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In diesem Moment schoss ihr ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf... diese dunklen Augen – der Zauberer, den sie soeben getötet hatte, hatte dunkle Augen gehabt. Nicht aber Kronos. Kronos’ Augen, hieß es, seien angeblich blau. Sie hatte größte Schwierigkeiten, ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte den Hohepriester doch eben erst getötet, das ergab alles keinen Sinn.

Es sei denn, da war mehr als ein Ordensbruder gewesen.

Unvermittelt ließen die Soldaten von ihr ab, die sie am Boden festhielten. Harte blaue Augen starrten auf sie herab, ein Mann in einem langen Gewand. Er hatte die Kapuze zurückgeschlagen – ein Hohepriester.

»Nun, Hexenmeisterin, soeben ist es Euch gelungen, Bruder Byron zu töten, einen treuen Diener der Glaubensgemeinschaft der Imperialen Ordnung.«

Sein mühsam beherrschter Tonfall verriet ihr, dass er noch nicht einmal damit begonnen hatte, seinem überschäumenden Zorn Luft zu machen.

Aufgrund des Schocks war Nicci noch immer unfähig, Luft zu holen. Der Schmerz in ihrer Seite breitete sich in Übelkeit erregenden Wellen über ihren ganzen Körper aus, sodass sie sich schon fragte, ob der Kerl, der sie niedergeschlagen hatte, ihr womöglich die Rippen gebrochen hatte – oder gar das Rückgrat. Aber vermutlich spielte das jetzt alles keine Rolle mehr.

»Erlaubt, dass ich mich vorstelle«, sagte der rothaarige Mann über ihr und schlug seine Kapuze zurück. »Ich bin Bruder Kronos. Ihr gehört jetzt mir. Und ich bin fest entschlossen, Euch lange und teuer für die Ermordung eines rechtschaffenen Mannes bezahlen zu lassen, der nie etwas anderes im Sinn hatte als das noble Werk des Schöpfers.«

27

Nicht einmal, um ihr Leben zu retten, um keinen Preis der Welt, hätte Nicci Luft in ihre Lungen saugen können, und erst recht nicht, um ein Wort hervorzubringen. Das quälende Gefühl, nicht atmen zu können, glich einer panikartigen Zwangsjacke, die jeden Gedanken unmöglich machte. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde die elendige Qual, dringend Luft zu benötigen, aber keine zu bekommen, furchterregender. Ein Gefühl absoluter Hilflosigkeit überkam sie.

Sie musste an Richards Atemnot denken, nachdem er von einem Armbrustbolzen getroffen worden war, und erinnerte sich, wie seine Haut erst aschfahl geworden war und sich schließlich blau zu verfärben begonnen hatte. Ihn in diesem Zustand zu sehen, unfähig zu atmen, hatte ihr eine Heidenangst eingejagt, und nun erging es ihr ebenso.

Noch nie hatte sie jemanden so humorlos, so boshaft lächeln sehen wie Kronos in diesem Moment, und doch schien es sie nicht wirklich zu berühren.

»Eine recht beachtliche Leistung, einen Zauberer zu töten – jedenfalls für eine Hexenmeisterin. Andererseits ist Euch dieses kleine Kunststück nur dank eines Verrats gelungen, weshalb man es kaum als wirkliche Leistung bezeichnen kann. Im Grunde war es nichts weiter als eine primitive, hinterhältige Täuschung.«

Er hatte keine Ahnung. Plötzlich dämmerte Nicci, dass er noch immer keinen Schimmer hatte, wer ... oder was ... sie tatsächlich war. Sie war keineswegs bloß eine Hexenmeisterin. Nur – wenn sie überhaupt etwas sein wollte, brauchte sie dringend eine Lunge voll Atemluft. Schon begann sich ihr Blickfeld zu einem schwarzen Tunnel zu verengen, an dessen Ende sich das Gesicht des Zauberers zu einer wütenden Maske verzerrte. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte versuchte sie, Luft in ihre Lungen zu saugen, doch es war, als hätte ihr Körper schlicht vergessen, wie man atmete. Zu ihrer Überraschung bewirkte der Luftmangel, dass ihr Brustkorb pochend zu schmerzen begann. Das hatte sie nicht erwartet. Trotz ihrer erlahmenden, verzweifelten Bemühungen, Luft in ihre Lungen zu bekommen, blieb der Leben spendende Atemzug einfach aus, sodass sie nur eins vermuten konnte: Wer immer sie niedergeknüppelt haben mochte, er musste sie so ernsthaft verletzt haben, dass sie nie wieder einen Leben spendenden Atemzug in ihre Lungen würde saugen können.

Schließlich biss Kronos die Zähne aufeinander und packte ihre Brust mit einem furchtbaren, schraubstockartigen und mit Dornen aus Magie versehenen Griff, dessen einziger Zweck darin bestand, ihr schier unerträgliche Qualen zu bereiten.

