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Der Offizier schwieg noch immer.

Schließlich riss sich Ishaq mit einer Hand den Hut vom Kopf. »Wenn Ihr unsere Friedensbotschaft weiterleiten würdet an ...«

Der Offizier warf Ishaq die Stange mit der weißen Unterhändlerfahne zu. Der stülpte seinen Hut rasch wieder auf, um die Stange mit einer Hand aufzufangen, da er mit der anderen Hand nach wie vor Sa’dins Zügel unmittelbar unter der Trense gepackt hielt. Die Stange sah schwer aus, doch Ishaq hatte den größten Teil seines Lebens Transportwagen beladen und deshalb keine Mühe, sie aufzufangen. »Kronos wird dich wissen lassen, ob das Angebot zufrieden stellend ist«, brummte der Offizier. Statt einer Erwiderung räusperte sich Ishaq und machte abermals eine höfliche Verbeugung, was ihm das amüsierte Kichern sämtlicher Soldaten eintrug, ehe diese sich erneut mit wissendem Blick an Niccis Nacktheit weideten. Offensichtlich machte es ihnen einen Heidenspaß, ihre Macht über andere zur Schau zu stellen. Um sich ein unnachgiebiges Aussehen zu geben, hatten sich die meisten von ihnen Nase, Ohren und Wangen mit metallenen Ringen oder zugespitzten Nieten durchbohrt – in Niccis Augen wirkten sie dadurch nur albern. Mehrere der etwa ein Dutzend Krieger hatten ihre Gesichter über und über mit wilden, düsteren Tätowierungen verunstaltet, die ebenfalls der Einschüchterung dienen sollten. Diese Männer hatten offenkundig ihr höchstes Ideal erreicht: ein Dasein als Barbaren.

Unter den weiblichen Bewohnern der Städte, die vor den anrückenden Truppen der Imperialen Ordnung kapitulierten, war es mittlerweile fast schon zur Gewohnheit geworden, sich zum Zeichen der Bitte um Schonung bis zur Hüfte entblößt zu präsentieren. Da diese Form der Unterwerfung inzwischen als mehr oder weniger üblich galt, waren die Soldaten von der Art, wie ihnen die Gemahlin des Bürgermeisters übergeben wurde, kaum überrascht – und genau deshalb hatte Nicci es unter anderem getan. Solchen Gesuchen um Gnade und schonende Behandlung wurde niemals stattgegeben, doch das wussten die sich auf diese Weise anbiedernden Frauen nicht – im Gegensatz zu Nicci, die die Gefangennahme solcher Frauen durch die Truppen der Imperialen Ordnung bereits mehrfach miterlebt hatte. Wer sich so entgegenkommend verhielt, bildete sich ein, den Feind durch eine unterwürfige Kapitulation für sich einnehmen und für sich eine akzeptable Behandlung herausschlagen zu können – in Wahrheit jedoch ahnten sie nicht einmal, dass sie sich dadurch freiwillig unvorstellbaren Schrecken auslieferten. Wie die weiblichen Gefangenen seitens der Soldaten behandelt wurden, galt unter den geistigen Führern der Imperialen Ordnung als unerheblich – verglichen mit dem angeblich höheren Wohl, das der Orden den Ungläubigen brachte.

Schon mehrfach hatte Nicci lieber sterben wollen, als mit diesen Erinnerungen und dem Wissen weiterleben zu müssen, einst selbst Teil dieses Grauens gewesen zu sein. Jetzt aber wollte sie die Dinge auf eine Weise gerade rücken, wie nur sie dies konnte: Sie wollte ein Teil jener Kräfte sein, die der Geißel der Imperialen Ordnung den endgültigen Garaus machten.

Der mürrische Offizier, der die weiße Unterhändlerfahne nach Altur’Rang gebracht hatte, beugte sich herab und nahm Ishaq die Zügel ihres Pferdes aus der Hand, dann lenkte er sein Ross neben sie und lehnte sich zu ihr herüber. Beiläufig packte er ihre linke Brustwarze mit zwei Fingern und drehte sie, während er in vertraulichem Ton auf sie einredete.

»Bruder Kronos wird einer Frau rasch überdrüssig, ganz gleich, wie schön sie ist. Ich gehe davon aus, dass es mit dir nicht anders sein wird. Sobald er sich der nächsten zuwendet, überlässt er uns die, mit der er fertig ist. Sei dir darüber im Klaren, dass ich der Erste sein werde.«

Die Kerle in seiner Begleitung stimmten ein boshaftes Gelächter an, während er ihr, ein bedrohliches Funkeln in den Augen, ein hässliches Grinsen zeigte. Dann drehte er fester, bis sie vor Schmerz aufstöhnte und ihr die Tränen in den Augen stachen. Zufrieden mit sich und ihrer ängstlichen Reaktion, ließ er endlich von ihr ab. Nicci, die Augen fest geschlossen, presste ihre gefesselten Handgelenke vor den Körper und versuchte, den pochenden Schmerz ein wenig zu lindern.

