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Bis Richard eines Tages erschienen war.

Die Luft war warm und feucht, also musste Nicci auf dem Ritt wenigstens nicht frieren, allerdings kamen jetzt die ersten Mücken zum Vorschein und wurden zunehmend zur Plage. Sinnvollerweise hatte man ihr ja die Hände nicht auf den Rücken gebunden, sodass sie die stechenden Biester wenigstens von ihrem Gesicht fern halten konnte. Die weizenbedeckten Hügel im Osten der Stadt, durch die sie jetzt ritten, schimmerten grünlich-golden im späten Licht, beinahe wie polierte Bronze. Sie sah weder Menschen auf den Feldern arbeiten, noch ließ sich jemand auf den Straßen blicken; wie Tiere vor einem Steppenbrand waren sie alle vor der drohenden Invasion der Armee geflohen.

Dann endlich, als sie einen Hügelkamm erklommen, sah Nicci sie: Die Masse aus Soldaten und Pferden der Imperialen Ordnung erstreckte sich, einer dunklen Flut gleich, vor ihr über das ausgedehnte Tal. Allem Anschein nach weilten sie noch nicht lange hier, denn alle Zeichen deuteten darauf hin, dass sie eben erst mit dem Aufschlagen ihres Feldlagers begonnen hatten. Offenbar wollten sie nahe der Stadt lagern, um bei ihrem Angriff gleich am nächsten Morgen keine große Strecke zurücklegen zu müssen. Noch hatte sich der Untergrund unter den Unmengen von Soldaten und Pferden, Maultieren und Wagen nicht vollständig in Morast verwandelt. Einzelne Bereiche waren mithilfe von Pfählen markiert, kleine Zelte waren errichtet worden. Das Soldatenmeer wurde von mehreren aus Wachen und Vorposten bestehenden Ringen bewacht, und auf jeder Hügelkuppe gab es Späher, die auf jeden, der sich dem Lager näherte, ein Auge hatten. Die Zelte warfen lange Schatten über den niedergetrampelten Weizen, und schon jetzt hing eine dunstige, aus dem Rauch der Kochfeuer bestehende Glocke über dem Tal. Nicci konnte sehen, dass man einen der Olivenhaine seines wertvollen Baumbestandes beraubt hatte, der jetzt als Feuerholz Verwendung fand. Die Soldaten bereiteten sich ihr Essen einzeln oder in kleinen Gruppen zu –einfache Gerichte wie Eintopf, Reis mit Bohnen, Gerstenfladen oder Fettgebackenes. Der Geruch von brennendem Holz und die Essensdünste vermischten sich auf höchst unangenehme Weise mit den Ausdünstungen von Tier, Mensch und Mist. Ihre Eskorte bildete eine geschlossene Formation um sie, als sie den Pfad entlang trabten, der kurz darauf in eine behelfsmäßige, mitten durch das brodelnde Gewimmel führende Straße überging. Nicci hatte erwartet, sie im Zustand grölender Ausgelassenheit zu sehen, sie hatte angenommen, dass sie sich am Vorabend der großen Schlacht betrinken und feiern würden, doch das war nicht der Falclass="underline" Mit gewissenhaftem Ernst bereiteten sich die Soldaten auf die vor ihnen liegende Aufgabe vor, wetzten ihre Waffen, besserten ihre Sättel und andere Ausrüstungsgegenstände aus und versorgten ihre Pferde. Lanzen und Speere standen, bereits gespitzt, überall im Lager zu ordentlichen Stapeln aufgestellt bereit. Schmiede arbeiteten mit Hämmern und Zangen an fahrbaren Essen, während ihre Gehilfen fieberhaft die Blasebälge pumpten. Hufschmiede beschlugen die Pferde, während andere Soldaten das Lederzeug ausbesserten. Überall wurden Kavalleriepferde gefüttert, versorgt und gepflegt. Dies entsprach nicht dem üblichen Feldlager der Imperialen Ordnung, wo gewöhnlich das Chaos regierte. Die weiter nördlich stehende Armee war von nahezu unvorstellbaren Ausmaßen und bestand in weiten Teilen aus wenig mehr als einem aufsässigen Mob, den man in regelmäßigen Abständen auf hilflose Zivilisten hetzte und nach Gutdünken plündern ließ. Diese Streitmacht dagegen war ungleich kleiner und bestand aus weniger als zwanzigtausend Mann: das Feldlager einer gut eingespielten Kriegsmaschine. Im Hauptlager der Armee der Imperialen Ordnung wäre eine Frau mit entblößten Brüsten, so wie Nicci jetzt, längst von einem Mob vom Pferd gezerrt und vergewaltigt worden, und obschon diese Männer hier nicht weniger lüstern waren, so waren sie doch weitaus disziplinierter. Dies waren nicht irgendwelche Soldaten, abkommandiert, um irgendeinen schmutzigen Auftrag zu erledigen, dies waren erfahrene, entschlossene und handverlesene Truppen, entsandt, um dem Zorn des Kaisers über die Demütigung Luft zu machen, dass sich seine Heimatstadt allem widersetzte, wofür er stand.

