich aussehender Waffen, machten diese Männer nicht nur einen überaus gewalttätigen Eindruck, sie waren auch ausnahmslos größer als die Verteidiger der Stadt. Nicci vermutete, dass sie höchstwahrscheinlich wegen ihres Aussehens für diese Mission ausgewählt worden waren. Es entsprach ganz dem Stil der Imperialen Ordnung, die Herzen ihrer Gegner durch das Aussenden solch einschüchternder Botschaften mit Angst und Schrecken zu erfüllen. Die Stadtbewohner hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen und verfolgten aus dunklen Fensteröffnungen, zurückversetzten Türeingängen, engen Straßen und den Schatten der Hintergässchen die Übergabe der bis zur Hüfte entblößten und an den Händen gefesselten Frau an die Soldaten. Den Ritt quer durch die Stadt hatte Nicci nur deshalb ausgehalten, weil sie ihn verdrängt und ihre Gedanken stattdessen ganz auf die Notwendigkeit konzentriert hatte, das Ganze so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um Richard hinterher reiten zu können, das allein zählte. Gewiss, die Menschen starrten sie an, aber was machte das schon? Von den Soldaten der Imperialen Ordnung hatte sie schon weit Schlimmeres erdulden müssen. »Ich bin ein Adjutant des Bürgermeisters«, wandte sich Ishaq in unterwürfigem Ton an den muskelbepackten Hünen auf seinem hoch gewachsenen, stiernackigen Wallach. Der Knauf der Stange mit der weißen Unterhändlerfahne ruhte zwischen den Beinen des Mannes auf dem Sattel, dessen fleischige Hand den nicht eben dünnen Schaft etwa auf halber Höhe gepackt hielt. Der Soldat saß schweigend im Sattel und wartete. Ishaq benetzte seine Lippen und machte eine Verbeugung, ehe er fortfuhr. »Er schickt mich als seinen Stellvertreter mit dieser Frau, seiner Gemahlin ... als Geschenk an den großen Kronos, zum Zeichen, dass wir ernsthaft bemüht sind, seinen Wünschen zu entsprechen.«

Nach einem ausgiebigen und übertrieben eindeutigen Blick auf ihre Brüste bedachte der Soldat, eine Art Offizier mittleren Ranges, Nicci mit einem anzüglichen Feixen. In seinen breiten Ledergurten steckten mehrere Messer, eine neunschwänzige Katze, ein Kurzschwert sowie eine sichelförmige Axt. Das Kettenhemd sowie die Metallringe an den mit Nieten verzierten Riemen quer über seiner mächtigen Brust klingelten leise, sobald sein Pferd mit den Hufen stampfte. Zu ihrer Erleichterung erkannte sie den Mann nicht wieder. Sie hielt den Kopf gesenkt, um ihr Gesicht vor den ihn begleitenden Soldaten zu verbergen.