Ein lüsternes Grinsen ging über Kronos’ Gesicht. »Schafft sie nach drinnen. Ich werde das Geschenk von seiner Verpackung befreien und einer genaueren Betrachtung unterziehen müssen.«
Das Gelächter der Soldaten schwoll an. Kronos’ Grinsen wurde breiter. Es freute ihn sichtlich, dass sie sein geistreicher Scherz so amüsierte.
Nicci empfand die Umstände ihrer Bekleidung als überaus peinigend, aber darin lag eben das Risiko, ein Risiko, das sie als unumgänglich angesehen hatte. Diese Soldaten waren Rohlinge, und ihre Notlage war genau nach ihrem Geschmack.
Bruder Kronos maß sie mit forschendem Blick, während er darauf wartete, dass sie hineingebracht wurde. Es war unmöglich, sich seinem unerschütterlichen Blick zu entziehen; sie ertappte sich dabei, wie sie in seine dunklen Augen starrte.
Immer mehr Soldaten umringten sie von allen Seiten.
Nicci wusste nur eins: Sie durfte auf keinen Fall zulassen, dass jemand sie vom Pferd riss. Es musste jetzt geschehen, sofort.
Tausend Dinge hätte sie Bruder Kronos an den Kopf schleudern wollen. Gern hätte sie ihm erklärt, was sie von ihm hielt, was sie mit ihm tun würde, was Richard mit der gesamten Imperialen Ordnung machen würde. Ein rascher, einfacher Tod schien für diesen Mann zu simpel, sie wollte, dass er vor seinem Tod litt. Sie wollte, dass er in vollem Umfang begriff, was sie für ihn bereithielt, sie wollte, dass er es spürte, dass er sich vor Qualen und Schmerzen wand, dass er um Gnade winselte und den bitteren, galligen Geschmack der Niederlage kostete. Er sollte den Preis für all das bezahlen, was er unschuldigen Menschen angetan hatte. Sie wollte ihn spüren lassen, dass sein ganzes Leben vergeudet war und dass es sich dem Ende zuneigte. Und doch wusste sie, dass das nicht ihre Aufgabe war. Wenn sie auch nur einen kleinen Teil davon zu erreichen versuchte, liefe sie Gefahr, letztlich zu scheitern.
Stattdessen streckte Nicci ihm ganz zwanglos ihre Hände ein kleines Stück entgegen und rief mit reiner Willenskraft ihr Han auf den Plan. Aus Angst, Kronos auf sein nahes Schicksal aufmerksam zu machen, vermied sie es, sich den zusätzlichen Sekundenbruchteil Zeit zu nehmen, einen besonders ausgefeilten Zauber zu erzeugen, und öffnete die Schleusentore – unter Zuhilfenahme eines eher simplen, auf ihn gerichteten Luftstoßes, dessen Dichte all seine Erwartungen übertreffen würde, selbst wenn er geargwöhnt hätte, dass sie womöglich eine Hexenmeisterin war.
Einen gleißenden Augenblick lang wurde das spätnachmittägliche Feldlager von einem Blitz aus knisterndem Licht erhellt – einer Entladung, erzeugt durch die ungeheure Hitze, wie sie in einer dichten Luftkonzentration entsteht. Lichtfäden umzuckten die ihrem Ziel entgegenstrebende Entfesselung reiner Energie. Schon die kleinste Nachlässigkeit hätte ihm möglicherweise Gelegenheit gegeben, vor seinem Tod noch zurückzuschlagen, daher verzichtete Nicci sogar auf die Genugtuung eines Lächelns, als der eisenharte Dorn aus Luft auf seinen Kopf zuschoss.
Noch bevor Bruder Kronos überhaupt bemerkte, dass etwas geschah, hatte Niccis unvermittelte Energieentladung ihm bereits ein Loch mitten in die Stirn gesprengt. Blut und Hirnmasse spritzten auf die Lammfellwand des Zeltes hinter ihm, ehe er, längst seiner Lebenskräfte beraubt, wie ein Sandsack in sich zusammenfiel. Er hatte nicht einmal den Hauch einer Chance, ihren Angriff mit gleicher Münze zu erwidern. Mithilfe eines Spans aus purer Energie durchtrennte Nicci die Stricke, mit denen ihre Handgelenke gefesselt waren, bis sie, unter der sengenden Hitze leise zischend, von ihr abfielen. Unmittelbar darauf verdichtete sie einen Strom ihres Han zu einer Linie aus gebündelter Energie, die sie, einem von meisterlicher Hand geführten Schwert gleich, um ihren Kopf kreisen ließ. Der Offizier, der ihr Pferd geführt und sie dabei die ganze Zeit lüstern angestarrt hatte, stöhnte auf, als die glühend heiße Schneide durch seinen Körper fetzte und ihn unterhalb des Brustkorbs säuberlich durchtrennte. Sein Mund klaffte auf, doch es ertönte kein Schrei, als sein Torso zu Boden fiel und mit einem harten, dumpfen Geräusch aufschlug. Ein weiterer dumpfer Aufprall ließ dem zweiten Mann, als auch er von der Kraft getroffen und entzweigerissen wurde, gerade noch Gelegenheit zu einem kurzen Keuchen, dann ergossen sich seine zu einem Knäuel verschlungenen Eingeweide über den Hals seines Pferdes. Nicci drehte sich im Sattel herum und ließ ihre magische Klinge in weitem Bogen kreisen. Leise zischend sirrte die Schneide aus todbringender Energie mit beängstigender Geschwindigkeit und einem Lichtstrahl durch die Luft, der das Laub der umstehenden Pappeln aufleuchten ließ. Ehe auch nur ansatzweise jemand reagieren konnte, hatte sie ringsum sämtliche noch in ihren Sätteln sitzenden Reiter niedergemetzelt.