Als er ihre Arme von der Brust wegschlug, fuhr sie überrascht auf, schlug dann aber unterwürfig die Augen nieder. Wie oft hatte sie Frauen solche Männer schon auf ähnliche Weise zu besänftigen versuchen sehen, während sie im Stillen um Erlösung flehten? Doch Erlösung war diesen Frauen nicht vergönnt. Sie erinnerte sich, dass sie damals geglaubt hatte, die Lehren der Imperialen Ordnung müssten richtig sein, der Schöpfer müsse tatsächlich auf ihrer Seite stehen, wenn er das Verhalten seiner Vorkämpfer mit so offenkundiger Gleichgültigkeit hinnahm.

Doch sie unternahm gar nicht erst den Versuch, um Erlösung zu flehen, schließlich war sie fest entschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Als der Soldat sein Pferd wenden ließ und sie abführte, warf Nicci einen letzten Blick über die Schulter auf Ishaq, der, den Hut in beiden Händen, die Krempe zwischen seinen Fingern kreisen ließ. Tränen glitzerten in seinen Augen. Sie hoffte, dass dies nicht das letzte Mal war, dass sie ihn und die seinen sah; gleichwohl wusste sie, dass diese Möglichkeit durchaus bestand.

Der Offizier hatte ihre Zügel in den Händen behalten, daher hielt sie sich beim Reiten am Sattelknauf fest. Während sie Richtung Osten ritten, nahm der Begleittrupp aus Kriegern sie in seine Mitte –wohl mehr, um sie gründlich in Augenschein zu nehmen, denn aus echter Sorge, dass sie entkommen könnte. Ihre Art, sich locker im Sattel zu wiegen, ihr Geschick im Umgang mit ihren Pferden zeigte, dass dies erfahrene Reiter waren, die den größten Teil ihrer wachen Stunden im Sattel verbrachten. Keiner von ihnen schien ernsthaft zu befürchten, dass sie ihnen entwischen könnte.

Während des Ritts über die staubige, nach Osten führende Straße zeigten ihr die Männer mit ihrem lüsternen Feixen, wenn sie sie von Kopf bis Fuß musterten, was sie sich im Stillen erhofften, auch wenn sie wusste, dass keiner von ihnen den nötigen Dienstgrad oder das Format besaß, um sie für ein kurzes Vergnügen unterwegs vom Pferd zu zerren. Männer von Kronos’ Schlag mochten es nicht, wenn ihre Eroberungen frisch vergewaltigt waren, und das wussten diese Männer. Außerdem spekulierten sie wohl darauf, schon bald bei ihr zum Zug zu kommen – und wenn nicht bei ihr, dann bei der freien Auswahl, die sie nach ihrem Einmarsch in Altur’Rang erwartete.

Nicci versuchte, die lüstern zu ihr herüberschielenden Soldaten zu ignorieren, indem sie sich ganz auf ihren Plan konzentrierte. Sie wusste, dieses Benehmen war Teil ihres gewohnheitsmäßigen Verhaltens, für mehr als Anzüglichkeiten und Einschüchterungsversuche reichte ihr Verstand nicht, weshalb sie es wie einen Stein benutzten, den man wieder und wieder zur Beruhigung zwischen den Fingern kreisen ließ. Während sie so dahinritt, suchte sie ihr Heil immer mehr in ihrer Entschlossenheit. Obschon es noch eine Weile dauern würde, bis die tief stehende Sonne hinter ihrem Rücken unterginge, hatten die Zikaden bereits ihren endlosen, monotonen Gesang aufgenommen. Sie musste an Richard und an jenen Abend zurückdenken, als er sich über diese Geschöpfe ausgelassen hatte, die nur alle siebzehn Jahre aus der Erde hervorkamen. Nicci fand es bemerkenswert, dass die Zikaden in ihrem Leben zehnmal geschlüpft waren, ohne dass sie jemals etwas davon mitbekommen hatte. Das Leben unter dem Bann des Palasts der Propheten war nicht nur von schier endloser Eintönigkeit geprägt gewesen, sondern hatte dazu geführt, dass man sich auf eine Weise abkapselte, die ihr nie so recht bewusst geworden war. Während die Welt rings um sie her ihren Lauf nahm, hatte sie ihre Zeit anderen Welten gewidmet. Andere, wie die Schwestern der Finsternis, die dort Richards Ausbilderinnen gewesen waren, hatten den verführerischen Verheißungen dieser Welten nachgegeben – das hatte sie auch getan, allerdings nicht wegen dieser Verheißungen. Sie war einfach überzeugt gewesen, dass diese Welt ihr nichts von Wert zu bieten hatte.