Mit ihrer Einschätzung hatte sie mehr als richtig gelegen, da viele die bloße Absicht mit der bereits vollbrachten Tat gleichsetzten. Vielen, die so gut wie nichts über ihn und seine Imperiale Ordnung wussten, erschien der Jagang von ihr zugesprochene Titel als vollkommen gerechtfertigt. Es erstaunte sie immer wieder, dass man eine große Zahl von Menschen mit einer bloßen Behauptung von etwas überzeugen konnte, so unwahr diese auch sein mochte. Vermutlich waren die meisten einfach nur erleichtert, dass ihnen jemand das Denken abnahm. Dank Kronos’ Wutausbruch hatte sie etwas Zeit gewonnen, sich zu erholen. Jetzt, da ihre Kräfte allmählich wiederkehrten, durfte Nicci keinen Moment länger zögern. Mit gestrecktem Arm richtete sie ihre Faust nach oben, auf ihn. Ihre Kraft sollte sich über die gesamte Länge ihres Armes entwickeln und dann in einem Punkt unmittelbar jenseits ihrer Faust bündeln. Auch wenn das nicht unbedingt erforderlich war, sie wollte es so machen, und sei es nur, weil es ihr Spaß machte, Kronos offen zu drohen. Er vertraute ganz auf seine Fähigkeiten und seine Kraftschilde und fühlte sich durch ihre feindliche Geste nur genötigt, noch mehr in Rage zu geraten. »Wie könnt Ihr es wagen, mir zu drohen ...«
Sie entfesselte einen konzentrierten Blitz: einen Furcht erregenden, alles vernichtenden Strang aus miteinander verwobener additiver und subtraktiver Magie, der durch die magischen Schilde fuhr wie ein Lichtblitz durch ein Blatt Papier und ein melonengroßes Loch mitten in seine Brust sprengte. Schlagartig weiteten sich Kronos’ Augen, sein Mund klaffte auf in stummem Schock, als sein Verstand das Unabänderliche registrierte. Das Loch gewährte Nicci freien Blick in den Himmel. Fast augenblicklich presste der Druck im Innern seines Körpers die Reste der umliegenden Organe in diese Leere und durch die entstandene Öffnung nach außen, derweil Kronos’ Körper, tödlich getroffen, nach hinten sank. Er hatte nicht gewusst, dass seine Kräfte den ihren nicht ebenbürtig waren, denn er konnte nur Schilde aus additiver Magie erzeugen, aber diese Art von Schilden war gegen subtraktive Magie nur von begrenztem Nutzen. Sofort griff alles rings um sie her zu den Waffen. Bogensehnen wurden von kräftigen Muskeln bis an die Wange gerissen, Arme reckten sich bis hinter den Kopf, in den Händen Speere, deren eiserne Spitzen sich gemeinsam mit Schwertern, Äxten und Lanzen auf sie richteten. Unverzüglich entfesselte Nicci einen Sturm aus konträrer ineinander verschlungener Magie, deren zerstörerische Kräfte im Augenblick ihrer Zündung die Offizierszelte dem Erdboden gleichmachten und unter die Soldaten auf der Hügelkuppe fuhren. Die vernichtende Erschütterung breitete sich mit atemberaubender Geschwindigkeit ringförmig aus und riss ihnen das Fleisch von den Knochen, bis der plötzliche Blutschwall den Boden in einen morastigen Sumpf verwandelte.
Die zu diesem Sturm gebündelte Hitze war so enorm, dass die nahen Bäume in Flammen aufgingen, sogar die Kleidung der Soldaten, die aus dem umliegenden Feldlager herbeieilten, um sich der Gefahr entgegenzuwerfen, fing Feuer. Wer bereits näher war, dessen Fleisch fing an zu schmauchen, und wer sich gar in unmittelbarer Nähe befand, wurde von der donnernden Entladung von Niccis Energie in Stücke gerissen. Die Kraft, die sie entfesselt hatte, nahm mit der Entfernung ab, sodass weiter entfernte Soldaten nur zu Boden gerissen wurden. So riskant eine solche kräftezehrende Verausgabung sein mochte, sie zeitigte die gewünschte Wirkung. Wo eben noch brutale Barbaren sich am Anblick einer hilflosen Gefangenen geweidet hatten, herrschten auf einmal Chaos und Verwirrung.
Aus Angst, die Initiative aus der Hand zu geben, richtete sie einen Strahl aus gebündelter Hitze auf die Stämme der Bäume am Bach entlang, im Rücken der Soldaten – eine Methode, mit möglichst geringem Kraftaufwand eine möglichst durchschlagende Wirkung zu erzielen. Der überhitzte Saft der Bäume verkochte augenblicklich zu Dampf, sodass die massiven Pappelstämme mit gewaltigem Krachen explodierten und schwere Stücke zersplitterten Holzes mitten in das Gewimmel aus Soldaten geschleudert wurden, die diese zu Dutzenden niederstreckten.