Der Gestank von verbranntem Fleisch und dem Inhalt zerfetzter Eingeweide erfüllte die Luft, Pferde bäumten sich auf oder bockten bei dem Versuch, sich der vom Körper abgetrennten Gliedmaßen zu entledigen. Schlachtrösser waren normalerweise an das Chaos eines hitzigen Gefechts gewöhnt, hauptsächlich, weil ein vertrauter Reiter auf ihrem Rücken sie lenkte und ihnen zeigte, was sie zu tun hatten. Nun waren sie auf sich gestellt und brachen aus. Nicht wenige der herbeieilenden Soldaten wurden von den in Panik geratenen Pferden umgestoßen und zu Boden getrampelt, was die allgemeine Verwirrung noch vergrößerte. Während rings um sie her die Hölle losbrach und von allen Seiten Soldaten auf sie zustürzten, nahm Nicci ihre ganze innere Willenskraft zusammen und bereitete sich darauf vor, einen Ansturm von vernichtender, zerstörerischer Wucht zu entfesseln.
Sie war bereits im Begriff, die tödliche Attacke einzuleiten, als ein unvermittelter Stoß sie nach vorn warf. Im selben Moment spürte sie den betäubenden Schmerz eines schweren Gegenstandes, der auf ihren Rücken gedroschen wurde, mit solch ungeheurer Wucht, dass ihr mit einem Aufschrei der Atem aus den Lungen gepresst wurde. Dann sah sie die zersplitterten Bruchstücke einer schweren Lanze vorüberfliegen, die jemand wie eine Keule geschwungen hatte. Benommen vermerkte Nicci, dass sie soeben mit dem Gesicht voran zu Boden gegangen war, und unternahm einen verzweifelten Versuch, wieder zur Besinnung zu kommen. Ihr Gesicht fühlte sich merkwürdig taub an, und sie schmeckte warmes Blut, das sie, als sie sich mit zittrigen Armen hochzustemmen versuchte, in langen Fäden von ihrem Kinn herabtropfen sah.
Als sie feststellte, dass sie nicht einmal mehr Luft in ihre Lungen saugen konnte, dämmerte ihr, dass es ihr mit ungeheurer Wucht den Atem verschlagen hatte. Von Panik ergriffen, versuchte sie es gleich noch einmal, doch allen verzweifelten Bemühungen zum Trotz bekam sie einfach keine Luft. Die Welt ringsum verschwamm zu einem Schwindel erregenden Chaos. Über ihr stand Sa’din, nervös tänzelnd, aber unfähig, sich von der Stelle zu rühren. Obwohl sie befürchtete, das Tier könnte versehentlich auf sie treten, konnte sie sich nicht überwinden, aus dem Weg zu kriechen. Von allen Seiten herbeistürmende Soldaten drängten das Tier schließlich zur Seite, während andere sich neben ihr auf die Knie fallen ließen. Jemand bohrte ihr sein Knie in den Rücken und drückte sie erneut der Länge nach zu Boden, ehe kräftige Hände sie an Armen, Beinen und im Haar packten und sie am Boden festhielten – so als wäre sie noch fähig, aus eigener Kraft wieder aufzustehen. Offenbar befürchtete man, sie könnte, wieder auf den Beinen, ihre Kraft erneut entfesseln – so als müssten die mit der Gabe Gesegneten dafür aufrecht stehen und brauchten nur am Boden festgehalten zu werden, um dies sicher zu verhindern. Allerdings mussten sie ihre fünf Sinne beieinander haben, wenn sie sich ihrer Kraft bedienen wollten, und das war bei ihr nicht mehr der Fall. Schließlich wurde sie unsanft auf den Rücken gewälzt. Ein auf ihre Kehle gesetzter Stiefel hielt sie am Boden fest. Von allen Seiten wurden Waffen auf sie gerichtet.