Angesichts des Gefühls, sich wieder inmitten solcher Männer zu befinden, überlief Nicci ein ängstlicher Schauder. Dies war die Elite der Imperialen Ordnung, dies waren Soldaten, die mit Freuden jeden vernichteten, der sich ihnen in den Weg zu stellen wagte. Es waren gewalttätige Kerle, die sich daran ergötzten, ihre Überzeugungen mithilfe roher Gewalt zu festigen, und die zum Inbegriff des Ausdrucks blutrünstig geworden waren. Es waren Männer, die den Lehren der Imperialen Ordnung Geltung zu verschaffen wussten. Als Nicci und ihre Eskorte durch das Lager ritten, wurde sie allenthalben von den Soldaten beäugt, auf Schritt und Tritt begleiteten sie laute Zurufe, Grölen und Gejohle. Wo immer sie vorüberkam, wurden lachend obszöne Andeutungen gemacht, die nichts der Fantasie derer überließen, die sich in Hörweite befanden. Sie musste sich Beschreibungen ihres Körpers in allen wollüstigen Begriffen anhören, die sie jemals gehört hatte – und unter Jagangs Soldaten hatte sie alle gehört –, nur waren sie jetzt auf sie gemünzt. Beim Reiten hielt sie die Augen strikt nach vorn gerichtet und dachte daran, wie Richard sie behandelt hatte und wie ungeheuer wichtig dieser Respekt war. In der Nähe eines Pappelwäldchens am Ufer des durch das Tal fließenden Bachs erspähte Nicci einige Zelte aus Schafsfell, die ein wenig größer waren als die anderen. Obschon keinesfalls so kunstvolle Behausungen wie die Zelte der kaiserlichen Entourage Jagangs, waren diese, an Armeemaßstäben gemessen, noch immer luxuriös. Die kleine Gruppe aus Kommandozelten stand auf einer Erhebung, die den Offizieren die Möglichkeit bot, den Rest des Feldlagers zu überblicken. Im Gegensatz zum Hauptlager der Armee gab es hier keinen Ring aus Wachposten, der die Elitetruppen und Offiziere vor den normalen Soldaten abschottete. Soeben wurden vor dem Hauptzelt große Fleischstücke an Spießen gegrillt, von Sklaven, wie sie den höherrangigen Offizieren oder Hohepriestern der Imperialen Ordnung stets zu Diensten waren. In einer Streitmacht wie dieser hatte man sicherlich nur die zuverlässigsten Sklaven mitgenommen.

Als sie schließlich Halt machten, bedeutete der Mann, der die Zügel von Niccis Pferd hielt, einem seiner Männer mit einem Kopfnicken, sie anzukündigen. Der Mann schwang ein Bein über den Hals seines Pferdes und sprang ab. Bei jedem seiner entschlossenen Schritte, mit denen er auf das Hauptzelt zuhielt, stieg Staub von seiner Hose auf.

Nicci bemerkte, dass von allen Seiten neugierige Soldaten herbeigeschlendert kamen, um die Frau in Augenschein zu nehmen, die ihrem Anführer als Geschenk überbracht wurde. Sie konnte sie lachen und untereinander scherzen hören, während sie sie mit lüsternen Blicken musterten – aus Augen, so kalt und Furcht einflößend, wie sie sie noch nie gesehen hatte.

Aber am meisten Sorgen bereitete ihr der Umstand, dass die meisten von ihnen Speere in den Händen hielten oder Pfeile in ihre Bogen eingespannt hatten. Das waren keine Krieger, die irgendetwas auf die leichte Schulter nahmen. Sogar während sie sie mit lüsternen Blicken musterten, waren sie auf jedwede Gefahr vorbereitet, die ihr Auftauchen mit sich bringen mochte.

Der Soldat, der losgeschickt worden war, ihr Eintreffen zu melden, wurde von einem Gehilfen ins Hauptzelt geführt. Einen Augenblick darauf kam er wieder zum Vorschein, gefolgt von einem hoch gewachsenen Soldaten in einem fließenden, hennarot gefärbten Gewand. Seine Art, sich zu kleiden, hob sich gegen den farblosen Hintergrund ab wie geronnenes Blut. Trotz der Hitze und Luftfeuchtigkeit trug er seine Kapuze zum Zeichen frommer Machtbefugnis würdevoll über den Kopf drapiert. Gemessenen Schritts trat er bis an den Rand der Erhebung vor, bis in ihre unmittelbare Nähe, und nahm eine arrogante Haltung ein. Er nahm sich Zeit, sie ausgiebig zu betrachten – die Ware zu prüfen. Der Soldat, der die Zügel ihres Pferdes hielt, verneigte sich im Sattel. »Eine bescheidene Gabe von den Bewohnern der Stadt Altur’Rang«, erklärte er mit aufgesetzter Höflichkeit, worauf die Soldaten weit und breit leise lachten und untereinander Bemerkungen über die ganz speziellen Freuden austauschten, die Kronos von seinem Geschenk erwarten konnte. Neugierig, was vor sich ging, traten einige Offiziere aus den umliegenden Zelten.