Rasch erzeugte Nicci ein flüssiges Feuer, sprühte das Inferno quer über das Feld mitten in das heillose Durcheinander, wo Soldaten, Pferde und Ausrüstungsgegenstände im erschreckenden Wüten tosender Flammen in Brand gerieten. Die Schreie der Tiere und der Männer verschmolzen zu einem einzigen anhaltenden, entsetzlichen Gebrüll. Die Luft war erfüllt vom Gestank öligen Rauches, es stank nach verbrannten Haaren und Fleisch. Endlich hatten die Soldaten es aufgegeben, sich auf sie stürzen zu wollen. In der kurzen Atempause rappelte sich Nicci schwerfällig vom blutgetränkten Boden hoch. Sofort kam Sa’din durch die dichten Schwaden herangestürmt und stieß sie mit dem Kopf an, um ihr zu helfen, das Gleichgewicht wieder zu finden. Erleichtert, dass es ihr gelungen war, ihre Kraft um ihn herumzulenken, und er wohlauf war, warf sie einen Arm über seinen Hals. Dann schnappte sie sich seine Zügel und schaffte es mit einem angestrengten Stöhnen, sich auf seinen Rücken zu ziehen, ehe die Soldaten ihn mit einem Speer durchbohren, sie mit einem Schwert aufschlitzen oder mit Pfeilen auf sie schießen konnten. Sie riss Sa’din herum, während sie unablässig Klumpen siedenden Feuers mitten unter die mittlerweile wieder in ihre Richtung stürmenden Soldaten schleuderte. Kaum hatten diese Feuer gefangen, taperten sie blindlings umher, stießen kreischend, mit den Armen um sich schlagend gegen Kameraden oder Zelte, wodurch die tödliche Feuersbrunst immer weiter um sich griff. Plötzlich kam ein Kerl auf einem der massiven Schlachtrösser im Galopp aus dem Rauch hervorgeprescht und riss, einen Schlachtruf auf den Lippen, sein Schwert über den Kopf. Ehe Nicci reagieren konnte, schnappte Sa’din unter wütendem Gewieher zu und biss dem Schlachtross ein Ohr ab. Das verletzte Tier schrie auf vor Schreck und Schmerz, tänzelte herum und bockte, bis sein Reiter mitten unter die brennenden Leiber geschleudert wurde.
Sofort richtete Nicci ein Kraftnetz auf die ihr entgegeneilenden Männer, einzeln nacheinander und nur für einen Augenblick und doch gerade lange genug, um ihre Herzen zum Stillstand zu bringen. Sie fassten sich an die Brust und gerieten ins Stolpern. Es war für einen Soldaten in gewisser Hinsicht viel erschreckender, seinen Kameraden aus unerklärlichem Grund plötzlich nach Luft schnappen und zu Boden gehen zu sehen, als mit anzusehen, wie er gewaltsam in Stücke gerissen wurde, aus Niccis Sicht dagegen war es nicht minder wirkungsvoll und zehrte nicht so sehr an ihren Kräften. Auch wenn es eine besondere Art des Zielens erforderte, war es allemal einfacher, ein Herz anzuhalten, als mit Flammen oder Blitzen um sich zu werfen. Angesichts der gewaltigen Soldatenhorden, die sie von allen Seiten bestürmten, würde sie ihre ganze Kraft benötigen, wenn sie noch Hoffnungen haben wölke, das Feldlager lebend wieder zu verlassen. Während die Männer in ihrer unmittelbaren Umgebung über das Geschehen weitgehend im Bilde waren, so galt dies nicht für die in den weiter entfernt gelegenen Bereichen des Lagers, auch wenn sie natürlich wussten, dass sie auf irgendeine Weise angegriffen wurden. Gut ausgebildet, wie sie waren, sammelten sie sich augenblicklich. Mittlerweile sirrten aus allen Himmelsrichtungen Pfeile durch die Luft, und die ersten Speere zischten vorüber. Ein Pfeil streifte Niccis Haar, ein zweiter berührte sie immerhin so hart an der Schulter, dass er eine Wunde riss. Mit den Fersen gegen Sa’dins Rippen trommelnd, beugte sie sich flach nach vorne über seinen Widerrist und war erstaunt, wie kraftvoll sich das Pferd mit einem Sprung in Bewegung setzte. Furchtlos galoppierte es mitten durch die ihnen entgegeneilenden Soldaten, wobei die Hufe des Hengstes ein widerliches Geräusch von sich gaben, sobald sie einen Knochen trafen. Soldaten taumelten zur Seite, Sa’din setzte über Zelte und Lagerfeuer hinweg. Grauenhafte Schreie erfüllten die Luft. Nicci nutzte auf ihrem Ritt quer durch das Feldlager jede Gelegenheit, auch weiterhin Tod und Verderben zu verbreiten. Doch dann erhob sich hinter ihrem Rücken quer durch das ganze Tal ein vieltausendfacher wütender Schrei von beängstigender Kraft und Wildheit. Augenblicklich schoss ihr mit aller Schärfe Richards Warnung durch den Kopf, dass ein einziger glücklicher Pfeil bereits genügen konnte – und jetzt umschwirrten sie sie zu tausenden. Statt weiter anzugreifen, leitete sie ihre Kräfte um und schirmte sich und ihr Pferd ab. Schließlich aber, während Sa’din sie noch immer mitten durch Soldaten, Wagen und Zelte trug, gab sie ihre Schutzmechanismen auf und bündelte ihre Gabe erneut zu einer Sichel, die alles Lebendige zerteilte, sofern es nur nahe genug war. Die stark konzentrierte und komprimierte Luft ging durch Soldaten hindurch, die angerannt kamen, um sich ihr in den Weg zu stellen. Sobald ihr Pferd über Hindernisse hinwegsetzte oder unter anderen hindurchtauchte, traf die aus ihrer Kraft gebildete tödliche Schneide die Soldaten mal in Höhe ihrer Knie, um Augenblicke später andere zu enthaupten. Pferde schrien, als ihnen die Beine unter dem Körper abgetrennt wurden und sie hilflos zu Boden stürzten. Eine Woge aus entsetzten und gequälten Schreien folgte ihr dicht auf den Fersen, doch das wutentbrannte Gebrüll schwoll unüberhörbar immer weiter an.