Der unvermittelte, jähe, schockartige Schmerz ließ sie keuchend Luft in ihre Lungen saugen, ehe sie überhaupt merkte, wie ihr geschah.

Mit der Luft strömte ein fast wollüstiges Gefühl von Lebendigkeit in ihre Lungen. Ohne bewusst darüber nachzudenken, was sie tat, schlug sie instinktiv mit ihrem Han nach der Ursache des stechenden Schmerzes. Kronos stieß einen Schrei aus, taumelte und hielt sich die Hand, die eben auf ihrer Brust gelegen hatte und die zum Werkzeug seiner Rache an ihr hatte werden sollen. An seinem Handgelenk tropfte Blut herab, das unter dem Ärmel seines Gewandes versickerte.

Sie hatte ihn zwar zwingen können, von ihr abzulassen, hatte ihn sogar verletzen können, trotzdem war sie viel zu benommen, um die Kräfte aufzubieten, die nötig gewesen wären, die ungeheuren Abwehrmechanismen eines Zauberers zu überwinden und ihn zu töten. Japsend würgte sie gierig Luft hinunter, obwohl ihr jeder Atemzug Schmerzen bereitete – allerdings wusste sie jetzt, dass es sehr viel schmerzhafter war, gar keine Luft zu bekommen.

»Du widerliches Miststück!«, brüllte Kronos. »Wie kannst du es wagen, deine Kraft gegen mich einzusetzen! Du glaubst doch nicht etwa, deine Gabe wäre mir gewachsen! Bald schon wirst du wissen, was sich für dich ziemt!«

Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. Mit einem feinen Strang ihres Han konnte Nicci die mächtigen Schilde ertasten, die er vor sich errichtet hatte. Zuvor jedoch hatte sie ihm offenbar das Fleisch von den Fingern gesengt, denn er hielt seine zitternde Hand an seine Brust gepresst. Sie war sich voll und ganz darüber im Klaren, dass er fest entschlossen war, sich ausgiebig und grausam an ihr zu rächen. Er schrie sie an, fluchte, überhäufte sie mit übelsten Beschimpfungen, gab ihr zu verstehen, was er alles mit ihr zu tun gedachte und was mit ihr geschehen würde, sobald er mit ihr fertig wäre. Das Grinsen auf den Mienen der das Spektakel verfolgenden Soldaten wurde immer breiter, als sie hörten, welcher Art diese Pläne waren. Er hielt sie für eine Hexenmeisterin und war überzeugt, ihre Gabe mit der seinen bezwingen zu können, aber er wusste nicht, dass sie weit mehr war – schließlich war sie zwischenzeitlich zu einer Schwester der Finsternis geworden. Aber selbst wenn – er hätte, wie die meisten Menschen, die volle erschreckende Bedeutung, die sich hinter diesem Namen verbarg, gar nicht begriffen. Denn eine Schwester der Finsternis beherrschte nicht nur ihre eigene Gabe, sondern besaß darüber hinaus das Han eines Zauberers, der seiner Gabe beraubt wurde, ehe er durch den Schleier in das Totenreich hinübergewechselt war.

Und als wären die vereinten Gaben einer Hexenmeisterin und eines Zauberers noch nicht Furcht erregend genug, war dieser mächtigen Mixtur eine Portion subtraktiver Magie beigemengt, die sie im Augenblick des Todes ihres Spenders übernommen hatte, als sich der Schleier teilte. Dessen Han wirkte wie eine Art Kanal, sodass sie diese Kraft in ihrem Innern zurückbehielt, während die subtraktive Essenz durch den Schleier schlüpfte. Kronos drohte Nicci mit erhobener Faust. »Ganz Altur’Rang besteht nur aus Verrätern, sie haben diesen heiligen Ort entweiht. Mit ihrer Abkehr von den Lehren der Imperialen Ordnung haben sie sich vom Schöpfer abgewendet! Aber er wird sich durch unsere Hände an ihnen rächen und dieses sündige Pack bestrafen. Wir werden Altur’Rang nicht nur von ihrem Fleisch und Blut, sondern auch von ihren unerleuchteten Gedanken befreien! Dereinst wird in Altur’Rang wieder die Imperiale Ordnung herrschen, und von dort aus wird Jagang der Gerechte unter Anleitung der gerechten Lehren des Schöpfers die ganze Welt beherrschen!«

Nicci wäre fast in Lachen ausgebrochen. Kronos hatte keinen Schimmer, dass er auf ebenjene Person einredete, der Jagang den Titel »der Gerechte« zu verdanken hatte. Damals hatte sie dem Kaiser zu verstehen gegeben, dass er mit solchen öffentlichen Urteilssprüchen unter seiner Herrschaft zahlreiche Menschen würde auf seine Seite ziehen können, ohne gegen sie kämpfen zu müssen. Der Name, den sie ihm gegeben hatte, würde die Menschen in Scharen zu ihm überlaufen lassen.